Hauptinhalt

Indien

Situation und Zusammenarbeit

Ein indisches Schulmädchen in einem Slum in Delhi

Indien ist ein Land extremer Gegensätze. Trotz boomender Zentren wie Mumbai, Delhi oder Bangalore leben immer noch mehr als 20 Prozent der Gesamtbevölkerung, das sind rund 280 Millionen Menschen, von umgerechnet weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag. Fast 15 Prozent der Inderinnen und Inder sind unterernährt. 38 Prozent der Kinder unter fünf Jahren leiden aufgrund chronischer Unterernährung unter Wachstumsverzögerungen. Die Kindersterblichkeit liegt höher als in den Nachbarländern Nepal und Bangladesch, die zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt (LDCs) gehören. Der Welthunger-Index 2017 bewertet die Situation in Indien als "ernst".

Die öffentlichen Ausgaben für Bildung und Gesundheit reichen bislang nicht aus, um die gesamte Bevölkerung zu versorgen. Auch die Qualität der Angebote ist oft noch zur gering. Eine der Folgen: Etwa ein Viertel der Erwachsenen kann weder lesen noch schreiben. Mängel bestehen auch in der Infrastruktur: So haben mehr als 260 Millionen Menschen keinen Stromanschluss, etwa 790 Millionen Inderinnen und Inder verfügen über keine sanitären Einrichtungen.

Obwohl die Geschlechtergleichheit in der Verfassung verankert ist, werden Mädchen und Frauen in der indischen Gesellschaft weiterhin erheblich benachteiligt. Ihr Zugang zu Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen hat sich zwar deutlich verbessert. In vielen Familien werden die männlichen Mitglieder jedoch bei der Ernährung, medizinischen Versorgung und Bildung immer noch bevorzugt. Gewalt gegen Frauen ist weit verbreitet.

Wirtschaft

Eine Mitarbeiterin eines Pharmaunternehmens im indischen Bangalore bei der Arzneimittelherstellung

In den vergangenen 20 Jahren verzeichnete Indien ein stabiles Wirtschaftswachstum. 2016 wuchs die Volkswirtschaft um 7,1 Prozent, für 2018 rechnet der Internationale Währungsfonds (IWF) mit einem Wert von 7,4 Prozent. In einigen Bereichen gehört das Land inzwischen zur Weltspitze – zum Beispiel in der Informationstechnik, der Pharmazie, der Raumfahrt und der Biotechnologie.

Um die Wirtschaft weiter anzukurbeln und deutlich mehr Menschen als bisher an der günstigen Entwicklung teilhaben zu lassen, hat die Regierung in den vergangenen Jahren eine Reihe von Gesetzen reformiert. Unter anderem wurde beschlossen, das Land stärker ausländischen Investoren zu öffnen, Genehmigungsprozesse zu vereinfachen und die staatlichen Banken zu sanieren. 2016 wurde die Einführung einer landesweit einheitlichen Mehrwertsteuer beschlossen. Außerdem erklärte die indische Regierung im November 2016 alle 500- und 1.000-Rupien-Scheine für ungültig, um Korruption und Schwarzgeld zu bekämpfen. Etwa 85 Prozent des sich im Umlauf befindlichen Bargelds verloren damit quasi über Nacht ihren Wert.

Experten gehen davon aus, dass diese Maßnahmen Indiens Wirtschaftswachstum nur kurzfristig ausbremsen und die Reformen sich mittel- bis langfristig positiv auswirken werden. Im "Doing Business"-Bericht der Weltbank für 2018, der das Geschäftsklima in 190 Staaten bewertet, verbesserte sich Indien um 30 Plätze im Vergleich zum Vorjahr und liegt jetzt auf Rang 100.

