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Georgien

Georgien: Blick über die Stadt Borjomi. Urheberrecht: phalanx

Situation und Zusammenarbeit

Seit Wieder­er­langung der Unab­hängig­keit 1991 kämpft Georgien mit inner­staat­lichen Her­aus­for­derun­gen. Nach der friedlichen Revolution im Herbst 2003 ("Rosenrevolution") fanden freie Wahlen statt, in deren Folge Michail Saakaschwili Staatspräsident wurde. Im Januar 2008 wurde er im Amt bestätigt. Die Regierung setzt große Hoffnungen in die Part­ner­schaft mit westlichen Staaten, besonders mit den USA und mit der Bundesrepublik Deutschland. Georgien möchte kurzfristig Mitglied der NATO und längerfristig auch der EU werden.

Durch die Aufnahme Georgiens in den Europarat Ende der neunziger Jahre und die Europäische Nachbarschaftspolitik (ENP) 2004 wurde das Land zu einem wichtigen europäischen Partner. Zwischen Ge­or­gien und der EU-Kommission wurde 2006 ein ENP-Aktionsplan für die weitere Zusammenarbeit ausgearbeitet.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion gilt das Verhältnis zu Russland als angespannt. Die Unterstützung Russlands für die abtrünnigen Ge­bie­te Abchasien und Südossetien belasten die Beziehungen zwischen Tiflis und Moskau erheblich. Im August 2008 eskalierte der Konflikt und es kam zu Kampfhandlungen zwischen der georgischen Armee, südossetischen und abchasischen Milizverbänden sowie der rus­sischen Armee. Kurz darauf erkannte Russland Abchasien und Süd­ossetien als unabhängige Staaten an. Zur Beilegung des Konflikts wurde vom Vorsitzenden des Europäischen Rats ein Waffen­still­stands­plan für Georgien, Südossetien und Abchasien (der so­ge­nan­nte Sechs-Punkte-Plan) vermittelt. Zwar wurde Anfang März 2010 der einzige und seit Jahren geschlossene Grenzübergang zwischen Georgien und Russland wieder eröffnet. Beide Staaten machten jedoch deutlich, dass sie dies nicht als einen Schritt der Annäherung verstünden.

Eine der wichtigsten Herausforderung für die georgische Politik bleibt die drückende Armut im Land. Immer noch lebt rund ein Viertel der georgischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Der Durch­schnitts­lohn weiter Bevölke­rungs­teile liegt unter dem Existenz­minimum. Im Index der menschlichen Entwicklung nimmt Georgien Platz 89 von 182 Ländern ein (HDI 2009).

Die Entwicklung des Landes wird auch durch Defizite bei der Rechtssicherheit, Korruption und administrative Schwächen der Regierung beeinträchtigt.

Liberalisierung der Wirtschaft

Produktion von Kinderkleidung in Georgien. Urheberrecht: KfWGeorgien ist markt­wirt­schaft­lich orien­tiert. Doch der tief greifende Trans­for­ma­tions­prozess der Volks­wirt­schaft, der nach dem Zu­sam­men­bruch der Sow­jet­union be­gann, ist noch lange nicht ab­ge­schlossen. Zwar hatte sich das Wirt­schafts­wachs­tum in den ver­gan­ge­nen Jahren mit Stei­ge­rungs­raten um die neun Prozent auf beachtlich hohem Niveau stabilisiert. Der georgisch-russische Krieg 2008 sorgte jedoch für ein Abflauen der wirtschaftlichen Dynamik. Auch wenn die unmittelbaren Kriegsschäden überschaubar blieben, waren indirekte Folgen spürbar: Die ausländischen Direkt­investi­tionen gingen zurück und das Vertrauen in die Stabilität des georgischen Marktes wurde erschüttert. Die globale Wirtschafts- und Finanzkrise verstärkte diese negativen Auswirkungen. Dennoch lag das Wirtschafts­wachs­tum in der Kaukasusrepublik im Jahr 2009 mit 3,9 Prozent deutlich höher als in den Nachbarstaaten. Für 2010 wird eine weitere Steigerung erwartet.

Die georgische Regierung verfolgt seit der Rosenrevolution Ende 2003 eine an neoliberalen Vor­stel­lun­gen orientierte Wirt­schafts­politik und beabsichtigt in diesem Rahmen die um­fas­sen­de Pri­va­ti­sierung staat­lichen Eigentums. Die Privatisierungskampagne staat­licher Betriebe soll Industrie und Tourismus wieder beleben und dem Staat zusätzliche Einnahmen sichern.

