Smartphone-Nutzer

Hintergrund E-Governance: Mehr Transparenz und Teilhabe durch moderne Technik

In den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl der Mobilfunknutzer rasant angestiegen. Während es nach Schätzungen der Internationalen Fernmeldeunion (International Telecommunication Union, ITU) 2005 weltweit nur etwa 2,2 Milliarden Mobilfunk-Abonnements gab, waren es 2019 rund 8,3 Milliarden, 6,3 Milliarden davon in Entwicklungsländern. Auch die Zahl der Internetnutzer stieg an. 2001 nutzten weltweit 1,1 Milliarden Menschen das Internet, 2019 waren es 4,1 Milliarden, davon 3 Milliarden in Entwicklungsländern.

Mit der stei­gen­den Ver­füg­bar­keit von In­for­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gi­en (IKT) in Ent­wick­lungs- und Schwel­len­län­dern er­öff­nen sich völ­lig neue We­ge der Re­gie­rungs­füh­rung – und da­mit auch Po­ten­zia­le für die Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit in die­sem Be­reich. Mit­tels In­ter­net und Han­dy kön­nen neue Be­tei­li­gungs­mög­lich­kei­ten er­probt, Trans­pa­renz und Re­chen­schafts­pflicht ge­stärkt und staat­li­che Leis­tun­gen ef­fi­zi­en­ter er­bracht wer­den. An­sät­ze die­ser Art wer­den un­ter dem Be­griff "Elec­tronic Gov­er­nance", kurz: E-Gov­er­nance, zu­sam­men­ge­fasst.


Rahmenbedingungen für E-Governance

Um E-Gov­er­nance-Struk­tu­ren auf­bau­en und sie ent­wick­lungs­po­li­tisch nut­zen zu kön­nen, müs­sen ei­ni­ge Vor­aus­set­zun­gen er­füllt sein.

Grund­la­ge ist ei­ne funk­tio­nie­ren­de Ba­sis­in­fra­struk­tur (Strom­ver­sor­gung, In­ter­net­zu­gang). Be­reits dies stellt vie­le Ko­ope­ra­ti­ons­län­der der deut­schen Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen.

Bis­lang ist noch ei­ne "di­gi­ta­le Kluft" zwi­schen In­dus­trie- und Ent­wick­lungs­län­dern, zwi­schen Stadt und Land, zwi­schen Reich und Arm zu ver­zeich­nen. Die zu­neh­men­de Ver­städ­te­rung und der ra­pi­de Aus­bau mo­bi­ler Net­ze tra­gen je­doch mit­tel- bis lang­fris­tig zur Ver­bes­se­rung die­ser Si­tua­ti­on bei. Vor al­lem in länd­li­chen Ge­gen­den ist der Auf­bau ei­ner di­gi­ta­len In­fra­struk­tur je­doch auf­wen­dig und teu­er. Ge­nau dort le­ben aber die meis­ten Ar­men, die be­son­ders im Fo­kus der Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit ste­hen.

Ei­ne wei­te­re Be­din­gung für die Ver­bes­se­rung der Trans­pa­renz und Teil­ha­be durch mo­der­ne Tech­nik ist, dass die Ver­ant­wort­li­chen in Staat und Ver­wal­tung in der La­ge sind, ent­spre­chen­de Stra­te­gi­en ei­gen­ver­ant­wort­lich um­zu­set­zen. E-Gov­er­nance kann kei­ne Ma­nage­ment­män­gel aus­glei­chen, im Ge­gen­teil: Es braucht ein gu­tes Ma­nage­ment, um E-Gov­er­nance wirk­sam um­set­zen zu kön­nen.

Um Dis­kri­mi­nie­rung zu ver­mei­den, müs­sen be­stimm­te Fak­to­ren ge­nau ana­ly­siert und beim Auf­bau von E-Gov­er­nance-Sys­te­men be­rück­sich­tigt wer­den. Da­zu ge­hö­ren die Al­ters­struk­tur, das Bil­dungs­ni­veau, die Stel­lung der Frau­en, die Ein­kom­mens­ver­tei­lung, Sprach­un­ter­schie­de und das Ver­hält­nis von Land- und Stadt­be­völ­ke­rung.

Und: E-Gov­er­nance setzt vor­aus, dass die Be­völ­ke­rung dem Staat Ver­trau­en ent­ge­gen­bringt. Tut sie dies nicht, wird sie neue An­ge­bo­te der Kom­mu­ni­ka­ti­on und Mit­wir­kung nicht nut­zen.

Chancen von E-Governance

In­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gi­en (IT) bie­ten ei­ne Rei­he von Mög­lich­kei­ten, die dem ent­wick­lungs­po­li­ti­schen Ziel der gu­ten Re­gie­rungs­füh­rung dien­lich sind.

Ver­bes­se­rung der Da­ten­la­ge

Ak­tu­el­le Da­ten­be­stän­de sind die Grund­la­ge für je­de Ent­wick­lungs­pla­nung. Doch in vie­len Ent­wick­lungs­län­dern ist die Da­ten­la­ge, et­wa im Ein­woh­ner­mel­de­we­sen oder bei der Land­re­gis­trie­rung, un­zu­rei­chend. IT-An­wen­dun­gen er­mög­li­chen ei­ne sys­te­ma­ti­sche und au­to­ma­ti­sier­te Er­he­bung sta­tis­ti­scher Kenn­zah­len. Wer staat­lich re­gis­triert ist, al­so ei­ne rechts­gül­ti­ge Iden­ti­tät be­sitzt, kann sei­ne Bür­ger­rech­te bes­ser aus­üben (zum Bei­spiel wäh­len) und er­hält leich­ter Zu­gang zu öf­fent­li­chen und pri­va­ten Dienst­leis­tun­gen (zum Bei­spiel Ge­sund­heit, Bil­dung, Ver­si­che­run­gen).