Noch ist die indische Volkswirtschaft allerdings durch ein deutliches Missverhältnis geprägt: Der Anteil einzelner Wirtschaftsbereiche am Bruttoinlandsprodukt (BIP) spiegelt sich nicht in der Zahl der Arbeitsplätze wider. Deutlich mehr als 40 Prozent der arbeitenden Bevölkerung sind in der Landwirtschaft beschäftigt – die aber nur noch rund 17 Prozent zum BIP beiträgt. Wachstum und Wohlstand sind vor allem dem Dienstleistungssektor zu verdanken (BIP-Anteil: 54 Prozent). Er bietet jedoch nur etwa 30 Prozent der Bevölkerung eine Beschäftigung.

Um die Armut im Land zu überwinden, müssen sehr viele neue Arbeitsplätze geschaffen werden – vor allem für nicht oder gering qualifizierte Arbeitskräfte. Nach Regierungsangaben haben nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung im Erwerbsalter eine berufliche Qualifikation. Für die jährlich bis zu 12 Millionen jungen Menschen, die neu auf den Arbeitsmarkt kommen, gibt es bisher zu wenige Ausbildungsangebote, die überdies meist von sehr geringer Qualität sind.


Landwirtschaft

Der indische Agrarsektor ist zu einem Großteil auf Selbstversorgung ausgerichtet. Aufgrund des Bevölkerungswachstums werden in vielen Regionen die Betriebsflächen immer kleiner, immer mehr Menschen besitzen kein eigenes Land mehr. Viele Kleinbauern sind überschuldet.

Konfliktpotenzial liegt auch in der zunehmenden Zerstörung der Böden und in den erheblichen Auswirkungen des Klimawandels. Nach Angaben der indischen Regierung ist mehr als die Hälfte der Landfläche von Desertifikation oder Bodendegradierung betroffen. Die vorliegenden Modellrechnungen zum weltweiten Klimawandel deuten auf zunehmende Schwankungen von Temperaturen und Niederschlägen auf dem indischen Subkontinent hin. Dürren und Überschwemmungen könnten demnach in Zukunft weiter zunehmen und mit ihnen die Auseinandersetzungen um die knappen Ressourcen Wasser und Boden.

Nach dem Willen der Regierung sollen die Einkommensunterschiede zwischen Stadt und Land verringert werden. Im Agrarsektor sollen durch bessere Anbau- und Verarbeitungsmethoden die Erträge steigen. Außerdem sollen in den ländlichen Räumen neue Arbeitsplätze außerhalb der Landwirtschaft geschaffen werden.


Umweltbelastung

In einem Slum von Neu-Delhi, in dem die Bevölkerung in erster Linie vom Müllsammeln lebt, sortieren Frauen Plastikabfälle.

Die schnelle Wirtschaftsentwicklung und der hohe Rohstoffverbrauch Indiens belasten die Umwelt zunehmend: Die Luftqualität in indischen Ballungszentren ist sehr schlecht, die Gewässer des Landes sind stark verschmutzt, in weiten Landesteilen gibt es keine geregelte Müll- und Abwasserentsorgung.

Zwar verfügt Indien über eine moderne Umweltgesetzgebung, doch bei ihrer Anwendung fehlt es häufig an lokaler Fachkompetenz, eindeutig definierten Zuständigkeiten und an finanziellen Mitteln. Es wird von entscheidender Bedeutung für die nachhaltige Entwicklung des Landes und auch für das globale Klima sein, inwieweit Indiens Wachstum umweltverträglich gestaltet werden kann.


Schwerpunkte der deutschen Zusammenarbeit mit Indien

Die deutsch-indische Entwicklungszusammenarbeit verläuft sehr vertrauensvoll und erfolgreich. Sie hat sich zu einem anspruchsvollen Dialog zwischen gleichberechtigten Partnern entwickelt.

Die Kooperation der Bundesrepublik mit globalen Entwicklungspartnern wie Indien konzentriert sich weniger auf lokale Einzelprojekte als vielmehr auf strukturbildende Programme: Die Vorhaben knüpfen an indische Eigenanstrengungen und Reformprogramme an. Sie zeigen modellhafte Lösungen auf und qualifizieren die beteiligten Partner, die Vorhaben eigenständig weiterzuführen und auszuweiten.

