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Bolivien

Straßenszene mit Verkaufsständen in der bolivianischen Hauptstadt La Paz. Urheberrecht: photothek.net

Situation und Zusammenarbeit

Die bolivianische Ge­sell­schafts­struk­tur ist durch Un­gleich­heit geprägt. Die so­zio­öko­no­mi­schen Trenn­linien ver­lau­fen zwi­schen Stadt und Land, Hoch- und Tief­ebene. Die in­di­ge­ne Be­völ­ke­rung, die rund 55 Prozent der Einwohner stellt, ist sozial, politisch und wirt­schaft­lich weit­ge­hend aus­gegrenzt. Mehr als zwei Drittel der Be­völ­ke­rung sind im informellen Sektor beschäftigt, in dem Sozial­standards für die Arbeitnehmer fehlen. Auch soziale Dienst­leistungen sind nur in geringem Maße vorhanden.

Die traditionellen politischen Parteien Boliviens konnten ihrer Aufgabe als Vertreter der Interessen des Volkes nicht gerecht werden und versanken in den vergangenen Jahren weitgehend in Be­deu­tungs­losigkeit. Das gesamte politische System leidet unter einer Le­gi­ti­ma­tions- und Glaub­wür­dig­keits­krise. Auch die Leistungs­fähigkeit der staatlichen Einrichtungen ist schwach. Die Verwaltung ist sehr büro­kratisch, ihre Beschäftigten sind unterbezahlt und oft schlecht ausgebildet. Korruption ist weit verbreitet.

Ein Dorf in hügeliger Landschaft, im Hintergrund ein Berg. (c) phalanxDer Rückhalt für die Reformpolitik der Regierung Morales ist groß, wie 2009 die Zu­stimmung der Be­völ­ke­rung für die neue Ver­fass­ung und die Wieder­wahl der Re­gie­rung zeigten. Haupt­ziele sind die Stärkung der Rechte der in­di­ge­nen Be­völ­ke­rung, die Vertiefung dezentraler Verwaltungsstrukturen und die nachhaltige Armutsbekämpfung. Der Widerstand der bisherigen Eliten, insbesondere im wirtschaftlich starken Tiefland, ist jedoch massiv und hat zu gewalttätigen Zu­sam­men­stößen und einer regionalen Spaltung des Landes geführt.

Die internationalen Partner, die Weltbank und der Internationale Wäh­rungsfonds (IWF) bewerten die wirtschaftliche Situation und das makro­öko­nomische Management der Regierung positiv. Die staat­lichen Einnahmen haben sich in der ersten Amtszeit der Regierung Morales im Vergleich zum Zeitraum 2002 bis 2005 mehr als verdoppelt und zu einer deutlichen Steigerung der öffentlichen Investitionen geführt. Grund dafür sind die hohen Gewinne aus dem Export von Bodenschätzen in Verbindung mit der Verstaatlichung der wichtigsten Unternehmen im Rohstoffsektor.

Allerdings werden mittelfristig nur geringe Wachstumsraten erwartet, da sich die privaten Investitionen auf einem sehr niedrigen Niveau bewegen. Die Möglichkeiten der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes sind begrenzt und auf die Erdöl- und Erdgasproduktion, den Bergbau sowie die Landwirtschaft konzentriert. Bolivien verfügt – nach Venezuela – über die zweitgrößten Erdgasreserven in Latein­amerika. Wichtigste Handelspartner des Landes sind die USA sowie Nachbarstaaten wie Brasilien, Argentinien, Kolumbien und Chile.

Trotz einer reformorientierten Entwicklung und umfassender Ent­schuldungsinitiativen im Jahr 2001 und 2006 ist die Armut in Bolivien weiterhin groß, vor allem in den ländlichen Gebieten. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen ist in den letzten Jahren angestiegen, liegt aber weiterhin bei nur 1.630 US-Dollar (2009). Im Index der menschlichen Entwicklung (HDI 2010) konnte sich Bolivien um 18 Plätze verbessern und liegt unter 169 Ländern an 95. Stelle.

Zu den Entwicklungshemmnissen zählen die schlechte Infrastruktur, der kleine Binnenmarkt und die schwach ausgeprägte Unter­nehmer­kultur, außerdem die ungünstigen klimatischen und geo­graphischen Be­dingungen, ins­besondere im Anden­hochland.

