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Madagaskar

Situation und Zusammenarbeit

Schlange an einer öfffentlichen Wasserstelle in Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars

Als Madagaskar 1960 seine Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Frankreich erlangte, zählte der Inselstaat zu den Ländern mit mittlerem Einkommen. Ab 1972 richtete sich das Land sozialistisch aus, große Unternehmen wurden verstaatlicht. Madagaskar schottete sich gegen die westliche Welt ab und der wirtschaftliche und soziale Abstieg des Landes begann.

Heute zählt Madagaskar zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt. Im Index der menschlichen Entwicklung (HDI 2015) nimmt Madagaskar den 158. Platz von 188 Staaten ein.

Mehr als drei Viertel der Bevölkerung leben in extremer Armut, besonders hoch ist der Anteil der Armen in den ländlichen Regionen. Ein Drittel der Menschen gilt als unterernährt, unter den Kleinkindern (bis fünf Jahre) ist fast jedes zweite chronisch mangelernährt. Fast die Hälfte der Bevölkerung hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, nur zwölf Prozent verfügen über eine angemessene Sanitärversorgung. Auf den Vanille-Plantagen und in den Steinbrüchen arbeiten Zehntausende Kinder unter teils sklavenähnlichen Verhältnissen.

Auch wenn die zentralen demokratischen Institutionen des Landes ihre Kernaufgaben wahrnehmen, ist das politische System undurchlässig und ineffizient. Eine kleine wirtschaftliche Elite profitiert von den reichen Naturschätzen des Landes und blockiert grundlegende Reformen. Der Export von Tropenholz, Edelsteinen und Gold erfolgt zu großen Teilen über illegale Wege. Korruption ist weit verbreitet, die Justiz ist dysfunktional. Auf dem Korruptionswahrnehmungsindex der Nichtregierungsorganisation Transparency International landete Madagaskar 2016 auf Platz 145 von 176 ausgewerteten Staaten.

Starke Abhängigkeit von internationaler Hilfe

Nach dem Putsch 2009 hatte die Gebergemeinschaft ihre Unterstützung für mehrere Jahre ausgesetzt. Dadurch hat sich die Situation in Madagaskar noch einmal deutlich verschlechtert. Der Staat ist nicht mehr in der Lage, seine Grundfunktionen zu erfüllen. Angesichts einer Steuerquote von 10,8 Prozent (2016) reichen die Eigeneinnahmen nicht aus, um dringend notwendige Investitionen in die marode Infrastruktur sowie ins Bildungs- und Gesundheitswesen vorzunehmen.

Mehr als 95 Prozent der staatlichen Mittel verbleiben zudem in der Region um die Hauptstadt Antananarivo. Die gesetzlich vorgesehenen Zuschüsse an die Kommunen wurden in den vergangenen Jahren nicht mehr gezahlt. Bildungs- und Gesundheitsleistungen werden daher häufig von der Bevölkerung auf lokaler Ebene selbst organisiert und durch die Gebergemeinschaft und internationale Nichtregierungsorganisationen finanziert.

Die Zivilgesellschaft ist in Madagaskar nur schwach entwickelt. Den Menschen ist es kaum möglich, das Regierungshandeln kritisch zu begleiten und zu kontrollieren und eigene Anliegen zu formulieren. Insgesamt ist das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in den Staat gering. Vor allem die Perspektivlosigkeit der jungen Bevölkerung (42 Prozent sind unter 15 Jahre alt) führt zu wachsendem Unmut.


Wirtschaft

Ein Überlandbus auf Madagaskar

Steigende wirtschaftliche Wachstumsraten wecken die Hoffnung auf eine Stabilisierung der Lage. 2015 verzeichnete Madagaskar ein Wirtschaftswachstum von etwa drei Prozent. Für 2016 beziffert der Internationale Währungsfonds (IWF) das Wachstum auf 4,1 Prozent, für 2017 rechnet er mit 4,5 Prozent.

Die Wirtschaft Madagaskars wird vom Agrarsektor dominiert. Drei Viertel der Beschäftigten arbeiten in der Landwirtschaft, diese trägt jedoch nur etwa ein Viertel zum Bruttoinlandsprodukt bei. Auf einem Großteil der Agrarflächen wird Subsistenzwirtschaft betrieben.

