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Hintergrund: Rückgang der Biodiversität
Seit einigen Jahrzehnten verringert sich die Biodiversität dramatisch. Natürliche Lebensräume wie Wälder oder Korallenriffe werden vernichtet. Besonders deutlich wird das in den 34 sogenannten Biodiversitäts-Hotspots weltweit. Das sind jene Ökosysteme, die einen hohen Prozentsatz endemischer – also nur dort vorkommender – Arten aufweisen und die gleichzeitig oft auch besonders bedroht sind. Beispielsweise ist der brasilianische Atlantikregenwald auf nur etwa acht Prozent seiner Ursprungsfläche geschrumpft. Die Abholzung in diesem Gebiet begann bereits im 17. Jahrhundert – allerdings wurde in den letzten 50 Jahren ebenso viel Fläche gerodet wie in den drei Jahrhunderten zuvor.
Die Fakten sind besorgniserregend: Nach Angaben der International Union for Conservation of Nature (IUCN) sind mehr als ein Drittel der in der Roten Liste erfassten knapp 56.000 Arten als "gefährdet" eingestuft (Stand: Oktober 2010). Da noch längst nicht alle Arten entdeckt und beschrieben sind, dürfte die Dunkelziffer weitaus höher liegen.
Auch die Aussterberate hat sich massiv erhöht – nach Einschätzungen des World Wide Fund for Nature (WWF) ist sie durch menschlichen Einfluss heutzutage bis zu zehntausendmal höher als unter natürlichen Bedingungen. Dieser endgültige Artenverlust betrifft nicht nur wild lebende Tiere und Pflanzen, auch alte Kulturpflanzen und Haustierrassen verschwinden, weil sie den Ansprüchen der modernen Landwirtschaft nicht mehr genügen. Die Gründe für diese rasante Verminderung sind vielschichtig: Übernutzung und der steigende Druck auf natürliche Ressourcen durch eine wachsende Weltbevölkerung sowie der bereits jetzt spürbare Klimawandel sind wesentliche Ursachen für den Biodiversitätsverlust.
Gehen diese Prozesse ungebremst weiter, hat dies auch für den Menschen schwerwiegende Folgen: Durch den Arten- und Ökosystemverlust gehen wichtige Leistungen der Natur, zum Beispiel sauberes Wasser, fruchtbare Böden, genetische Ressourcen und der natürliche Schutz vor Unwetterereignissen, verloren.
Übernutzung und Raubbau
Die übermäßige Nutzung der Tier- und Pflanzenwelt und ihrer Lebensräume durch den Menschen ist eine der Hauptursachen für den Verlust an Biodiversität. Laut dem Weltfischereibericht 2010 der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ist die Hälfte der erfassten Fischarten bis an die Grenze ihrer nachhaltig nutzbaren Kapazität befischt. Ein weiteres Drittel ist sogar überfischt, die Bestände sind also so stark dezimiert, dass ihre Befischung nicht mehr wirtschaftlich ist. Diese kurzsichtige Wirtschaftsweise gefährdet sowohl die Ernährungssicherheit als auch die Lebens- und Wirtschaftsgrundlage von Millionen von Menschen.
Der individuelle Ressourcenverbrauch eines Menschen oder Landes lässt sich mit dem "ökologischen Fußabdruck" bemessen. Er erfasst die für einen bestimmten Lebensstil eines Menschen verbrauchten Ressourcen und zeigt auf, wie viel Fläche benötigt wird, um die dafür notwendige Energie zur Verfügung zu stellen. Anschließend wird dieser Flächenverbrauch auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet und mit den auf der Erde real verfügbaren Flächen verglichen. Vor allem in Industriestaaten nutzen die Menschen demnach mehr natürliche Ressourcen als die weltweiten Ökosysteme zur Verfügung stellen können. Demnach würde die gesamte Menschheit derzeit 1,4 Erden benötigen, um den Planeten nicht zu überlasten.
In Entwicklungsländern sind viele Menschen durch ihre Armut dazu gezwungen, Ökosysteme zu übernutzen. Abholzung, Umweltverschmutzung, Wasserverbrauch und -verschmutzung, unangepasste landwirtschaftliche Bewirtschaftungsmethoden und die Ausweitung von Straßen und städtischer Infrastruktur zerstören Lebensräume und verringern die natürlichen Ressourcen. Zum Beispiel werden Ackerflächen so intensiv bewirtschaftet, dass dem Boden keine Zeit bleibt, sich zu regenerieren. Oder Wälder werden abgeholzt, um kurzfristig Feuerholz und Weideflächen zu gewinnen. Langfristig fehlen die Wälder jedoch als Holzlieferanten, Sauerstoffproduzenten und Wasserspeicher, und der Boden verliert seinen Halt.
Aber auch die nicht nachhaltige Förderung von Rohstoffen und die Nutzung von Wald- und Ackerflächen für die globale Lebensmittel- und Treibstoffproduktion verstärken den Druck auf die natürlichen Ressourcen dramatisch. Instabile politische Verhältnisse, ungerechte Verteilung von Land und fehlende institutionelle Rahmenbedingungen beschleunigen diese Prozesse. Durch die übermäßige Beanspruchung der Umwelt gehen die Lebensgrundlagen der Menschen in den Entwicklungsländern verloren – und die Armut wächst weiter.
