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Kosovo

Kosovo: Die Brücke von Mitrovica über den Fluss Ibar. Urheberrecht: Jicégé

Situation und Zusammenarbeit

1999 setzten die Ver­einten Na­ti­o­nen eine Über­gangs­ver­wal­tung in Kosovo ein (United Nations Interim Ad­minis­tra­tion Mis­sion in Kosovo, UNMIK). Die Pro­vinz er­hielt damit einen Auto­no­mie­status inner­halb der Bun­des­re­pu­b­lik Ju­go­sla­wien (ab 2006: Re­pu­b­lik Ser­bien). Vor­aus­ge­gan­gen war ein Bür­ger­krieg zwischen der alba­nisch­stäm­migen Be­völ­ke­rungs­mehr­heit Koso­vos und der Re­gie­rung in Bel­grad. Er wurde 1999 durch mili­tä­risches Ein­greifen von NATO-Truppen beendet.

Im November 2005 beschloss der UN-Sicher­heitsrat die Auf­nahme von Ver­hand­lungen mit Kosovo. Die Gespräche sollten den völker­recht­lichen Status der Provinz ab­schlie­ßend klären. Doch in mehreren Ver­hand­lungs­runden unter Leitung des UN-Sonder­beauf­tragten für Kosovo, des ehe­maligen finnischen Präsi­denten Martti Ahtisaari, konnte keine Über­ein­kunft erzielt werden.

Am 17. Februar 2008 erklärte das Parlament in Pristina gegen den Widerstand Serbiens die staatliche Un­ab­hän­gig­keit des Landes. Am 15. Juni 2008 trat die erste Verfassung in Kraft. Innerhalb der inter­natio­nalen Staaten­gemein­schaft herrscht allerdings Un­einig­keit über den Status Kosovos. Ins­beson­dere Serbien und Russland halten die Unabhängigkeit für völker­rechts­widrig. Wichtige staatliche Zuständigkeiten stehen daher weiter­hin unter Aufsicht der inter­natio­nalen Gemein­schaft. Seit Ende 2008 unterstützt die Rechts­staats­mission der Europäischen Union (EULEX) die kosovarischen Behörden beim Aufbau eines multi­ethnischen Justiz-, Polizei- und Zollwesens und bei der Einführung rechts­staatlicher Standards.

Regierungsführung

Blick auf Pristina. Urheberrecht Friederike KärcherSeit der Un­ab­hän­gig­keits­er­klärung 2008 hat sich die par­la­men­tarische Demo­kra­tie der Re­pub­lik Ko­so­vo ge­fes­tigt. Die Ver­fas­sung orien­tiert sich an den Grund­werten moder­ner euro­pä­ischer Ver­fas­sungen und spricht den ser­bisch do­mi­nier­ten Re­gio­nen Auto­nomie­rechte zu. Die recht­lichen Rahmen­bedin­gungen für einen erfolg­reichen Demo­kra­ti­sie­rungs­prozess sind also vor­han­den, bei der Um­set­zung sind jedoch noch Defi­zite festzustellen.

So wurde zum Beispiel die Parlamentswahl im Dezember 2010 von massiven Betrugs­vorwürfen und technischen Problemen über­schattet. In einigen Gemeinden musste der Urnengang wieder­holt werden. Auch das Justizsystem ist noch ver­bes­se­rungs­würdig. Teile der öffentlichen Verwaltung sind noch nicht aus­reichend funk­tions­fähig, Kor­rup­tion ist weit verbreitet.

Die kosovo-serbische Minderheit nimmt bislang nur ein­ge­schränkt am politischen Leben teil. Vor allem im Norden des Landes er­kennt die serbische Bevölkerung die Un­ab­hän­gig­keit Kosovos nicht an. Dort bleibt die Lage angespannt.

Ihre politische Strategie hat die kosovarische Regierung im "Mittelfristigen Ausgaberahmen für 2011–2013" (Medium Term Expenditure Framework 2011–2013) formuliert. Als Schwer­punkte ihrer Politik benennt sie wirt­schaft­liche Ent­wick­lung, gute Regierungsführung, Status­implemen­tierung, Armuts­be­kämp­fung und soziale Stabilität.

Die Europäische Union hat Kosovo, ebenso wie den anderen Staaten des westlichen Balkans, wiederholt eine Bei­tritts­pers­pek­tive zugesichert. Voraus­setzung sind jedoch deut­liche Fort­schritte im Bereich Rechts­staat­lichkeit, bei der Stärkung von Ver­wal­tungs­strukturen und beim Aufbau einer funk­tions­fähigen Markt­wirtschaft.

