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Kapitel 4.1

Ernährung und Landwirtschaft


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Wo stehen wir, wo wollen wir hin?

Afrika könnte sich selbst ernähren, stattdessen gibt Afrika jährlich 35 Milliarden US-Dollar (Quelle: AfDB, 2016) für den Import von Lebensmitteln aus. Noch immer hungern südlich der Sahara mehr als 232 Millionen Menschen – fast jeder Vierte (Quelle: VN/WFP, 2016).

Afrika ist weiterhin der einzige Kontinent, in dem die absolute Zahl der chronisch mangelernährten Kinder ansteigt. Es droht das Heranwachsen einer "verlorenen Generation". Die Investition in Ernährungsprogramme vor allem für Schwangere, Mütter und Kleinkinder ist die wichtigste Investition in die Zukunft.

Die Hauptursache für Hunger ist Armut. Armut hat dabei vor allem ein ländliches Gesicht. Investitionen in die Landwirtschaft wurden viel zu lange vernachlässigt. Kostbare Devisen fließen unnötig in die Deckung des Grundbedarfs. Der Agrarsektor, in dem circa 70 Prozent der Bevölkerung tätig sind, trägt nur 30 Prozent zur Wertschöpfung bei.


Die Karte zeigt den Anteil von unterernährten Menschen an der Bevölkerung eines Landes von 2014 bis 2016.
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Die Karte zeigt den Anteil von unterernährten Menschen an der Bevölkerung eines Landes von 2014 bis 2016.


Dabei kann die Produktivität der afrikanischen Landwirtschaft bereits mit Hilfe besserer Bildung, Ausbildung und Beratung sowie einem einfachen Zugang zu Erkenntnissen aus der Agrarwissenschaft enorm gesteigert werden.

Notwendig sind:

  • technische Innovationen (zum Beispiel besseres Saatgut, Tierhygiene, Lagerungs- und Verarbeitungstechnik),
  • organisatorische Innovationen (zum Beispiel Stärkung von Erzeugergemeinschaften und Bauernorganisationen) sowie
  • systemische Innovationen (zum Beispiel Aufbau von Geschäftsmodellen, Vermarktung und Vertrieb).

Über 315 Millionen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern brauchen darüber hinaus:

  • einen einfachen Zugang zu Agrarfinanzdienstleistungen (zum Beispiel zu Krediten für Betriebsmittel und zu Versicherungen),
  • einen Ausbau der Infrastruktur; die Anbindung des ländlichen Raums an die wachsenden Städte muss sichergestellt sein und ist Voraussetzung für die Ausweitung des innerafrikanischen Handels und
  • eine Reform der Landrechte; für die Zukunft der kleinbäuerlichen Betriebe ist dies elementar und zugleich wichtige Voraussetzung für eine gerechte Teilhabe an steigender Wertschöpfung.

Im ländlichen Raum liegt die Zukunft Afrikas. Er darf nicht zum Verlierer der Globalisierung werden. Fortschritte einzelner Länder dürfen nicht durch entfesselte und unregulierte Marktkräfte oder aber verzerrende Agrarsubventionen konterkariert werden. Finanzinvestitionen in Agrarmärkte sollten transparent und reguliert erfolgen. Spekulationen bei drohenden globalen Nahrungspreiskrisen müssen unterbunden werden.

Gleichzeitig müssen die afrikanischen Länder die ihnen gewährten handelspolitischen Möglichkeiten nutzen, um ihre Märkte zu schützen und eine konkurrenzfähige Agrar- und Ernährungswirtschaft aufzubauen. Abhängigkeiten müssen verringert, Unabhängigkeiten gestärkt werden. Dies kann mit einer weltweiten Vereinbarung eines zoll- und quotenfreien Marktzugangs für alle am wenigsten entwickelten Länder gefördert werden.

