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Togo

Situation und Zusammenarbeit

Fischerboot im Hafen von Lomé

Nach fast 40 Jahren Diktatur befindet sich Togo in einer Phase der Demokratisierung und gesellschaftlichen Öffnung. Entwicklungspolitisch steht das westafrikanische Land vor immensen Herausforderungen: Auf dem aktuellen Entwicklungsindex der Vereinten Nationen belegt es nur Rang 166 von 188 Ländern (HDI 2015). Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in extremer Armut. Besonders betroffen sind die nördlichen Landesteile und die ländlichen Gebiete. Etwa ein Drittel der Bevölkerung hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, fast 90 Prozent verfügen über keine angemessene Sanitärversorgung. 15 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner sind unterernährt, 70 Prozent der Kinder unter fünf Jahren leiden unter Anämie (Blutarmut).40 Prozent der Erwachsenen sind Analphabeten.

Die meisten der Millenniumsentwicklungsziele hat Togo nicht erreicht. Lediglich bei der Grundbildung (Ziel 2) und bei der Bekämpfung von HIV und Aids (Ziel 6) wurden entscheidende Fortschritte erzielt.

Die togoische Bevölkerung hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten mehr als verdoppelt (1985: 3,2 Millionen, 2015: 7,3 Millionen Einwohner). Trotz stabiler wirtschaftlicher Wachstumsraten sind die beruflichen Perspektiven für die stark wachsende junge Bevölkerung schlecht. Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung bergen ein großes soziales Konfliktpotenzial.

Regie­rungs­führung

Stammesfürsten in Lomé, Togo

Politisch hat sich Togo in den vergangenen Jahren stabilisiert. Die Regierung zeigt sich reform- und dialogbereit. Die jüngsten Wahlen entsprachen weitgehend internationalen Standards. Die geplante Reform des Wahlsystems gerät jedoch immer wieder ins Stocken. Eine Gesetzesvorlage der Regierung wurde 2014 von der eigenen Partei im Parlament abgelehnt. Auch die gesetzlich vorgesehene Dezentralisierung kommt nicht voran: Seit 1987 haben in Togo keine Kommunalwahlen mehr stattgefunden.

Laut Verfassung ist Togo eine Demokratie mit Gewaltenteilung und Mehrparteiensystem. Zentrale Machtbefugnisse liegen jedoch beim Präsidenten – und Parlament und Justiz füllen ihre Kontrollfunktion noch nicht ausreichend aus. Die Rechtsprechung wird stark von der Politik beeinflusst. Korruption und Vetternwirtschaft sind weit verbreitet. Auf dem Korruptionswahrnehmungsindex der Nichtregierungsorganisation Transparency International steht Togo auf Platz 107 von 168 ausgewerteten Ländern.

Vor allem die arme Bevölkerung hat nur einen sehr eingeschränkten Zugang zum staatlichen Justizwesen. Viele Konflikte werden stattdessen von traditionellen Autoritäten auf Basis des Gewohnheitsrechts geschlichtet.


Men­schen­rech­te

Die Menschenrechtslage hat sich seit Ende der Diktatur 2005 deutlich verbessert. Menschenrechtsorganisationen berichten jedoch weiterhin von Foltervorwürfen und schlechten Haftbedingungen. Außerdem kritisieren sie die exzessive Gewaltanwendung der Sicherheitskräfte bei Demonstrationen. Auch werden immer wieder Fälle von Kinderarbeit und Kinderhandel bekannt.

Frauen sind zwar formal gleichberechtigt und im öffentlichen Leben, vor allem im Handel, sehr präsent. In politischen Gremien sind sie jedoch kaum vertreten. Große Erfolge wurden bei der Bekämpfung der weiblichen Genitalverstümmelung verzeichnet: Im November 2012 verkündete Togo die offizielle Abschaffung dieser grausamen Tradition.

Eine Kommission für Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung (Commission Vérité, Justice, Réconciliation) wurde eingesetzt, um Menschenrechtsverletzungen aus der Zeit zwischen 1958 und 2005 zu untersuchen. In ihrem Abschlussbericht formulierte die Kommission 2012 umfassende Empfehlungen zur Aufarbeitung der gewaltsamen Vergangenheit des Landes. Bislang wurden jedoch nur wenige entsprechende Maßnahmen eingeleitet. Ein im März 2015 eingesetztes Hochkommissariat soll nun – begleitet von einer Plattform zivilgesellschaftlicher Organisationen – die Umsetzung beschleunigen.

