Hauptinhalt

Kolumbien

Straßenszene in Bogota, Kolumbien. Urheberrecht: photothek.net

Situation und Zusammenarbeit

Kolumbiens Sozial- und Entwicklungspolitik ist auf die Millenniumsentwicklungsziele ausgerichtet. Staatspräsident Juan Manuel Santos erklärte die Überwindung der extremen sozialen Unterschiede zur Hauptaufgabe seiner Regierung. Die staatliche Entwicklungsbehörde "Acción Social" ist dem Präsidialamt direkt unterstellt und führt großangelegte Sozialprogramme durch.

Ein kolumbianischer Mann begutachtet eine Kaffeepflanze. Projekt der Universitäten in Mainz und Bogota. Urheberrecht: BMZDie Über­win­dung der struk­tu­rel­len Ur­sachen für die Ar­mut im Land zählt zu der großen Her­aus­for­derung Ko­lum­biens. Die Un­gleich­heit bei Ein­kom­men und Land­be­sitz ist ex­trem hoch. Wäh­rend das ärmste Fünf­tel der Be­völ­ke­rung nur 2,5 Pro­zent des Volks­ver­mögens be­sitzt, ver­fügt das reichste Fünf­tel über 63 Pro­zent. Knapp zwei Drit­tel der ge­sam­ten pri­va­ten Land­flächen ge­hören 0,4 Prozent der Grund­be­sitzer. 54 Pro­zent der Fa­mi­lien im länd­lichen Raum haben kein eigenes Land.

In den Jahren von 2004 bis 2007 wuchs die kolum­bia­nische Wirt­schaft un­ge­ach­tet der struk­tu­rellen Probleme und des an­dau­ern­den Binnen­kon­flikts um durchschnittlich 6,2 Prozent. Mit einem Wirt­schafts­wachs­tum von 2,5 Prozent 2008 und 0,8 Prozent 2009 wurde auch während der internationalen Wirt­schafts- und Finanz­krise eine Rezession vermieden. Kolumbien lag damit weit über dem latein­ameri­ka­nischen Durch­schnitt. Ungeachtet dessen hatte der Rückgang von Wirtschafts­wachstum, Exporten und aus­län­dischen Direkt­investi­tionen für die arme Bevölkerung existenzielle Folgen. Das erwartete Wirtschafts­wachstum von 4,4 Prozent für 2010 und 4,8 Prozent für 2011 lässt auf eine schnelle Erholung der kolumbianischen Wirtschaft hoffen.

Eine große Herausforderung stellt der Wiederaufbau der durch die Überschwemmungen zerstörten Teile des Landes dar. Staats­präsi­dent Santos bezeichnete die Natur­kata­strophe als schlimmste in der Geschichte Kolumbiens. 2010 wurden über zwei Millionen Menschen in 28 der 32 Departments durch Erdrutsche und Über­schwem­mungen direkt betroffen. Die kolumbianische Regierung geht von Gesam­tschäden in einer Größen­ordnung von mindestens fünf Milliarden US-Dollar aus.

Trotz der Auswirkungen der weltweiten Wirtschafts­krise und der hohen Folge­kosten der Natur­kata­strophe, gelang es der kolumbia­nischen Regierung bisher, Kürzungen bei staatlichen Sozial- und Entwick­lungs­programmen zu vermeiden.

Ohne Frieden keine Entwicklung

Die Entwicklung des Landes wird vor allem von dem seit mehr als 40 Jahren schwelenden bewaffneten Konflikt zwischen dem Staat, paramilitärischen Kampfverbänden und linken Guerilla­gruppen gehemmt. Nach Einschätzungen der Weltbank läge das Durch­schnitts­einkommen der Kolumbianerinnen und Kolumbianer heute um 50 Prozent höher, wenn es vor 20 Jahren zu einem Friedens­schluss gekommen wäre. Finanziert wird der Konflikt vor allem aus dem Drogen­handel. Kolumbien ist der größte Kokain­produ­zent der Welt. Die Droge ist – neben Entführungen –  die Haupt­ein­nahme­quelle der illegalen Kämpferinnen und Kämpfer.

Die große Armut, vor allem in den ländlichen Gebieten und die extreme soziale Un­gleich­heit sind sowohl Ursache als auch Folge des Dauerkonflikts. Zwar hat sich die Sicherheitslage – und damit auch das Investitionsklima – in den vergangenen fünf Jahren deutlich verbessert. Doch ohne eine Beendigung der Gewalt wird Kolumbien seine Entwicklungspotenziale nicht ausschöpfen können.