2017 wurden Indien im Rahmen der deutsch-indischen Entwicklungszusammenarbeit Mittel in Höhe von 1,054 Milliarden Euro zugesagt. Davon entfallen mehr als eine Milliarde Euro auf die finanzielle und 22,5 Millionen Euro auf die technische Zusammenarbeit. Die Mittel der finanziellen Zusammenarbeit werden zum überwiegenden Anteil als Darlehen zu marktnahen Konditionen gewährt und von Indien verzinst zurückgezahlt.

Folgende Arbeitsschwerpunkte wurden vereinbart:

  • Erneuerbare Energien und Energieeffizienz
  • Nachhaltige Stadtentwicklung
  • Umwelt- und Ressourcenschutz

Deutschland engagiert sich auch im Rahmen der Sonderinitiative "EINEWELT ohne Hunger" in Indien und fördert unter anderem ein Grünes Innovationszentrum und Maßnahmen zum Bodenschutz und zur Ernährungssicherung.

Um Beschäftigungsmöglichkeiten für die junge Bevölkerung zu schaffen und die Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstands zu steigern, wird Indien außerdem beim Aufbau eines praxisorientierten dualen Berufsbildungssystems unterstützt. Dafür wurden zunächst Unternehmensbereiche an drei Standorten ausgewählt: die Automobilindustrie in Aurangabad (Bundesstaat Maharashtra), die Elektronikindustrie in Bangalore (Bundesstaat Karnataka) und das energieeffiziente Bauhandwerk in Bhiwadi (Bundesstaat Rajasthan).


Erneuerbare Energien und Energieeffizienz

Stromleitungen in Neu-Delhi, Indien

Bei der indischen Energieversorgung zeigt sich eine große Lücke zwischen Angebot und Nachfrage: Der Energieverbrauch steigt unaufhaltsam, doch die meisten vorhandenen Kraftwerke sind veraltet und ineffizient und stoßen große Mengen Treibhausgase und andere Schadstoffe aus. Die Bevölkerung – vor allem im ländlichen Raum – ist stark unterversorgt und auch die wirtschaftliche Entwicklung wird durch den Strommangel erheblich gebremst. Andererseits ist Indien bereits heute nach China und den USA der drittgrößte Kohlendioxid-Emittent der Welt. Seine Wirtschafts- und Umweltpolitik hat dadurch direkten Einfluss auf die Entwicklung des Weltklimas.

Deutschland unterstützt Indien daher dabei, die Energieversorgung technisch und wirtschaftlich effizient sowie sozial und ökologisch nachhaltig zu gestalten. Im Mittelpunkt der Entwicklungszusammenarbeit steht die Förderung erneuerbarer Energien. Im Oktober 2015 wurde im Rahmen der Regierungskonsultationen eine deutsch-indische Solarpartnerschaft auf den Weg gebracht. Das Kooperationsvolumen beträgt eine Milliarde Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren. Im Rahmen dieser Partnerschaft sollen vor allem Solardachanlagen, die in Indien noch wenig verbreitet sind, sowie die dezentrale Stromversorgung ländlicher Gebiete durch Solaranlagen und Solarparks gefördert werden. Begleitend dazu sollen Fachkräfte ausgebildet werden, um örtliche Unternehmen bei der Einfuhr, dem Vertrieb, der Installation und der Wartung von Solaranlagen zu unterstützen.

Indien hat die Produktion von Strom aus erneuerbaren Energien in den vergangenen Jahren bereits deutlich gesteigert. Ein Engpass besteht aber mittlerweile bei deren Einspeisung in das stark belastete indische Stromnetz. Mit einem umfangreichen Darlehen fördert die Bundesrepublik den Ausbau von Übertragungsleitungen ("Grüne Energiekorridore"), um die Anbindung von Solar-, Wind- und Wasserkraftwerken an das nationale Stromnetz zu verbessern.

