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Burundi

Jugendliche Trommlergruppe in einem Heim für Straßenkinder in Burundi. Urheberrecht: Philipp Ziser

Situation und Zusammenarbeit

Mehr als 300.000 Tote hat der Bürgerkrieg in Burundi gefordert, etwa eine Million Menschen waren inner- und außer­halb des Landes auf der Flucht. Ihre Wieder­ein­glie­de­rung stellt das Land vor enorme Heraus­forderungen. Nach Schätzung des Flüchtlings­kommissa­riats der Vereinten Nationen (UNHCR) sind zwischen 2002 und 2010 etwa 500.000 Flücht­linge nach Burundi zurück­gekehrt. Mehr als 37.000 Flücht­linge verharrten zum Jahres­beginn 2011 noch in Lagern im benach­barten Tansania. Außer­dem verzeichnete das UNHCR noch fast 160.000 Binnen­flücht­linge. Die Rück­kehrer er­höhen den Druck auf die ohnehin knappen Land­ressourcen in Burundi, das zu den am dichtesten besiedelten Staaten Afrikas zählt und ein ungebremst hohes Bevölkerungs­wachstum aufweist.

Menschengruppe in Burundi. Urheberrecht: Philipp ZiserRund 90 Prozent der Bevölkerung sind vom länd­lichen Sektor abhängig. Schät­zungen zufolge besitzen jedoch in­zwischen rund 15 Prozent der Be­völ­ke­rung kein eigenes Land mehr, die durch­schnitt­liche Größe der von einer Familie bewirt­schaf­te­ten Fläche liegt nur noch bei 0,5 Hektar. Zwei Drittel der Menschen in Burundi sind unter­ernährt. Mehr als 80 Prozent der Einwohner müssen mit umgerechnet weniger als 1,25 US-Dollar am Tag auskommen. Ein großer Teil der Bevölkerung ist auf Nahrungs­mittel­hilfen angewiesen.

Regierungsführung

Burundi ist ein Post-Konflikt-Land. Die Auswirkungen des Bürger­kriegs sind noch deutlich zu spüren, die demo­kra­tischen Struk­turen sind noch nicht gefestigt. Nach dem Boykott der Wahlen 2010 ist die Opposition in Parlament und Senat nicht vertreten, viele Vertreter der Opposition sind ins Exil gegangen. Das Misstrauen zwischen Regierung und Opposition ist groß, der Dialog verläuft nur schleppend. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es erneut zu gewaltsamen Konflikten kommt.

Eine teilweise zerrissene Flagge von Burundi flattert im Wind. Urheberrecht: Philipp ZiserIn der Regie­rungs­führung sind noch große Defi­zite zu ver­zeichnen. Zentrale staat­liche Funk­tionen können nur mit Unter­stützung der inter­natio­na­len Gemein­schaft aufrecht­erhalten werden. Die Leistungs­fähigkeit der Verwaltung ist schwach. Die Politik verfolgt häufig Einzel­interessen und ist insgesamt zu wenig entwick­lungs­orientiert. Krimi­nalität, Korrup­tion und Straf­losig­keit sind weit verbreitet, die Justiz wird von politischer Seite beeinflusst.

Positiv zu verzeichnen sind die Heraus­bildung einer aktiven Zivilgesellschaft, die vielfältige Parteienlandschaft und die im regionalen Vergleich ausgeprägte Pressefreiheit. Im Umfeld der Wahlen 2010 wurden allerdings vermehrt Eingriffe der Regierung in die Meinungs- und Vereinigungsfreiheit festgestellt.

Im April 2009 wurde ein neues Strafrecht verabschiedet. Unter anderem wurde die Todesstrafe abgeschafft, die Straftat­bestände Folter, Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden eingeführt. Das Gesetz sieht außerdem härtere Strafen für physische und sexuelle Gewalt gegen Frauen vor. Parallel zu diesen international anerkannten Verbesserungen wird jedoch Homosexualität unter Strafe gestellt. Trotz starken Drucks der internationalen Gemeinschaft hält Burundi bisher an dieser Gesetzesänderung fest, hat aber angekündigt, das Gesetz vorerst nicht anzuwenden.