Ein Hindernis im Kampf gegen Armut und Drogenhandel ist die Korruption. Die staatlichen Institutionen sind vor allem in ländlichen Gebieten relativ schwach, Kontrollmechanismen greifen nicht. Auch wenn das Rechtswesen formell gut entwickelt ist, sind etwa beim Schutz von grundlegenden Menschenrechten deutliche Defizite erkennbar. Morde sowie physische und sexuelle Gewalttaten gegen Frauen und Kinder bleiben oft straffrei. Aus diesen Gründen miss­trauen viele Bürgerinnen und Bürger dem Staat. Auch die Verquickung von Politik, Wirtschaft, Paramilitärs und Drogenhandel tragen dazu bei.

Eine weitere Herausforderung ist die Wiedereingliederung früherer Kämpfer in die Gesellschaft. Im Rahmen eines Demobili­sierungs­ab­kommens wurden rund 36.000 Para­militärs offiziell ent­waffnet. Es fehlt jedoch an lang­fristigen Ein­kommens­mög­lich­keiten, so dass sich viele ehemalige Kämpfer neuen Gruppierungen oder der organisierten Krimi­na­lität anschließen und damit die Gewalt wieder anfachen.

Entwicklungspotenziale

Kolumbien ist reich an natürlichen Ressourcen. Fast die Hälfte des Staatsgebiets ist mit Wald bedeckt. Kolumbien ist eines der Länder mit der größten Biodiversität weltweit. Darüber hinaus verfügt das Land über Bodenschätze wie Erdöl, Kohle, Eisen und Kupfer. Die Wirtschaft Kolumbiens zeichnet sich trotz des Konflikts durch ein solides Wachstum aus. Einen Boom erlebten vor allem die Branchen Rohstoffe, Bau, Handel, Industrie, Transport und Kommunikation. Auch der Tourismus gehört zu den Ent­wick­lungs­poten­zialen des Landes – ein Friedensschluss vorausgesetzt.

Zudem kann Kolumbien ein hohes Bildungsniveau und viele gut ausgebildete Fachkräfte vorweisen. Trotz alltäglicher Be­drohun­gen und Einschüchterungen ist die Zivilgesellschaft in Kolumbien stark und aktiv.

Schwerpunkte der deutschen Zusammenarbeit mit Kolumbien

Die Entwicklungszusammenarbeit zwischen Deutschland und Kolumbien besteht seit 1958. Neben den staatlichen Organisationen engagieren sich auch viele Nicht­regierungs­orga­ni­sationen, kirchliche Organisationen und politische Stiftungen in den Bereichen Demokratieförderung, Friedens- und Menschenrechtserziehung sowie in der Not- und Flüchtlingshilfe.

Bei den Regierungsverhandlungen zwischen Deutschland und Kolumbien im Dezember 2010 wurde für die Entwick­lungs­zusammen­arbeit der Jahre 2010 und 2011 eine Gesamtsumme von 119,5 Millionen Euro zugesagt.

Beide Seiten vereinbarten, die deutsch-kolumbianische Zusammen­arbeit neben dem Schwerpunkt "Friedensentwicklung und Krisen­prävention" um den Schwerpunkt "Umwelt­politik, Schutz und nach­haltige Nutzung natürlicher Ressourcen" zu erweitern.

Friedensentwicklung und Krisenprävention

Auf den bewaffneten Konflikt in Kolumbien kann die Entwick­lungs­zusammen­arbeit nur sehr eingeschränkt Einfluss nehmen. Dazu braucht es vor allem diplomatische und außen­poli­tische Initiativen. Doch die Entwicklungspolitik kann dazu beitragen, den Friedenswillen im Land zu stärken und neuen Krisen vorzubeugen. Sie kann außerdem wichtige staatliche Institutionen unter­stützen. So berät Deutschland die kolumbianischen Partner zum Beispiel in den Bereichen Justiz­reform und Korrup­tions­bekämpfung und arbeitet eng mit Insti­tu­tionen wie der staatlich-zivilen Nationalen Kommission für Wieder­gut­machung und Ver­söhnung (Comisión Nacional de Reparación y Reconciliación) zusammen. Es werden Pro­gramme gefördert, die Jugend­lichen friedliche Methoden der Konflikt­be­ar­beitung und -vermeidung vermitteln. Gemeinsam mit der länd­lichen Bevöl­kerung werden Alter­na­tiven zum Drogen­anbau entwickelt. Zusätzlich leistet die deutsche Entwick­lungs­zusammen­arbeit einen Beitrag zur Förderung der gesell­schaft­lichen Teilhabe vertriebener Frauen und deren Schutz vor Gewalt.

