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Hintergrund

Die Bildungssituation in Entwicklungsländern

Weltweit besuchen rund 72 Millionen Kinder im Grund­schul­alter keine Schule. Fast die Hälfte dieser Kinder lebt in Subsahara-Afrika, etwa ein Viertel in Süd- und Westasien. In Afrika geht jedes vierte Kind nicht zur Schule.

Klassenraum im Slumgebiet von Mathare Valley, Nairobi, Kenia. Urheberrecht: bpa55 Prozent der 72 Millionen Kinder, die nicht zur Schule gehen, sind Mäd­chen. In Afgha­ni­stan beispiels­weise ist nur etwa jedes dritte Schulkind ein Mädchen.

35 Prozent der Kinder leben in von Konflikten betroffenen Ländern.

71 Millionen Jugendliche im Sekundarschulalter (10-16 Jahre) besuchten 2007 keine Sekundarschule. Dies ist fast jeder fünfte Jugendliche dieser Altergruppe weltweit.

In der Hälfte der Länder Subsahara-Afrikas und Süd- und Westasiens bricht fast jedes dritte Kind die Grundschule vor dem Abschluss ab. Weltweit können rund 759 Millionen Jugendliche über 15 Jahre und Erwachsene nicht lesen und schreiben, knapp zwei Drittel von ihnen sind Frauen.

Der Weltbildungsbericht 2010 warnt: Die Fortschritte in vielen Entwicklungsländern sind zu gering. Setzen sich die derzeitigen Trends fort, werden auch im Jahr 2015 noch 56 Millionen Kinder im Grundschulalter nicht zur Schule gehen. Schätzungen zufolge fehlen jährlich 16 Milliarden US-Dollar, um das Ziel "Bildung für alle" bis 2015 zu erreichen. Und die weltweite Wirtschaftskrise droht, die Fortschritte der vergangenen zehn Jahre stagnieren zu lassen oder sogar wieder rückgängig zu machen.

Marginalisierung

Für benachteiligte Bevölkerungsgruppen wie ethnische Minder­heiten, in ländlicher oder städtischer Armut oder in Konflikt- und Krisen­regionen lebende Menschen, HIV-Infizierte, Frauen, arbeitende Kinder und Menschen mit Behinderung ist der Zugang zu Bildung besonders schwierig. Eines von drei Kindern unter fünf Jahren beginnt seine Schullaufbahn mit Benachteiligungen, die durch Unterernährung, schlechte Gesundheit und Armut entstehen.

Auch fehlender Unterricht in der Muttersprache führt zu Benach­tei­li­gungen im Bildungssystem: Etwa 221 Millionen Kinder sprechen zu Hause eine andere Sprache als in der Schule – von den Urein­wohnern Australiens bis hin zu den Bergvölkern Kambodschas.

Zahlreiche Kinder werden zudem durch Krisen und Kriege am Schul­besuch gehindert. Die Mehrzahl der Menschen, die durch bewaffnete Konflikte zur Flucht gezwungen werden, sind Frauen und Kinder. In vielen Bürgerkriegsländern ist zudem ein Großteil der Schulen zerstört.

Die Einschulung von Mädchen scheitert in zahlreichen Ländern an der traditionellen Rollenverteilung – viele Mädchen müssen zu Hause im Haushalt mitarbeiten. Auch eine frühe Heirat oder eine frühe Schwangerschaft halten Mädchen vom Schulbesuch ab.

Unzureichende Budgets

Die Verwirklichung der allgemeinen Schulpflicht scheitert in vielen Ländern am Geld. In den meisten Entwicklungsländern sind in den Staatshaushalten die Budgets für Grundbildung zu gering, um den Bedarf zu decken. Zudem schränken hohe Staats­schulden die Möglichkeiten zusätzlich ein. Laut der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) geben Entwicklungsländer im Durchschnitt 4,5 Prozent des Brutto­national­einkommens für Bildung aus. In den USA und Westeuropa liegt der Schnitt bei 5,5 Prozent, einige Staaten investieren mehr als 8 Prozent in Bildung (Stand: 2007).

Wenn das Grundbildungssystem mit dem nach wie vor enormen Zuwachs der Bevölkerung im schulpflichtigen Alter Schritt halten soll, sind erheblich höhere Investitionen erforderlich. Zumindest die ärmsten Entwicklungsländer können das Geld dafür nicht selbst aufbringen. Auch schlechte Regierungsführung, hohe Personal­fluktuation, ineffektiver Mitteleinsatz, Korruption und mangelnde Management- und Organisationsfähigkeiten behindern die Bereitstellung eines flächendeckenden Bildungs­angebotes.

Schul- und Lehrermangel

Vor allem im ländlichen Raum, aber auch in städtischen Armuts­gebieten ist das Netz der Grundschulen nicht flächendeckend. In armen Ländern Subsahara-Afrikas beispielsweise fehlen geschätzte 1,7 Millionen Klassenzimmer. Kinder in ländlichen Regionen müssen oft extrem weite Schulwege zurücklegen. Häufig dürfen Mädchen weiter entfernte Schulen nicht besuchen, da die Eltern Sorge um ihre Sicherheit haben.

