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Gesundheitssicherheit: Eine Aufgabe für die internationale Staatengemeinschaft

SEEG-Einsatz Benin, 2017: Reagenzien zum Nachweis von Chikungunya-Viren mit einer molekularbiologischen Untersuchungstechnik (Polymerase-Kettenreaktion)

Die Gesundheit ist einer Reihe von natürlichen und menschlich verursachten Gefahren ausgesetzt. Dazu zählen zum Beispiel Epidemien und neu aufkommende übertragbare Krankheiten, Naturkatastrophen, die Folgen des Klimawandels, Umweltverschmutzung oder auch Chemie- und Nuklearunfälle. Maßnahmen zum Schutz vor solchen Vorkommnissen werden unter dem Begriff der "Gesundheitssicherheit" zusammengefasst.

Die Ausbreitung von Krankheiten und anderen Gesundheitsgefahren erfolgt über nationale Grenzen hinweg und wird durch den zunehmenden Reise- und Handelsverkehr begünstigt. Die Gesundheitssicherheit kann daher nicht Aufgabe eines einzelnen Landes sein – sie ist eine Herausforderung für die gesamte Staatengemeinschaft.

Internationale Gesundheitsvorschriften der WHO

Um der internationalen Ausbreitung von akuten Gesundheitsgefahren vorzubeugen, sie zu überwachen und zu bekämpfen, wurden 2005 die Internationalen Gesundheitsvorschriften (IGV) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verabschiedet. 2007 traten sie weltweit in Kraft.

Die IGV sind völkerrechtlich bindende Rechtsregeln, die bei allen Ereignissen anwendbar sind, die eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstellen. Solche Ereignisse müssen der WHO innerhalb von 24 Stunden gemeldet werden. Diese bewertet, wie kritisch die Lage ist, und kann eine "gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite" ausrufen.

Alle wichtigen Informationen (Art und Ursache der Krise, Zahl der Krankheits- und Todesfälle, Laborergebnisse, eingeleitete Maßnahmen) werden an ein Notfallkomitee weitergeleitet. Dieses gibt dann Empfehlungen ab, durch welche Maßnahmen die Notlage bewältigt werden könnte – etwa durch befristete Reise- und Handelsbeschränkungen. Die Empfehlungen der WHO sind jedoch rechtlich nicht verbindlich.

Darüber hinaus unterstützt die WHO Länder dabei, Koordinations- und Reaktionszentren einzurichten und Notfallpläne aufzustellen.


Wachsende politische Bedeutung

SEEG-Einsatz Demokratische Republik Kongo, 2018: Vorbereitung auf eine mögliche Ausbreitung von Ebola; hier: Training des korrekten An- und Ausziehens von Schutzkleidung

Seit dem Ebola-Ausbruch 2014 in Westafrika wird die Bedeutung der Internationalen Gesundheitsvorschriften auf internationaler Ebene stärker wahrgenommen und diskutiert. So verpflichteten sich die G7-Staaten 2015, 60 Länder bei der Umsetzung der Vorschriften zu unterstützen. Mittlerweile ist die Zahl auf 76 Länder gestiegen.

Während der deutschen Präsidentschaft 2017 wurde das Thema Gesundheitssicherheit auch erstmals im Kreis der G20-Staaten behandelt.

Außerdem wurde beschlossen, die Stärken und Schwächen einzelner Länder bei der Umsetzung der IGV neutral und standardisiert bewerten zu lassen und darauf aufbauend Aktivitäten zu definieren, die den Ländern helfen, ihre Epidemieprävention zu verbessern.


Medikamente immer häufiger unwirksam

In Zukunft werden die Internationalen Gesundheitsvorschriften weiter an Bedeutung gewinnen, da sogenannte antimikrobielle Resistenzen (AMR) zunehmen. AMR entstehen, wenn Krankheitserreger gegen gängige Medikamente unempfindlich werden. Die Erreger können sich dann ungehindert vermehren und es wird immer schwieriger, die von ihnen ausgelösten Krankheiten zu behandeln.

Besonders dramatisch ist die Situation bei den Antibiotika: Der zu häufige und vermutlich teilweise unsachgemäße Einsatz hat dazu geführt, dass sie in immer mehr Fällen keine Wirkung mehr haben.

