Mekongdelta: Der Wald kehrt zurück

Der Wald kehrt zurück ins Mekongdelta

Der Steg aus Bambus ist nur einen halben Meter breit. Bei jedem Schritt quietscht und schwankt er ein wenig. Thach Soal geht den hölzernen Weg entlang und zeigt auf den Boden. "Bis 1992 standen hier Häuser", so der 66-jährige Bauer, "doch sie sind bei einem schweren Sturm zerstört worden."

Nichts deutet mehr darauf hin, dass es an dieser Stelle einmal Gebäude gab. Stattdessen wächst ein dichter Mangrovenwald mit bis zu zwei Meter hohen Pflanzen. Ihre fächerartigen Wurzeln haben sich tief in den Boden gegraben. Der etwa kniehohe Steg soll verhindern, dass Dorfbewohner auf dem Weg zum Meer die Wurzeln beschädigen.

Das Dorf Au Tho B in Vietnams Mekongdelta ist Schauplatz eines Feldversuchs. Dabei sollen Mangroven das Voranschreiten des Meeres stoppen und das dahinterliegende Land schützen. Nationale und lokale Behörden sowie die Anwohner der betroffenen Küstendörfer sind daran beteiligt. Die Region ist vom Klimawandel besonders stark bedroht. Der Weltklimarat hat Vietnam sogar als eines der am stärksten betroffenen Länder überhaupt identifiziert.

Vom Klimawandel bedrohte Region

Weite Teile des Mekongdeltas liegen weniger als einen Meter über dem Meeresspiegel. Sein Ansteigen und die immer häufiger auftretenden Wetterextreme gefährden die Region zunehmend. Wenn bei hohen Fluten oder Stürmen Meerwasser auf die Felder spült, werden diese auf Jahre hin unbrauchbar – und das in der drittgrößten Wirtschaftsregion Vietnams, einem wichtigen Anbaugebiet für Reis. Auch die Bevölkerungsdichte ist hoch: Rund ein Fünftel der Einwohner des Landes lebt hier, etwa 17 Millionen Menschen.

Die schützenden Mangroven endeten häufig als Brennholz. Vietnams Behörden sind sich des Problems seit langem bewusst. Bereits in den 1990er Jahren begannen sie, zerstörte Mangrovenwälder entlang der Küste wiederaufzuforsten. In Au Tho B war von dem natürlichen Wald, der sich in diesem Teil Vietnams einmal nahezu entlang der gesamten Küste erstreckte, seinerzeit nichts mehr übrig. Doch die neu angepflanzten Mangroven hatten es schwer. "Die Leute haben damals keine Rücksicht genommen", sagt Thach Soal. Viele von ihnen hätten, obwohl es verboten war, die Mangroven gefällt und als Brennholz genutzt oder auf dem Markt verkauft. Die Folge: Der Mangrovenwald blieb dünn und konnte dem immer weiter voranschreitenden Meer kaum etwas entgegensetzen.

Deutsches Engagement

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit verfolgt seit 2011 einen anderen Ansatz: Die lokale Bevölkerung wird in die Bewirtschaftung der Mangroven direkt eingebunden.

Die Bewohner der Küstendörfer, die an der Wiederaufforstung beteiligt sind, erhalten privilegierten Zugang zu dem Mangrovenwald. Nur sie dürfen in ihm totes Holz sammeln und Krabben, Fische und andere Meerestiere fangen. Gleichzeitig ist es die kostengünstigste Art, den Wald zu bewirtschaften.

In Au Tho B hat dieser Ansatz offensichtlich funktioniert: "Uns ist jetzt klar, dass wir davon profitieren, wenn wir den Wald gemeinsam schützen, daher machen wir das von uns aus", sagt Thach Soal, der wie viele Bauern der Region auf seinem Land unter anderem Zwiebeln und Chilischoten anbaut. Er ist Sprecher einer Gruppe, die sich mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gegründet hat, um die Bewirtschaftung der Mangrovenwälder zu organisieren. Die Gruppe ist offen für alle Dorfbewohner. Um Mitglied zu werden, müssen Interessierte sich allerdings verpflichten, an den regelmäßigen Treffen teilzunehmen und die Regeln für den Mangrovenschutz einzuhalten.

Erfolge

"Seit dem Beginn des Projekts hat sich unser Einkommen um etwa 60 Prozent erhöht", sagt Thach Soal. Der Erlös aus dem Verkauf der Fische und Krabben und des gesammelten Holzes ist deutlich gestiegen.

An den Herausforderungen durch den Klimawandel wird sich so schnell nichts ändern. Zwar habe es in der Region schon seit 1997 keinen schweren Sturm mehr gegeben, erzählt Thach Soal. Starke Fluten kämen aber immer wieder vor. Die Sorge der Bauern, dass dabei Salzwasser auf die Felder drängt und den Boden schwer beschädigt, ist nun deutlich kleiner. "Wir hören nachts manchmal, wie die Wellen gegen die Mangroven schlagen – das ist richtig laut. Angst vor dem Wasser haben wir aber nicht mehr."