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Stadtentwicklung

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Hintergrund: Das Zeitalter der Städte
Mit dem neuen Jahrtausend ist das Zeitalter der Städte angebrochen. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte lebt die Mehrheit der Weltbevölkerung in Städten.
Die letzten hundert Jahre waren von einem beachtlichen Bevölkerungswachstum geprägt: Lebten im Jahr 1900 noch 1,6 Milliarden Menschen auf der Erde, waren es 1999 schon sechs Milliarden. Noch im Jahr 2011 wird die siebte Milliarde erreicht sein. Ab Mitte des Jahrhunderts wird sich die Weltbevölkerung voraussichtlich bei rund 10 Milliarden Menschen langsam stabilisieren.
Während der natürliche Bevölkerungsanstieg in früheren Jahrhunderten vor allem auf dem Land stattfand, ist er heute hauptsächlich in den Städten zu verzeichnen. Mitte des 20. Jahrhunderts lebten 30 Prozent der Menschen in den urbanen Zentren der Welt. 2008 stieg ihr Anteil erstmals auf über 50 Prozent – Tendenz steigend. Bis 2050 werden es mehr als zwei Drittel sein.
Rund 180.000 Stadtbewohner kommen täglich hinzu. Dieses Wachstum findet fast ausschließlich in den städtischen Ballungsräumen der Entwicklungsländer statt, während die Metropolen in den Industrieländern ein verlangsamtes Wachstum verzeichnen oder teilweise schrumpfen. Zwei von drei Kindern, die heute in Entwicklungsländern geboren werden, wachsen in Städten auf. In Lateinamerika liegt die Verstädterungsrate bereits heute bei über 80 Prozent, auch in Asien und Afrika wird diese bis 2030 auf über 50 Prozent ansteigen.
Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden 60 Prozent aller Stadtbewohner weltweit im Jahr 2030 unter 18 Jahre alt sein. Dabei haben sich die Ursachen für das urbane Wachstum verschoben: Waren früher Landflucht und industrielle Entwicklung zentrale Ursachen der Verstädterung, ist heute das natürliche Wachstum der bereits in den Städten lebenden Bevölkerung der maßgebliche Faktor.
Im Jahr 2020 wird es voraussichtlich 27 Megacities auf der Welt geben, also Städte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern. Davon werden nur vier außerhalb von Entwicklungsländern liegen. In ihrem Schatten findet tausendfach das dynamische Wachstum der Klein- und Mittelstädte unter fünf Millionen Einwohnern statt. Dieser Urbanisierungstrend verlangt angepasste und nachhaltige Siedlungskonzepte. Weitere Urbanisierungstrends stellt das Programm für menschliche Siedlungen der Vereinten Nationen (United Nations Programme for Human Settlements, UN-HABITAT) in seinem Jahresbericht "State of the World’s Cities 2010/2011" fest: Zum einen wachsen immer mehr Städte zu Metropol-Regionen zusammen. Zum anderen weiten sich die Städte stark in der Fläche aus: Eine ungesteuerte Stadtentwicklung fördert sowohl den Wegzug der bessergestellten Schichten aus den verdichteten Zentren in die Vorortsiedlungen als auch die Ausdehnung informeller Siedlungen.
Mit dem Anstieg der städtischen Bevölkerung konzentrieren sich zunehmend die Potenziale und Herauforderungen einer globalen Entwicklung in Städten: sei es mit Blick auf die Minderung der Armut, das Wirtschaftswachstum oder die Erreichung der Klima- und Entwicklungsziele.
Reduzierung der städtischen Armut
Mit der weltweiten Urbanisierung geht zugleich eine Konzentration von Armen in Städten einher. Armut zeigt hier viele Gesichter: geringes Einkommen, fehlende Chancen und mangelnde Beteiligungsmöglichkeiten am politischen und wirtschaftlichen Leben, Missachtung der Menschenrechte sowie fehlender Zugang zu Ressourcen. Zugleich sind Städte zentrale Orte, an denen Armut aufgrund der hohen Bevölkerungskonzentration effektiv bekämpft werden kann: zum Beispiel über Bildungsinitiativen und Beschäftigungsförderung oder den Zugang zu Infrastruktur und Wohnraum.
Mit dem Millenniumsziel 7 hat sich die internationale Staatengemeinschaft vorgenommen, bis 2020 die Lebensbedingungen von mindestens 100 Millionen Slumbewohnern erheblich zu verbessern (Zielvorgabe 7.D). Laut UN-HABITAT war dieses Ziel 2010 bereits erfüllt: zwischen 2000 und 2010 gelang es insgesamt 227 Millionen Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern, städtische Armutsviertel zu verlassen. Augenscheinlich sank damit der Anteil der Slumbewohner an der Stadtbevölkerung von 39 auf geschätzte 32 Prozent. Einen besonders großen Beitrag dazu leisteten China und Indien – in diesen beiden Ländern wurden die Lebensbedingungen von 125 Millionen Slumbewohnern deutlich verbessert. Doch diese Zahlen muss man vor dem Hintergrund einer starken Zunahme der städtischen Bevölkerung insgesamt und den hohen Zuwanderungsraten in städtischen Slums betrachten.
