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Palästinensische Gebiete

Palästinensische Schulkinder lenken einen Eselskarren über den Markt des Flüchtlingslagers al-Maghazi im Gazastreifen. Urheberrecht: Suhair Karam/IRIN

Situation und Zusammenarbeit

Trotz zahl­reicher inter­natio­naler Bemühungen, den Nah­ost­konflikt zu lösen, kommt der Friedens­prozess zwischen Israel und den Palästi­nen­sischen Ge­bie­ten immer wieder ins Stocken. Eine nach­haltige Lösung des Kon­flikts im Nahen Osten kann nach deutscher und euro­päischer Auf­fassung nur in einer Zwei­staaten­lösung und der Aner­kennung Israels durch seine ara­bischen Nach­bar­staaten liegen.

Straßenszene: Palästinensisches Autonomiegebiet. Urheberrecht: bpa, BienertBei den paläs­ti­nen­si­schen Par­la­ments­wahlen im Januar 2006 ge­wann die radikal-isla­mi­sche Hamas, die von vielen Staaten als ter­roris­ti­sche Ver­eini­gung ein­ge­stuft wird, die Mehr­heit der Stimmen. Im März 2007 bilde­ten Hamas, die ge­mäßigte Fatah und weitere kleinere Frak­tionen eine gemein­same "Regierung der nationalen Einheit". Diese zerbrach jedoch im Juni 2007, als die Hamas im Gaza­streifen die Macht über­nahm. Vier Jahre lang waren die Palästi­nen­si­schen Gebiete innen­politisch tief gespalten – in den von Hamas beherrschten Gaza­streifen und das von der Palästi­nen­si­schen Autonomie­behörde kontrollierte West­jordan­land. Erst im Mai 2011 unter­zeichneten Hamas und Fatah ein Versöhnungs­abkommen. Sie vereinbarten die Bildung einer gemein­samen Übergangs­regierung und Neu­wahlen innerhalb eines Jahres.

Die internationale Gemein­schaft unter­stützt die Gründung eines unab­hängigen palästinen­sischen Staates. Nachdem im November 2007 auf einer Nahost­konferenz in Annapolis der Friedens­pro­zess wieder­belebt worden war, wurden bei einer inter­nationalen Geber­konferenz in Paris etwa fünf Milliarden Euro für den Staats­aufbau bis 2010 zugesagt. Deutsch­land beteiligte sich mit 200 Millionen Euro für konkrete Vor­haben der Entwicklungs­zusam­men­arbeit und notwendige humanitäre Hilfs­maßnahmen. Auf einer Geber­konferenz im ägyptischen Sharm-el-Sheikh hat die Bundes­regierung im März 2009 eine finanzielle Unter­stützung in Höhe von 150 Millionen Euro für den Wieder­aufbau des Gaza­streifens bewilligt.

Wirtschaft liegt am Boden

Die wirtschaftliche Situation in den Palästi­nensi­schen Gebieten bleibt schwierig. West­jordan­land und Gaza­streifen sind geo­gra­fisch voneinander getrennt. Mehr als die Hälfte der Westbank wird überdies noch von Israel kontrolliert und verwaltet. Die Pa­läs­ti­nen­sische Autonomie­behörde ist finanziell stark unter­ver­sorgt und kann ihren Ver­pflichtungen nur begrenzt nach­kommen. Strukturelle Probleme wie Wasser­mangel, ein starkes Bevöl­ke­rungs­wachstum und eine hohe Arbeits­losig­keit ver­schär­fen die Lage.

Israelische Soldaten kontrollieren das Auto eines Palästinensers am Checkpoint Hawera unweit von Nablus. Urheberrecht: Kobi Wolf/IRINUNO, Welt­bank und Inter­na­tio­naler Wäh­rungs­fonds (IWF) be­schei­nigen der Auto­no­mie­be­hör­de zwar be­acht­liche Fort­schritte bei der Reform der öffent­lichen Ver­wal­tung und beim Auf­bau staat­licher Struk­turen. Die wirt­schaft­liche Ent­wick­lung hinke jedoch hinter­her. So seien die Wachs­tums­raten von etwa acht Pro­zent in den Jahren 2009 und 2010 in erster Linie auf Hilfs­zahlungen der inter­nationalen Staaten­gemeinschaft zurück­zuführen. Für ein nach­haltiges Wirtschafts­wachstum seien mehr Investitionen des Privat­sektors notwendig.