Ein großes Problem sind die Bodenerosion und sehr niedrige Produktivität der subsistenzbetriebenen Landwirtschaft, verstärkt durch den Klimawandel. Konnte Madagaskar in den 1970er Jahren noch Reis exportieren, reichen die Erträge heute nicht mal mehr zur Versorgung der eigenen Bevölkerung aus. Die Vermarktung scheitert zudem häufig an Transportproblemen: Die Straßen, vor allem in den ländlichen Gebieten, sind in einem sehr schlechtem Zustand. Ganze Regionen sind während der Regenzeit von Verkehrswegen und Kommunikationsnetzen abgeschnitten.

Auch die Energieversorgung muss dringend ausgebaut werden. Landesweit haben nur etwa 17 Prozent der Menschen einen Stromanschluss, auf dem Land sind es nur knapp elf Prozent. Zugleich wird der Staatshaushalt durch hohe Subventionen für den größten Stromversorger des Landes belastet. Die Regierung hat erste Schritte unternommen, um den Energiesektor zu reformieren.


Herausforderung Umweltschutz

Bewohner des Dorfes Ankirikiriky in Südmadagaskar forsten entwaldetes Land wieder auf. Im Gegenzug erhalten sie Lebensmittelrationen des Welternährungsprogramms.

Eine der größten Herausforderungen des Landes ist der Umweltschutz. Madagaskars Natur ist von einer einzigartigen biologischen Vielfalt geprägt. Zahlreiche der auf der Insel heimischen Tier- und Pflanzenarten kommen nirgendwo sonst auf der Welt vor. Der Umweltschutz ist laut madagassischer Verfassung Staatsziel. Eine nachhaltige Nutzung und Bewirtschaftung der Regenwälder soll zugleich zum Schutz der Artenvielfalt und zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung beitragen.

Doch ein starkes Bevölkerungswachstum, die große Armut und unangepasste traditionelle Bewirtschaftungsmethoden bedrohen die natürlichen Ressourcen des Landes. Immer mehr Regenwälder werden abgeholzt oder brandgerodet, um Feuerholz und neue Ackerflächen oder Edelhölzer zu gewinnen. Die Folge sind eine Verschlechterung der Bodenqualität und des Wasserhaushalts und damit eine sinkende Produktivität der Landwirtschaft und eine steigende Armut in den ländlichen Regionen.


Entwicklungspotenziale

Ein Chamäleon auf Madagaskar

Die Schönheit und Vielfalt der Natur zählt zu den großen Schätzen Madagaskars. Der Tourismus ist bereits heute ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und kann – auf nachhaltiger Basis – weiter ausgebaut werden. Vor allem der Ökotourismus bietet der Bevölkerung neue Einkommenschancen. Zugleich ergeben sich Chancen durch die Erforschung und Nutzung von Arznei- und Heilpflanzen. Voraussetzung ist jedoch der Erhalt und nachhaltige Schutz des verbliebenen Regenwalds.

Zu den Wachstumsmotoren gehört außerdem der Bergbau. Madagaskar ist reich an Titan, Nickel, Bauxit und Graphit. Diese Entwicklungspotenziale können sich allerdings nur auf Grundlage einer stabilen politischen Lage entfalten. Korruption und Umweltschäden sind heute häufige Folge des Rohstoffabbaus.


Schwerpunkte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit mit Madagaskar begann 1962 und war von 2009 bis 2014 auf Regierungsebene ausgesetzt. Bei Regierungsgesprächen im Dezember 2016 sagte Deutschland dem Partnerland Mittel in Höhe von 59,6 Millionen Euro zu

Die Zusammenarbeit konzentriert sich auf den Schutz der biologischen Vielfalt und die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen. Kooperiert wird in den Bereichen Umwelt- und Ressourcenschutz, erneuerbare Energie und Landwirtschaft. Angesichts der dramatischen Armut wurde außerdem ein Programm zur armutsorientierten Kommunalentwicklung und Dezentralisierung aufgelegt.

Über die Sonderinitiative "EINEWELT ohne Hunger" unterstützt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) Vorhaben zu den Themen nachhaltige Fischerei und Aquakultur sowie Landpolitik. Auch Entwicklungspartnerschaften und strategische Allianzen mit der Wirtschaft, etwa zur Unterstützung von Vanille- oder Obst-Kleinbauern, werden gefördert.


