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Serbien

KfW-Projekt zur Unterstützung der Wasseraufbereitungsanlage am Stausee bei Kraguejevac in Südserbien. Urheberrecht: BMZ / Friedericke Kärcher

Situation und Zusammenarbeit

Seit dem Sturz des ehemaligen Präsidenten Slobodan Milošević im Jahr 2000 hat sich Serbien politisch und wirtschaftlich stark ver­än­dert. Der Mord an Premier­minister Zoran Djindjic 2003, der als politischer Hoffnungs­träger galt, führte zu einer an­ge­spannten und un­über­sicht­lichen politischen Situation. Häufige Regie­rungs­wechsel, Macht­kämpfe im Parlament und mangelnde Ko­or­di­nie­rung zwischen den 24 Ministerien ver­hin­derten wichtige Reformen, die für einen möglichen Beitritt in die Europäische Union notwendig sind. Zwischen­zeit­lich konnten ultra­natio­nalis­tische Parteien große Wahlerfolge erringen.

Seit Juli 2008 trägt eine pro-europäische Regierungs­koa­li­tion unter Führung der Fraktion "Für ein europäisches Serbien" die Verantwortung, Ministerpräsident ist der parteilose Politiker Mirko Cvetković. Damit ist ein wenig Ruhe in die serbische Politik ein­ge­zogen. Laut Umfragen unterstützt eine Mehrheit der Be­völ­ke­rung den europa­freund­lichen Kurs der Regierung. Ein spür­barer Schritt der Wieder­an­näherung an Europa war für viele Menschen auch die Entscheidung der Schengen-Staaten, Ende 2009 die Visum­pflicht für serbische Staats­angehörige aufzuheben.

Europäische und in­ter­na­ti­o­nale Wiedereingliederung

Parlamentsgebäude in Belgrad. Urheberrecht: GTZ-Büro BelgradDie enge Ein­bin­dung Ser­biens in in­ter­na­ti­o­nale Struk­turen ist für eine fried­liche und nach­hal­tige Ent­wick­lung der Bal­kan­region not­wen­dig. Richt­schnur für die deutsche und euro­pä­ische Unter­stüt­zung des Landes sind die von der EU de­fi­nierten Ziele: Rechts­staat­lich­keit und För­de­rung von Menschen- und Minder­hei­ten­rechten, eine sta­bile demo­kra­tische und markt­wirt­schaft­liche Ordnung, eine an EU-Standards an­ge­passte Gesetz­gebung, der Auf­bau einer effi­zienten und trans­parenten Ver­wal­tung und die Bereit­schaft zur un­ein­ge­schränkten regio­nalen Zu­sam­men­ar­beit.

Als Serbien Ende 2009 den EU-Beitritt beantragte, hat das Land auf einen rund 2.500 Punkte umfassenden Fragenkatalog der EU geantwortet. Die überwiegend positive Bewer­tung der ser­bischen Reform­bemühungen hat die EU-Kommission im Oktober 2011 dazu veranlasst, den Beginn von Bei­tritts­ver­hand­lungen in Aussicht zu stellen. Bedingung dafür bleibt jedoch eine Nor­ma­li­sie­rung der Be­zie­hungen zu Kosovo und ein fortgesetzter Aus­söh­nungs­prozess mit den anderen Staaten des ehemaligen Jugoslawiens. Serbien hält zwar noch an seiner Ablehnung der kosovarischen Un­ab­hängig­keit fest, unter Vermittlung der EU werden jedoch inzwischen mit der ehemaligen serbischen Provinz direkte Gespräche zu praktischen Fragen wie Personen- und Handelsverkehr geführt.

Die Mitte 2011 erfolgte Auslieferung der letzten gesuchten mut­maß­lichen Kriegs­verbrecher Ratko Mladić und Goran Hadžić an den Inter­natio­nalen Straf­gerichts­hof (IStGH) hat eine weitere Hürde für die in­ter­na­ti­o­nale Wieder­ein­glie­derung Serbiens be­sei­tigt. In seinem Bericht an den UN-Sicher­heits­rat vom November 2011 betont Serge Brammertz, der Chef­er­mittler des IStGH, die Koopera­tions­bereit­schaft der serbischen Regierung. Gleich­zeitig kritisiert der Bericht, dass die beiden Gesuchten lange Zeit un­ge­stört auf serbischem Boden leben konnten. Bislang fehlt es in großen Teilen von Politik und Gesell­schaft an der Be­reit­schaft, die Rolle Serbiens in den Kriegen der neunziger Jahre und die darauf­folgenden Entwicklungen systematisch aufzuarbeiten.