Entwicklungspotenziale

Vom Weltmarkt abhängig - kleine Kaffeebauern in Bolivien. Urheberrecht: BMZBolivien hat sich seit der Amts­über­na­hme der Re­gierung Morales grund­legend verändert. Trotz zahl­reicher sozialer und poli­tischer Probleme ist eine deutliche Auf­bruch­stimmung zu spüren. Der gesellschaftliche Wandel verläuft weitgehend friedlich und wird von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt. Die traditionellen Selbst­hilfe­strukturen und eine gut or­ga­ni­sierte Zivilgesellschaft bieten die Chance, die weitreichenden Staats­reformen in einem gesamt­gesell­schaft­lichen Dialogprozess zu diskutieren und umzusetzen. In­sti­tu­tio­nen wie die katho­lische Kirche und die auf Ge­mein­de­ebene neu eingesetzten Ombuds­per­so­nen sind gesellschaftlich anerkannt und konnten schon oft erfolgreich zwischen dem Staat und sozialen Gruppen vermitteln.

Die Wahl von Evo Morales zum Präsidenten hat Erwartungen ge­weckt, dass die sozialen Spannungen gemindert werden können und sich die Lebensverhältnisse für die große Mehrheit der indigenen Be­völ­kerung verbessern. Der UNDP-Bericht zur menschlichen Ent­wicklung (Human Development Report, HDR) 2010 stellt fest, dass wichtige Fortschritte zur Erreichung der Millenniumsentwicklungsziele (MDG) gemacht wurden. Insbesondere bei der Bekämpfung der extremen Armut (MDG 1), dem Zugang zu Bildung (MDG 2) und bei der Gesundheitsversorgung (MDG 6) sind Erfolge zu verzeichnen.

Die Verstaatlichung der Gasvorkommen hat Präsident Morales zügig umgesetzt: Mittler­weile kontrolliert das Staatsunternehmen YPFB (Yacimientos Petrolíferos Fiscales Bolivianos) wieder die Erdgas- und Erdölreserven des Landes, die 1997 privatisiert worden waren. Ende Oktober 2006 wurden mit allen inter­nationalen Förder­firmen neue Verträge abgeschlossen, die dem bolivianischen Staat größere Ein­nahmen sichern. Im Ausland besteht jedoch die Sorge, dass die Regierung der Zusammenarbeit mit privaten Investoren nicht genügend Bedeutung beimisst. Das Land ist auf private Kapital­anlagen angewiesen – und dafür braucht es attraktive Rahmen­be­dingungen. Trotz dieser Befürchtungen sieht die Gebergemeinschaft jedoch Potenziale für eine dauerhafte positive Entwicklung Boliviens.

Auch in der Landwirtschaft sind Entwicklungschancen erkennbar. Mit Blick auf die Bekämpfung der Armut wurde als wesentliches Element der Regierungspolitik eine umfassende Landreform angekündigt. Die neue Verfassung begrenzt Landeigentum auf maximal 5.000 Hektar, bislang nicht genutztes Land soll an mittellose Kleinbauern verteilt werden.

Im Hochland und den Hochtälern gibt es unausgeschöpfte Potenziale der Bewässerungslandwirtschaft. Am Osthang der Anden könnten Kaffee, Kakao und tropische Früchte eine wirtschaftliche Alternative zum Kokaanbau bieten. Mit hoher Qualität, ökologischem Anbau oder Nischenprodukten könnten auch Kleinbauern erfolgreich neue Märkte erschließen.

Schwerpunkte der deutschen Zusammenarbeit mit Bolivien

Oberstes Ziel des deutschen Engagements in Bolivien ist die Re­du­zie­rung der Armut. Die Zusammenarbeit konzentriert sich auf drei Schwer­punktbereiche:

  • Förderung von Staat und Demokratie (Verwaltung, Justiz, Zivilgesellschaft)

  • Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung

  • Nachhaltige landwirtschaftliche Entwicklung

Darüber hinaus gewinnen der Kampf gegen den Klimawandel und die Nutzung erneuerbarer Energien an Bedeutung. Eine Zusammenarbeit in diesen Bereichen wird vorbereitet und in bereits bestehende Pro­jekte der drei Schwerpunkte einbezogen.