Wirtschaft

Junge in Burundi, Berufsausbildung. Urheberrecht: Philipp ZieserDer Krieg hat die wirt­schaft­liche Ent­wick­lung Burundis um etwa 15 Jahre zurück­geworfen. Zwischen 1996 und 1999 hat ein Wirtschafts­embargo der Nachbar­länder die Situation wei­ter verschärft, dazu kamen mehrere Dürre­perioden.

Die Über­bevölkerung, der Mangel an Boden­schätzen und fehlende Erwerbs­möglich­keiten außerhalb der Land­wirt­schaft setzen der Ent­wick­lung der Volks­wirt­schaft enge Grenzen. Burundis Wirt­schaft ist kaum diver­si­fi­ziert. Haupt­export­produkt ist Kaffee. Die Export­erlöse sind deshalb stark vom Wetter und den Schwankungen der Welt­markt­preise abhängig. Die Umwelt­schäden durch den Raub­bau der letzten Jahr­zehnte und den Bürger­krieg sind enorm.

Seit Beginn der wirt­schaft­lichen Wieder­belebung in Burundi hat sich die jährliche Wachstumsrate bei drei bis vier Prozent eingependelt. Die Entwicklung wird jedoch hauptsächlich von ausländischen Gebern getragen – die bi- und multilateralen Partner finanzieren mehr als die Hälfte des burundischen Haushalts. Die Handelsbilanz des Landes ist negativ: Burundi führt deutlich mehr Waren ein als es ausführt.

Der Privatsektor kann sich wegen bürokratischer und politischer Hemmnisse nur schwer entwickeln. Potenzielle Investoren werden durch die politische Instabilität, fehlende Rechts­staatlich­keit und Korruption abgeschreckt. Hinzu kommt eine mangel­hafte Infra­struktur mit schlechten Transport­wegen und einer anhaltenden Strom­knappheit. Im "Doing Business Report 2011" der Weltbank, der das Geschäftsklima weltweit analysiert, landet Burundi auf Rang 181 von 183 bewerteten Staaten.

Eine nennenswerte Industrialisierung oder der Aufbau eines Dienstleistungs­sektors sind angesichts des Entwicklungs­standes in Burundi nur langfristig denkbar. Um ein nach­haltiges Wirt­schafts­wachstum zu erreichen, will sich die Regierung auf die Förderung des Privat­sektors konzentrieren, unter anderem durch die Privatisierung von staatlichen Unternehmen.

Im Januar 2004 hat Burundi das Freihandels­abkommen des Gemeinsamen Marktes für das Östliche und Südliche Afrika (Common Market for Eastern and Southern Africa, COMESA) unterzeichnet. Außerdem ist das Land Mitte 2007 der Ost­afrika­nischen Gemein­schaft (East African Community, EAC) beigetreten und hat hier im Jahr 2011 zum ersten Mal den Vorsitz inne. Langfristig werden sich diese Schritte positiv auf den Handel mit den anderen Mitglieds­staaten auswirken.

Gesundheit und Bildung

Schulunterricht in Burundi. Urheberrecht: Philipp ZiserDer Gesundheits­zustand der Be­völ­ke­rung hat sich in Folge des Bür­ger­kriegs erheb­lich ver­schlechtert, die medi­zinische Versorgung und der Zugang zu sauberem Trink­wasser sind stark einge­schränkt. Die Kinder- und Säuglings­sterblich­keit ist seit 2000 nur leicht zurück­gegangen. Die Ausbreitung von HIV/AIDS schreitet ständig fort.

