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Nicaragua

Situation und Zusammenarbeit

Landschaftsaufnahme mit Palmen, im Hintergrund ein Strand in Nicaragua. Urheberrecht: BPA,SchambeckJahr­zehnte der Dik­ta­tur, Bür­ger­kriege und Natur­kata­stro­phen, aber auch schlechte Re­gie­rungs­füh­rung haben Nica­ra­gua zum zweit­ärmsten Land La­tein­ame­ri­kas und der Ka­ri­bik­re­gion wer­den las­sen. Mit einem jähr­lichen Brutto­na­tio­nal­ein­kommen von 1.000 US-Dol­lar pro Ein­woh­ner (2009) liegt Nica­ra­gua weit unter dem Durch­schnitt La­tein­amerikas.

Rund 46 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armuts­grenze etwa 15 Pro­zent davon leben nach inter­natio­nalen Kri­te­rien in extremer Armut. Vor allem die Land­bevöl­kerung, ethnische Minder­heiten und ins­be­son­dere Frauen sind von Armut betroffen.

Die Regierung versucht, mit verschiedenen Armuts­bekämpfungs­pro­grammen wie "Hambre Cero" ("Null Hunger"), die Situa­tion zu ver­bes­sern. Für den Zeit­raum 2005 bis 2009 ver­mel­det sie einen Rück­gang der extremen Armut um zehn Pro­zent. Diese Angaben werden jedoch von der inter­natio­nalen Geber­gemein­schaft bezweifelt.

In den Bereichen Bildung und Gesundheit liegt Nicaragua deutlich hinter den übrigen Ländern Mittelamerikas. Nach Schätzungen der Weltbank ist es unwahrscheinlich, dass Nicaragua die Millenniumsentwicklungsziele bis 2015 erreicht.

Viele Erwerbsfähige sind in Nicaragua arbeitslos oder unter­be­schäf­tigt. Das moderate Wirt­schafts­wachs­tum der vergangenen Jahre wurde von der schnell wachsenden Bevölkerung fast neu­tra­li­siert. Nach Angaben der Welt­bank ging die Wirtschafts­leistung im Jahr 2009 um fast sechs Prozent zurück.

Nicaragua gehörte zu den besonders hoch verschuldeten Län­dern. Der Staat ist abhängig von externen Finanz­mitteln: 2008 finanzierten die ver­schie­denen Geber­länder und -institutionen rund elf Prozent des Brutto­in­lands­produktes Nica­ra­guas. Mit 33 Prozent wird auch der größte Teil der Staats­investitionen durch ausländische Hilfe finanziert.

Eine wichtige Einnahmequelle des Landes sind die Rück­über­weisungen der im Ausland arbeitenden Nica­ra­guaner. In den vergan­genen Jahren sind diese jedoch er­heb­lich gesunken. Viele arbeits­los gewordene Migranten sind aus den USA und Costa Rica in ihre Heimat zurückgekehrt.

Nicaragua war lange Zeit eine Diktatur, die 1979 mit dem Sturz der Somoza-Dynastie endete. Durch den an­schlie­ßenden Bürger­krieg der "Contras" gegen die links­ge­richtete sandi­nistische Regierung wurde das Land weiter desta­bi­li­siert. Seit den freien Wahlen im Jahr 1990 und der Ein­setzung einer demo­kra­tischen Re­gie­rung sind die bewaffneten Aus­ein­ander­setzungen beendet. Mit großer Unter­stützung der inter­natio­nalen Geber­gemein­schaft konnten seither beim Aufbau des Landes Fortschritte erzielt werden.

Die Schwäche und Politisierung der staatlichen Institutionen, Korruption und fehlende Rechtssicherheit sind jedoch bleibende Probleme. Seit dem Wahlsieg der Sandinisten im Herbst 2006 sind Tendenzen sichtbar, rechtsstaatliche Prinzipien zu unter­graben. Die Regierung von Präsident Ortega wird im In- und Ausland unter anderem für die offene Mani­pu­lation der Kom­mu­nal­wahlen Ende 2008, Parteien­verbote, die Kontrolle zivilgesellschaftlicher Akteure und für fehlende Be­mühungen im Kampf gegen die Kor­rup­tion ver­ant­wort­lich gemacht. Auch in Reaktion darauf werden einige Geber­länder wie Dänemark, Öster­reich und Norwegen ihr entwick­lungs­politisches Engage­ment voll­ständig ein­stellen. Vor diesem Hinter­grund zögern auch poten­zielle Investoren, sich in Nicaragua zu engagieren.