Wiederaufbau

Alte Steinbrücke in Prizren. Urheberrecht: Friederike KärcherKosovo war schon vor Aus­bruch der Kon­flikte inner­halb Ju­go­sla­wiens eine struk­tur­schwache Region – mit sehr hoher An­alpha­beten­quote, feh­lender Infra­struk­tur und großer Ab­hän­gig­keit von der land­wirt­schaft­lichen Pro­duk­tion. Die Kriegs­schäden trafen die Pro­vinz be­son­ders hart. Das Gebiet war in weiten Tei­len zer­stört, die Be­völ­ke­rung trau­ma­ti­siert und daher nur ein­ge­schränkt in der Lage, mit den schwie­rigen Lebens­be­din­gungen fertig zu werden.

Mit der staatlichen Unabhängigkeit wurde die Hoffnung auf eine Belebung der Wirtschaft und des Arbeits­marktes verbunden. Diese Hoffnung hat sich bisher nicht erfüllt. Mehr als ein Jahrzehnt nach Kriegsende steht der Wieder­aufbau Kosovos noch immer vor massiven sozialen und wirt­schaft­lichen Problemen. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen leben 45 Prozent der Bevölkerung in Armut, 17 Prozent unterhalb der Grenze extremer Armut. Die hohe Arbeits­losig­keit von über 40 Prozent bei der Gesamt­be­völ­ke­rung be­zie­hungs­weise 75 Prozent unter Jugend­lichen bis 25 Jahren, die geringe Produktivität und die Ab­hän­gig­keit von Auslands­über­weisungen sind weitere Heraus­for­de­rungen für den jungen Staat.

Wichtige Teile der Infrastruktur Kosovos wurden zwar in­zwischen erneuert oder wieder­auf­gebaut. Doch gehört zum Beispiel die Energie­ver­sorgung weiterhin zu den drän­genden Problemen des Landes. Obwohl in den ver­gan­genen Jahren wirt­schaft­liche Wachs­tums­raten von drei bis fünf Prozent erzielt werden konnten, ist noch kein stabiler wirt­schaft­licher Aufschwung zu verzeichnen.

Um die Lebensbedingungen der Menschen in Kosovo zu ver­bes­sern, organisierte die Europäische Kommission im Juli 2008 eine in­ter­na­ti­o­nale Geber­kon­ferenz. Dort be­wil­ligte die Geber­gemein­schaft För­der­mit­tel in Höhe von 1,2 Milliarden Euro für die Jahre 2008 bis 2010. Die deutsche Bun­des­re­gie­rung machte nach den USA die zweit­größte bilaterale Zusage.

Entwicklungspotenziale

Als Wirtschaftsstandort kann Kosovo diverse positive Faktoren aufweisen. Dazu gehören seine geo­gra­phische Lage im Zentrum der Balkan­halb­insel, die Aussicht auf den EU-Beitritt und die Mit­glied­schaft im Zentral­euro­päischen Frei­handels­abkommen (CEFTA). Das Land verfügt über junge und kosten­günstige Arbeits­kräfte sowie über reich­hal­tige Roh­stoff­vor­kommen (unter anderem Braun­kohle, Blei, Zink und Eisennickel).

Die fruchtbaren Ackerböden könnten deutlich produktiver genutzt werden und damit sowohl zur Nahrungs­mittel­produktion des Landes als auch zur Schaffung von Arbeits­plätzen beitragen. Bislang ist der kosovarische Agrarsektor durch familiäre Klein­be­triebe geprägt, die für den Eigenbedarf wirtschaften.

Schwerpunkte der deutschen Zu­sam­men­ar­beit mit Kosovo

Die Zu­sam­men­ar­beit Deutschlands mit Kosovo begann un­mit­tel­bar nach Ende der militärischen Intervention der NATO. Zuerst standen Sofort­hilfe­maß­nahmen zur Ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung mit Wasser und Strom im Mittel­punkt. Seit einigen Jahren kon­zen­triert sich die Zu­sam­men­ar­beit auf nach­haltige Ent­wick­lung, das heißt auf Projekte mit lang­fristiger Wirkung. Hauptziel ist die An­näherung Kosovos an die Standards und Strukturen der EU.

