Hintergrund

Hintergrund: Tourismus – eine Chance für nachhaltige Entwicklung

Immer mehr Menschen reisen. Im Jahr 2019 wurden weltweit etwa 1,5 Milliarden internationale touristische Ankünfte verzeichnet. Das sind etwa sechs Prozent mehr als noch im Vorjahr. Es wird erwartet, dass der globale Tourismus bis 2030 auf knapp 2,2 Milliarden Ankünfte anwächst.

Der Tourismussektor wächst nicht nur schnell und beständig, er ist auch einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige der Gegenwart. Im Jahr 2018 trug er mehr als zehn Prozent zur globalen Wirtschaftsleistung bei. Etwa jede beziehungsweise jeder zehnte Angestellte auf der Welt hat einen Job, der im direkten Zusammenhang mit dem Tourismus steht. – Die weltweite wirtschaftliche Bedeutung der Tourismusbranche ist somit höher als beispielsweise die der Automobilindustrie.

Besucherzahlen in Entwicklungs- und Schwellenländern steigen

Immer mehr Entwicklungsländer schöpfen ihr touristisches Potenzial aus – zum Beispiel ein warmes Klima, kulturelle Reichtümer und intakte Naturräume – und unterziehen es einer wirtschaftlichen Bewertung. Für ein Drittel aller Entwicklungsländer ist Tourismus bereits der bedeutendste Devisenbringer. In den ärmsten Ländern (Least Developed Countries, LDC) ist das Tourismuswachstum doppelt so hoch wie im globalen Durchschnitt.

Nach Schätzungen werden künftig die Besucherzahlen gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern überproportional ansteigen. Allein aus Deutschland reisen jährlich mehr als 11 Millionen Menschen in solche Länder. Sie tragen dort aktuell mit 19 Milliarden Euro zum Bruttoinlandsprodukt bei und sichern so etwa 1,8 Millionen Arbeitsplätze. Zudem steigt die Zahl der Menschen aus Entwicklungs- und Schwellenländern, die selbst auf Reisen gehen. Die Zahl der Flugpassagiere aus diesen Regionen nimmt rapide zu.

Nachhaltigkeit und Verantwortung im Tourismus

Die Leitmotive der deutschen Entwicklungspolitik im Bereich Tourismus sind Nachhaltigkeit und Verantwortung.

Eine nachhaltige Entwicklung bringt wirtschaftliches Wachstum mit ökologischer Tragfähigkeit in Einklang. Nachhaltiger Tourismus ist langfristig ausgelegt, folgt ethischen Grundsätzen, ist sozial gerecht, kulturell respektvoll und umweltverträglich. Gleichzeitig sollte eine nachhaltige Tourismusentwicklung ökonomisch ergiebig und beschäftigungsintensiv sein und dadurch die lokale Wirtschaft und Entwicklung absichern.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) fördert zudem eine inklusive und klimafreundliche Tourismusentwicklung.

Auf Basis der beschriebenen Leitmotive Nachhaltigkeit und Verantwortung hat das BMZ sechs vorrangige Handlungsfelder für das deutsche Engagement definiert:

Chancen der Tourismusentwicklung

Tourismus bietet Schwellen- und Entwicklungsländern große Chancen, Infrastruktur aufzubauen, Arbeitsplätze und somit Einkommensmöglichkeiten zu schaffen, lokale Wirtschaftskreisläufe zu fördern, Naturschätze zu bewahren und die Armut der Bevölkerung zu reduzieren.

In vielen Entwicklungsländern hat sich Tourismus von einem Nischen- zu einem Massenprodukt entwickelt. In den vergangenen 25 Jahren konnten die Entwicklungsländer ihren Marktanteil am weltweiten Reiseverkehr mehr als vervierfachen. Als beschäftigungsintensive Branche leistet der Tourismus einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung: Es wird geschätzt, dass in den nächsten zehn Jahren allein in Afrika drei Millionen neue Arbeitsplätze durch den Tourismus entstehen könnten. Weltweit könnten im selben Zeitraum etwa 100 Millionen neue Jobs im Tourismus entstehen.

Auch benachteiligte Bevölkerungsgruppen sowie Klein- und Kleinstunternehmer können an dieser Entwicklung teilhaben. Für viele Jobs im Tourismus sind weder spezielle Fachkenntnisse noch hohe Investitionen erforderlich. Neben der Hotel- und Gastronomiebranche profitieren auch Bereiche wie Landwirtschaft, Handwerk, Kunsthandwerk und Transport von der zunehmenden Zahl ausländischer Gäste. Tourismus ist somit ein unmittelbares Instrument zur Armutsbekämpfung.

