Hauptinhalt

Fallstudie Laos: Ländliche Entwicklung

"Ich wollte mehr im Leben erreichen"


Sinouane im Interview. Ausschnitt aus dem GIZ-Dokumentarfilm: Culture in Change - Akha People of Northern Laos

Das erkannte Sinouane mit Ende zwanzig, als junge, verheiratete Mutter zweier Töchter, die mit ihrem Mann ein Reisfeld bestellte. Sie kam aus einem abgelegenen Bergdorf im Sing Distrikt der Provinz Luang Namtha, in dem es keine Schule gab, in der sie etwas hätte lernen können; und sie sprach nur die Sprache ihres Volkes, den ursprünglich aus Tibet eingewanderten Akha.

1994 raffte eine Epidemie 48 Menschen in ihrem Dorf dahin und die Überlebenden waren zu schwach, sich um ihre tägliche Nahrung zu kümmern. Sinouane hatte von dem neuen Projekt der Regierung mit den Deutschen gehört, sie ging dort hin und bat darum, dass ihr Dorf mit Reis versorgt werde. Die engagierte Frau fiel auf, man bot ihr eine Ausbildung als Gesundheitshelferin an. Sie arbeitete zunächst in ihrem Dorf, doch bald erkannte ihr Arbeitgeber, die damalige GTZ, dass mehr in ihr steckte. Sie wurde zur Sozialarbeiterin fortgebildet, war zuständig für die Gesundheit in sechs Dörfern. "Ich zog mit meiner Erste-Hilfe-Tasche von Dorf zu Dorf. Je nachdem, wie viel Arbeit zu tun war, blieb ich ein oder zwei Nächte, dann wanderte ich weiter in den nächsten Ort." Sie kümmerte sich um die Kranken, half bei Geburten, gab den Leuten Tipps zur Hygiene, schulte sie in der Gesundheitsvorsorge, übersetzte für sie. Denn inzwischen hatte sie sich die Landessprache Lao angeeignet.

Ihrem Mann gefiel das alles nicht, er verbot ihr die Tätigkeit. Da trennte sie sich von ihm und ging mit den Kindern zurück zu ihrer Mutter. "Ich war enthusiastisch, ich wollte neue Dinge lernen und sie an mein Volk weiter­geben", erzählt die heute 48-jährige. Sie ist nun eine gestandene Frau, die viel gesehen und sich den Respekt der Leute erarbeitet hat. Ihre Tätigkeit in dem deutschen Programm eröffnete ihr eine ganz neue Sicht auf ihr Volk, machte sie aber auch nachdenklich. "Die guten Traditionen der Akha müssen bewahrt werden. Aber als Minderheit in Laos können wir nur weiter bestehen, wenn wir uns von einigen archaischen Praktiken verabschieden."

Dazu gehört das barbarische Gesetz, Zwillinge gleich nach der Geburt zu töten. Als Geburtshelferin erlebe sie das immer wieder: "Wenn eine Frau Zwillinge zur Welt bringt, wird das als Zeichen gewertet, dass die Eltern in ihrem vorherigen Leben eine schwere Sünde begangen haben. Es sind Geisterkinder, sie bringen Unglück, darum tötet man sie." Sinouane kämpft gegen den tief verwurzelten Aberglauben. Sie erreichte, dass ein Ersatzritual angenommen wird: So werden statt der neugeborenen Zwillingsbabies zwei Hühner geopfert. Im Krankenhaus richtete sie eine Anlaufstelle für Mütter mit neugeborenen Zwillingen ein. "Oft wird eine Mutter von Zwillingen ausgestoßen, weil sie Unheil über die Familie gebracht hat. Doch das ändert sich langsam. Neulich wurde eine Frau von der Familie ihres Ehemannes verstoßen, aber immerhin haben die Nachbarn ihr eine Hütte am Rande des Dorfes gebaut."

Im Jahr 2005 war Sinouane unter den 1.000 Frauen, die weltweit für den Friedensnobelpreis nominiert wurden. Nach Ende des deutschen Programms 2011 wurde sie von einem anderen in­ter­na­ti­o­nalen Projekt angestellt. Gegenwärtig betreut sie 16 Dörfer. Und verfolgt noch immer ihr Ziel, zur Überwindung kultureller Traditionen beizutragen, die die Frauen der Akha benachteiligen - im Zeichen des Friedens unter den Geschlechtern.

Hinweis: Sinouane ist in einem Dokumentarfilm der GIZ von 2004 zu sehen:  "Culture in change - Akha people of Northern Laos". Das Video ist hier abrufbar (in englischer Sprache). 

Lexikon der Entwicklungspolitik

Fenster schließen

 

Seite teilen