Schwierige wirt­schaft­liche Bedingungen

Die politischen Umwälzungen der beiden vergangenen Jahr­zehnte wurden von großen ökonomischen Ver­än­de­rungen be­glei­tet. Serbien ist nach der lang­jährigen Iso­lation (UN-Sanktionen) noch immer mit dem wirt­schaft­lichen Wieder­aufbau beschäftigt. Das sozia­lis­tische Ju­go­sla­wien war eines der wichtigsten In­dus­trie­länder des damaligen Ost­blocks; die einst gut ausgebaute In­dus­trie ist jedoch heute in­ter­na­ti­o­nal nur bedingt kon­kur­renz­fähig. Um die Verkaufs­chancen für Industrie­produkte auf west­lichen Märkten zu erhöhen, wäre ein massiver Zustrom von aus­län­dischem Know-how und Kapital erforderlich.

Serbien - Tradition und Moderne in Novi Sad: Ein Pferdekarren fährt an Hochhäusern entlang. Urheberrecht: Friederike KärcherDie wirt­schaft­liche Ent­wick­lung Ser­biens hängt zur­zeit vor allem von der Land­wirt­schaft ab. Agrar­er­zeug­nisse – vor allem Ge­treide, Mais, Obst und Ge­müse – machen rund ein Fünf­tel der Ex­porte aus. Hin­zu kom­men in ge­rin­ge­rem Um­fang Eisen und Stahl sowie Me­talle und che­mische Erzeugnisse.

In Folge der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise hat der ser­bische Außenhandel 2009 einen massiven Einbruch er­lit­ten. Um fi­nan­ziel­le Prob­leme von Unternehmen zu lindern und die Nach­frage nach Kon­sum­gütern an­zu­kur­beln, be­schloss die Regierung ein Anti-Krisen-Pro­gramm, das auch 2010 wei­ter­geführt wurde. Das Brutto­in­lands­produkt ging 2009 um drei Prozent zurück, konnte jedoch 2010 wieder leicht zulegen und betrug 2011 knapp zwei Prozent.

Der Zusammenbruch des Industriesektors hatte verheerende Auswirkungen auf Beschäf­tigung und Einkommen. Nach offiziellen Angaben sind mehr als 20 Prozent der Be­völ­ke­rung ohne Arbeit, vermutlich ist die Arbeits­losen­quote aber deutlich höher. Be­son­ders dramatisch ist die Situation für Jugend­liche, über 40 Prozent haben keinen geregelten Job. Das durch­schnitt­liche Einkommen hat sich in den letzten Jahren kaum verändert und liegt bei etwa 350 Euro im Monat. Armut bleibt ein drängendes gesell­schaft­liches Problem, rund neun Prozent der Be­völ­ke­rung gelten als arm. In ländlichen Gebieten sowie bei sozial schwachen Gruppen wie Flücht­lingen und Roma ist die Armut am größten.

Investitionen, die Arbeitsplätze und Einkommen schaffen, sind daher dringend notwendig. Doch bürokratische Hürden, die weit verbreitete Korruption, ein noch um­set­zungs­schwaches Rechts­system, unzureichender Wett­be­werbs­schutz sowie der Mangel an qua­li­fi­zierten Arbeits­kräften führen dazu, dass sich aus­län­dische Inves­toren nur begrenzt in Serbien en­ga­gieren. Die staat­lichen In­ves­ti­tionen in Zukunfts­bereiche wie Bildung und Forschung sind zudem äußerst gering.

Entwicklungspotenziale in Serbien

Trotz der schwierigen innenpolitischen und wirtschaftlichen Lage hat die seit 2008 amtierende Regierung zur Stabilisierung des Landes beigetragen und Serbien näher an die EU her­an­ge­führt. Gerade mit Blick auf die angestrebte EU-Mitgliedschaft herrscht in der Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie in den Bereichen Regierungsführung und Justiz grundsätzlich Reformbereitschaft.

Für die Zu­sam­men­ar­beit zwischen Deutschland und Serbien ist das ein wichtiger Ansatz­punkt. Wenn es gelingt, durch wirt­schaft­liche Reformen die Lebens­bedingungen der Bevölkerung spür­bar zu verbessern, kann dies zu einer politischen Sta­bi­li­sie­rung der gesamten Region beitragen und somit auch den wirt­schaft­lichen und kul­tu­rellen Austausch der ehe­maligen jugo­sla­wischen Teil­re­publiken wiederbeleben. Dazu sind vor allem ausländische In­ves­ti­tionen gefragt. Serbien hat in wichtigen Bereichen der Wirt­schafts- und Finanz­politik Gesetzes­änderungen ver­ab­schiedet, die die Rahmen­be­dingungen für solche Investitionen verbessern.