Die Arbeitsbedingungen für Lehrerinnen und Lehrer in Entwicklungs­ländern sind häufig unzumutbar: Viele von ihnen müssen in zwei oder drei Schichten am Tag unterrichten, und das in Klassen mit hohen Schülerzahlen und bei geringer Bezahlung. Viele Lehrkräfte werden zudem schlecht ausgebildet und nicht genügend auf ihre Aufgaben vorbereitet. Das geringe Ansehen des Lehrerberufes und die oftmals abgelegenen ländlichen Standorte machen den Beruf wenig attraktiv.

Um das Ziel der weltweiten Grundschulbildung für alle erreichen zu können, müssen bis 2015 weltweit 1,9 Millionen neue Lehrer­stellen geschaffen werden – zwei Drittel davon in Subsahara-Afrika. Außerdem müssen 8,4 Millionen aus dem Amt scheidende Lehrer ersetzt werden.

Die Ausstattung vieler Schulen ist schlecht. Lehrbücher und Unterrichtsmaterialien fehlen oder sind ebenso veraltet wie das Mobiliar. Oft fehlt das Geld für die laufenden Kosten für Wasser, Elektrizität oder den Transport der Schulkinder. Auch die Lehrer­ausbildung offenbart strukturelle Schwierigkeiten.

In vielen Ländern Afrikas kommt ein gesundheitliches Problem dazu: In manchen Regionen sind so viele Lehrerinnen und Lehrer an AIDS erkrankt, dass kein Schulbetrieb mehr möglich ist.

Schlechte Qualität des Unterrichts

Regionale Studien in Subsahara-Afrika zeigen, dass in vielen Ländern der Region über die Hälfte der Schüler in der sechsten Klasse keine Grundrechenarten beherrschen. In einer Studie im ländlichen Pakistan wurde festgestellt, dass nur zwei Drittel der Schüler in der dritten Klasse einstellige Zahlen subtrahieren konnten. Im ländlichen Indien konnten nur 28 Prozent der Drittklässler zweistellige Zahlen subtrahieren.

Die Qualität des Unterrichts ist in vielen Entwicklungsländern schlecht. In den Lehrplänen fehlen klare Ziele. Sie sind fachlich überladen und entsprechen nicht den Lernbedürfnissen der Grundschülerinnen und Grundschüler. Kulturelle und regionale Eigenheiten werden nicht genügend berücksichtigt.

Viele Lehrpläne geben verzerrte oder stereotype Rollenbilder von Frauen und Männern in der Gesellschaft wieder. Die Unterrichts­zeiten und -inhalte orientieren sich zu wenig an der Lebens­situation der Kinder. Die Unterrichtsmethoden sind zudem wenig innovativ. Gruppenarbeit, selbstständiges Lernen, kritisches und problem­lösen­des Denken, der Umgang mit neuen Techniken und die Vermittlung von Alltagsfähigkeiten ("life skills") werden nicht ausreichend gefördert.

Kosten für den Schulbesuch

Viele Menschen in Entwicklungsländern können die Kosten für Schul­gebühren, Bücher und andere Unterrichts­materialien, Schul­uni­for­men und für den Transport zur Schule nicht aufbringen. Die Kinder bleiben daher der Schule fern oder brechen sie vorzeitig ab. Besonders häufig sind Mädchen betroffen.

In Ländern, die die Schulgebühren abgeschafft haben, ist ein deutlicher Anstieg der Einschulungszahlen zu verzeichnen.

Zahlreiche Familien sind darauf angewiesen, dass ihre Kinder zum Einkommen beitragen. Nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) müssen etwa 116 Millionen Kinder zwischen 5 und 14 Jahren arbeiten – häufig bis zu 16 Stunden am Tag.

Kaum vorhandene Sekundarbildungsangebote

Durch die weltweit steigenden Einschulungsraten und Absolven­ten­quoten in der Primarschule wächst in Entwicklungsländern der Druck, weiterführende Bildungs- und Ausbildungsangebote zu entwickeln. Denn die Erfahrungen zeigen, dass sechs Jahre Grundbildung für die Vorbereitung auf ein selbstbestimmtes Leben und den Einstieg in das Arbeitsleben nicht ausreichen.

Nach wie vor gibt es jedoch deutlich zu wenig Sekundar­bildungs­angebote in Entwicklungsländern. Die bestehenden Angebote sind häufig weder bedarfs- noch bedürfnisorientiert ausgerichtet.

Mängel im beruflichen Bildungssystem

Ohne qualifizierte Fachkräfte ist eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung nicht möglich. Doch in den meisten Entwicklungs­ländern fehlen gut ausgebildete Fachleute. In vielen Staaten ist ein System der beruflichen Bildung nur rudimentär vorhanden oder nicht in das Bildungs- und Beschäftigungssystem integriert. Die Unterrichts­ange­bote sind meist zu theoretisch und nicht an den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts ausgerichtet.

Schlechte Ausstattung der Hochschulen

Hochschulen und Universitäten sind in Entwicklungsländern materiell und finanziell schlecht ausgestattet. Nur wenige sind in der Lage, ihre Forschungs- und Lehraufgaben ausreichend wahr­zu­nehmen. Hochschulen und Universitäten sind jedoch wichtig für das gesamte Bildungssystem, für die Ausbildung von Fach- und Führungskräften und für die Lösung entwicklungsrelevanter Aufgaben in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft.

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