In absoluten Zahlen ergibt sich so ein anderes Bild. Denn im gleichen Jahrzehnt stieg laut UN-HABITAT die Gesamtzahl der Slumbewohner von 776 auf 827 Millionen. Da sich der Zuwachs der Weltbevölkerung maßgeblich in den städtischen Armutsvierteln vollzieht, wird sich die Zahl der Slumbewohner bis 2050 voraussichtlich auf 3 Milliarden Menschen mehr als verdreifachen. Damit würde jeder dritte Mensch auf der Welt unter extremer Armut und unwürdigen Lebensbedingungen leiden. Das Millenniumsziel bleibt also hochaktuell.
Risiken der Urbanisierung
Das Wachstum der Städte in den Entwicklungsländern wird von einer rasanten Zunahme der Armut begleitet. Vielerorts herrschen äußerst schlechte Umwelt- und Lebensbedingungen, vor allem in den Armutsvierteln. In den dicht besiedelten Slums besteht oft kein Zugang zu sauberem Trinkwasser oder sanitären Einrichtungen. Häufig existiert weder eine Kanalisation noch eine organisierte Abfallentsorgung – mit erheblichen Folgen für die Gesundheit der Bewohner. Siedlungsrechte und Landbesitz sind ungeklärt. Große Teile der zumeist jungen Bevölkerung sind unzureichend ausgebildet und haben keinen Zugang zum formellen Arbeitsmarkt. Die Verdienstmöglichkeiten sind daher gering und eine wachsende Perspektivlosigkeit geht oft mit steigender Gewalt- und Konfliktbereitschaft einher. Viele Großstädte in Entwicklungsländern sind geprägt durch die parallele Existenz von "Reichenvierteln" mit guter Infrastruktur neben "Armenvierteln", in denen die Bewohner in extremer sozialer, politischer und wirtschaftlicher Ausgrenzung leben. Das birgt zum einen großes Konfliktpotenzial und beraubt die Städte zum anderen zunehmend ihrer kreativen und wirtschaftlichen Möglichkeiten.
Das – oft ungesteuerte – Wachstum der Städte bedroht außerdem Klima und Umwelt: Immer mehr Flächen werden versiegelt, Böden und Gewässer verschmutzt. Mit ihrem hohen Verbrauch an Wasser, Energie und Rohstoffen für Gewerbe, Haushalte und Verkehr tragen die Städte heute überproportional zur Ausbeutung der vorhandenen Ressourcen und zu steigenden Kohlendioxid-Emissionen und letztlich zur globalen Klimaerwärmung bei. 80 Prozent aller Abfälle und 60 Prozent der Treibhausgase werden heutzutage in Städten erzeugt.
Chancen der Urbanisierung
Doch die Verstädterung bietet andererseits auch immense Chancen für die Entwicklung: Städte sind Zentren für Innovation, Bildung und Beschäftigung, Wirtschaft und Kultur, für lokale Selbstbestimmung und freiheitlich-demokratische Gesinnung, zivilgesellschaftliche und politische Entwicklung. Sie sind der Motor vieler Volkswirtschaften: Länder mit hohem Pro-Kopf-Einkommen verfügen meist über leistungsstarke Metropolen, während die ärmsten Länder am wenigsten urbanisiert sind. Aufgrund ihrer Größe und Siedlungsdichte können Städte soziale Infrastruktur besser und kostengünstiger bereitstellen als dünn besiedelte ländliche Gebiete. Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen erreichen viele Menschen. Vor allem Frauen und sozial benachteiligte Gruppen können leichter am gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Leben teilhaben.
Auch für den ökologischen Fortschritt und den Klimaschutz spielen Städte eine wichtige Rolle. Eine umweltbewusste Stadtentwicklung kann erheblich zum nachhaltigen Ressourceneinsatz beitragen, etwa über einen umweltverträglichen öffentlichen Nahverkehr, ressourceneffiziente Kreisläufe wie im Abfallbereich oder zukunftsweisende Energiekonzepte. International und national vereinbarte Klimaschutzziele werden auf Ebene der Städte und Kommunen umgesetzt. Hier werden die Menschen direkt erreicht, sie erleben unmittelbar die Verbesserung ihres Lebens- und Arbeitsumfeldes, sie können sich leichter organisieren und an politischen Prozessen teilhaben.
Der Beitrag der deutschen Entwicklungszusammenarbeit
Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit greift diese Potenziale der Städte auf. Die Vorhaben der deutschen Entwicklungszusammenarbeit fördern eine große Bandbreite an Maßnahmen: von Einzelvorhaben zur Stärkung der Zivilgesellschaft vor Ort bis hin zur Unterstützung von Regierungen bei der Erarbeitung ganzheitlicher Strategien und nationaler Programme.