Für die entwicklungspolitische Zusammenarbeit in den Jahren 2011 und 2012 hat Deutschland bei Regierungsverhandlungen im Oktober 2011 insgesamt 45,2 Millionen Euro zugesagt.

Förderung von Staat und Demokratie (Verwaltung, Justiz, Zivilgesellschaft)

Die bolivianisch-deutsche Zusammenarbeit in diesem Bereich hat zum Ziel, die Leistungsfähigkeit der staatlichen Institutionen zu ver­bes­sern und die Beteiligung zivilgesellschaftlicher Gruppen bei gleich­zei­ti­ger Stärkung ihrer Ge­mein­wohl­orien­tierung zu erhöhen. Dazu werden zum Beispiel verschiedene Mechanismen zur Bürger­be­tei­ligung ein­geführt. Angestrebt werden eine funktionierende und transparente Verwaltung und Justiz, effektive demokratische und rechtsstaatliche Strukturen in einem dezentralen Staatsaufbau, die Einbindung aller Betroffenen und die Bekämpfung der Korruption.

Mit seinem nationalen Entwicklungsplan und der neuen Verfassung strebt Präsident Morales eine Verringerung der Armut und eine stär­kere Einbeziehung der indigenen Bevölkerung an. Deutschland fördert diese Ziele unter anderem durch das Programm zur Unter­stützung dezentraler Regierungsführung und Armuts­bekämpfung (Programa de Apoyo a la Gestión Pública Descentralizada y Lucha contra la Pobreza, PADEP). Es bietet eine breit gefächerte Beratung für Part­ner auf allen staatlichen Ebenen an, von der Gemeindeverwaltung bis zu einzelnen Ministerien.

PADEP beinhaltet zudem Komponenten zur Förderung von friedlicher Kon­flikt­bearbeitung und Dialogbereitschaft zwischen den gesell­schaft­lichen Akteuren, um dem Einsatz von Gewalt und der Ver­letzung rechtsstaatlicher Prinzipien bei der Verfolgung politischer Ziele zu begegnen. Auch durch die Finanzielle Zusammenarbeit werden demokratische Selbstverwaltungen in den Kommunen ge­stärkt und der Nationale Plan zur Beseitigung der extremen Armut (Plan Vida) unterstützt.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit arbeitet auch an der Stärkung von nationalen und regionalen Parlamenten. So wird die gesetzgebende Versammlung bei der Entwicklung ihrer Verfahren unterstützt, etwa durch die Fortbildung von Abgeordneten, ver­bes­serte Informationssysteme und mehr Bürgerbeteiligung. Auf Re­gio­nalebene werden die neu entstandenen Par­lamente in Chuquisaca und Tarija beraten.

Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung

Wasserverteiler eines Bewaesserungsprojekts der KFW Entwicklungsbank in Bolivien. Urheberrecht: Grabowsky, Photothek.netIn diesem Arbeitsbereich spielt die deutsche Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit durch ihr lang­jähriges En­ga­ge­ment eine wichtige Rolle bei der Ausgestaltung der Sektorpolitik und bei der nachhaltigen Umsetzung von Infrastrukturvorhaben. Deutschland leitet die Gruppe zur Ko­ordinierung der Arbeit der internationalen Geber.

Das Hauptziel ist, vor allem sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen Zugang zu Trink­wasser in ge­eig­neter Menge und Qualität zu ermöglichen sowie durch eine ver­besserte Ab­wasser­ent­sorgung und breiten­wirk­same Er­zieh­ungs­kam­pag­nen die Hy­giene­be­dingungen zu verbessern. Dazu wird besonders in kleineren und mittleren Gemeinden sowie zukünftig auch in Randgebieten großer Städte die Ver- und Ent­sorgungsstruktur mit deutscher Unterstützung verbessert und er­weitert.

Zudem werden die Versorgungsunternehmen beim Betrieb der Infrastruktur, der Verbesserung der Verwaltung und bei der Ein­führung von sozial verträglichen und kostendeckenden Gebühren beraten. Durch die Einrichtung von Zweckverbänden sollen Kom­munen und Be­wohner ihre Wasserversorgung und Abwasser­ent­sor­gung möglichst eigen­ver­antwortlich organisieren und damit auch der Atomisierung der Ver­sor­gungs­struktur (rund 28.000 Wasserversorger) im ganzen Land entgegenwirken.

