Entwicklung aus Vielfalt

Biologische Vielfalt ist unsere Lebensgrundlage

Die biologische Vielfalt unserer Erde, auch Biodiversität genannt, umfasst die Vielfalt aller Tier- und Pflanzenarten, die genetische Vielfalt innerhalb der Arten und die Vielfalt von Ökosystemen wie Wäldern, Graslandschaften oder Korallenriffen. Dieser natürliche Reichtum ist die Grundlage unseres Lebens.

Die Bundesregierung setzt sich als Teil der internationalen Gemeinschaft dafür ein, den Reichtum unserer Erde zu erhalten. Ein Großteil der biologischen Vielfalt befindet sich in den Entwicklungsländern. Doch wir alle profitieren von diesem natürlichen Reichtum – beispielsweise durch seine Auswirkungen auf unser Klima, unsere Ernährung, als Grundlage für unsere Medikamente oder als Vorbild für technische Innovationen. Für die Mehrzahl der in den Entwicklungsländern lebenden Menschen ist der Zugang zu natürlichen Ressourcen sogar die einzige Lebensgrundlage. Die Sicherung dieser natürlichen Reichtümer ist daher ein entscheidender Baustein, um Armut weltweit zu bekämpfen. Die biologische Vielfalt spielt eine entscheidende Rolle, um dem Hunger ein Ende zu setzen, Trinkwasser bereitzustellen, Einkommen zu schaffen, Erkrankungen heute und in Zukunft behandeln zu können sowie den Klimawandel und seine Folgen zu mildern.

Schutz und nachhaltige Nutzung biologischer Vielfalt ist ein wichtiger Baustein deutscher Entwicklungspolitik – mit zunehmender Bedeutung. So unterstützt Deutschland heute den Aufbau und das Management von Schutzgebieten, um die biologische Vielfalt von Ökosystemen wie Wäldern, Steppen, Küstenzonen und Meeren zu erhalten.

Beispiel Madagaskar: Schutz und nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen

In Madagaskar, das weltweit für seine einzigartige biologische Vielfalt bekannt ist, unterstützt die deutsche Entwicklungszusammenarbeit mit dem Vorhaben "Schutz und nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen" das Umweltministerium und lokale Akteure beispielsweise dabei, gemeindebasierte Managementmodelle für neue Schutzgebiete zu entwickeln und zu realisieren. Diese sollen dazu beitragen, den rasanten Verlust biologischer Vielfalt durch die voranschreitende Entwaldung und Degradierung von Ökosystemen zu stoppen. Allein der Waldverlust betrug in Madagaskar zwischen 2005 und 2010 circa 36.000 Hektar pro Jahr.

Um die Bereitschaft der lokalen Gemeinschaften zu erhöhen, für den Schutz der Gebiete die Verantwortung zu übernehmen, berücksichtigt das Vorhaben Gebiete, in denen sich heilige Stätten und Gräber mit hohem kulturellem und spirituellem Wert befinden, und unterstützt die Gemeinschaften dabei, durch Ökotourismus, Bienenzucht und Kunsthandwerk einen ökonomischen Gewinn aus den Schutzgebieten zu ziehen.

Beispiel Mauretanien: Nationalpark Banc d'Arguin

Auch Meeres- und Küstenschutzgebiete werden von der deutschen Entwicklungszusammenarbeit unterstützt, wie zum Beispiel der Nationalpark Banc d'Arguin in Mauretanien. Dabei handelt es sich um einen 12.000 km2 großen Nationalpark, der zahlreiche terrestrische und marine Ökosysteme umfasst. Er bietet unter anderem Millionen von Jungfischen Laich- und Aufwuchsgebiete – eine Voraussetzung für die Regeneration der Fischbestände des Landes.

Der Park beherbergt zudem zahlreiche Vogelarten, die das ganze Jahr über dort leben sowie mehr als zwei Millionen Zugvögel, die in dem Schutzgebiet überwintern. Der Park, der zum UNESCO-Weltnaturerbe zählt, spielt also eine bedeutende Rolle für den Erhalt der Biodiversität.

Die Ökosysteme des Nationalparks sind jedoch verschiedenen Bedrohungen ausgesetzt. Überfischung und illegale Fischerei sowie die Suche nach Erdöl und Erdgas gefährden die empfindliche Biodiversität der marinen Ökosysteme und damit den für das Land so wichtigen Wirtschaftszweig und die Lebensgrundlage der Fischer. Damit die Reglementierung des Fischfangs und das eingeführte Motorbootverbot im Nationalpark nicht missachtet werden, wird der Naturschutz durch intensive Überwachungsaktivitäten begleitet.