Im September 2008 fanden erstmals offizielle Re­gie­rungs­ver­hand­lungen zwischen Kosovo und Deutsch­land statt. Bei den jüngsten Ver­hand­lungen im September 2011 sagte die Bundes­republik ihrem Partner­land 21,5 Millionen Euro zu, davon acht Millionen Euro für die Technische und 13,5 Millionen Euro für die Finanzielle Zu­sam­men­ar­beit. Über Förder­pro­gramme der EU leistet Deutschland zudem weitere finanzielle Unterstützung.

Die kosovarisch-deutsche Zu­sam­men­ar­beit konzentriert sich auf folgende Schwerpunkte:

  • Förderung der öffentlichen Versorgungsinfrastruktur (Energie und Wasser)

  • Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung

  • Verwaltungsreform und Dezentralisierung

  • Grundbildung und Berufliche Bildung

Förderung der öffentlichen Versorgungsinfrastruktur (Energie und Wasser)

Die Stabilisierung der Strom- und Wasserversorgung, ein ver­ant­wor­tungs­voller Umgang mit natürlichen Ressourcen und die fach­ge­rechte Entsorgung von Abfällen sind ent­schei­dend für den wirt­schaft­lichen Wie­der­aufbau und die nach­hal­tige Ent­wick­lung Ko­so­vos. Durch eine Ver­bes­se­rung der Lebens­ver­hält­nisse steigt in der Bevölkerung die Akzeptanz von Demokratie und Marktwirtschaft.

Am Anfang des deutschen Engagements in Kosovo stand darum ein umfangreiches Programm zur Instandsetzung und Mo­der­ni­sie­rung der Energie­versorgung. Zwei Kohle­kraft­werke wurden saniert sowie In­vesti­tionen zur Ausweitung und Sicher­stellung der Braun­kohle­för­derung getätigt. Diese Maß­nahmen haben dazu bei­ge­tragen, die Strom­ver­sorgung für Be­völ­ke­rung, Industrie und Handel zu verbessern. Sie könnten künftig auch dem Aus­bau des Strom­exports zugute kommen, denn Kosovo besitzt das fünft­größte Braun­kohle­vor­kommen weltweit.

Bei den Regierungsverhandlungen 2010 wurde vereinbart, den Schwer­punkt der Zu­sam­men­ar­beit im Bereich Ver­sor­gungs­infra­struk­tur künftig auf die Wasser­ver­sorgung zu legen. So steht zum Beispiel die Haupt­stadt Pristina angesichts steigender Ein­wohner­zahlen vor wachsenden Problemen: Nur etwa 85 Pro­zent der Be­woh­ner der Haupt­stadt und der um­lie­genden Gemeinden verfügen zurzeit über einen häus­lichen Wasser­anschluss. An vielen Tagen fließt das Wasser nur stunden­weise. 15 Prozent der Be­völ­ke­rung versorgen sich über Brunnen, die häufig verunreinigt sind.

Die Bun­des­re­gie­rung hat seit dem Jahr 2000 knapp 33 Mil­lionen Euro für die Modernisierung der Versorgungssysteme in  Kom­mu­nen zugesagt und damit die Wasser­ver­sorgung für 850.000 Menschen im südwestlichen Kosovo verbessert. 2010 wurde ein zins­ver­bil­ligtes Darlehen bewilligt, um den Bau einer Wasser­auf­be­rei­tungs­anlage in Pristina zu fördern. Bis 2030 sollen rund 1,2 Millionen Einwohner von dem deutschen Ent­wick­lungs­vorhaben profitieren.

Darüber hinaus engagiert sich die Bundesrepublik in aus­ge­wählten Städten für den Auf- und Ausbau einer umwelt­ver­träg­lichen Abwasser- und Abfall­entsorgung. Ein weiteres Ein­satz­gebiet der Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit ist die verstärkte Nutzung von Fern­wärme zum Heizen von Gebäuden. Bisher deckt Fernwärme nur drei Prozent des Heiz­ener­gie­bedarfs. Das BMZ unter­stützt die In­stand­setzung und den Ausbau der Fern­heiz­systeme in den Städten Pristina und Gjakova.

Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung

Unmittelbar nach Beginn der kosovarisch-deutschen Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit wurde unter Beteiligung der KfW Entwicklungsbank eine auf kleine und mittlere Unternehmen (KMU) ausgerichtete Mikro­finanz­bank, die "ProCredit Bank" (PCB), aufgebaut. In den ersten Jahren war die ProCredit Bank die ein­zige leistungs­fähige Bank in Kosovo. Nur hier konnten Über­wei­sungen aus dem Ausland eingehen, auf die die Bürger dringend an­ge­wie­sen sind. Inzwischen hat sich die ProCredit Bank zur größten Bank in Kosovo entwickelt. Sie leistet nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Förderung des KMU-Sektors, sondern auch zur Ent­wick­lung des Finanzsektors allgemein.

