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Interview

"Unsere leading women fürchten nicht das Urteil von anderen. Sie tun, was sie für richtig halten!"


Die Frauenrechtsaktivistin Esther Kandeh ist Gründerin und Leiterin der Organisation Women in Mining Extractives (WOME)

Die zivilgesellschaftliche Aktivistin Esther Kandeh ist Gründerin der Organisation Women in Mining Extractives (WOME), die sich in Sierra Leone für die Rechte von Frauen in Bergbaugemeinden einsetzt. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterstützt die Arbeit dieser Nichtregierungsorganisation, die im Distrikt Kono zusammen mit der Diamond Development Initiative tätig ist (siehe: Vom Konfliktmineral in einem fragilen Staat zum Rohstoff für Frieden und Wiederaufbau). Im vergangenen Jahr fand dort der erste Trainingsworkshop mit 60 Frauen statt. Sie wurden informiert, ermutigt und angeleitet, zukünftig in ihren Gemeinden führende Rollen einzunehmen und an politischen Entscheidungsprozessen teilzunehmen.

Esther, können Sie uns bitte die Situation von Frauen im Diamantenabbaugebiet des Distriktes Kono skizzieren?

Esther Kandeh: Da gibt es eine Reihe von Problemen: In einem bestimmten Gebiet zum Beispiel wurden die Leute umgesiedelt, da müssen die Frauen nun in der Mine arbeiten. Das ist sehr harte Arbeit. Aber sie haben jetzt kein Farmland mehr, wo sie früher Gemüse für den Verkauf angebaut haben. Denn das Land ist nun vom Bergbauunternehmen besetzt. Im Ergebnis hat sich die Armut erhöht – weil die Frauen ihren ursprünglichen Broterwerb verloren haben. Auch viele Kinder gehen nicht mehr zur Schule, weil sie ihren Eltern an den Schürfstellen helfen müssen. Die offenen Wasserlöcher sind gefährlich, besonders für Kleinkinder, die darin ertrinken können.

Ein weiteres Problem ist sexuelle Gewalt, die häufig vorkommt. Männer, die ihre Familien verlassen haben, um hier zu arbeiten, wollen Zugang zu sexuellen Dienstleistungen. In den abgelegenen Dörfern gibt es nicht viel Zugang – also steigt die Zahl der Vergewaltigungen. Das ist die Situation hier.

Was macht die Organisation WOME zur Fürsprecherin für Frauen?

Die Mitglieder von WOME sind Freiwillige, die die Leute aufklären. In jeder Gemeinschaft gibt es eine "leading woman", die eine Schlüsselrolle spielt: Sie mobilisiert die Frauen, Themen wie Teenager-Schwangerschaften oder Vergewaltigungen anzusprechen. Ihr Vorbild ermutigt die anderen Frauen, vorzutreten und ihre Stimme zu erheben. Wir haben eine besonders aktive Person, die sich sehr dafür einsetzt, dass Frauen zu öffentlichen Veranstaltungen gehen oder an Radiodiskussionen teilnehmen und kritische Fragen diskutieren.

Gibt es erste Erfolge dieses bürgerschaftlichen Engagements?

Ja, im Gebiet Nimikoro haben sich die Frauen mit dem Chief getroffen (Anmerkung: die traditionelle Autorität). Er hat ihnen versprochen, dass zehn Prozent aller Einnahmen aus einem Bergbaufonds den Frauen zur Verfügung gestellt werden. Und bei allen öffentlichen Veranstaltungen sorgt er nun dafür, dass den Frauen Raum gegeben wird, ihre Themen anzusprechen.

Die Teilnehmerinnen haben auch begonnen, sich zu organisieren und die Vorgänge in ihrer Gemeinde zu beobachten. Und sie klären die Kinder jetzt in den Schulen über die Vorteile von Bildung auf, damit sie nicht mehr so schnell die Schule abbrechen. In einer Bergbaugemeinde haben die Frauen gemeinsam ein kleines Unternehmen gegründet: Sie haben einen Kiosk eröffnet!

Wo liegen die Herausforderungen, die noch zu meistern sind?

Kulturelle Faktoren sind sehr stark: Durch ihre Erziehung schrecken die Frauen davor zurück, über Fragen zu sprechen, die von öffentlichem Interesse sind und sie betreffen. Unsere Kultur fordert Frauen auf, still zu sein und sich im Hintergrund zu halten. Sie haben nicht das Selbstbewusstsein, in den Vordergrund zu treten, besonders wenn sie arm sind. Frauen müssen ihre Denkweisen ändern. Sie haben zu lange akzeptiert, dass ihre Rolle nur im Haus ist.

Was zeichnet die "leading women", die führenden Frauen, aus?

Das sind ganz gewöhnliche Frauen! Mütter, die in ihren Gemeinden den Mut aufbringen, zur Fürsprecherin für Frauen zu werden. Ich würde sagen, dass das Frauen sind, die das Urteil von anderen nicht fürchten oder sich nicht darum kümmern, was die Leute über sie sagen. Sie tun, was sie für richtig halten.

Was hat sie persönlich dazu bewegt, sich für Frauenrechte zu engagieren?

Abgesehen von der Tatsache, dass ich in einer Bergbaugemeinde geboren bin und die Situation der Frauen aus eigener Anschauung kenne, traf ich vor Jahren auf eine lokale Nichtregierungsorganisation. Sie öffnete mir die Augen. Nun möchte ich auch anderen die Augen öffnen, denn man sollte sie nicht verschließen vor den Realitäten des Bergbaus. Ich möchte die Aufmerksamkeit auf Frauenthemen lenken - und Frauen zu mehr Macht und Mitsprache im Bergbausektor verhelfen.

Das Interview führte Halima Tejan-Sie, GIZ-Mitarbeiterin in Freetown

Lexikon der Entwicklungspolitik

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