Der Bildungs­stand ist sehr niedrig, die An­alpha­beten­rate liegt bei über 30 Prozent. Deutliche Fort­schritte sind bei der Ein­schulungs­rate zu verzeichnen: Nach Abschaffung der Schul­gebühren stieg die Ein­schulungs­rate von 43 Prozent im Jahr 2000 auf 99 Prozent im Jahr 2009. Allerdings schließt nur etwa die Hälfte der Kinder die Grundschule ab.

Friedensentwicklung und Armutsbekämpfung

Eine große Herausforderung für die Regierung ist die Re­inte­gra­tion von ehe­maligen Kämpfern ins zivile Leben. Ende 2004 wurde ein entsprechendes Demobilisierungs­programm gestartet.

Im März 2007 verabschiedete Burundi – mit erheblicher Verzögerung – seine Armutsbekämpfungsstrategie (PRSP). Vier Bereiche werden darin als vorrangige Ziele beschrieben:

  • Herstellen von Frieden, Sicherheit und Good Governance

  • Förderung von nachhaltigem Wirtschaftswachstum

  • Verbesserung des Angebotes von sozialen Dienstleistungen

  • Bekämpfung der Ausbreitung von HIV/AIDS

Frau aus Brundi. Urheberrecht: Philipp ZiserDie Gesellschaft Burundis ist noch immer stark pola­ri­siert. Dabei ist inzwischen nicht mehr so sehr die ethnische Zu­gehörig­keit entscheidend, sondern die soziale und wirt­schaft­liche Ungleich­heit zwischen Hutu und Tutsi. Im Gegen­satz zum Nach­bar­land Ruanda verfolgt Burundi eine Politik der festen ethni­schen Quo­tie­rung. Sie ist in der Ver­fassung ver­ankert (zum Beispiel im Parla­ment 60 Prozent Hutu, 40 Prozent Tutsi) und wird von Burundi als Weg zur nationalen Befrie­dung angesehen.

Das Über­winden von gegen­seitigem Miss­trauen zwischen den Volks­gruppen der Tutsi und der Hutu sowie die generelle Auf­arbeitung der Bürgerkriegs­ereignisse sind von besonderer Bedeutung für den Frieden im Land. Daher wurden zwischen der inter­nationalen Gemeinschaft und der burundischen Seite die Einrichtung einer Wahrheits- und Versöhnungs­kommission und entsprechender Gerichte vereinbart. Die Einrichtung der Kommis­sion soll noch im Jahr 2011 abgeschlossen werden, ebenso soll es einen Straf­gerichtshof nach dem Vorbild Ruandas geben.

Entschuldung

Ende Januar 2009 erreichte Burundi den Vollendungs­zeitpunkt der HIPC-Initiative für besonders arme und hochverschuldete Länder und qualifizierte sich für die Teilnahme an der Multi­lateralen Entschuldungs­initiative (MDRI). Insgesamt beläuft sich der Schulden­erlass des Landes auf mehr als 1,4 Milliarden US-Dollar. Die Schulden­trag­fähigkeit Burundis bleibt jedoch kritisch. Das Land wird noch lange auf Haushalts­zuschüsse und hoch subventionierte Kredite der inter­nationalen Geber­gemein­schaft angewiesen sein.

Schwerpunkte der deutschen Zusammenarbeit mit Burundi

Die Beziehungen zwischen Burundi und Deutschland sind freundschaftlich, die Länder verbindet eine kurze gemeinsame koloniale Vergangenheit (1896-1916). Deutschland engagiert sich bereits seit Anfang der 1960er Jahre in Burundi. Der Bürger­krieg unterbrach die Entwicklungs­zusammen­arbeit jedoch. Nach dem Friedens­schluss wurde sie 2002 wieder aufge­nommen und wird seitdem im Dialog mit der Partner­regierung und in Abstimmung mit anderen Gebern auf- und ausgebaut.