Wichtige Ziele der Zusammenarbeit sind zudem, die Effizienz bei der Energiegewinnung zu erhöhen, Stromverluste bei der Übertragung zu verringern und den Stromverbrauch in Unternehmen und privaten Haushalten zu senken.


Nachhaltige Stadtentwicklung

Ein Mitarbeiter auf der Baustelle der neuen U-Bahn in Neu Delhi, Indien

2016 wurde die nachhaltige Stadtentwicklung als neuer Arbeitsschwerpunkt der Kooperation von Indien und Deutschland vereinbart. Zurzeit leben rund 30 Prozent der indischen Bevölkerung in Städten, davon ein Viertel unter schlechten Bedingungen in Slums. In den kommenden 15 Jahren wird der Anteil der städtischen Bevölkerung voraussichtlich auf über 40 Prozent steigen. Die indische Regierung hat darum zahlreiche Initiativen im Bereich Stadtentwicklung angestoßen, darunter eine "Smart Cities Mission" und eine Initiative zur Reinigung des Ganges.

Deutschland engagiert sich im Bereich der Sanitärversorgung und beim Management von Abwasser und Abfall in Haushalten und Industrie. Im Bereich Stadtplanung/städtische Governance werden Verantwortliche auf nationaler, Bundesstaats- und lokaler Ebene zu Themen wie Raumplanung, soziale Wohnungspolitik und Slum-Modernisierung beraten.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Förderung einer klimafreundlichen städtischen Mobilität. Investiert wird zum Beispiel in den Ausbau eines umweltschonenden Personennahverkehrs und in intelligente Systeme zur Verkehrssteuerung.


Umwelt-und Ressourcenschutz

Der Schutz der Böden, des Wassers und der Luft sowie der Erhalt der Artenvielfalt auf dem indischen Subkontinent sind Fragen von nationaler wie globaler Bedeutung. Die indische Regierung schafft es bisher jedoch nur in Ansätzen, der hohen Umweltbelastung und den Folgen des Klimawandels entgegenzuwirken.

Das deutsche Engagement in diesem Schwerpunkt konzentriert sich auf die zwei Handlungsfelder Klimaanpassung im ländlichen Raum und Schutz der natürlichen Ressourcen und der Biodiversität.

Im Bereich Klimaanpassung lautet das Ziel, die ländliche Bevölkerung und die ländlichen Institutionen auf den Klimawandel vorzubereiten. Gemeinsam werden Anpassungsstrategien erarbeitet und entsprechende Finanzierungsmodelle entwickelt. Dies soll gewährleisten, dass die Landwirte ihre Erträge steigern und auch unter veränderten klimatischen Bedingungen ihren Lebensunterhalt langfristig sichern können. Außerdem wird die indische Regierung dabei unterstützt, ein Beschäftigungsprogramm für Landarbeiter technisch zu verbessern, damit sich die Projekte dauerhaft positiv auf die Umwelt auswirken.

Im Bereich Ressourcenschutz geht es darum, die artenreichen Ökosysteme Wald, Feuchtgebiete, Küsten und Meere dauerhaft zu erhalten. Dazu soll das Bewusstsein für den Wert von Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen gestärkt werden. Unter anderem unterstützt Deutschland Indien dabei, finanzielle Anreizsysteme zu entwickeln, die die lokale Bevölkerung für den Schutz und die nachhaltige Nutzung von Ökosystemen belohnen.


Weitere Informationen

CHECK [D]EINEWELT

Holi-Fest in Indien mit der Frage "Welchen Weltrekord knackt Indien bald?"

Welchen Weltrekord knackt Indien bald?
Jetzt mitspielen und gewinnen auf www.einewelt-quiz.de

Publikationen

Lexikon der Entwicklungspolitik

Fenster schließen

 

Seite teilen