Satelliten- und radargestützte Überwachungssysteme

Dazu unterstützt Deutschland mit seiner deutsch-mauretanischen Entwicklungszusammenarbeit einerseits den Ausbau von satelliten- und radargestützten Überwachungssystemen. Inzwischen müssen alle Schiffe in Mauretaniens Gewässern genaue Positionsdaten übermitteln und die festgelegten Fischereizonen und -zeiten einhalten, um ihre Fischerei- oder Durchfuhrlizenzen zu erhalten.

Andererseits werden die Mitbestimmung der Bevölkerung beim Naturschutz, die Professionalisierung des Parkmanagements sowie die nachhaltige finanzielle Absicherung des Schutzsystems in Form eines internationalen Fonds sowie die Einrichtung einer sektorübergreifenden Abstimmungs- und Steuerungskommission gefördert. Ziel ist dabei nicht nur den Erhalt der Meeres- und Küstenbiodiversität zu unterstützen, sondern auch die Ernährungs- und Einkommenssicherung der lokalen Bevölkerung durch die überaus wichtigen "Dienstleistungen" von Meeres- und Küstenökosystemen.

Schwerpunkte des deutschen Engagements

Das Engagement für Schutzgebiete wird jedoch nicht nur als Beitrag zum Erhalt der globalen Artenvielfalt gesehen, sondern auch als konkreter Beitrag zur Sicherung der für das menschliche (Über-)leben wichtigen "Dienstleistungen" von Ökosystemen. So sind viele Arten, die in diesen Gebieten vorkommen, und damit ihr Potenzial für die menschliche Entwicklung noch nicht entdeckt.

So haben auch die 2015 verabschiedeten globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung zahlreiche Bezüge zu Erhalt und nachhaltiger Nutzung von biologischer Vielfalt, wie auch zur gerechten Aufteilung von Gewinnen, die sich aus ihrer Nutzung ergeben.

Die Bundesregierung legt in diesem Rahmen vor allem Schwerpunkte auf den Beitrag von Biodiversität zu

  1. Klimaschutz und -anpassung
  2. Ernährungssicherung
  3. Gesundheit
  4. Nachhaltiger Wirtschaftsentwicklung

Jeder Einzelne kann selbst den Erhalt biologischer Vielfalt zu unterstützen – zum Beispiel durch den Kauf von nachhaltig und fair produzierten Lebensmitteln. So werden unsere Ökosysteme weniger stark belastet. Nicht nur für uns, sondern auch für nachfolgende Generationen wird damit die Lebensgrundlage auf einem intakten Planeten erhalten.

Biologische Vielfalt schützt das Klima

Für uns und für die Menschen in Entwicklungsländern, die vom Klimawandel besonders stark betroffen sind, spielt der Erhalt der biologischen Vielfalt eine zentrale Rolle beim Klimaschutz.

Intakte Ökosysteme können das Klima stabilisieren und bremsen dadurch den Klimawandel: Sie mildern Temperaturschwankungen. Sie speichern Wasser und geben es gleichmäßig ab. Sie bilden neuen Boden und schützen ihn vor Erosion durch Wind und Regen, der aufgrund des Klimawandels vielerorts immer seltener oder umso heftiger fällt. Sie produzieren Sauerstoff und binden das klimaschädliche Treibhausgas Kohlendioxid. Dadurch mildern unsere Ökosysteme die Folgen des Klimawandels ab, schützen beispielsweise vor Sturmfluten und einem ansteigenden Meeresspiegel und beugen Dürren, Missernten und Hunger vor.

Immer schnellere klimatische Veränderungen überfordern aber auch die Anpassungsfähigkeit vieler Arten. Sie werden verdrängt und können ihre Aufgaben in ihrem Ökosystem nicht mehr erfüllen.

Zusammen mit den Partnerländern setzt sich die Bundesregierung zum Beispiel  für eine nachhaltige Waldnutzung ein, die den Menschen ihre Lebensgrundlage erhält.

Wälder spielen als Kohlenstoffspeicher und "Klimaanlagen" der Welt eine Schlüsselrolle. Gleichzeitig sind sie die Lebensgrundlage für rund 1,6 Milliarden Menschen. Noch sind 30 Prozent der Landfläche unseres Planeten von Wäldern bedeckt, aber jedes Jahr gehen etwa 13 Millionen Hektar Wald verloren – das entspricht einem Drittel der Fläche Deutschlands.

Gedeckter Tisch: Biologische Vielfalt und Ernährungssicherung

Intakte Ökosysteme sind eine wichtige Voraussetzung für die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung. Sie erhalten den Wasserkreislauf, stellen sauberes Trinkwasser bereit, sorgen für fruchtbare Böden und bilden die Nahrungsgrundlage für unzählige Menschen. Allein von der Fischerei hängen in den Entwicklungsländern 200 Millionen Menschen ab.