Immer wieder haben Naturkatastrophen Nicaragua schwer ge­troffen: 1972 zerstörte ein Erdbeben die Haupt­stadt Mana­gua, 1998 löste Hurrikan Mitch verheerende Erd­rutsche und Über­schwem­mungen aus. Im September 2007 richtete der Wirbel­sturm Félix schwere Ver­wüstungen in der Nord­at­lan­tik­region an. Massive mensch­liche Ein­griffe in die Natur belasten die Um­welt zu­sätz­lich und ver­stärken die Folgen der Naturkatastrophen.

Entwicklungspotenziale

Landschaft bei Isleta del Sol, Nicaragua (c) bpaEnt­wick­lungs­po­ten­ziale sind vor­han­den: Nica­ra­gua ver­fügt über frucht­bare Böden und die Di­ver­si­fi­zie­rung der Land­wirt­schaft und des Forst­sek­tors bie­tet Wachs­tums­chan­cen. Auch kleine und mittlere Unter­neh­men – etwa der Tex­til­in­dustrie – haben im Zuge der wirt­schaft­lichen In­te­gra­tion in Zen­tral­amerika Ent­wick­lungs­mög­lich­keiten. Po­ten­ziale liegen außer­dem in den Bereichen Touris­mus, Fischerei und Ener­gie. Einen Wachs­tums­schub ver­spricht das Zentral­ameri­ka­nische Frei­handels­ab­kommen (CAFTA) mit den USA, das 2006 in Kraft trat. Seit März 2011 gilt zudem ein As­soziierungs­ab­kommen zwischen der EU und den zentral­ameri­kanischen Staaten, das unter anderem um­fang­reiche Handels­erleich­terungen vorsieht. 

Schwerpunkte der bilateralen Zusammenarbeit

Deutschland ist auch heute noch einer der wichtigsten bilateralen Geber Nicaraguas. Dies gilt umso mehr, betrachtet man das Gesamtvolumen aller bislang zugesagten Gelder einschließlich der multilateralen Beiträge und des im Jahr 2004 gewährten Schulden­erlasses im Rahmen der HIPC-Initiative.

Bei den Regierungsverhandlungen 2010 erhielt Nicaragua von der Bundesrepublik eine Zusage von insgesamt 10 Millionen Euro. Davon entfallen 3 Millionen Euro auf die Technische und 7 Mil­lio­nen Euro auf die Finanziellen Zusammenarbeit. Die Pro­gram­me der Technischen Zusammen­arbeit im Umwelt­bereich kon­zen­trie­ren sich seit 2004 auf zwei Regionen, den Süd­westen Nica­ra­guas und die auto­nome Nord­atlan­tik­region (RAAN) im Nord­osten des Landes. Ab Mitte 2011 wird sich das Engage­ment auf die RAAN beschränken.

Seit 2002 verfolgt die entwicklungspolitische Zusammenarbeit der beiden Länder folgende Schwerpunkte:

  • Stärkung demokratischer und rechtsstaatlicher Strukturen und Dezentralisierung

  • Umweltpolitik, Schutz und nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen

  • Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung

Die nächsten Regierungsverhandlungen sollen 2012 stattfinden, um zunächst die innenpolitischen Entwicklungen im Zuge der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im November abwarten zu können.

Stärkung demokratischer und rechtsstaatlicher Strukturen und Dezentralisierung

Nicaragua hat in den vergangenen Jahren ein umfangreiches De­zen­tra­li­sie­rungs­programm eingeleitet, das die Selbst­ver­wal­tung der Kom­mu­nen stärken soll. Mit deutscher Hilfe konnten auf kom­mu­naler Ebene zahlreiche Ge­mein­den eine eigene Fi­nanz­kon­trolle auf­bauen, was sie in die Lage versetzt, Staats­ein­nahmen selbst­ständig zu verwalten. Die prak­tische Um­setzung dieser Re­for­men wird jedoch durch die weit ver­breitete Kor­rup­tion, Politi­sierung staat­licher Insti­tu­tionen bis hinunter auf die kom­mu­nale Ebene und vor allem den Auf­bau einer lokalen, von den re­gie­renden Par­tei kontrol­lierten Paral­lel­struktur in Form der so­ge­nannten Bür­ger­macht­räte (Consejos del Poder Ciudadano) konter­kariert. Wegen der damit verbundenen zentral­staat­lichen Ein­griffe in die Auto­no­mie der loka­len Ver­wal­tungen und der massiven Behin­derung der Zu­sam­men­arbeit auf kom­munaler Ebene hat Deutsch­land Ende 2010 die Bera­tungs­leistungen in diesem Bereich eingestellt.