An der Grenze zum West­jordan­land hat Israel eine Sperr­anlage errichtet. Die Einschränkungen der Bewegungs­freiheit von Per­sonen und Gütern haben die wirt­schaft­liche Entwicklung empfind­lich gestört. Da der gesamte Export über Israel abge­wickelt wird, werden Transport und Vermarktung palästinen­sischer Produkte und Dienst­leistungen stark beein­trächtigt. Auch die Zahl der Palästinen­serinnen und Palästinenser, die in Israel arbeiten, ist deutlich zurückgegangen.

In und um Gaza kam es Ende 2008/Anfang 2009 zu gewalt­samen Auseinander­setzungen zwischen den israelischen Streit­kräften und der Hamas. Aufgrund des Krieges und der von Israel ver­hängten Schließung der Grenz­übergänge für Personen und Güter ist die Wirt­schaft im Gaza­streifen fast vollständig zum Erliegen gekommen. Weite Teile der Infra­struktur sowie zahl­reiche Geschäfte und Fabriken wurden zerstört. Rohstoffe und Lebens­mittel werden größtenteils von Ägypten aus durch ein umfang­reiches Tunnel­system in den Gaza­streifen geschmuggelt.

Das durchschnittliche Einkommen in den Palästinen­sischen Gebieten hat sich im Vergleich zu 1999 um rund ein Drittel ver­ringert, immer größere Bevölke­rungs­teile leben unter­halb der Armuts­grenze. Die Arbeits­losigkeit liegt im West­jordan­land bei etwa 16 Prozent, im Gaza­streifen bei fast 40 Prozent. Viele Familien haben ihre Erspar­nisse aufgebraucht und sind nun von Lebens­mittel­hilfe abhängig. Auch der Gesundheits­zustand der Menschen hat sich verschlechtert, vor allem bei Kindern treten verstärkt Symptome von Mangel- und Unter­ernährung auf. Auf­grund der Sicherheits­lage ist eine Notfall­versorgung nicht immer möglich, da sich die Bewohnerinnen und Bewohner oft nicht frei bewegen können, um Kranken­häuser aufzusuchen.

Entwicklungspotenziale

Poten­ziale für Ent­wick­lung sind in den Palästi­nen­si­schen Ge­bieten vor­handen. Die Be­wohner sind im All­ge­meinen gut aus­ge­bil­det. Viele arbeiten erfolg­reich im Aus­land und sind unter­ein­ander und mit der Heimat intensiv vernetzt. Sie sind ein wichtiger Faktor der wirt­schaft­lichen Ent­wick­lung, weil sie finan­zielle und tech­nische Unter­stützung leisten können.

Markt in Gaza City während des Ramadan. Urheberrecht: Erica Silverman/IRINVor­aus­set­zung für einen dauer­haften Auf­schwung sind aller­dings eine grund­legende Sta­bi­li­sie­rung der poli­tischen Ver­hält­nisse sowie ein freier Waren- und Per­sonen­ver­kehr. Viele his­to­rische und reli­giöse Stät­ten, eine reiz­volle Land­schaft und ein ange­nehmes Klima könnten den Tou­ris­mus zu einer mög­lichen Wachs­tums­branche machen. Als Export­güter kom­men vor allem Tex­ti­lien und land­wirt­schaft­liche Pro­dukte in Frage. Als aus­bau­fähig gel­ten auch die Nah­rungs­mittel- und Ver­pack­ungs­indus­trie, die Chemie- und Pharma­branche, die Bau­wirt­schaft sowie der In­for­ma­tions- und Kom­mu­nika­tionssektor.

Die Zukunft der Palästinen­sischen Gebiete ist jedoch von einer umfassenden politischen Lösung des Nahost­konfliktes abhängig.