Die Globalisierung verknüpft die Lebensbedingungen der Menschen unmittelbar. Die Produktion und der Konsum von Agrarprodukten haben einen erheblichen Einfluss auf die ökologischen und sozialen Verhältnisse in Afrika. Noch immer leben die meisten Kakaobauern unterhalb der Armutsgrenze. Nur 6 Prozent des Kakaopreises kommt bei ihnen an. Es ist zudem ein Skandal, dass immer noch Kinderarbeit in der Kakaoproduktion stattfindet.

Wir brauchen daher dringend neue Wege für nachhaltige agrarische Wertschöpfungsketten und eine Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen vor Ort. Multi-Akteurs-Foren wie das "Forum nachhaltiger Kakao" sind ein erster wichtiger Schritt.

Auch unser Konsumverhalten muss sich ändern. Information und Aufklärung sind die Grundlage hierfür. Faire und umweltschonende Lieferketten müssen durch glaubwürdige Umwelt- und Sozialsiegel auf den ersten Blick für jeden erkennbar sein.

Ziel ist ein Afrika "mit einer modernen Landwirtschaft für höhere Produktion, Produktivität und Wertschöpfung, die zu bäuerlichem und nationalen Wohlstand ebenso beiträgt wie zu Afrikas kollektiver Ernährungssicherheit". (Agenda 2063)


Was muss passieren?

Afrika

  • Gezielte Programme zur Ernährungssicherung vor allem für Schwangere, Mütter und Kinder auflegen.
  • Mindestens 10 Prozent der öffentlichen Ausgaben für eine innovationsorientierte Landwirtschaft einsetzen.
  • Zugang zu Beratung und Ausbildung, Produktionsmitteln und Kapital verbessern.
  • Leistungsfähige Systeme der Agrarfinanzierung aufbauen.
  • Durch Infrastruktur sowie Abbau von Handelshemmnissen den innerafrikanischen Agrarhandel stärken.
  • Nachhaltige Agrarpolitik umsetzen und – insbesondere auch für Frauen – sichere Landrechte schaffen.
  • Möglichkeiten zum Schutz des eigenen Marktes für den Aufbau der eigenen Agrarwirtschaft ausschöpfen.

Deutschland

  • Die Programme der Sonderinitiative EINEWELT ohne Hunger einschließlich der Grünen Innovationszentren weiter ausbauen und deren strukturbildende Wirkung in den Ländern Afrikas stärken.
  • Programme der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit zur Entwicklung des ländlichen Raumes weiter stärken.
  • Öffentliche Agrar-­/Züchtungsforschung und Zugang für kleinbäuerliche Familien zu qualitativ hochwertigem Saatgut stärken.
  • Modernisierung der Landwirtschaft Afrikas durch Entwicklung angepasster Technologien für Kleinbauern fördern.
  • Weiterentwicklung des Aufbaus nachhaltiger Agrarlieferketten durch
    - Aufbau von Multi­-Akteurs-­Foren (Beispiel: Forum Nachhaltiger Kakao),
    - Förderung glaubwürdiger Umwelt-­ und Sozialsiegel im Agrarbereich und
    - Unterstützung von Partnerländern bei der Erfüllung von Qualitätsstandards.

International

  • EU­-Marktzugang für Afrika verbessern und afrikanischen Staaten Schutzmechanismen ermöglichen, um eine Agrarwirtschaft aufzubauen.
  • Alle handelsverzerrenden Agrarsubventionen auf WTO-Ebene abschaffen.
  • Internationale investive Programme, wie das Global Agriculture Food Security Programme (GAFSP) und Programme gegen Mangelernährung stärken.
  • Jugendbeschäftigung im ländlichen Raum und Agrarinnovationen durch stärkeres Engagement der G20 fördern.
  • Afrikanischen Fischereisektor vor Überfischung durch faire Fischereiabkommen und stärkeres Vorgehen gegen illegale Fischerei schützen.
  • Verbesserung der Zusammenarbeit internationaler Organisationen für Ernährung und Landwirtschaft (insbesondere FAO, IFAD, WFP, Weltbank, CGIAR) einfordern.

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Lexikon der Entwicklungspolitik

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