Hauptinhalt

Madagaskar

Situation und Zusammenarbeit


Bewohner des Dorfes Ankirikiriky in Südmadagaskar forsten entwaldetes Land wieder auf. Im Gegenzug erhalten sie Lebensmittelrationen des Welternährungsprogramms.

Als Madagaskar 1960 seine Un­abhängig­keit von der Kolonial­macht Frank­reich erlangte, zählte der Insel­staat zu den Ländern mit mitt­lerem Ein­kommen. Ab 1972 richtete sich das Land sozia­lis­tisch aus, große Unter­nehmen wurden ver­staat­licht. Mada­gas­kar schottete sich gegen die west­liche Welt ab und der wirt­schaft­liche und soziale Abstieg des Landes begann.

Die sogenannte "Dritte Republik" führte ab 1992 zu einer Öffnung Madagaskars – mit positiven Auswirkungen auf die Entwicklung des Landes. Doch die Politik war weiterhin durch Machtkämpfe geprägt.

Seit dem Militärputsch im März 2009 hat sich die Armut der Bevölkerung wieder drastisch verschärft, unter anderem durch die jahrelange politische Isolation des Landes, den Rückzug der internationalen Geber aus der Zusammenarbeit mit der Regierung und das Aussetzen der Budgethilfe. Soziale Dienste (Schulen, Gesundheitsversorgung, Katastrophenvorsorge) wurden in den vergangenen Jahren weitgehend über humanitäre Hilfsleistungen und bevölkerungsnahe Entwicklungszusammenarbeit aufrechterhalten.

Heute zählt Madagaskar zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt. Im Index der menschlichen Entwicklung (HDI 2015) nimmt Madagaskar den 158. Platz von 188 Staaten ein.

Schulkinder während ihres Unterrichts in Madagaskar.

Über 90 Prozent der Bevölkerung müssen mit umgerechnet weniger als zwei US-Dollar pro Tag auskommen, besonders hoch ist der Anteil der Armen in den ländlichen Regionen. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung gelten als unterernährt, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei nur 64 Jahren (2012). Die Einkünfte aus Fischerei, Edelsteingewinnung, Tropenholzwirtschaft und Vanilleexport sind ungleich verteilt: Die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung verfügen über etwa die Hälfte des Volkseinkommens.

Die Wirtschaft Madagaskars wird vom Agrarsektor dominiert. Mehr als drei Viertel der Bevölkerung leben von der Landwirtschaft, sie trägt jedoch nur etwa ein Viertel zum Bruttoinlandsprodukt bei. Auf einem Großteil der Agrarflächen wird Subsistenzwirtschaft betrieben. Ein großes Problem sind die Bodenerosion und die Versandung der Felder. Konnte Madagaskar in den 1970er Jahren noch Reis exportieren, reichen die Erträge heute nicht mehr zur Selbstversorgung der Bevölkerung aus. Die Vermarktung scheitert zudem häufig an Transportproblemen: Die Infrastruktur ist, vor allem in den ländlichen Gebieten, in einem sehr schlechtem Zustand. Ganze Regionen sind während der Regenzeit von Verkehrswegen und Kommunikationsnetzen abgeschnitten. Auch die Energieversorgung muss dringend ausgebaut werden.


Herausforderung Umweltschutz

Madagaskar: Ein Lemur (Halbaffe) sitzt auf einem Torbogen.

Eine der größten Herausforderungen des Landes ist der Umweltschutz. Madagaskars Natur ist von einer einzigartigen biologischen Vielfalt geprägt. Zahlreiche der auf der Insel heimischen Tier- und Pflanzenarten kommen nirgendwo sonst auf der Welt vor. Doch ein starkes Bevölkerungswachstum, die große Armut und unangepasste traditionelle Bewirtschaftungsmethoden bedrohen die natürlichen Ressourcen des Landes. Immer mehr Regenwälder werden abgeholzt oder brandgerodet, um Feuerholz und neue Ackerflächen zu gewinnen.

Der Umweltschutz ist laut madagassischer Verfassung Staatsziel. Eine nachhaltige Nutzung und Bewirtschaftung der Regenwälder soll zugleich zum Schutz der Artenvielfalt und zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung beitragen.


Entwicklungspotenziale

Die Schönheit und Vielfalt der Natur zählt zu den großen Schätzen Mada­gaskars. Der Touris­mus ist bereits heute ein wichtiger Wirt­schafts­faktor und kann – auf nach­haltiger Basis – weiter aus­ge­baut werden. Vor allem der Öko­touris­mus bietet der Bevölkerung neue Einkommens­chancen. Zugleich ergeben sich Chancen durch die Erforschung und Nutzung von Arznei- und Heil­pflanzen.

Zu den Wachstums­motoren gehört außerdem der Berg­bau (Nickel/Kobalt, Mineral­sand). Diese Entwicklungs­potenziale können sich jedoch nur auf der Grund­lage einer stabilen politischen Lage entfalten.