Bei Regierungs­verhandlungen im Oktober 2009 sagte Deutsch­land dem Partner­land 22,5 Millionen Euro für die Jahre 2009 und 2010 zu. Davon entfallen 13 Millionen Euro auf die Finanzielle, 9,5 Millionen Euro auf die Technische Zusammenarbeit. Zu­sätz­lich stellte die Bundes­republik Ende 2010 Mittel für regionale und klimafreundliche Energie­projekte zur Verfügung, an denen Burundi, Ruanda und die Demo­kratische Republik Kongo beteiligt sind und unterstützt zudem die Einführung einer umwelt­schonen­den, dezentralen Energieversorgung in Burundi.

Schwerpunkt der deutschen Zusammen­arbeit mit Burundi ist die Wasser- und Sanitär­versorgung. In diesem Sektor ist Deutsch­land größter Geber und hat den Vorsitz in der Geber­runde. Darüber hinaus unterstützt Deutschland mit einem Programm die Dezentra­lisie­rung und lokale Wirtschafts­förderung in der Provinz Gitega. Die Erfahrungen aus diesem erfolg­reichen Projekt werden auf nationaler Ebene genutzt und fließen in die Beratung des Dezentralisierungs­ministeriums ein.

Im Rahmen eines Gesundheits­programms ist Deutschland außerdem im Bereich Familien­planung aktiv. Dem Thema kommt angesichts der hohen Bevölkerungs­dichte große Bedeutung zu. Zudem wird Burundi bei der Prävention und Bekämpfung von HIV/AIDS unterstützt.

Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung

In Folge des Bürgerkrieges hat sich in Burundi die Grund­ver­sorgung erheblich verschlechtert. Burundischen Erhebungen zufolge hatten im Jahr 2000 durch­schnitt­lich 43 Prozent der länd­lichen Bevölkerung Zugang zu funktionie­renden Wasser­versorgungs­systemen, in den Städten sah es ähnlich aus. Eine geregelte Abwasser­entsorgung gibt es nicht, nur in der Haupt­stadt existiert ein kommunales Entsorgungs­unternehmen, dessen Anlagen und Kapazitäten jedoch nicht ausreichen. Der große Zeit­aufwand für die Wasser­beschaffung und Krank­heiten, die durch unsauberes Wasser verursacht werden, mindern die Erwerbs­fähigkeit der Bevölkerung.

Handwaschbecken in einer Schule in Burundi. Urheberrecht: Philipp ZiserDie deutsche Entwicklungs­zusammen­arbeit fördert die Ver­besserung der Wasser­ver­sorgung und Abwasser­entsorgung der Bevölkerung. Dazu unter­stützt Deutsch­land Burundi bei der Reform des Wasser­sektors. Ende 2009 wurde eine neue Wasser­politik verab­schiedet, die eine gute Basis bildet, um den Sektor besser zu struktu­rieren und weitere Aktivitäten zu planen. Deutsche Experten beraten das Ministerium bei der Anpassung des Rechts­rahmens, der Dezen­tra­lisie­rung, der Investitions­planung, der Re­organisation der staat­lichen Träger und der Tarif­reform (Kostendeckung).

Durch landesweite Erhebungen wird der Versorgungs­grad der Bevölkerung im Wasser­sektor analysiert. Auf dieser Grund­lage werden dann Investitionen in die städtische und ländliche Wasser­versorgung geplant.

Auf regionaler und kommunaler Ebene konzentriert sich die Zusammen­arbeit auf ausgewählte städtische und ländliche Gemeinden in fünf Provinzen. Zu den Maßnahmen gehören die Instand­setzung von Wasser­versorgungs­systemen im städtischen und ländlichen Raum und deren bedarfs­gerechter Ausbau (Wasser­gewinnung und -aufbereitung, Speicher­kapazitäten, Verteiler­netze, Haus­anschlüsse, Zapf­stellen). Neben der Wieder­herstellung und dem Ausbau der Trink­wasser­versorgung stehen die Betreiber­strukturen im Mittel­punkt: Sie sollen dynamischer und professioneller werden. Außerdem wird die Bevölkerung für den hygienischen Umgang mit Wasser sensibilisiert.

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