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Hintergrund

Hunger und Fehlernährung haben viele Ursachen

Bauer bei der Feldarbeit mit einem Ochsengespann. Urheberrecht: Catherine Philippe/IRINAnders, als es die Berichterstattung in den Medien oft vermuten lässt, sind Hunger und Fehl­ernährung nicht nur die Folge von Natur­katas­trophen oder bewaffneten Konflikten. Solche Krisen verursachen nur einen relativ kleinen Teil des Hungers in der Welt.

Viel häufiger ist Hunger die Folge dauerhafter, strukturell bedingter Armut und schlechter wirtschaftlicher Rahmen­bedingungen. Die Ursachen von Hunger sind sehr komplex und in vielfältigen Wechselwirkungen miteinander verknüpft.

Armut

Armut ist untrennbar mit Hunger, Mangel- und Fehlernährung verbunden: Wer kein Geld oder keinen Zugang zu Produktions­mitteln hat, kann sich nicht selbst ernähren. Und wer durch Hunger geschwächt ist, kann nicht ausreichend produktiv arbeiten. Fehlernährte Kinder können schlechter lernen, sind häufiger und länger krank und können bleibende Schäden davontragen – der Kreislauf von Armut und Hunger geht weiter.

Die seit Jahren ansteigenden Preise für Grundnahrungsmittel treffen vor allem Menschen der ärmsten Bevölkerungsschichten. Laut Welthunger-Index 2009 geben arme Familien den größten Teil ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus – eine durchschnittliche deutsche Familie benötigt dafür nur etwa zehn Prozent ihres Einkommens.

Diese Entwicklung führte 2008 zu einer weltweiten Nahrungsmittelkrise. Auch wenn sich viele Preise inzwischen wieder etwas normalisiert haben, ist das kein Grund zur Entwarnung: Die Welternährungsorganisation (FAO) und die OECD prognostizieren in ihrem Agricultural Outlook 2008–2017, dass sich die Agrarpreise längerfristig auf einem relativ hohen Niveau halten werden. Problematisch ist vor allem, dass zukünftig starke Schwankungen der Nahrungspreise auf dem Weltmarkt erwartet werden. Auch wenn die durchschnittlichen Agrarpreise seit 2008 gesunken sind, sind sie in vielen Entwicklungsländern weiterhin angestiegen.

Schlechte politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen

Viele Entwicklungsländer sind hoch verschuldet. Ein großer Teil ihrer Exporterlöse wird deshalb für den Schuldendienst eingesetzt. Die Verschuldung dieser Länder verhindert notwendige Investitionen in Sektoren, die für Ernährungs­sicherung entscheidend sind. Dies trifft insbesondere auf die Landwirtschaft und ländliche Entwicklung zu. Im Jahr 2003 haben die Mitglieder der Afrikanischen Union die entscheidende Rolle dieser Sektoren für die Bekämpfung des Hungers bekräftigt und mit der "Maputo-Erklärung" zugesagt, mindestens zehn Prozent ihrer nationalen Budgets für landwirtschaftliche und ländliche Entwicklung einzusetzen. Viele afrikanische Länder sind von der Umsetzung dieses Versprechens noch weit entfernt. Ebenso fehlen Investitionen in andere für Ernährungssicherheit wichtige Bereiche, wie etwa in das Bildungs- und Gesundheitswesen oder in die Infrastruktur.

Die Grundbedürfnisse der Bevölkerung können in vielen Fällen nicht mehr befriedigt werden; Korruption und hohe Ausgaben für Militär kommen oft erschwerend hinzu. Auch eine wachstums­feindliche Wirtschaftspolitik, die fehlende oder ungenügende Beteiligung der Bevölkerung an politischen Prozessen und die mangelnde Umsetzung von menschenrechtlichen Verpflichtungen, etwa dem Recht auf Nahrung, sind in vielen Entwicklungsländern Ursachen für Ernährungsunsicherheit.

Unfaire Wettbewerbsbedingungen

Auch unfaire Wettbewerbsbedingungen im Weltagrarhandel tragen zur Armut und damit zur Unterernährung vieler Menschen bei. Die Interessen der Entwicklungsländer sind im Welthandelssystem unterrepräsentiert.

Viele Industrieländer unterstützen ihre Landwirtschaft mit Milliardenbeträgen. Werden die subventionierten Agrarprodukte dann in Entwicklungsländer exportiert, sind sie meistens billiger als die heimischen Erzeugnisse – die Produkte der Landwirte vor Ort können damit nicht konkurrieren. So werden lokale Märkte gestört und mit ihnen die Möglichkeiten der Menschen, Einkommen zu erwirtschaften. Als Folge sinken Kaufkraft und lokale Nachfrage und es lohnt sich immer weniger, in die Landwirtschaft zu investieren. Gleichzeitig können sich immer weniger Menschen ausreichende Lebensmittel leisten. Ist die inländische Produktion nicht mehr gesichert, steigt die Abhängigkeit von Importen, die mit Devisen bezahlt werden müssen.