Angesichts dieser Entwicklungen ist die Stär­kung der Zivil­gesell­schaft ein umso wichtigeres Ziel der deutschen Ent­wick­lungs­zusammen­arbeit. Deutschland hält den Vorsitz im gemein­samen Geber­fond zur För­de­rung der Zivil­gesell­schaft (Fondo Común de Apoyo a la Sociedad Civil), der die Arbeit un­ab­hängiger, kri­tischer Nichtregierungsorganisationen stärken soll. In vielen Fällen sind sie es, die schwierige Themen auf­greifen und in den öffent­lichen Raum hin­ein­tragen, wie zum Bei­spiel das 2006 ein­ge­führte strikte Ver­bot eines Schwanger­schafts­abbruchs oder jüngst die ver­fassungs­widrigen Um­stände der Kan­di­da­tur Ortegas für die Präsi­dent­schafts­wahlen 2011.Viel­fach sind es vor allem Nicht­re­gie­rungs­orga­ni­sa­tionen, die soziale und poli­tische Kontrolle ausüben, vor allem auf lokaler Ebene.

Ergänzend dazu bemüht sich Deutschland um eine intensivere Zusammenarbeit mit ausgewählten staatlichen Institutionen wie vor allem der Nationalen Polizei, aber auch dem Sozial­inves­ti­tions­fonds FISE (Fondo de Inversión Social de Emergencia) oder der staat­lichen Finanz­aufsicht (Contraloría General de la Repúb­lica, CGR). Diese Insti­tu­tionen sind für die demokra­tische Kultur wichtige Akteure. Unter anderem berät die GIZ seit Ende 2010 die Nationale Polizei in Fragen der internen Kontrolle, der Bürger­rechte und -sicherheit sowie der Prävention von familiärer Gewalt und Jugend­krimi­na­lität aber auch bei der Bekämp­fung der internen Kor­rup­tion. Im Rahmen des Sozial­investi­tions­fonds FISE unter­stützt Deutsch­land aus Mit­teln der Finanziellen Zusammen­arbeit die Finan­zie­rung kleiner Infra­struk­tur­projekte, die ins­be­son­dere der armen Be­völ­ke­rung und indi­genen Terri­torien direkt zu Gute kommen. Die durch den Fonds finan­zierten Maß­nah­men basieren auf Vor­schlägen der Gemeinden und umfassen unter anderem die Bereiche Bildung, Gesund­heit, ländliche Infra­struk­tur, Umwelt und Kultur und den Wieder­auf­bau der Nord­at­lan­tik­region, die durch einen Hurrikan im Jahr 2007 verwüstet wurde.

Umweltpolitik, Schutz und nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen

Die rapide Entwaldung, nach Schätzungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) liegt sie bei jährlich 70.000 Hektar, gehört zu den schwerwiegendsten Umweltproblemen Nicaraguas. Der Raubbau an den natürlichen Ressourcen innerhalb und außerhalb von Naturschutzgebieten entzieht vielen Kleinbauern und Waldnutzern mittelfristig die Lebensgrundlage. Immer wiederkehrende Naturkatastrophen verschärfen diese Situation. 2007 wurden durch den Hurrikan Félix zusätzlich etwa 500.000 Hektar Wald zerstört. Um dem entgegenzuwirken, werden Bauern, insbesondere indigene Waldnutzer, und ihre Verbände durch das Programm MASRENACE (Manejo Sostenible de Recursos Naturales y Fomento de Com­pe­ten­cias Empresariales) unter­stützt. Wichtige Ziele sind dabei, alter­native An­bau­methoden, Holz­zerti­fi­zie­rung und wald­er­hal­tende Holz­nutzung ein­zu­führen, nach­hal­tiges Wirt­schaften auf lokalen, re­gio­nalen und inter­natio­nalen Märkten als Wett­be­werbs­vor­teil zu posi­tio­nieren und die Ver­wal­tung von Schutz­ge­bieten zu ver­bes­sern. Ein besonders wichtiges Thema ist in diesem Zusam­men­hang die För­de­rung von unter­neh­merischen Kom­pe­tenzen im länd­lichen Raum, zum Bei­spiel durch den Aus­bau des Öko­touris­mus oder die Ver­mark­tung von Pro­dukten des umwelt­ver­träg­lichen Handels.