Hierbei stehen der Abbau sozialer Ungleichheit und die Reduzierung von Armut stets im Vordergrund. Integrierte und beteiligungsorientierte Stadtentwicklung erfordert kommunale Selbstverwaltung und die Möglichkeit politischer Teilhabe. Um sich aktiv engagieren zu können, werden Zivilgesellschaft und Wirtschaft gezielt unterstützt. Durch die Implementierung sozialer Förder- und kommunaler Beschäftigungsprogramme entwickeln sich wirtschaftliche Perspektiven für die Stadtbevölkerung. Die Bereitstellung von wirtschaftlicher und bedarfsorientierter Infrastruktur (vor allem Wasser, Abwasser, Abfall, Elektrizität und Verkehr) und sozialen Dienstleistungen, die Aufwertung und Sanierung informeller Siedlungen sowie die Sicherung des Wohnrechts tragen zu adäquaten Lebensbedingungen bei und schaffen zusätzlich Sicherheit und Planbarkeit. Darüber hinaus setzt sich die deutsche Entwicklungszusammenarbeit für Maßnahmen zur umweltfreundlichen Stadtentwicklung und zum Klimaschutz auf kommunaler Ebene ein.
Ein besonderes Augenmerk der deutschen Entwicklungszusammenarbeit liegt stets auf der Einführung und Umsetzung von guter Regierungsführung: Städte sollen durch Partizipation und eine verantwortungsvolle und demokratisch legitimierte Stadtverwaltung die strategischen Leitlinien und Handlungsansätze für nachhaltige Entwicklung auf der lokalen Ebene erarbeiten und über die dafür notwendigen rechtlichen und finanziellen Grundlagen verfügen.
Stadtentwicklung und interkommunale Zusammenarbeit entfalten nachhaltig Wirkung im Rahmen einer nationalen Stadtentwicklungspolitik. Diesen Mehrebenenansatz verfolgt die deutsche Entwicklungspolitik in ihren Partnerländern und im internationalen und multilateralen Umfeld.
Zusammenarbeit mit internationalen Akteuren
Die Deutsche Entwicklungszusammenarbeit kooperiert mit internationalen Akteuren im Bereich der Stadtentwicklung sowohl auf multilateraler Ebene als auch in bilateralen Partnerschaften.
Als Mitglied der Vereinten Nationen unterstützt Deutschland aktiv das "United Nations Programme for Human Settlements" (UN-HABITAT), die zentrale Organisation der Vereinten Nationen im Bereich Stadtentwicklung, Siedlungswesen und Wohnungsversorgung. Die Kernaufgaben von UN-HABITAT liegen insbesondere im Bereich Politikberatung, Aus- und Weiterbildung sowie Wissensmanagement. Darüber hinaus fördert UN-HABITAT Partnerschaften zur Stärkung nachhaltiger städtischer Entwicklung. Derzeit führt die Organisation über 200 Programme und Projekte in über 80 Ländern durch. Beim 5. "World Urban Forum 2010" – dem von UN-HABITAT organisierten, wichtigsten Kongress weltweit zu Stadtentwicklungsfragen – beteiligte sich Deutschland mit einer Vielzahl an Beiträgen und bot mit einem Ausstellungsstand eine Plattform für den Austausch mit Partnern. UN-HABITAT finanziert sich zum größten Teil aus dem regulären UN-Haushalt (zu dem Deutschland 8,7 Prozent beiträgt) und über freiwillige und an bestimmte Maßnahmen des Programms gebundene Zuwendungen der Mitgliedsstaaten.
Die Initiative "Cities Alliance – Cities Without Slums" ist eine 1999 von der Weltbank und UN-HABITAT gegründete globale Koalition von Städten und Entwicklungspartnern. Ziel ist, die Slumsanierung als Beitrag zum Millenniumsentwicklungsziel 7 (Unterziel 11 "Verbesserung der Lebensbedingungen von 100 Millionen Slumbewohnern") zu fördern. Die Cities Alliance hat bisher 88 Millionen US-Dollar bereitgestellt, die mit Investitionen in Höhe von mehr als 8 Milliarden US-Dollar gekoppelt sind. Das BMZ hat sich mit 2,95 Millionen US-Dollar über einen Zeitraum von 10 Jahren an dieser Initiative beteiligt.
Mit mehr als 1.220 lokalen Regierungsvertretern aus über 70 Ländern ist "ICLEI – Governments for Sustainability" der weltgrößte Kommunalverband für Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung. ICLEI setzt sich unter anderem mit dem jährlichen "Resilient Cities Congress" für die Verankerung lokaler Lösungsansätze angesichts globaler Herausforderungen im Bereich nachhaltiger Stadtentwicklung ein, unter anderem für die Verankerung der lokalen Agenda 21, des kommunalen Umweltmanagements sowie der städtischen Anpassung an den Klimawandel. Der Auf- und Ausbau eines Wissenszentrums im Zusammenhang mit der Ansiedlung des Weltsekretariates in der Bundesstadt Bonn wird vom BMZ bis 2012 mit einer Summe von 900.418 Euro gefördert.
Informationen

Siehe auch
- Thema: Armut
- Thema: Klimaschutz
- Die Millenniumsziele – Herausforderungen für die Zukunft
- UN-HABITAT