Deutschland leistet im Rahmen unterschiedlicher Gesundheitsprogramme einen Beitrag zur Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen. Unter anderem durch die Beteiligung an der Impfallianz Gavi und am Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria.

Auch die BMZ-Initiative "Klinikpartnerschaften – Partner stärken Gesundheit" widmet sich dem Thema Hygienemanagement und Patientensicherheit. In fünf Klinikpartnerschaften (Ghana, Kenia, Tansania, Ruanda, Äthiopien) steht die Einrichtung eines Netzwerkes zur Überwachung multiresistenter Erreger (Keime, die gegen mehrere verschiedene Wirkstoffe unempfindlich sind) im Vordergrund.

Außerdem unterstützt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) Partnerländer dabei, die Aus- und Fortbildung von medizinischen Fachkräften zu verbessern und eine lokale pharmazeutische Produktion aufzubauen, damit sie selbst bezahlbare und hochwertige Medikamente herstellen können.


Neue Pandemie-Versicherung

Die jährlichen Kosten von mittelschweren bis schweren Pandemien (Ausbreitungen von Infektionskrankheiten über mehrere Länder und Kontinente hinweg) sind immens. Als Reaktion auf den Ebola-Ausbruch in Westafrika 2014 forderten die G20-Staaten die Weltbank auf, neue Finanzmechanismen zu entwickeln, um auf die wirtschaftlichen Folgen von Pandemien reagieren zu können. Sie entwickelte daraufhin gemeinsam mit der Versicherungswirtschaft die Pandemic Emergency Financing Facility (PEF).

Die PEF besteht aus einer Versicherungs- und einer Bargeldkomponente. Die Versicherungsleistung wird ausgelöst, wenn eine Epidemie bestimmte Grenzwerte in Bezug auf Ausbreitungsgrad und -geschwindigkeit sowie Sterberate überschreitet. Die Bargeldkomponente kann auch im Fall von Krankheitsausbrüchen, die nicht von der Versicherung abgedeckt werden, schnell Mittel bereitstellen, zum Beispiel bei neuen, unbekannten Erregern oder großen, jedoch nicht länderübergreifenden Ausbrüchen.

Durch beide Komponenten sollen sowohl Aktivitäten von betroffenen Staaten als auch von internationalen Entwicklungs- und Nichtregierungsorganisationen finanziert werden. Im Juni 2017 ist die PEF erstmals an den Markt gegangen. Die Bundesregierung hat eine Beteiligung von einmalig 50 Millionen Euro an der Bargeldkomponente sowie für fünf Jahre Versicherungsprämien in Höhe von fünf Millionen Euro jährlich zugesagt.


Schnell einsetzbare Expertengruppe Gesundheit (SEEG )

SEEG-Einsatz Sri Lanka 2018: Training an der Glovebox

Werden Ausbrüche von Infektionskrankheiten zu spät entdeckt, nicht erkannt oder falsch diagnostiziert, können sie viele Todesfälle verursachen. In zahlreichen Partnerländern der Entwicklungszusammenarbeit sind die Gesundheitssysteme jedoch nicht in der Lage, solche Ausbrüche frühzeitig zu erkennen und unter Kontrolle zu bringen.

Deutschland trägt zur Verbesserung dieser Situation bei. Ein Baustein des deutschen Engagements ist die "Schnell einsetzbare Expertengruppe Gesundheit (SEEG)" des BMZ in Kooperation mit dem Bundesgesundheitsministerium. In kurzfristigen Einsätzen unterstützen Epidemie-Präventionsteams die Partner vor Ort dabei, einen Krankheitsausbruch so früh wie möglich zu erkennen und eine Ausbreitung nach Möglichkeit zu verhindern. So können Leben gerettet und auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Schäden in den betroffenen Staaten vermindert werden.

Die SEEG ist eine Kooperation des Robert-Koch-Instituts, des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin und der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Die Expertengruppe verfügt über weit gefächerte Erfahrungen, etwa in den Bereichen öffentliche Gesundheit, Tropenmedizin, Hygiene, Biosicherheit, Tiermedizin, Risikokommunikation, Abfallmanagement und Logistik.