Ein weiteres Problem ist der Protektionismus vieler Industrieländer. Importzölle und andere Handelshemmnisse machen es den Entwicklungsländern oft unmöglich, ihre bestehenden oder potenziellen Wettbewerbsvorteile auszunutzen und ihre Produkte gewinnbringend in die Industrieländer zu exportieren.

Nur selten haben Entwicklungsländer die Chance, nicht nur Rohstoffe zu exportieren, sondern durch deren Weiterverarbeitung höhere Exporterlöse zu erzielen.

Zudem haben die Produzentinnen und Produzenten landwirtschaftlicher Roherzeugnisse in vielen Entwicklungs­ländern unter den starken Schwankungen der Weltmarktpreise für Rohstoffe zu leiden. Von zeitweilig hohen Agrarpreisen, wie im Jahr 2008, können die Bäuerinnen und Bauern kaum profitieren, da sie nicht die Chance haben, sich kurzfristig an die veränderten Marktpreise anzupassen. Die immer stärker schwankenden Preise führen zu immer größerer Planungsunsicherheit und zum Teil zu ruinösem und ungleichem Wettbewerb. Insbesondere Kleinbauern bleiben bei diesem Wettlauf auf der Strecke und verarmen. Ihnen bleibt nur die Möglichkeit zu verkaufen, was auch immer sie verkaufen können – egal zu welchem Preis.

Zugang zu produktiven Ressourcen

Drei Viertel der Armen in Entwicklungsländern leben in ländlichen Gebieten. Die meisten von ihnen sind für ihr Überleben auf die traditionelle Landwirtschaft ohne Maschinen und ohne synthetische Dünge- oder Pflanzenschutzmittel angewiesen. Entscheidend für die Nahrungsmittelproduktion sind Klima, Wasserverfügbarkeit, Bodenqualität und der Zugang zu angepasstem Saatgut für Pflanzensorten, die sich an gegebene Bedingungen anpassen können und für Kleinbäuerinnen und Kleinbauern bezahlbar sind.

Bodenrecht

In vielen Entwicklungsländern ist das Land ungleich verteilt, oft schon seit der Kolonialzeit. Wenigen Großgrundbesitzern steht eine große Zahl von Kleinbauern gegenüber. Ihre Ackerflächen sind sehr klein und ihre Erträge reichen kaum, um die Familien zu ernähren.

Frau bei Feldarbeit in Togo. Urheberrecht: BMZOft kommt hinzu, dass die Boden­rechts­verhältnisse unklar sind. Dadurch können Konflikte um die Land­nutzung und um Wasser­ressourcen entstehen, zum Beispiel zwischen nomadisch lebenden Hirten und Acker­bauern. Eine gerechte und sozial verträgliche Landverteilung und die rechtliche Sicherung der Landnutzung und des Landbesitzes – besonders auch für Frauen – ist Voraussetzung für die Bekämpfung von Armut und Hunger.

Die gegenwärtige drastische Zunahme von Landverkäufen und -verpachtungen in Entwicklungsländern verdeutlicht, dass Land eine immer knapper werdende Ressource im Wettstreit verschiedener Nutzungsinteressen wird. Es hat sich ein Trend beschleunigt, der in internationalen Schlagzeilen auch als "Land Grabbing" oder "Landnahme" bezeichnet wird: Staatliche Akteure und private Investoren aus Industrie- und Schwellenländern sichern sich mittels langfristiger Pacht- oder Kaufverträge große Agrarflächen in Entwicklungsländern, um dort Nahrungsmittel oder Energiepflanzen für den Export anzubauen.

Umweltzerstörung

Durch die zunehmende weltweite Umweltzerstörung werden die natürlichen landwirtschaftlichen Produktionsgrundlagen – Boden, Wasser und Klima – beeinträchtigt. Die Nahrungsmittelproduktion ist vor allem durch Schädigung von Ackerflächen und die fortschreitende Wüstenbildung in den Trockenzonen gefährdet. Auch durch den Städtebau und die Errichtung von Anlagen für die Infrastruktur werden immer mehr fruchtbare Ackerflächen versiegelt.

Die Verschlechterung der Bodenqualität hat viele Ursachen, Beispiele sind Überweidung, falsche Bewässerung und ungeeignete Anbaumethoden. Während der vergangenen 50 Jahre hat sich der Prozess der Erosion und Degradation (Verschlechterung der Bodenqualität) der Böden in den Entwicklungsländern stark beschleunigt. Jährlich werden etwa 12 Millionen Hektar Land endgültig zerstört. Der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) schätzt, dass rund 40 Prozent der Landfläche weltweit von Degradation bedroht sind – das sind 5,2 Milliarden Hektar. Bleibt es bei dieser Entwicklung, erwarten Experten, dass etwa 50 Millionen Menschen in den nächsten zehn Jahren umsiedeln müssen und dass bis 2025 ein großer Teil der Weltbevölkerung – bis zu 2,8 Milliarden Menschen in 48 Ländern – unter Wasserunsicherheit oder -mangel leiden wird.