Schwerpunkte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit mit Madagaskar begann 1962. Aufgrund des demokratisch nicht legitimierten Machtwechsels wurde sie 2009 auf Regierungsebene ausgesetzt. Nach der Rückkehr des Landes zur verfassungsmäßigen Ordnung wurde sie 2014 wiederaufgenommen. Bei Regierungsgesprächen sagte Deutschland dem Partnerland Mittel in Höhe von 32 Millionen Euro zu.

Die deutsch-madagassische Zusammenarbeit konzentriert sich auf Programme im Schwerpunkt "Umwelt- und Ressourcenschutz", die bereits vor dem illegitimen Regierungswechsel begonnen wurden. Als sichtbares Zeichen der verstärkten Unterstützung wurde mit der neuen Regierung außerdem ein Programm zur Verbesserung der Basisinfrastruktur und der Armutsbekämpfung beschlossen.

Zusätzlich unterstützt das BMZ Projekte von Nichtregierungsorganisationen, politischen Stiftungen und Kirchen und finanziert Maßnahmen der Katastrophenvorsorge und Ernährungssicherung im Rahmen der entwicklungsfördernden und strukturbildenden Übergangshilfe.


Umwelt- und Ressourcenschutz

Madagaskar ist die viertgrößte Insel der Welt (1,6-fache Fläche Deutschlands) mit einer einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt und großen Potenzialen in der Landwirtschaft und bei den extraktiven Rohstoffen.

Gleichzeitig gehört es zu den ärmsten Ländern der Welt, seine Armutssituation hat sich seit der Jahrtausendwende kaum verbessert. Die jetzige Bevölkerung von 21 Millionen Menschen wird sich voraussichtlich innerhalb von 30 Jahren verdoppeln. Dies bedeutet steigenden Druck auf die natürlichen Ressourcen und große Herausforderungen für die Ernährungssicherung der Bevölkerung sowie die soziale und wirtschaftliche Entwicklung.

Madagaskars natürliche Schätze sind durch Abholzung und Brandrodung akut gefährdet. Die Folge sind Bodenerosion, eine Verschlechterung des Wasserhaushalts und damit eine sinkende Produktivität der Landwirtschaft und eine steigende Armut in den ländlichen Regionen. Madagaskar gehört außerdem zu den am stärksten vom weltweiten Klimawandel betroffenen Ländern. Es leidet unter häufig auftretenden Zyklonen, die nicht nur zu Ernteausfällen führen, sondern auch die Infrastruktur erheblich zerstören.

Im Zentrum der deutsch-madagassischen Entwicklungszusammenarbeit steht daher die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen durch eine nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen. Vor dem Putsch wurde die Regierung dabei unterstützt, ihre Umwelt- und Forstpolitik zu reformieren und das Nationalparknetz weiter auszubauen. Diese Zusammenarbeit wird nun mit der neuen Regierung wieder aufgenommen.

Auf lokaler Ebene werden Bauern mit Erosionsschutzmaßnahmen und ökologischen Anbaumethoden vertraut gemacht und Wiederaufforstungen begleitet. Um den Verbrauch an Energieholz zu senken, fördern die deutsch-madagassischen Umweltprogramme die Einführung moderner Techniken bei der Herstellung und Vermarktung von Holzkohle.

Die Kommunen werden bei der Landnutzungsplanung beraten. In den Schulen werden Jugendliche für das Thema Umweltschutz sensibilisiert. Nichtregierungsorganisationen im Umweltbereich werden bei der Netzwerkbildung beraten und ihre Kompetenzen werden insgesamt gestärkt. Auch das Management der madagassischen Nationalparks und die madagassische Stiftung für Schutzgebiete und Biodiversität werden unterstützt.


Entschuldung

Madagaskar quali­fi­zierte sich im Jahr 2000 für die Teil­nahme an der Ent­schul­dungs­ini­tiative für hoch ver­schul­dete arme Län­der (HIPC-Initiative). Vier Jahre später er­reichte das Land den Voll­endungs­zeit­punkt und konnte auch von der Multi­la­te­ralen Ent­schul­dungs­ini­tiative (MDRI) pro­fi­tieren. Ins­ge­samt wur­den dem Land 4,3 Mil­liarden US-Dollar an Schulden erlassen.

Auch Deutschland unter­stützte Mada­gas­kar dabei, die Schulden­last auf ein öko­no­misch ver­träg­liches Niveau zu senken, und er­ließ dem Land Schul­den in Höhe von knapp 230 Mil­lionen Euro. Durch die weg­fal­lenden Zins­zah­lungen werden im mada­gas­sischen Haus­halt Mit­tel frei, die der Armuts­be­kämpfung und dem Um­welt­schutz zugute­kommen können.


Lexikon der Entwicklungspolitik

Fenster schließen

 

Seite teilen