Sektorübergreifend fördert Deutschland zudem zentrale Elemente des Integrierten Wasser­ressourcen­managements (IWRM), wie bei­spiels­weise den nach­haltigen Gewässerschutz, den Interessens­ausgleich kon­kurrierender Wasser­nutzer (Trinkwasser/Abwasser – Bewässerungs­land­wirtschaft – industrielle Nutzung) und integrierte Bewirtschaftungsmethoden unter Be­rück­sichti­gung der neuen ver­fassungs­rechtlichen Vorgaben. Eine der größten Heraus­for­derungen ist dabei die Anpassung an den Klimawandel. Das neue Programm "Wasser und Klimawandel" soll dazu in besonders anfälligen Regionen einen Beitrag zur Sicherung der Wasserversorgung leisten.

Nachhaltige landwirtschaftliche Entwicklung

Obwohl Bolivien flächenmäßig ein großes Land ist, schränken To­po­graphie, Klima und Böden die land­wirt­schaftlichen Po­tenziale stark ein. Nur etwa zwei Prozent der Gesamt­fläche werden ackerbaulich genutzt, davon mehr als die Hälfte im Tief­land. Für die deutsche Zusammenarbeit mit Bo­livien steht vor allem die Sicherung der Grund­be­dürf­nisse in ex­trem ar­men ländlichen Gebieten in den Tälern und Hochebenen der Anden im Vordergrund.

Dabei konzentriert sich die deutsche Unterstützung auf den Bereich der Bewässerung. Traditionell werden die Be­wässerungs­sys­teme in den Anden von den Land­wirten selbst erbaut und gemein­schaftlich be­trieben. Die deutsche Ent­wick­lungs­zu­sammen­arbeit unterstützt diese Tradition: Als Bestandteil eines nationalen Programms werden Be­wässerungs­pro­jekte zu­sammen mit den Betroffenen entwickelt und in Selbsthilfemaßnahmen umgesetzt. Diese Maßnahmen werden ergänzt durch die Unterstützung eines integrierten Wasser­ein­zugs­ge­biets­managements.

Weitere Programme unterstützen Kleinproduzenten bei der land­wirt­schaft­lichen Pro­duktion und Ver­marktung. Besondere Bedeutung haben dabei der Erhalt bestehender Na­tur­schutz­ge­biete und die nach­haltige Be­wirt­schaftung sensibler Öko­systeme. In Ab­stimmung mit den anderen Schwer­punkt­bereichen sollen zukünftig auch verstärkt Maßnahmen zur An­passung an den Klima­wandel gefördert werden.

Entschuldung

Zusätzlich zu diesen drei Schwer­punkt­be­reichen engagiert sich Deutsch­land für die Ent­schul­dung Bo­li­viens. Das Land hat sich 2001 durch die Vorlage einer um­fassenden Armutsbe­kämp­fungs­strategie (PRSP) für den erweiterten Schuldenerlass im Rahmen der HIPC II-Initiative qualifiziert. Die Mittel, die durch den verminderten Schul­den­dienst in den nächsten 15 Jahren frei werden, müssen ver­ein­ba­rungs­gemäß direkt den bolivianischen Gemeinden zur Armutsbekämpfung zugute kommen.

Zudem unterstützt Deutschland die im Juli 2005 von den G8-Staa­ten in Gleneagles beschlossene Entschuldungsinitiative der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds, durch die Bolivien von der Rückzahlung der multilateralen Schulden entbunden wurde. Auch für den Schuldenerlass bei der Inter-Amerikanischen Entwicklungsbank (IDB) hat sich Deutschland eingesetzt. Insgesamt wurde Bolivien im Rahmen dieser Entschuldungsinitiativen von einer Schuldenlast in Höhe von 4,4 Milliarden US-Dollar befreit.

Deutschland selbst hat Bolivien die gesamten bilateralen Schulden in Höhe von 379 Millionen Euro erlassen. Die Bundesrepublik ist damit erheblich über die in der HIPC II-Initiative vereinbarten Leistungen hinausgegangen.

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