Angesichts des weltweiten Klimawandels und verheerender Naturkatastrophen in Mittelamerika unterstützt Deutschland in den letzten Jahren verstärkt Maßnahmen zum Klimaschutz und zur Anpassung an die Folgen des Klima­wandels. So ist Nicaragua unter anderem eingebunden in das regionale Vorhaben "Reduk­tion von Emissionen aus Ent­waldung und Wald­degra­dierung" (REDD) und weitere inter­natio­nale Programme der deutschen Entwicklungszusammenarbeit.

Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung

Die Trinkwasser­versorgung in Nicaragua ist un­zu­reichend, die Qualität des Wassers ge­ring. Über 30 Prozent der länd­lichen Be­völ­ke­rung haben keinen Zugang zu sauberem Trink­wasser. Auch die Ab­was­ser­ent­sorgung ist mangel­haft. Die Folge sind weit ver­breitete Krank­heiten, die durch ver­un­rei­nigtes Was­ser über­tra­gen wer­den und Um­welt­schäden durch die un­kon­trol­lierte Ent­sor­gung von Abwasser.

Das deutsche Engagement kon­zen­trierte sich daher in den ver­gan­genen Jahren im Rahmen der Finan­ziellen Zu­sam­men­arbeit auf eine grund­legende Ver­bes­se­rung von Tech­nik und Infra­struk­tur. Als Bei­trag zum Schutz des stark ver­schmutzten Mana­gua-Sees, dem zweit­größten See Latein­ameri­kas, war Deutsch­land zu­ständig für den Bau einer Klär­an­lage. In mehreren kleinen und mittleren Städten unter­stützte die deutsche Ent­wick­lungs­zu­sam­men­arbeit die Re­pa­ra­tur und den Aus­bau von Trink­wasser­ver- und Ab­was­ser­ent­sor­gungs­anlagen. Der Betrieb die­ser tech­nisch häu­fig an­spruchs­vollen An­lagen wird nach einer mehr­jäh­rigen Be­glei­tungs- und Be­ra­tungs­phase Schritt für Schritt an die nica­ra­gua­nischen Was­ser­ver­sor­gungs­ein­richtungen übergeben.

Bei den Regierungsverhandlungen im November 2010 wurde zudem vereinbart, dass Deutschland unter anderem den Aufbau der Nationalen Wasserbehörde (Autoridad Nacional del Agua, ANA), die Arbeit lokaler Wasserkomitees sowie die Beratung und Weiterbildung von Fachkräften im Wassersektor mit Mitteln der Technischen Zusammenarbeit unterstützt.

Entschuldung

Nicaragua war in der Ver­gangen­heit eines der höchst­ver­schul­deten Ent­wick­lungs­länder der Welt. Nach Er­stel­lung einer Armuts­stra­te­gie (PRSP) durch die Re­gie­rung Nica­ra­guas wurden dem Land 2004 im Rah­men der HIPC-Initiative Schul­den in Höhe von 2,5 Milliarden US-Dollar er­las­sen. Das ist der bis­lang höchste Ein­zel­er­lass seit Be­stehen der Ini­tia­tive. Der deutsche Beitrag zur bi­la­te­ralen Ent­schul­dung ist be­trächt­lich: Die Bun­des­re­pub­lik hat Nica­ra­gua alle Schulden und Rück­stände bis 2004 er­las­sen, ins­ge­samt rund 491 Mil­lionen Euro. Das ist der bis­her größte Schul­den­erlass Deutsch­lands im Rah­men der HIPC-Initiative.

2006 profitierte Nicaragua von einem weiteren Schuldenerlass im Rahmen der multilateralen Entschuldungsinitiative (MDRI). Dem Land stehen nun deutlich mehr Mittel für die Armutsbekämpfung zur Verfügung.

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