Generell besteht das Problem darin, dass öffentliche Güter wie Klima, Wasser und biologische Vielfalt scheinbar keinen "Marktwert" haben. Dadurch ist auch die Übernutzung der Ressourcen für Wirtschaftsunternehmen rentabel, denn sie müssen nicht für die langfristigen Folgen aufkommen. Erst langsam wächst in der Öffentlichkeit das Bewusstsein für die Folgekosten nicht nachhaltiger Wirtschaftsweise – und die Erkenntnis, dass diese Kosten letztlich oftmals von der Gesamtbevölkerung getragen werden müssen. Besonders anschaulich wird der tatsächliche Wert der Natur für den Menschen in der von Deutschland initiierten und mitfinanzierten Studie zur wirtschaftlichen Bewertung von Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen (The Economics of Ecosystems and Biodiversity, TEEB) dargestellt.
Klimawandel
Auch der Klimawandel verstärkt den Druck auf die biologische Vielfalt. Korallenriffe, Bergregionen und die Polargebiete sind schon heute sichtbar beeinträchtigt. Insbesondere die Entwicklungsländer sind von den Folgen des Klimawandels betroffen. Eine Anpassung an die neuen klimatischen Bedingungen ist für sie schon heute eine existenzielle Frage.
Je vielfältiger ein Ökosystem ist, desto besser kann es sich an Veränderungen anpassen – und damit die Folgen des Klimawandels für den Menschen abmildern. Korallenriffe und Mangrovenwälder schützen Küstengebiete vor Sturmfluten und einem ansteigenden Meeresspiegel. Sie erbringen Anpassungsleistungen, die insbesondere in Entwicklungsländern ausschließlich durch technische Mittel nicht zu gewährleisten wären. Tier- und Pflanzenarten, die heute wenig Beachtung finden oder noch gar nicht bekannt sind, könnten vielleicht in Zukunft unter geänderten Klimabedingungen eine wichtige Lebensgrundlage darstellen – wenn sie bis dahin nicht ausgestorben sind.
Soll der Klimawandel gebremst werden, muss einerseits der Ausstoß von Treibhausgasen deutlich reduziert und andererseits deren Anteil in der Atmosphäre vermindert werden. Auch dafür ist biologische Vielfalt unerlässlich: Artenreiche Ökosysteme wie Meere, Wälder, Moore und Korallenriffe sind in der Lage, Kohlendioxid zu binden. Sie spielen damit eine zentrale Rolle bei der Regulierung des Klimas – auf regionaler und letztlich auch auf globaler Ebene.
Invasive Arten
Eine weitere Bedrohung für die biologische Vielfalt besteht darin, dass immer mehr Arten in Lebensräume vordringen, in denen sie ursprünglich nicht heimisch waren. Als invasiv werden dabei Arten bezeichnet, die durch ihr Vorkommen außerhalb des natürlichen Verbreitungsgebietes für die dortigen Ökosysteme oder Arten ein erhebliches Gefährdungspotenzial darstellen.
Auch dieses Phänomen ist in einem begrenzten Rahmen natürlich – es hat sich aber in den letzten Jahrzehnten deutlich verstärkt. Ursachen sind die Globalisierung bei Reisen und Handel, bei denen Arten zufällig oder absichtlich an neue Orte gebracht werden, aber auch der Klimawandel, der geeignete Lebensbedingungen für die Neuankömmlinge schafft.
Die gebietsfremden Arten können heimische Tier- und Pflanzenarten verdrängen – vor allem wenn sie in ihren neuen Lebensräumen keine natürlichen Feinde haben oder sich als anpassungsfähige Generalisten gegenüber den einheimischen Spezialisten besser durchsetzen können. Sie tragen dadurch zum Schwund der Biodiversität bei und verursachen darüber hinaus oft große wirtschaftliche Schäden.
Ein bekanntes Beispiel ist die absichtliche Einbürgerung von Nilbarschen im ostafrikanischen Viktoriasee in den 1960er Jahren aus wirtschaftlichen Gründen. Sie hat inzwischen dazu geführt, dass ein großer Teil der dort ursprünglich heimischen Buntbarscharten ausgestorben ist.
Zum Schutz der weltweiten Vielfalt muss durch Überwachungs- und Vorbeugungsmaßnahmen die Verbreitung potenziell invasiver Arten verhindert werden. Schon ansässige Populationen müssen bekämpft und an einer weiteren Ausbreitung gehindert werden.
Informationen

Siehe auch
- Der deutsche Beitrag: Biodiversität als Lebensgrundlage erhalten
- Der deutsche Beitrag:
Neue Ansätze entwickeln - Thema: Armut
- Thema: Ernährungssicherung
- Biodiversität – Schützen, nachhaltig nutzen, Gewinne gerecht verteilen – Bilanz des deutschen entwicklungspolitischen Engagements für biologische Vielfalt
(PDF 593 KB, barrierefrei)
Externe Links
- Übersicht über die Biodiversitäts-Hotspots weltweit (englisch)
- International Union for Conservation of Nature (IUCN) (englisch)
- Rote Liste der IUCN (englisch)
- World Wide Fund for Nature (WWF)
- Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) (englisch)
- Berechnung des ökologischen Fußabdrucks
- The Economics of Ecosystems and Biodiversity (TEEB) (englisch)