Zivilgesellschaftliches Engagement wurde unter der Herrschaft von Gnassingbé Eyadéma lange Zeit unterdrückt. Erst Anfang der 1990er Jahre konnten sich die ersten Organisationen bilden. Heute gibt es in Togo eine Vielzahl von Initiativen, Vereinen und Nichtregierungsorganisationen, die sich für unterschiedlichste Themen einsetzen.


Wirtschaft

Hafen von Lomé, Togo

Trotz des 2006 eingeleiteten Reformprozesses und einem stabilen Wirtschaftswachstum von rund fünf Prozent in den vergangenen Jahren befindet sich Togo weiterhin in einer wirtschaftlichen und sozialen Krisensituation. Das rohstoffarme Land ist von der Landwirtschaft geprägt, in der etwa 70 Prozent der Bevölkerung beschäftigt sind. Die meisten Agrarbetriebe dienen jedoch ausschließlich der Selbstversorgung.

Einziger bedeutender Rohstoff ist Phosphat: Togo verfügt über die viertgrößten Vorkommen der Welt. Der Rohstoff wird weltweit stark nachgefragt. Er wird als Mineraldünger in der Landwirtschaft eingesetzt, um die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten und die Erträge zu steigern. Während Togo das Phosphat bislang vor allem exportiert, strebt die Regierung künftig eine stärkere Weiterverarbeitung im eigenen Land an.

Weitere wichtige Exportgüter sind Zement und Klinker, Baumwolle, Kaffee und Kakao. Wirtschaftlich sehr erfolgreich ist der mit deutscher Unterstützung in den 1960er Jahren gebaute Hafen von Lomé. Der einzige Tiefwasserhafen im westlichen Afrika wird gegenwärtig mit erheblichen Mitteln erweitert und modernisiert. Er dient als Umschlagplatz für den Warenverkehr in die Sahelländer und nach Nordafrika.

Die Regierung ist bemüht, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu verbessern. Noch werden potenzielle Investoren jedoch durch die mangelhafte Infrastruktur, Rechtsunsicherheit und Korruption abgeschreckt. Im Doing-Business-Report 2016 der Weltbank, der das Geschäftsklima in 189 Staaten bewertet, liegt Togo auf Rang 150. Der Bericht erkennt ausdrücklich Fortschritte in den Bereichen Unternehmensgründung, Stromversorgung und grenzüberschreitender Handel an.


Schwerpunkte der deutschen Zu­sam­men­ar­beit mit Togo

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller und der togoische Verkehrsminister Payadowa Boukpessi bei der Eröffnung einer Umgehungsstraße in Lomé, die von der deutschen Entwicklungszusammenarbeit mitfinanziert wurde
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Bundesentwicklungsminister Gerd Müller und der togoische Verkehrsminister Payadowa Boukpessi bei der Eröffnung einer Umgehungsstraße in Lomé, die von Deutschland mitfinanziert wurde.

Nach fast 20-jähriger Unterbrechung hat Deutschland 2012 die Entwicklungszusammenarbeit mit Togo wieder aufgenommen. Folgende Arbeitsschwerpunkte wurden vereinbart:

  • ​Gute Regierungsführung/Dezentralisierung
  • ​Ländliche Entwicklung/Landwirtschaft
  • Berufsbildung/Jugendbeschäftigung

Bei Regierungsverhandlungen im Juni 2016 sagte Deutschland dem Kooperationsland eine Unterstützung in Höhe von 54 Millionen Euro für zwei Jahre zu.

Daneben engagiert sich Deutschland im Energiesektor (West African Power Pool, unter anderem Sanierung des Wasserkraftwerks Nangbeto), im Infrastrukturbereich (Umgehungsstraße Lomé) und führt Maßnahmen zum Schutz von Umwelt und Biodiversität sowie zur Bekämpfung des Klimawandels durch. Zudem erhält Togo Mittel aus der Sonderinitiative "EINEWELT ohne Hunger".

Bei seinem Besuch im Januar 2016 hat Bundesentwicklungsminister Gerd Müller die weitere Vertiefung und die regionale Ausweitung der Entwicklungszusammenarbeit angekündigt. Zudem hob er Gesundheit und Energie als Bereiche für eine stärkere Zusammenarbeit hervor.