​Kom­mu­ni­ka­ti­on und Be­tei­li­gung

Das In­ter­net er­mög­licht neue For­men der Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Staat und Be­völ­ke­rung – und da­mit mehr Bür­ger­nä­he. Wenn Haus­halts- und Land­nut­zungs­plä­ne, Ge­setz­ent­wür­fe und Plä­ne für kom­mu­na­le In­fra­struk­tur­vor­ha­ben on­line ab­ruf­bar sind, kön­nen die Bür­ger dar­über dis­ku­tie­ren und sich ak­tiv in Ent­schei­dungs­pro­zes­se ein­brin­gen. Sprach­er­ken­nen­de Tech­no­lo­gi­en er­mög­li­chen es, auch An­alpha­be­ten ein­zu­be­zie­hen. Mo­bi­le An­wen­dun­gen sen­ken die Hür­den, sich zu be­tei­li­gen.

​Re­chen­schaft und Trans­pa­renz

Durch In­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie kann auch die Trans­pa­renz des staat­li­chen Han­delns deut­lich er­höht wer­den, et­wa im Fi­nanz- und Steu­er­sys­tem. Wenn zum Bei­spiel Ge­mein­den ih­re Ein­nah­men und Aus­ga­ben im In­ter­net ver­öf­fent­li­chen, kön­nen die Fi­nanz­strö­me leich­ter kon­trol­liert und über­wacht wer­den. IT sorgt im­mer da­für, dass Vor­gän­ge in ei­ne fes­te, vor­ge­ge­be­ne Form ge­bracht wer­den. Mög­lich­kei­ten für Ma­ni­pu­la­ti­on, Kor­rup­ti­on und will­kür­li­che Amts­hand­lun­gen wer­den da­durch ein­ge­schränkt.

Crowd­sourc­ing

Über das In­ter­net kön­nen leis­tungs­schwa­che Ver­wal­tun­gen Dienst­leis­tun­gen aus­la­gern – und zwar an die Bür­ger selbst. Die­ses Wei­ter­rei­chen von Auf­ga­ben (eng­lisch: Out­sourc­ing) an ei­ne Viel­zahl Un­be­kann­ter (eng­lisch: crowd = Men­ge) wird als Crowd­sourc­ing be­zeich­net. In Ägyp­ten wird die­ses In­stru­ment zum Bei­spiel von Bür­ger­initia­ti­ven zur Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fung ge­nutzt. In Ke­nia sam­mel­ten Frei­wil­li­ge In­fra­struk­tur­da­ten ei­nes Ar­men­vier­tels von Nai­ro­bi. Sie lie­fer­ten da­mit nicht nur wert­vol­le Da­ten für die Stadt­pla­nung, son­dern schu­fen auch die Grund­la­ge für öf­fent­li­che Be­ra­tun­gen zwi­schen Slum-Be­woh­nern und Stadt­ver­wal­tung.

Risiken von E-Governance

E-Gov­er­nance ist ein hoch­kom­ple­xes The­ma, die Ein­füh­rung setzt fun­dier­tes Fach­wis­sen vor­aus. Da­für wer­den Ex­per­ten be­nö­tigt, die sich nicht nur mit In­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gi­en gut aus­ken­nen, son­dern auch mit den po­li­ti­schen und so­zia­len Ge­ge­ben­hei­ten im be­tref­fen­den Land. Die meis­ten E-Gov­er­nance-An­sät­ze wur­den in In­dus­trie­staa­ten ent­wi­ckelt. Die­se las­sen sich nicht ein­fach ex­por­tie­ren und ei­nem Ent­wick­lungs­land "über­stül­pen".

Ei­ner­seits be­steht die Ge­fahr, dass sie nicht funk­tio­nie­ren, weil die Vor­aus­set­zun­gen völ­lig an­de­re sind. An­de­rer­seits kann es pas­sie­ren, dass sich das Ent­wick­lungs­land in ei­ne tech­no­lo­gi­sche Ab­hän­gig­keit von ei­nem an­de­ren Staat oder ei­nem Soft­ware-Un­ter­neh­men be­gibt – was dem Ge­dan­ken der gu­ten Re­gie­rungs­füh­rung wi­der­spricht. Wer­den IT-Dienst­leis­tun­gen an pri­va­te Fir­men aus­ge­la­gert, be­steht über­dies ein ho­hes Kor­rup­ti­ons­ri­si­ko.

Auch Fra­gen zu Da­ten­schutz, Mei­nungs­frei­heit und de­mo­kra­ti­scher Kon­trol­le müs­sen vor der Ein­rich­tung elek­tro­ni­scher Sys­te­me ge­klärt wer­den. Pro­gram­me, die ei­ne Bür­ger­infor­ma­ti­on und -be­tei­li­gung er­mög­li­chen, kön­nen auch zur Mei­nungs­ma­ni­pu­la­ti­on ge­nutzt wer­den. Wenn die Re­gie­rung die Netz­in­fra­struk­tur und die Soft­ware kon­trol­liert, kon­trol­liert sie auch sämt­li­che In­hal­te. Sie kann sie für ei­ge­ne In­ter­es­sen miss­brau­chen – und kann ein­zel­ne Sei­ten oder so­gar das ge­sam­te Netz nach Be­lie­ben ab­schal­ten.