Schutz der biologischen Vielfalt und nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen

Bauern bei der Reisernte

Die Bevölkerung Madagaskars (derzeit rund 24 Millionen Einwohner) wird sich voraussichtlich innerhalb von 30 Jahren verdoppeln. Dies bedeutet steigenden Druck auf die natürlichen Ressourcen und große Herausforderungen für die Ernährungssicherung der Bevölkerung sowie die soziale und wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Madagaskar gehört außerdem zu den am stärksten vom weltweiten Klimawandel betroffenen Ländern. Es leidet unter häufig auftretenden Zyklonen, die zu Ernteausfällen und erheblichen Schäden an der Infrastruktur führen.

Im Zentrum der deutsch-madagassischen Entwicklungszusammenarbeit steht daher die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen durch eine nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen.


Umwelt- und Ressourcenschutz

Deutschland unterstützt die Regierung Madagaskars dabei, ihre Umwelt- und Forstpolitik zu reformieren und das Nationalparknetz weiter auszubauen. Unter anderem werden lokale Nutzergruppen dabei begleitet, die Verantwortung für das Management von Schutzgebieten zu übernehmen und es werden Wertschöpfungsketten im Bereich Tourismus, Honig und Bauholz aufgebaut. Bauern werden mit Erosionsschutzmaßnahmen und ökologischen Anbaumethoden vertraut gemacht und dabei unterstützt, Flächen für Nutzhölzer nachhaltig aufzuforsten. Die Kommunen und Regionen werden bei der Landnutzungsplanung beraten.


Erneuerbare Energien

Kinder in Bevilany, einer Siedlung im Südosten Madagaskars, in der hauptsächlich Holzkohle produziert wird.

Die im Jahr 2015 verabschiedete neue Energiepolitik Madagaskars sieht vor, bis 2030 knapp drei Viertel der Bevölkerung mit Strom zu versorgen. Der Anteil an erneuerbaren Energien soll bei 85 Prozent liegen – große Potenziale liegen vor allem in der Wasserkraft und der Solar-, aber auch der Windenergie und Biomasse.

Auf nationaler Ebene berät Deutschland das Energieministerium und andere staatliche Akteure dabei, eine Energiestrategie zu erarbeiten, Finanzierungsmechanismen zu entwickeln und Monitoringsysteme aufzubauen. Auf regionaler Ebene wird die Ausbauplanung unter Beteiligung der Bevölkerung begleitet. Auf lokaler Ebene unterstützt Deutschland die Planung und Konzessionsvergabe sowie die Installation und den Betrieb von Kleinwasserkraftwerken nebst Stromnetzen, die von privaten Firmen betrieben werden.


Landwirtschaft

Zebu-Markt in Ambalavao

2016 vereinbarten Deutschland und Madagaskar eine Zusammenarbeit im Bereich ländliche Entwicklung. Dabei geht es insbesondere um die Anpassung ausgewählter landwirtschaftlicher Wertschöpfungsketten an den Klimawandel. Um auf eine nachhaltige Bewirtschaftung umsteigen und ihre Produktivität steigern zu können, sollen die Bauern unter anderem Zugang zu klimaangepasstem Saatgut, Beratungsleistungen und Fortbildungen sowie Krediten und Klimarisikoversicherungen erhalten.

Um Risiken für die Landwirtschaft besser beurteilen zu können, sollen Wetter- und Klimainformationen systematisch aufbereitet und den Bauern zur Verfügung gestellt werden.


Kommunalentwicklung und Dezentralisierung

Das BMZ unterstützt die madagassische Regierung bei ihren Anstrengungen im Bereich Dezentralisierung. Ziel ist, die Rahmenbedingungen für die kommunale Selbstverwaltung zu verbessern, eine ausreichende finanzielle Ausstattung der Gemeinden sicherzustellen und die Reichweite und Qualität von kommunalen Dienstleistungen zu verbessern. Das Vorhaben unterstützt daher unter anderem die Kommunen dabei, ihre Eigeneinnahmen zu steigern, und bietet Aus- und Fortbildungsmaßnahmen an.

Um die Lebensbedingungen der Bevölkerung sichtbar zu verbessern, fördert Deutschland außerdem in zunächst rund 40 Gemeinden den Bau von Schulen, ländlichen Wegen und Brücken.


Lexikon der Entwicklungspolitik

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