Projekte der Friedensentwicklung können nur erfolgreich sein, wenn sich die Zivil­gesell­schaft aktiv daran beteiligt. Deshalb finanziert Deutschland Vorhaben nur dann, wenn die lokalen Behörden die Einwohner einbeziehen und auch arme Bevölkerungsgruppen eine Chance erhalten, ihre Ideen und Arbeitskraft einzubringen. Die enge Zusammenarbeit mit Nicht­regierungs­organisationen, Menschen­rechts­organi­sa­tionen und kirchlichen Organi­sationen ist für die staat­liche deutsche Ent­wick­lungs­zusammen­arbeit von großer Bedeutung.

Aufgrund der unbeständigen Sicherheitslage werden auch neue Formen der Zusammenarbeit entwickelt. So werden zum Beispiel qualifizierte nationale Organisationen als Mittler eingesetzt oder Projekte mit Hilfe von UN-Einrichtungen realisiert. Deutschland arbeitet zudem eng mit der Europäischen Union zusammen, die in Kolumbien über sogenannte Friedenslabore regionale Friedens- und Entwicklungsprogramme unterstützt.

Umweltpolitik, Schutz und nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourden

Kolumbien zählt zu den "Megadiversityländern", da es sich durch eine besonders hohe Artenvielfalt auszeichnet. Das Land beheimatet rund 15 Prozent der auf der Welt vorkommenden Pflanzen­arten und belegt bei der Biodiversität von Vogel­arten, Amphibienarten und Pflanzen­arten, die nur in einer bestimmten Region vorkommen (endemische Arten), weltweit einen Spitzenplatz.

Diese Artenvielfalt ist in Kolumbien zunehmend bedroht. Ursachen hierfür sind unter anderem die Ausweitung der Landwirtschaft und des Rohstoff­abbaus, die Folgen des illegalen Drogenanbaus sowie eine unzureichende staatliche Regulierung.

Das deutsche Engagement im neuen Schwerpunkt konzentriert sich auf zwei Bereiche. Zentrale Elemente des Bereichs Schutz und nach­haltige Nutzung natürlicher Ressourcen sind der Erhalt der Bio­di­ver­si­tät, die Reduktion von Emissionen aus Ent­waldung und Schädigung von Wäldern (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation, REDD) und der Aufbau eines nationalen Schutzgebietsmanagements.

Im Bereich kommunaler Umweltschutz leistet Deutschland einen Beitrag zum nationalen Programm zur Verbesserung der Abwasserentsorgung.

Stärkung des Rechtsstaats und der Justiz

Rechtsstaatlichkeit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Funktionieren von Demokratie. Von zentraler Bedeutung sind dabei die Gewährleistung und der Schutz der Menschenrechte, das Bestehen eines staatlichen Gewaltmonopols, die Gewaltenteilung und –kontrolle, die Bindung der staatlichen Akteure an die Gesetze, eine unabhängige, funktionierende Justiz sowie die Gleichheit der Bürgerinnen und Bürger in Rechtsetzung und Rechtsanwendung.

Kolumbien ist nach über 40 Jahren bewaffneten Konflikts mit einer komplexen sozialen und politischen Problemlage konfrontiert. Der Schutz von Opfern und die Aufarbeitung der Verbrechen auf der einen und die Bemühung um die Wiedereingliederung der verschie­denen Täter­gruppen in die Gesellschaft und die Entflechtung der engen Netzwerke zwischen Politik, Wirtschaft, Paramilitärs und Drogenhandel auf der anderen Seite, stellen für die Justiz des Landes eine große Herausforderung dar. Der Staat verfügt über zu wenig starke und zuverlässige Institutionen, um sein Mandat effizient auszuüben. Dies hat zu einem Misstrauen der Bevölkerung gegen­über dem staatlichen Recht und seinen Institutionen geführt.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit unterstützt in strate­gischen Allianzen mit anderen internationalen Entwicklungs­organi­sationen gesetz­gebende Organe und staatliche Kontroll­ein­richtungen Kolumbiens durch die Vermittlung von Kompe­tenzen und im Aufbau von Verwaltungsstrukturen.

Dabei arbeitet sie direkt mit zentralen Einrichtungen wie den Obersten Gerichten, dem Obersten Justizrat, der Obersten Diszi­pli­nar­behörde und dem Amt der Ombuds­person zusammen und begleitet die Zusammenarbeit des Deutschen Richterbunds mit seinen kolumbianischen Amtskollegen.

Service-Links & Inhaltsverzeichnis

Lexikon der Entwicklungspolitik
Fenster schließen