Schwerpunkte der deutschen Zu­sam­men­ar­beit mit Serbien

Seit dem Beginn der Zu­sam­men­ar­beit mit Serbien Ende 2000 hat ein Wandel stattgefunden: Standen nach den Kriegen zunächst Soforthilfemaßnahmen im Vordergrund, konzentriert sich die Zu­sam­men­ar­beit inzwischen auf die langfristige Stabilisierung und EU-Annäherung der Region. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Geber­koordi­nation durch den Stabi­li­täts­pakt Süd­ost­europa, der 2008 zum "Rat für Regionale Ko­ope­ra­tion" (Regional Co­op­er­a­tion Council, RCC) wurde. Ziel der Umstrukturierung dieses Gremiums war die Stärkung der regionalen Eigen­ver­ant­wortung. Zu den wichtigsten Aufgaben des Koope­ra­tions­rates gehört die euro­päische und euro-atlantische Integration.

Im Juni 2011 fanden zuletzt Regierungsverhandlungen von Serbien und Deutschland statt. Dabei hat die Bundes­republik für das Jahr 2011 bis zu 122 Millionen Euro Unter­stützung zu­ge­sagt, davon 113 Millionen Euro für die Finanzielle und 9 Millionen Euro für die Technische Zusammenarbeit. Die beiden Regierungen haben folgende Schwerpunkte für ihre ent­wick­lungs­politische Zu­sam­men­ar­beit vereinbart:

  • Infrastruktur: Energie und Wasser

  • Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung und Beschäftigungsförderung

  • Demokratie, Zivilgesellschaft und öffentliche Verwaltung (Verwaltungs- und Rechtsreform)

Das deutsche En­gage­ment wird durch Austausch- und Förder­maß­nahmen für Jugendliche ergänzt. Außerdem erhält Serbien von der Bundes­republik weitere Mittel für länder­über­grei­fende Maß­nahmen über regionale Fonds. Mit Geldern dieser Fonds werden im westlichen Balkan Projekte finanziert, die zum Beispiel den Außen­handel fördern und die Energie­effi­zienz verbessern.

Im Jahr 2011 erfolgte zusätzlich eine Zusage über bis zu 110 Millionen Euro im Bereich Erneuerbare Energien.

Infrastruktur: Energie und Wasser

Projekt der KfW Entwicklungsbank zur Unterstützung der Wasseraufbereitungsanlage am Stausee bei Kragujevac in Südserbien. Urheberrecht: Kärcher/BMZDie Infra­struk­tur in Ser­bien ist ver­altet, sie hat stark unter den Kriegen ge­lit­ten und es fehlt an In­ves­ti­tionen. Die Schwer­punkte der deutschen Zu­sam­men­ar­beit mit Ser­bien lie­gen daher in den Sek­toren Ener­gie- und Was­ser­ver­sor­gung. In bei­den Be­rei­chen zählt die Bun­des­re­pub­lik zu den wich­tigsten inter­na­tio­nalen Gebern des Landes.

Im Energiesektor lag der Fokus zu Beginn der Zu­sam­men­ar­beit auf der Wieder­her­stellung der Energie­versorgung. Hierzu wurden zunächst ältere thermische Kraftwerke modernisiert. Nun geht es um die ökologische Ausrichtung nach EU-Standards und die För­de­rung der Energie­effizienz. Dazu werden die verstärkte Nut­zung re­ge­ne­ra­tiver Energien sowie Maß­nah­men zum Ener­gie­sparen gefördert. Zu den geförderten Maßnahmen zählen unter anderem die Moder­ni­sie­rung von vier Wasser­kraft­werken in Vlasinske und die modell­hafte Wärme­iso­lie­rung von 30 Schulen. Um eine effi­zientere, umwelt­freund­lichere Energie­nutzung zu erreichen, werden außer­dem die Fern­wärme­netze der drei größten Städte Belgrad, Novi Sad und Niš modernisiert.

