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Januar

Ein Jahr Corona: Erkenntnisse zum Umgang mit dem Zusammenspiel von Mensch, Tier und Umwelt


Gastbeitrag von Dr. Maria Flachsbarth, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) 

Hätte jemand vor einem Jahr die breite Öffentlichkeit nach "Zoonosen" befragt, dann hätten die Befragten vielleicht gemutmaßt, dass es um Tierparks und Tiershows geht – oder sie hätten überhaupt nur fragend geschaut.

Aber seit die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Ende 2019 erstmals über das Auftreten eines neuen Coronavirus informiert wurde, hat das globale Bewusstsein für Krankheiten, die Artgrenzen überspringen, und die damit verbundene Bedrohung der menschlichen Gesundheit stark zugenommen.

Dabei stellen Zoonosen, also zwischen Mensch und Tier übertragene Krankheiten, nur ein kleines Rädchen in dem komplexen Zusammenspiel der Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt dar.

Nun, mehr als ein Jahr nach dem ersten Auftreten von COVID-19, lässt sich sagen: Wenn die Welt eine erneute Krise dieses Ausmaßes verhindern will, dann sind mehr Mechanismen nötig, mit denen sich diese komplexen Zusammenhänge besser steuern lassen. Staaten und Behörden müssen in entsprechende Mechanismen investieren und sie ausbauen und anwenden.

Die Wechselwirkungen zwischen der Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt werden im One-Health-Ansatz berücksichtigt. Um die weltweite gesundheitliche Resilienz zu stärken, kommt es auf eine bessere gemeinsame übergreifende Steuerung von One Health in drei Hauptschwerpunkten an:

Zuallererst müssten die Staaten weltweit ein besseres Verständnis der Ausbreitung und Prävalenz zoonotischer Erkrankungen mit Nachdruck fördern, indem sie das Monitoring und die Überwachung von Krankheiten in der Gesundheitsplanung – in den Bereichen öffentliche Gesundheit wie auch Tier- und Umweltgesundheit – zu einem wichtigen Schwerpunkt machen.

Die Staaten müssen bessere und widerstandsfähigere Strukturen aufbauen und umsetzen, mit denen der Ausbruch von Krankheiten bei Mensch und Tier erfasst werden kann – von der Erhebung von Daten vor Ort bis hin zum Aufbau von Verfahren und Plattformen, mit denen die Behörden und Gesundheitsorganisationen wesentliche Informationen austauschen können.

Zoonotische Erkrankungen sind nicht nur ein Thema für Praktiker im Bereich Tiergesundheit. Es bedarf übergreifend in allen Gesundheitsdisziplinen eines stärkeren Bewusstseins für den "Spillover" von Erregern von Wildtieren auf den Menschen, damit wir für die nächste Pandemie besser gewappnet sind. Aus diesem Grund hat die Bundesregierung in Zusammenarbeit mit dem Nutztierforschungsinstitut ILRI (International Livestock Research Institute) mit Sitz in Kenia das "One Health Research, Education and Outreach Centre in Africa" (OHRECA) auf den Weg gebracht.

Um die Bedeutung von Investitionen in das Monitoring und die Überwachung von Krankheiten überzeugend zu vermitteln, kommt es darauf an, dass Forschung und Wissenschaft in der Lage sind, die direkten und indirekten Kosten klar zu belegen, die Tiererkrankungen für Mensch, Wirtschaft und Gesellschaft mit sich bringen – wobei Corona hier nur einen kleinen Vorgeschmack vermittelt. Das verschafft den politischen Entscheidungsträgern eine solidere Grundlage für Entscheidungen im Lichte dieser möglichen Auswirkungen.

Initiativen wie das "Global Burden of Animal Diseases Programme" spielen bei diesem Informationsaustausch eine entscheidende Rolle. Sie erlauben die Erarbeitung wichtiger Messgrößen, das Erkennen von Mängeln im weltweiten Tiergesundheitssystem und die Bereitstellung von Lösungen zur Unterstützung von Praktikern im Gesundheitsbereich, Viehhaltern und der Gesellschaft insgesamt.