Schwerpunkte der Zusammenarbeit mit den Palästinensischen Gebieten

Die Bundesregierung engagiert sich seit den 1980er Jahren in den Palästinen­sischen Gebieten. Ziel der Entwicklungs­zusammen­arbeit ist es, die Lebens­umstände der Bevölkerung zu ver­bes­sern. Nur wenn die Menschen eine Zukunfts­perspektive haben, kann Frieden hergestellt und ein lebens­fähiger paläs­ti­nen­sischer Staat aufgebaut werden. Rechnet man die deutschen Leistungen auf die Zahl der Einwohner um, stehen die Paläs­ti­nen­sischen Gebiete mit an der Spitze der Empfänger­länder deutscher Ent­wick­lungs­zusammenarbeit.

Für das Jahr 2011 hat die Bundes­regierung der Autonomie­behörde insgesamt 42,5 Millionen Euro zugesagt. Die Entwick­lungs­zusammen­arbeit konzentriert sich auf drei Schwer­punkt­bereiche:

  • Wasser, Abwasser, Abfallentsorgung

  • Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung und Beschäftigungs­förderung

  • Aufbau von Institutionen und Förderung der Zivilgesellschaft (Governance)

Aufgrund der unsicheren politischen Situation werden verstärkt schnell umsetzbare Programme der Beschäftigungs­förderung zum Ausbau der sozialen Infrastruktur unterstützt.

Wasser, Abwasser, Abfallentsorgung

Wasser ist knapp in der Region und Gegenstand von Verteilungs­konflikten. Die Wasser­ressourcen sind seit 1967 unter israeli­scher Kontrolle.

Zudem ist die Infrastruktur in sehr schlechtem Zustand – teil­weise wurden die Leitungen seit der britischen Mandats­zeit nicht mehr erneuert, so dass viel Wasser ungenutzt versickert. Das hat schwer­wiegende Folgen für die Bevölkerung: Nicht nur das Trink­wasser ist knapp, auch die Land­wirt­schaft leidet unter dem Wasser­mangel und einer zunehmenden Versalzung der Böden.

Die deutsche Unterstützung zielt darauf ab, die Trinkwasser­versorgung der Bevölkerung zu verbessern und zugleich durch die Förderung effizienterer Anlagen die Ressourcen zu schonen. Deutschland berät die Palästinensische Autonomie­behörde im Bereich Wasser­management und unterstützt die Sanierung und den Bau von Leitungen und Kläranlagen. Mehr als 120.000 Men­schen beziehen mittlerweile Trinkwasser aus instand­gesetzten Brunnen.

Da vor allem im dicht besiedelten Gazastreifen ein enger Zusam­men­hang zwischen der Qualität des Grund­wassers und der Abfall­entsorgung besteht, wurde die Abfall­wirtschaft an ausge­wählten Standorten in diesen Schwer­punkt integriert. Deutsch­land ist neben den USA der größte und wichtigste bilaterale Geber im Wasser- und Abwasserbereich.

Bis zum Jahr 2015 werden durch den deutschen Beitrag die Kapazitäten zur Abwasser­sammlung und -reinigung in Gaza und in der Westbank erheblich erweitert. Von diesen Maßnahmen werden rund 1,2 Millionen Menschen profitieren. Die Maßnahmen tragen außerdem entscheidend zum Schutz der Küsten­gewässer, Flüsse und Grundwasser­ressourcen bei.

Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung und Beschäftigungs­förderung

Die Entwicklung eines leistungs­fähigen privaten Wirtschafts­sektors ist eine Grund­voraussetzung für Wirtschafts­wachstum und die Schaffung neuer Arbeits­plätze. Die deutsche Entwick­lungs­zusammen­arbeit fördert diesen Sektor auf verschiedenen Ebenen.