Auch die Systeme zur Trinkwasserver- und Abwasser­ent­sorgung werden saniert und ausgebaut. Der Schwerpunkt lag zunächst auf der Wasser­ver­sor­gung der Groß­städte und wurde mittler­weile auf mittel­große Städte ausgedehnt. Zum Beispiel werden sechs Städte im Süden Serbiens, die bisher kaum von öffent­lichen Infra­struk­tur­maß­nahmen pro­fi­tieren konnten, in die Pro­gramme der bilateralen Zu­sam­men­ar­beit einbezogen. Die Be­völ­ke­rung soll einen besseren Zugang zu sauberem Trink­wasser bekommen. Im Gegenzug sollen kosten­deckende Tarife die weitere Mo­der­ni­sie­rung und Fi­nan­zie­rung kom­mu­naler Ver­sor­gungs­ein­rich­tungen gewähr­leisten. Durch die Sanierung von Wasser­auf­be­rei­tungs­anlagen sowie die Verbesserung der Ab­was­ser­ent­sorgung soll sich die hygienische Situation in den Städten und Gemeinden verbessern. Zugleich wird dadurch ein Beitrag zum Umwelt­schutz geleistet. So ist bei­spiels­weise Belgrad bisher noch die einzige Haupt­stadt Europas ohne Kläranlage, alle Abwässer fließen ungeklärt in die Donau.

Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung und Beschäftigungsförderung

Bei der Schaffung von Arbeitsplätzen spielen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) eine wichtige Rolle. Sie haben in Serbien bisher allerdings kaum Möglichkeiten, Investitionen über Kredite zu finanzieren. Damit ist ihr Spielraum stark eingeschränkt. Das BMZ hat über die KfW Entwicklungsbank gemeinsam mit anderen Gebern den Europäischen Fonds für Süd­ost­europa (EFSE) ein­ge­rich­tet, der in der gesamten Region zum Einsatz kommt. Aufgabe des Fonds ist es, über Partner­institute vor Ort Klein- und Kleinst­kredite zu günstigen Kondi­tionen an KMU zu vergeben.

Im Rahmen des Programms "Wirtschafts- und Be­schäf­ti­gungs­för­de­rung in Serbien" unterstützt die Deutsche Gesell­schaft für In­ter­na­ti­o­nale Zu­sam­men­ar­beit (GIZ) im Auftrag des BMZ kleine und mittlere Unternehmen in Serbien. Durch Fach­be­ra­tung und Fort­bil­dungs­an­ge­bote werden KMU für Exporte auf den euro­pä­ischen Markt wett­be­werbs­fähig gemacht. Ein weiterer wichtiger Be­stand­teil des Programms ist der Ausbau der Aus- und Weiter­bil­dungs­mög­lich­keiten für serbische Jugend­liche, damit sie adä­quat auf das Berufs­leben vorbereitet werden. Das BMZ för­dert daher die Ent­wick­lung von neuen Aus­bil­dungs­berufen und unter­stützt die Ver­bes­se­rung der Lern­be­din­gungen an den be­ste­hen­den Einrichtungen der beruflichen Bildung.

Mit dem Aufbau des Donaukompetenzzentrums unterstützt Deutschland zudem länderübergreifend die Förderung von Tourismus und Wirtschaft in der Region der unteren Donau. Beteiligt an diesem Vorhaben sind Kroatien, Serbien, Rumänien, Bulgarien, die Ukraine und die Republik Moldau. Bisher litt der Tourismus entlang der Donau unter teils ineffektiven öffentlichen Strukturen. Dadurch entstanden kaum Arbeitsplätze und Infra­struk­tur. Von der Arbeit des Kompetenzzentrums sollen vor allem Angestellte in kleineren und mittleren Unter­nehmen der Tou­ris­mus­branche sowie be­nach­tei­ligte Minder­heiten wie etwa Sinti und Roma profitieren.

Auch beim Ausbau der nationalen Qualitätsinfrastruktur – unter anderem beim Eichwesen sowie bei der Verbesserung von Zertifizierungs- und Akkreditierungsstandards – wird Serbien von Deutschland unterstützt.

Demokratie, Zivilgesellschaft und öffentliche Verwaltung

Die Zu­sam­men­ar­beit in diesem Arbeits­bereich hat das Ziel, effi­ziente Verwaltungs­strukturen auf allen Ebenen zu entwickeln. Ein besonderer Schwer­punkt ist dabei die De­zen­tra­li­sie­rung auf der kom­mu­nalen Ebene. Dazu gehört auch der Aufbau eines ent­spre­chenden Rechts­rahmens und funk­tio­nie­render In­sti­tu­tionen. Sie sind nicht nur für die Ent­wick­lung der Demo­kra­tie, son­dern auch für die wirt­schaft­liche Ent­wick­lung des Landes von Bedeutung: Nur durch Rechtssicherheit wird Serbien für ausländische Investoren attraktiv.

Die GIZ berät die serbische Regierung im Auftrag des BMZ bei der An­pas­sung an markt­wirt­schaft­liche Prin­zipien und an die Rechts­grund­lagen der EU. Ein­satz­bereiche sind zum Beispiel die Reform des Steuer­wesens und eine finanz­politische Dezentralisierung.

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