Gute Regierungsführung/De­zen­tra­li­sie­rung

Grundschule im Dorf Yelivo, Togo

Zu Beginn der 1990er Jahre hatte die Regierung Togos einen Dezentralisierungsprozess in Gang gesetzt. Dieser ist jedoch ins Stocken geraten – seit 1987 haben keine Kommunalwahlen mehr stattgefunden. Die meisten der derzeitigen Verwaltungschefs in den Gemeinden wurden ernannt; ihnen fehlt die politische Legitimation. Öffentliche Dienstleistungen werden auf lokaler Ebene nur unzureichend erbracht, die Infrastruktur ist in schlechtem Zustand. Den Gemeindeverwaltungen fehlen Fachkräfte und finanzielle Mittel. Hinzu kommt, dass die Bevölkerung nach Jahrzehnten der Diktatur kaum Erfahrungen mit Demokratie hat und auch nur wenig über ihre bürgerlichen Rechte weiß.

Das deutsche Engagement zielt darauf ab, die Grundversorgung mit wirtschaftlicher Infrastruktur und öffentlichen Dienstleistungen sowie die politische Teilhabe auf kommunaler Ebene zu verbessern.

Im Rahmen der technischen Zusammenarbeit werden dazu zunächst die Lokalverwaltungen von drei mittelgroßen Städten dabei unterstützt, ihre Eigeneinnahmen zu erhöhen, die Bürgerorientierung zu verbessern und die Belange von Frauen und Jugendlichen stärker zu berücksichtigen. Unter anderem wurden Standards für eine partizipative kommunale Entwicklungsplanung erarbeitet, und es wurden Steuerregister aufgebaut. Haushaltssitzungen der Gemeinderäte finden nun öffentlich statt. Um die Bevölkerung direkt zu erreichen, fördert das BMZ lokale Radiostationen und zivilgesellschaftliche Organisationen, die die Bürgerinnen und Bürger über ihre politischen Rechte aufklären.

Begleitend finanziert die KfW Entwicklungsbank den Aufbau lokaler Infrastruktur. Die Bürgerinnen und Bürger können sich über ihre Mobiltelefone direkt an der Planung und Überwachung der Maßnahmen beteiligen.

Voraussetzung für eine erfolgreiche Dezentralisierung sind allerdings Lokalwahlen. In den vergangenen Jahren sind angekündigte Wahltermine von der Regierung wiederholt verschoben worden.


Ländliche Entwicklung/Land­wirt­schaft

Frauen verkaufen Fleisch auf dem Markt von Sokodé, Togo.

Die Landwirtschaft ist für die ökonomische Entwicklung, die Ernährungssicherung und die Arbeitsmarktlage in Togo von großer Bedeutung. Noch ist sie allerdings sehr traditionell geprägt – also wenig technisiert und vor allem auf die Eigenversorgung ausgerichtet. Vor allem die junge Bevölkerung sieht darum auf dem Land keine Beschäftigungsperspektiven und wandert in die Städte ab.

Ein weiteres Problem ist der Raubbau an den natürlichen Ressourcen. Der wachsende Energiebedarf der Bevölkerung wird zum größten Teil aus Biomasse gedeckt – vor allem in Form von Brennholz, das durch Rodungen gewonnen wird.

Ziel des deutschen Engagements ist es, ausgewählte landwirtschaftliche Wertschöpfungsketten zu verbessern. Das entsprechende Entwicklungsprogramm konzentriert sich zunächst auf die Produkte Kaffee, Kakao, Cashewnüsse und Ananas sowie auf die Gewinnung von Energie aus Holz. Dazu werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von staatlichen Dienstleistern und Nichtregierungsorganisationen zu sogenannten Feldberatern ausgebildet. In ein- bis zweiwöchigen Kursen an Farmer Business Schools geben diese ihr Wissen an Kleinbauern und Beschäftigte von Verarbeitungsbetrieben weiter. Vermittelt werden sowohl verbesserte Anbautechniken als auch unternehmerische Fähigkeiten.

Die Erfahrungen aus der Praxis fließen direkt in die Beratung der politisch Verantwortlichen ein, die dabei unterstützt werden, die Rahmenbedingungen für die landwirtschaftliche Produktion zu verbessern.