Risiken der Tourismusentwicklung

Neben zahlreichen positiven Effekten birgt ein unkontrolliertes Tourismuswachstum auch Risiken. So unterliegt Tourismus großen saisonalen Schwankungen und ist von der Sicherheitslage vor Ort abhängig. Die Einnahmen aus der Saison müssen reichen, um Perioden auszugleichen, in denen nur wenige Gäste kommen. Für die lokalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kann das zu unsicheren Beschäftigungsverhältnissen führen. Zudem ist die lokale Bevölkerung häufig nicht ausreichend an der Wertschöpfung und an den Einnahmen aus dem Tourismus beteiligt.

Aber auch wirtschaftspolitische Fehlentwicklungen drohen, beispielsweise die zu einseitige Konzentration der Volkswirtschaft auf den Tourismus. Außerdem kann eine nicht nachhaltige touristische Entwicklung zur Überbeanspruchung natürlicher Ressourcen, zur Belastung und Zerstörung von Ökosystemen, zu soziokulturellen Konflikten und zu Menschenrechtsverletzungen führen.

Agenda 2030 und Tourismus

Mit der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung haben die Vereinten Nationen 2015 ein Programm verabschiedet, um den Weg für eine gerechtere und nachhaltigere Welt zu ebnen. Die insgesamt 17 Ziele nachhaltiger Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) umfassen alle gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Bereiche, so auch den Tourismus.

Die Agenda 2030 betont die hohe entwicklungspolitische Bedeutung eines nachhaltigen Tourismus. Ausdrücklich erwähnt wird er in folgenden Zielen:

8.9: Förderung eines nachhaltigen Tourismus, der Arbeitsplätze schafft und die lokale Kultur sowie lokale Produkte fördert

12.b: Beobachtung der Auswirkungen eines nachhaltigen Tourismus

14.7: Die wirtschaftlichen Vorteile für die kleinen Inselentwicklungsländer und die am wenigsten entwickelten Länder durch nachhaltiges Management der Fischerei, der Aquakultur und des Tourismus erhöhen

Da Tourismus aus einer Vielzahl von Einzelleistungen (etwa Transport, Unterkunft, Verpflegung, Freizeitaktivitäten) besteht, ist er eng mit der Herstellung und dem Angebot unterschiedlichster Güter und Dienstleistungen verbunden. Daher kann er auch zur Verwirklichung anderer Ziele der Agenda 2030 beitragen, zum Beispiel zur Stärkung kleiner Nahrungsmittelproduzenten (Ziel 2.3), zur nachhaltigen Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen (Ziel 12.2) und zur Verringerung der Ungleichheit in und zwischen Ländern (Ziel 10).

Plattform Tourismus für SDGs (englisch)

Die Plattform "Tourismus für SDGs" (www.tourism4sdgs.org) richtet sich an alle, die im Tourismus tätig sind und ermutigt sie, sich an Strategien zur Umsetzung von nachhaltigen Entwicklungsziele zu beteiligen.

Besonderheiten der touristischen Wertschöpfung

Im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen ist der Tourismus relativ arbeits- und weniger kapitalintensiv.

Tourismus schafft Einkommen

Besonders in Entwicklungsländern bietet Tourismus vielversprechende Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten für gering- bis mittelqualifizierte Arbeitskräfte und für arme und benachteiligte Bevölkerungsteile – vor allem für Frauen, Jugendliche und indigene Bevölkerungsgruppen.

Tourismus mindert Armut

Einen wirksamen Beitrag zur Armutsminderung kann Tourismus dann leisten, wenn die lokalen Produzenten (meist Klein- und Kleinstbetriebe) in die touristische Wertschöpfungskette eingebunden und somit Verdienstmöglichkeiten für die lokale Bevölkerung geschaffen werden. Besonders wichtig ist die Beteiligung landwirtschaftlicher Betriebe, da im ländlichen Raum vergleichsweise viele Haushalte in Armut leben.

Tourismus löst Entwicklungsimpulse aus

Das Besondere am Tourismussektor ist, dass das Produkt einerseits vor Ort konsumiert wird und somit standortgebunden Arbeitsplätze schafft. Andererseits ist die Branche mit anderen Bereichen der inländischen Wirtschaft eng verflochten und kann dadurch zum Beispiel auch in der Landwirtschaft, im Handwerk und im Transportwesen breitenwirksame Entwicklungsimpulse auslösen.