Blick in eine Unterrichtswerkstatt der Berufsbildungsschule Shtjefen Gjecovi in Pristina. Urheberrecht: Friederike KärcherEin nach­hal­tiger Struk­tur­wan­del – unter anderem durch die Pri­va­ti­sie­rung der Wirt­schaft, unter­neh­merische Eigen­ini­tia­tive und den Auf­bau des Mit­tel­standes – ist ent­schei­dend für die wei­tere Ent­wick­lung Ko­so­vos. Die wirt­schaft­liche Er­holung des Landes geht in erster Linie von den in jüngster Zeit ent­stan­denen kleinen Be­trie­ben aus: im Han­del, in der Land­wirt­schaft, im Hand­werk und im pro­du­zie­renden Ge­werbe. Um die Wett­be­werbs­fähig­keit dieser Firmen zu ver­bes­sern, bie­tet die deutsche Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit branchen­spezi­fische Bera­tung an. Außer­dem wird der Auf­bau von berufs­bil­denden Schulen sowie Kammern und Verbänden unterstützt.

Ein weiterer Schwerpunkt der Zu­sam­men­ar­beit ist die Wirt­schafts­ent­wick­lung im länd­lichen Raum. Durch ver­bes­serte Einkommens- und Be­schäf­ti­gungs­mög­lich­keiten soll die Armut in ländlichen Gebieten reduziert werden.

Verwaltungsreform und Dezentralisierung

Die Verfassung Kosovos benennt eine nachhaltige soziale und markt­wirt­schaft­liche Wirt­schafts­ordnung sowie eine stabile Geld- und Steuer­politik als Ziele des Regierungs­handelns. Damit sollen attrak­tive Be­din­gungen für aus­län­dische Investi­tionen ge­schaf­fen werden. Die dafür not­wen­digen Reformen der poli­tischen und wirt­schaft­lichen Rah­men­be­din­gungen, ins­be­son­dere bei der Pri­va­ti­sierung und im Energie­sektor, stehen jedoch gegen­wärtig noch am Anfang. Gleiches gilt für die De­zen­tra­li­sierung der Verwaltung.

Die deutsche Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit unterstützt den Aufbau einer transparenten, leistungs­fähigen und bürger­nahen Verwaltung. Deutsche Experten beraten zum Beispiel die Minis­terien für europäische Integration, für lokale Verwaltung und für öffent­liche Dienste, den Verband der Kommunen sowie aus­ge­wählte Gemeinden. Um Land- und Woh­nungs­eigen­tum rechtlich besser ab­zu­sichern, fördert Deutschland auf nationaler und kom­mu­naler Ebene den Aufbau und Betrieb eines Kataster- und Grundbuchsystems.

Rund 50 Prozent der Menschen in Kosovo sind jünger als 20 Jahre. Die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen bis 25 Jahren ist mit 75 Prozent extrem hoch. Damit sich die Jugendlichen besser am politischen und gesellschaftlichen Leben beteiligen können, engagiert sich Deutschland im Bereich der Jugendarbeit. Durch die Ausbildung von Jugendreferenten in den Gemeinden soll es künftig qualifizierte Ansprechpartner für Jugendbelange geben.

Grundbildung und Berufliche Bildung

Grund- und Weiterbildung sind un­er­läss­lich, um das Land zu­kunfts­fähig zu machen und Pers­pek­tiven für junge Menschen zu schaffen. Der Bil­dungs­sektor ist daher seit 2007 Schwer­punkt der bi­la­te­ralen Zu­sam­men­ar­beit. Ziel ist, die Zahl der Kinder und Jugend­lichen mit einer ab­ge­schlos­senen Grund- und Berufs­aus­bil­dung zu er­höhen und die Zahl der arbeits­losen Jugend­lichen zu senken.

Dazu unterstützt Deutschland die Reform des kosovarischen Bildungs­wesens. Zu den Maßnahmen in diesem Sektor zählen die De­zen­tra­li­sie­rung des Bildungs­systems, die Beratung beim Auf­bau von spezialisierten Kom­pe­tenz­zentren der Berufs­bildung, die Ent­wick­lung von Aus­bil­dungs­pro­grammen für das Lehr­personal sowie die stär­kere An­pas­sung der Berufs­aus­bil­dung an lokale Arbeits­markt­be­din­gungen und EU-Standards.

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