Klimawandel

Ein weiteres Problem sind die langfristigen Veränderungen im weltweiten Klima. Die globale Erwärmung lässt die Polkappen und Gletscher schmelzen. Dies erhöht den Meeresspiegel. Anbauflächen in Küstennähe und im Flachland sind nicht mehr nutzbar. Die Verschiebung von Regenzeiten und die Verringerung von Niederschlagsmengen infolge des Klimawandels trifft vor allem die südliche Hemisphäre. Die Veränderungen führen schon heute zu einer verringerten Produktivität der Landwirtschaft vieler Entwicklungsländer.

Durch den Klimawandel verschieben sich Klimazonen, so gehen traditionelle Anbaugebiete verloren – unter anderem, weil sich die Landwirtschaft nicht schnell genug auf die neuen Bedingungen einstellen kann. Auch das überlieferte bäuerliche Wissen verliert an Wert, wenn etwa Zeitpunkt und Menge der jährlichen Niederschläge sich stark verändern und nicht mehr vorhersehbar sind. Klimawandel und Verschlechterung der Bodenqualität haben zudem negative Auswirkungen auf die Artenvielfalt, die eine der wichtigsten Grundlagen für eine nachhaltige Ernährungssicherung ist.

Langfristig wird davon ausgegangen, dass die landwirtschaftliche Produktivität in den Entwicklungsländern bis 2080 erheblich sinkt. Dabei sind Rückgänge von teilweise mehr als 25 Prozent in fast allen lateinamerikanischen, afrikanischen, südasiatischen, pazifischen sowie in den Ländern des Nahen Ostens zu erwarten.

Agrartreibstoffe

Die Preise von Pflanzen, aus denen Treibstoff gewonnen werden kann, steigen seit einiger Zeit kontinuierlich. Der Einfluss der Nachfrage nach Agrartreibstoffen auf die Preisentwicklung wird sehr unterschiedlich eingeschätzt.

Forschungen des Internationalen Forschungsinstituts für Ernährungspolitik (IFPRI) haben zum Beispiel gezeigt, dass die erhöhte Nachfrage nach Biokraftstoffen zwischen 2000 und 2007 für 39 Prozent der Preissteigerung bei Mais und für 30 Prozent bei Getreide verantwortlich war. Die Konkurrenz zwischen Pflanzenanbau zur Treibstoff- und zur Nahrungsmittelproduktion droht in vielen Entwicklungsländern zu einer Verschlechterung der Ernährungssicherheit zu führen.

HIV/AIDS

Ernährungssicherheit hängt auch von der Gesundheit der Menschen ab, denn Krankheit entzieht zum einen Arbeitskraft, zum anderen steigert sie den Nährstoff- und Energiebedarf der Betroffenen. Insbesondere in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara verschärft die Immunschwächekrankheit AIDS das Problem der ausreichenden Versorgung mit Nahrungsmitteln.

In Ländern wie Botswana oder Swaziland sind rund ein Viertel der 15- bis 49-Jährigen mit dem HI-Virus infiziert oder an AIDS erkrankt. In den am stärksten betroffenen Ländern sank die Lebenserwartung um mehr als 20 Jahre. So fehlen Arbeitskräfte und wertvolle Kenntnisse in Handwerk und Landwirtschaft werden nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben. Das wirtschaftliche Wachstum wird langsamer, die Armutsbekämpfung erschwert.

Gleichzeitig haben Hunger und Mangelernährung gravierende Auswirkungen auf die Gesundheitssituation und Sterblichkeit von HIV-Infizierten sowie auf die Verbreitung des Virus. Die Förderung von Ernährungssicherheit kann dazu beitragen, ein längeres und produktiveres Leben für HIV-Infizierte zu ermöglichen und die Nebenwirkungen der Medikamente zu verringern.

Konflikte

Durch bewaffnete Konflikten werden Boden, Luft und Wasser verschmutzt und die Infrastruktur wird zerstört. Minen und Blindgänger behindern selbst Jahrzehnte nach einem Krieg die Feldarbeit und den Wiederaufbau. In Krisenregionen ist Unterernährung weit verbreitet. Kommt es zur Vertreibung der Zivilbevölkerung, muss sie oft in Gebieten Zuflucht suchen, in denen die Einwohner ohnehin schon unter Nahrungsmangel leiden.

Naturkatastrophen

Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüche, Erdbeben oder Stürme können Felder und Ernten zerstören. Die Produktivität der kleinbäuerlichen Betriebe wird dadurch oft über Jahre eingeschränkt – und damit auch ihre Möglichkeiten, eine ausreichende Ernährung für sich und die restliche Bevölkerung sicherzustellen. Wird durch eine Naturkatastrophe eine Wirtschaftskrise ausgelöst, führt sie auch in städtischen Gebieten zu sinkenden Einkommen und zu Hunger.

Arme haben nicht die Mittel, sich gegen die Folgen von Naturkatastrophen zu schützen. Zudem sind sie häufig gezwungen, in Risikozonen zu siedeln und zu wirtschaften. Dadurch erhöht Armut das Risiko, dass es zu neuen oder weiteren Katastrophen wie zum Beispiel Überschwemmungen und Erdrutschen kommt.

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