Einsatzbeispiele

SEEG-Einsatz Togo, 2016: Lassafieber-Diagnostik
  • Im Mai 2018 erklärte die Regierung der Demokratischen Republik Kongo einen Ausbruch von Ebolafieber. Die WHO schätzt das Risiko einer Ausbreitung als hoch für die Region ein, weshalb vorsorglich alle Nachbarländer in Alarmbereitschaft versetzt wurden. Die Republik Kongo grenzt unmittelbar an das Ausbruchsgebiet an. Deshalb unterstützte ein SEEG-Einsatzteam das nationale Labor für öffentliche Gesundheit in Brazzaville dabei, die Diagnostik für Ebolafieber aufzubauen und die Mitarbeiter in der sicheren Bearbeitung von Ebola-Proben zu schulen und sich so auf eine mögliche Ausbreitung des Ausbruchs vorzubereiten.
  • In Peru baute die SEEG im Mai 2018 die Arbovirendiagnostik (mit besonderer Berücksichtigung von Zikafieber) am staatlichen Labor in Iquitos auf, das eine tragende Rolle bei der Detektion von Zikafieber für den ganzen Bundesstaat Loreto spielt. Die nun etablierte Diagnostik trägt wesentlich zur Mutter-Kind-Gesundheit in der Region bei.
  • Ein Team der SEEG war im Februar 2018 in Colombo, Sri Lanka, im Einsatz. Der Grund: Sri Lanka erlebte im vergangenen Jahr den schwersten Ausbruch von Denguefieber seiner Geschichte. Eine schützende Impfung oder eine spezifische Therapie existieren bislang nicht. Die zeitnahe intensivmedizinische Überwachung und Behandlung kann jedoch Leben retten. Voraussetzung hierfür ist die rechtzeitige und sichere Erkennung einer Denguevirus-Infektion einschließlich der Serotypisierung. Ein SEEG-Einsatzteam schulte daher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Colombo North Teaching Hospital und der Universität Colombo, Denguefieber-Infektionen und die verschiedenen Serotypen mit Hilfe molekularer Methoden zu identifizieren.
  • 2018 wurden in Benin wieder (Verdachts-)Fälle von Lassafieber gemeldet. Das nationale Referenzlabor in Cotonou, das bereits 2017 durch die SEEG unterstützt wurde, bat deshalb die SEEG erneut um Hilfe. Da bei viralen hämorrhagischen Fiebern auch alle Kontaktpersonen von Erkrankten überprüft werden müssen, musste das verhältnismäßig kleine Laborteam von fünf Personen eine große Anzahl Proben testen, wobei es dringend Unterstützung benötigte. Deshalb reiste innerhalb weniger Tage ein SEEG-Einsatzteam nach Benin, um beim der sicheren Bearbeitung der Proben zu helfen und Testergebnisse zu validieren. Weiterhin wurde eine zusätzliche Nachweismethode im Labor eingeführt, um das Risiko zu minimieren, Proben als falsch negativ zu deklarieren.
  • Im Februar und März 2018 unterstützte die SEEG während des größten bisherigen Lassafieber-Ausbruchs in Nigeria. Das Einsatzteam schulte Labormitarbeiter/innen des Irrua Specialist Teaching Hospital (ISTH) sowie des Nigeria Centre for Disease Control (NCDC) in der Lassafieber-Diagnostik. Außerdem unterstützte das SEEG-Team bei der Bearbeitung von 1.500 Proben und leistete so einen wichtigen Beitrag zur Kontrolle des Lassafieber-Ausbruchs durch die nigerianischen Gesundheitsbehörden und -zentren. Der SEEG-Einsatz stellte die zuverlässige und schnelle Diagnose eines Großteils aller Lassafieber-Verdachtsfälle im Land sicher.
  • Im November 2017 unterstützte die SEEG Madagaskar dabei, den Ausbruch der hoch ansteckenden Lungenpest in den Griff zu bekommen und sich auf zukünftige Ausbrüche vorzubereiten. Im schwer zugänglichen Hochland bildete die SEEG Gesundheitsfachkräfte in der an lokale Rahmenbedingungen angepassten einfachen mikroskopischen Diagnostik des Pesterregers aus und sorgte für die nötige Ausstattung der lokalen Gesundheitseinrichtungen.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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