Die Sicherung der Ernährung, jetzt und in Zukunft, ist vorrangiges Ziel deutscher Entwicklungspolitik. Die nachhaltige Nutzung und der Schutz unserer natürlichen Ressourcen spielt dafür eine große Rolle. Fischbestände müssen die Gelegenheit haben, sich zu regenerieren, Böden müssen so genutzt werden, dass ihre Nährstoffe  erhalten bleiben. Gleichzeitig brauchen wir zum Beispiel eine Vielfalt von Insekten und anderen Tieren zur Bestäubung von Nutzpflanzen. Auch ohne sie können wir nicht ausreichend Nahrung für alle produzieren.

Mit dem Klimawandel gewinnt zudem die Anpassungsfähigkeit von Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen mehr und mehr an Bedeutung. Nur wenn sie extremen Wetterbedingungen wie Trockenheit und Hitze sowie neuen Schädlingen oder Krankheiten widerstehen können, wird die Welternährung künftig sicherzustellen sein. Je mehr Vielfalt an Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen existiert, je größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass dies gelingt.

Der Medizinschrank der Natur: Biodiversität und Gesundheit

Die Vielfalt unserer Pflanzen, Tiere und Ökosysteme ist von zentraler Bedeutung für ein gesundes Leben und die medizinische Versorgung aller Menschen, denn sie eröffnet Möglichkeiten für die Entwicklung neuer Wirkstoffe – sowohl gegen bekannte wie auch möglicherweise neu auftretende Krankheiten. Die Bundesregierung setzt sich für das Wohlergehen und die Gesundheit der Menschen weltweit ein – insbesondere in Entwicklungsländern. Der Schutz der biologischen Vielfalt ist auch daher ein wichtiger Baustein der internationalen Entwicklungszusammenarbeit.

Der Medizinschrank der Natur hat zwei Schubladen:

Heilpflanzen werden schon seit Jahrtausenden genutzt. Bis heute sind sie zum Beispiel für 80 Prozent der Menschen in Afrika die wichtigste Quelle für Arzneimittel. Das Wissen über die Kräfte dieser Pflanzen ist für unser Leben jedoch noch bedeutsamer, als es auf den ersten Blick scheint: Viele Medikamente, die durch die pharmazeutische Industrie hergestellt werden, hängen von Rohstoffen der Natur ab. 

Auch die moderne Medizin schaut sich die Wirkungsweisen und Prinzipien von der Natur ab. An Froschsekreten wird zu HIV-Bekämpfung und Schmerzmitteln geforscht. Nacktmulle erkranken nicht an Krebs und werden sehr alt – Biologen untersuchen, warum. Der Verlust jeder einzelnen Art schränkt das der Menschheit zur Verfügung stehende Potenzial zur Entwicklung neuer Medikamente weiter ein.

Biodiversität zu erhalten bedeutet, die Tür des Medizinschranks der Natur offen zu halten für künftige Generationen.

Biodiversität – Einkommensquelle und Wirtschaftsfaktor

Biodiversitätsreiche Entwicklungsländer beklagen seit langem, dass Forscher und Firmen genetische Ressourcen und traditionelles Wissen nutzen und zahlreiche gewinnbringende Produkte entwickelt haben, ohne die Herkunftsstaaten sowie indigene Völker und lokale Gemeinschaften um Erlaubnis gefragt und Gewinne gerecht aufgeteilt zu haben.

Auf Grundlage des 2010 beschlossenen Nagoya-Protokolls zu ABS (access and benefit sharing) unterstützt die Bundesregierung einerseits Entwicklungsländer beim Aufbau von ABS-Gesetzen zum Zugang zu Ressourcen und Wissen sowie mit Fortbildungen zur Verhandlung von effektiven ABS-Verträgen, die eine Vorteilsaufteilung sicherstellen sollen.

Andererseits hat die EU eine ABS-Verordnung beschlossen, die ein Überwachungs- und Meldesystem in den Mitgliedsstaaten aufbaut, um die Gesetzes- und Vertragstreue von Forschern und Firmen zu überprüfen. Im Auftrag des BMZ und anderer Geber arbeitet die GIZ durch ihre ABS-Initiative mit Entwicklungsstaaten zusammen, um ganz konkret zum Beispiel Verträge zur industriellen Nutzung von salz- und hitzeliebenden Mikroben aus den Sodaseen in Kenia zu verhandeln, die nachhaltige Nutzung von Weichkorallen aus den Bahamas als entzündungshemmender Bestandteil in Kosmetika sicherzustellen oder "gute ABS-Praktiken" in indischen Gemeinden umzusetzen, die Rohstoffe zur Produktion von ayurvedischen Forschung und Medikamentenherstellung liefern.

Das ABS-Prinzip soll dazu genutzt werden, um eine nachhaltige Entwicklung zu fördern und wissenschaftliche Erkenntnisse und finanzielle Mittel zu Erhaltung der biologischen Vielfalt in die Herkunftsstaaten zu bringen.