Ein Weckruf für den Naturschutz

Gastbeitrag von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller
erschienen in der Rheinischen Post (Externer Link) am 7. April 2021

Am Weltgesundheitstag an diesem Mittwoch steckt die Welt mitten in einer neuen Corona-Welle: die Neuinfektionen sind weltweit auf 500.000 pro Tag gestiegen, 2,7 Millionen Menschen sind gestorben. Wie viele Menschen bin ich froh, dass endlich geimpft wird. Es reicht aber nicht, Corona nur in Deutschland einzudämmen. Sonst kommt das Virus im nächsten Flieger zurück, vielleicht noch gefährlicher. Deshalb ist nur eine weltweite Impfkampagne der Weg aus der Krise. Aber bislang finden nur 0,5 Prozent der Impfungen in den ärmsten Ländern statt. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden drei Viertel der Impfdosen in gerade einmal zehn der reichsten Länder verimpft. Das ist nicht akzeptabel.

Impfstoffe sind ein globales Gut, das allen zur Verfügung stehen muss. Ziel ist es, mindestens 20 Prozent der Menschen in Entwicklungsländern bis zum Jahresende zu impfen. Die Infrastruktur ist weitgehend aufgebaut, was fehlt, sind der Impfstoff, die Zusagen und die Finanzierung. Derzeit fehlen 22 Milliarden US-Dollar. Deutschland geht hier voran und hat 2,2 Milliarden Euro als einer der größten Unterstützer weltweit bereitgestellt. Aber die Weltgemeinschaft, insbesondere die reichen Staaten, müssen hier deutlich mehr leisten, um die Lücke noch in diesem Jahr zu schließen – in unser aller Interesse.

Denn die Viren mutieren. Wir müssen deswegen so viele Menschen wie möglich impfen. Am vergangenen Montag traf ich die neue WTO-Chefin Ngozi Okonjo-Iweala, die erste Afrikanerin an der Spitze der Welthandelsorganisation. Wir sind uns einig, wie wir die Impfstoffversorgung verbessern können. Es darf keine Exportbeschränkungen für Impfstoffproduktionen geben, die Impfstoffproduktion muss weltweit zügig ausgebaut werden. Das heißt: verstärkte weltweite Kooperationen der Impfstoffhersteller mit möglichen Produzenten – auch in Asien oder Afrika – durch Lizenzproduktion, Technologietransfers und Forschungszusammenarbeit. Hier muss deutlich mehr passieren.

Die Pandemie zeigt aber auch: Wir brauchen ein neues Verständnis von globaler Gesundheit. Dazu gehört zuallererst ein besserer Austausch der Forschungsergebnisse von Wuhan bis Washington. Wir müssen wissen, was wann passiert und dürfen es nicht zufällig erfahren. Und wir müssen an den Ursachen ansetzen, anstatt nur die Symptome zu bekämpfen.

Denn der Ausbruch der Pandemie ist auch Folge des weltweit ausbeuterischen Umgangs mit der Natur. Das Virus hat seinen Ursprung bei Wildtieren – deswegen müssen wir den Wildtierhandel drastisch verringern und die gefährlichsten Wildtiermärkte jetzt schließen. Deutschland hat dazu zusammen mit Umweltschutzorganisationen eine weltweite Wildtier-Allianz gegründet. Drei Viertel aller neu auftretenden Infektionskrankheiten stammen von Tieren. Wo Regenwälder brennen und Wildtiere ausgerottet werden, verlieren Viren ihren ursprünglichen Wirt und springen leichter auf Menschen über. Jedes Jahr sterben an Zoonosen wie Ebola oder Vogelgrippe bereits 2,7 Millionen Menschen.

Zudem müssen wir die WHO zu einem Weltpandemiezentrum ausbauen – mit einem besseren Frühwarnsystem und schnelleren Gegenmaßnahmen bei der Ausbreitung von Infektionen. Wir brauchen außerdem weltweit bessere Lebensmittelkontrollen sowie Veterinärdienste und eine nachhaltige Landwirtschaft, um die Übertragung von Viren auf den Menschen einzudämmen.

Die deutsche Entwicklungspolitik geht voran und unterstützt weltweit 670 Naturschutzgebiete mit einer Gesamtfläche sechsmal so groß wie Deutschland – etwa das weltgrößte Schutzgebiet Kavango-Zambezi, das im südlichen Afrika 36 Nationalparks umfasst. Um diese Maßnahmen zu bündeln, hat das Entwicklungsministerium eine Unterabteilung zu One Health aufgebaut. Das erste One-Health-Center wurde in Kenia zusammen mit dem Internationalen Tierforschungsinstitut eröffnet.

Die Naturzerstörung schreitet derzeit in brutaler Geschwindigkeit voran: Jede Minute werden 15 Fußballfelder Wald abgeholzt – vornehmlich für die Soja- und Palmölproduktion. Stoppen wir diesen Trend nicht, dann wird Covid-19 nicht die letzte Pandemie gewesen sein. Virologen schätzen, dass 40 weitere Viren ein Pandemie-Potenzial wie Corona haben. Covid-19 ist so auch ein Weckruf: Wir müssen umdenken. Nur wenn wir die Natur schützen, schützen wir auch unsere eigene Gesundheit.