Zweitens muss die Lebensmittelsicherheit – insbesondere im Hinblick auf Nahrungsmittel tierischen Ursprungs wie Fleisch, Milch und Eier – von den Institutionen zum Schwerpunkt gemacht werden, insbesondere in den Entwicklungsländern.

Lebensmittelbedingte Krankheiten verursachen Jahr für Jahr über 420.000 Todesfälle. 40 Prozent von ihnen betreffen Kinder unter fünf Jahren.

Hygienisch bedenkliche Lebensmittel, die beispielsweise durch gefährliche Viren, Bakterien, Parasiten, Toxine oder chemische Schadstoffe belastet sind, können über 200 bekannte Krankheiten auslösen. Durch Nahrungsmittel verursachte Krankheiten treffen überproportional häufig Menschen in ärmeren Ländern. Dort sind gezielte, angepasste Maßnahmen und Anreize zur Verbesserung der Hygiene erforderlich.

Vorwiegend ausgelöst durch Studien zum Ursprung des Covid-19-Erregers entstehen inzwischen im Zuge der Pandemie erste gezielte Initiativen, beispielsweise die "STOP Spillover"-Initiative, die von USAID mit 100 Millionen Dollar gefördert wird. Diese Maßnahmen müssen aber noch ausgebaut werden und die öffentliche Gesundheit muss als Schwerpunkt in der Agrarpolitik und den Ernährungssystemen insgesamt verankert werden.

Schließlich bedarf es auch einer verstärkten interdisziplinären Zusammenarbeit zum Monitoring und zur Prävention anderer One-Health-Themen wie beispielsweise der zunehmenden Resistenz von Krankheitserregern gegen Medikamente und Behandlung, der sogenannten antimikrobiellen Resistenzen (AMR).

Bestehende Initiativen sind hier unter anderem die "Tripartite Collaboration on AMR" der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) sowie der "Antimicrobial Resistance Hub" des internationalen Verbundes der Agrarforschungseinrichtungen (CGIAR) unter Federführung von ILRI. Diese leisten bereits sehr wichtige Beiträge zur Bekämpfung der wachsenden AMR-Bedrohung.

Aber es müssen dringend weitere interdisziplinäre, überregionale Partnerschaften gefördert werden, damit die Risiken von AMR für Mensch, Tier und Umwelt minimiert werden.

Die COVID-19-Pandemie hat ein Schlaglicht auf einige der von Tieren ausgehenden Gesundheitsprobleme geworfen, mit denen die ärmeren Länder schon seit Längerem kämpfen. Die Gefährdung durch Zoonosen ist nur ein Bereich von One Health, aber ein Schlüsselbereich.

Das neue Coronavirus hat uns mit großer Härte vor Augen geführt, dass Krankheiten nicht im luftleeren Raum entstehen. Im Zuge der weiteren Maßnahmen müssen Staaten und Gesundheitsbehörden die aktuelle Krise als Katalysator für die Stärkung der Resilienz des gesamten Gesundheitssystems nutzen.

Wir alle hoffen, dass die Impfstoffe uns dabei helfen werden, die jetzige Pandemie erfolgreich zu bekämpfen. Aber um uns für die nächste potenzielle Pandemie zu wappnen, müssen wir wachsam sein, präventiv handeln und – der wichtigste Punkt – uns von wissenschaftlichen Empfehlungen leiten lassen.

Wir wissen, dass es auch künftig zu Spillover-Ereignissen kommen wird. Deshalb müssen wir alle Maßnahmen zur Vermeidung solcher Ereignisse ergreifen, die uns möglich sind, um die Entstehung und Ausbreitung neuer Krankheiten zu verhindern. Und wir dürfen nicht vergessen, dass sich die antimikrobiellen Resistenzen zu einer zunehmend lebensbedrohlichen Gefahr entwickeln.

Investitionen in One Health können künftige Pandemien verhindern und die Belastung durch AMR sowie die mit Pandemien einhergehenden enormen sozialen und wirtschaftlichen Kosten begrenzen.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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