Im Zuge der Schulungen haben sich inzwischen bereits 20 Kooperativen und Verbände mit insgesamt mehr als 5.000 Mitgliedern gebildet. Sie setzen unternehmerische und technische Verbesserungen konkret um – zum Beispiel kaufen sie ihre Produktionsmittel gemeinschaftlich und vermarkten auch ihre Erzeugnisse gemeinsam. Insgesamt wurden schon mehr als 70 Hektar Wald zur Gewinnung von Energieholz aufgeforstet und neue Kooperativen gegründet, unter anderem zur Produktion energiesparender Herde.

Mit Mitteln der finanziellen Zusammenarbeit werden ländliche Wege saniert und ausgebaut, damit sie auch während der Regenzeit für den Warentransport genutzt werden können. Der Schwerpunkt liegt dabei in den Anbaugebieten der Exportprodukte Baumwolle und Kaffee.

Im Rahmen der Sonderinitiative „EINEWELT ohne Hunger" soll in Togo zudem ein Grünes Innovationszentrum entstehen. Es wird kleinbäuerliche Betriebe dabei unterstützen, ihre Produktion und ihr Einkommen nachhaltig zu steigern.

Togo kann sich seit mehreren Jahren selbst mit den wichtigsten Grundnahrungsmitteln versorgen. Dennoch ist die Ernährungssituation insbesondere von Frauen und Kleinkindern immer noch unzureichend, da es an hochwertigen Lebensmitteln fehlt. Ein weiteres Programm der Sonderinitiative dient darum der Ernährungssicherung von 6.000 Menschen und insbesondere von Frauen im gebärfähigen Alter und Kleinkindern in der Region Maritime.


Berufsbildung/Jugendbeschäftigung

Schüler des Ausbildungsganges KFZ-Mechanik der Berufsschule in Sokodé (Togo) reparieren ein Motorrad.

Jugendliche in Togo finden nur sehr schwer einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Das Berufsbildungssystem weist große Defizite auf. Es fehlt an Geld und Ausstattung, an praxisnah ausgebildeten Lehrkräften und an ausreichenden Angeboten für Mädchen und junge Frauen.

Die Ausbildungsinhalte entsprechen oft nicht den Bedürfnissen der Wirtschaft. Das liegt unter anderem daran, dass die Zuständigkeiten auf viele staatliche Stellen verteilt sind. Es gibt weder abgestimmte Ausbildungsstandards noch einheitliche Abschlüsse. Auch verfügt die Politik nicht über genügend aussagefähige Daten und Analysen, um eine marktgerechte Bildungs- und Beschäftigungsstrategie entwerfen zu können.

Ziel des deutschen Engagements ist, die Ausbildungs-, Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten von Jugendlichen in ausgewählten Wachstumsregionen Togos zu verbessern. Ein wichtiges Anliegen ist dabei die Einführung einer dualen Ausbildung.

Ein Ansatzpunkt der deutschen Entwicklungszusammenarbeit ist eine bessere Koordination der verschiedenen Jugendbeschäftigungsprogramme. Dafür wurde eine Datenbank aufgebaut, die Auskunft über die regionale Versorgung mit Beschäftigungsprogrammen sowie Ausbildungs- und Finanzierungsmöglichkeiten gibt. Außerdem wurde die togoische Arbeitsagentur bei der Erstellung einer Website zur beruflichen Orientierung unterstützt.

Im Bereich der beruflichen Bildung soll unter anderem die Qualität der handwerklichen Ausbildung verbessert werden. Gemeinsam mit Handwerksverbänden und -kammern werden Ausbildungspläne erarbeitet und Partnerschaften mit Ausbildungsstätten aufgebaut. Handwerker, die im dualen System ausbilden wollen, erhalten technische und pädagogische Schulungen. Staatliche Stellen werden dabei beraten, das Berufsbildungssystem unter Beteiligung der Privatwirtschaft zu reformieren.

Begleitend fördert Deutschland die Sanierung, Erweiterung und Ausstattung von Berufsschulen. Sie sollen in die Lage versetzt werden, künftig mehr Jugendliche aufzunehmen sowie moderne Werkzeuge und Maschinen anzuschaffen. Auch die Qualifizierung der Lehrkräfte wird finanziell unterstützt.


Weitere Informationen

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Videobericht über die Reise von Bundesminister Müller nach Togo und Benin. Deutschland will beide Länder dabei unterstützen, die Ernährung zu sichern und berufliche Perspektiven zu schaffen. In Togo wurden mit deutscher Unterstützung fünf neue Ausbildungsgänge in einer Berufsschule eingerichtet.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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