Palästinensische Schülerinnen aus dem Dorf Al-Walaja in der Nähe von Jerusalem tragen T-Shirts mit der Aufschrift ‘Peace starts here’. Urheberrecht: Erica Silverman/IRINZusammen mit den paläs­ti­nen­sischen Part­nern hat Deutsch­land um­fang­reiche Be­schäf­ti­gungs­pro­gramme auf den Weg ge­bracht. So sieht ein Pro­gramm den Neu­bau und die Sa­nie­rung von mehr als 100 Schulen für etwa 80.000 Schü­ler­innen und Schü­ler vor. Die Bau­auf­träge wer­den aus­schließ­lich lokal ver­geben, so dass kleine und mittlere paläs­ti­nen­sische Unter­neh­men davon pro­fi­tieren. Da­durch ent­stehen mehr als 5.000 tem­po­räre Arbeits­plätze. Zu­gleich wer­den bessere Lern­be­din­gungen für die Kinder und Jugend­lichen ge­schaffen. Ein Pro­gramm zur För­derung des Berufs­bildungs­systems ver­mittelt jungen Menschen aus allen Schichten zudem einen besseren Zugang zu einer quali­fizierten Ausbildung.

Durch den deutschen Beitrag wird das Bildungs­angebot in den Palästinensischen Gebieten bis 2015 erheblich erweitert. Rund 1,1 Millionen Schülerinnen und Schüler und rund 30.000 Lehr­kräfte werden davon unmittelbar profitieren.

Ein Zukunftsprojekt ist der "Industriepark Jenin", der israelische und palästinensische Unternehmen und Behörden zusammen­bringen soll, um die grenz­über­schreitende Zusammen­arbeit und die regionale Wirtschafts­entwicklung zu stärken.

Da viele palästinensische Unternehmer wegen des schwierigen Umfelds keine Kredite bekommen, wurde ein Kredit­garantie­fonds eingerichtet. Der Fonds nimmt den Banken einen Teil des Kredit­risikos ab. Er steigert damit die Bereitschaft der Geld­institute, Kredite an kleine und mittlere Betriebe zu vergeben und damit deren Überlebens­fähigkeit zu sichern.

Förderung von Institutionen

Um das Gemeinwesen zu stärken, müssen die Institutionen in den Palästinensischen Gebieten demokratischer, effizienter, transparenter und bürgernäher arbeiten. Das deutsche Engage­ment erfolgt in erster Linie auf kommunaler Ebene. Die Ge­mein­den werden in Fragen der Finanz­verwaltung, der kommunalen Dienst­leistungen und der Bürger­beteiligung beraten.

Auch Nichtregierungsorganisationen (NRO) werden mit dem Ziel gefördert, die Zivilgesellschaft in den Palästinensischen Gebieten zu stärken.

Darüber hinaus wurde ein Politik- und Reform­beratungs­fonds geschaffen, durch den palästinensische Schlüssel­institutionen unterstützt werden.

Soforthilfe

In der Zeit der Hamas-geführten Regierung stellte die Euro­päi­sche Union ihre direkten Finanz­transfers ein. Die Hilfe zur Grund­versorgung der palästinensischen Bevölkerung wurde jedoch fortgesetzt und noch ausgeweitet. Dafür richteten EU-Kommis­sion und Weltbank einen Interims-Finanzmechanismus (Tempo­rary International Mechanism, TIM) ein. 2006 und 2007 stellte die Bundes­regierung insgesamt 40 Millionen Euro über TIM zur Aufrecht­erhaltung öffentlicher Dienstleistungen – vor allem im Gesundheits- und Bildungssektor – bereit.

Im Februar 2008 beschloss die EU, ihre Unter­stützung für die Palästinensischen Gebiete auf eine neue Grundlage zu stellen. Der Palästinensisch-europäische Mechanismus zur Verwaltung der sozio­ökonomischen Unter­stützung (Mécanisme Palestino-Européen de Gestion de l'Aide Socio-Economique, PEGASE) orientiert sich an der Entwicklungs­planung der Palästinensischen Autonomie­behörde. 2008 hat Deutschland 20 Millionen Euro für Soforthilfe­maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Energie­ver­sor­gung im Gazastreifen über PEGASE bereitgestellt. Im Juni 2009 wurden weitere 25 Millionen Euro bewilligt, um die humanitäre Situation zu entschärfen.

Darüber hinaus hat Deutschland seit 2009 über vier Millionen Euro im Rahmen der entwicklungs­orientierten Not- und Über­gangs­hilfe (ENÜH) bereitgestellt, darunter zwei Millionen Euro für die Not leidende Bevölkerung im Gazastreifen über das Welt­ernährungs­programm der Vereinten Nationen.

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