Die positive Wirtschaftsentwicklung kommt bei der Mehrheit der Bevölkerung jedoch noch nicht an. Die Wirtschaftsentwicklung im ländlichen Raum ist nur schwach ausgeprägt. Den Gemeinden und Landkreisen fehlt es an Kompetenzen und Ressourcen, um eine aktive Rolle in der Wirtschaftsförderung zu übernehmen. Die Ent­wick­lung der Land­wirtschaft wird durch eine ineffiziente Land­nutzung, mangel­hafte Infrastruktur, geringe Ver­arbei­tungs­qualität und un­zu­reichen­de Aus­bil­dungs­bedin­gun­gen gehemmt. Die zumeist klein­teiligen land­wirt­schaft­lichen Flächen lassen sich oft nicht rentabel nutzen; Sub­sis­tenz­wirt­schaft herrscht vor.

Fortschritte gab es hingegen durch die Vereinfachung der Steuer­gesetz­gebung. In den Jahren 2005, 2008 und 2009 wurde das Steuersystem vereinfacht und verschiedene Steuersätze wurden gesenkt. Die Einkommensteuer liegt nun einheitlich bei 20 Prozent, die Sozialsteuer wurde ganz abgeschafft. Die Steuereinnahmen konnten dadurch deutlich gesteigert werden.

Kampf gegen die Korruption

Seit der "Rosenrevolution" 2003 bekämpft die Regierung mit be­acht­lichem Erfolg Korruption und Steuerhinterziehung. Auch wenn dieser Prozess punktuell ins Stocken geraten ist, können hier bedeutende Fort­schritte fest­ge­stellt werden. Gleich­wohl behindert die Kor­rup­tion weiterhin die Entwicklung der Wirtschaft. Im Kor­rup­tions­wahr­neh­mungs­index von Transparency International erreicht Georgien 2010 nur 3,8 von 10 möglichen Punkten und belegt damit Platz 68 unter 178 Staaten weltweit.

Entwicklungspotenziale

Georgien verfügt über große Entwicklungspotenziale. Seit der Un­ab­hängigkeit wurden die rechtlichen Voraussetzungen für den Aufbau einer stabilen Demokratie geschaffen; sie müssen allerdings noch um- und durchgesetzt werden. Die geografische Lage Georgiens macht den Staat zu einem wichtigen Transitland zwischen der EU und Aserbaidschan und Armenien sowie weiter nach Asien. Ein wich­ti­ger Faktor sind dabei Öl- und Gastransporte aus dem kas­pi­schen Raum. Geostrategisch besteht auch Potenzial für Tran­sit­ver­kehr in Nord-Süd-Richtung zwischen Russland, der Türkei, Iran und dem Nahen Osten, welches allerdings gegenwärtig nicht genutzt wird.

Georgien verfügt auch selbst über Rohstoffvorkommen, zum Beispiel Mangan und Gold. Besonders gute Chancen, sich positiv zu ent­wick­eln, hat die Landwirtschaft. Bei einem Ausbau der Infra­struk­tur bestünde außerdem ein großes Potenzial für den internationalen Tourismus. Für regenerative Energie, vor allem Wasserkraft, sind gute Ressourcen vorhanden. Die Bevölkerung verfügt über ein hohes Bildungsniveau.

Schwerpunkte der deutschen Zusammenarbeit mit Georgien

Im Bereich der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit ist Deutschland nach den Vereinigten Staaten der zweitwichtigste Partner Georgiens. Bei georgisch-deutschen Regierungs­verhand­lungen über die Ent­wicklungs­zusammen­arbeit im Okto­ber 2011 in Tiflis wurden Vorhaben mit einem Gesamt­volumen von bis zu 49 Millionen Euro vereinbart.

Die Zusammenarbeit mit Georgien ist Teil der sogenannten "BMZ-Kaukasus-Initiative", die wiederum eingebunden ist in die Europäische Nachbarschaftspolitik. Sektorale Schwerpunkte der Kaukasus-Initiative sind:

  • Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung

  • Energie und Umweltschutz

  • Demokratie, Kommunalentwicklung und Justizreform

Auf einer internationalen Geberkonferenz im Oktober 2008 hat Deutschland für die Behebung der materiellen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen des bewaffneten Konflikts im August 2008 knapp 34 Millionen Euro zugesagt. Die deutsche Unterstützung umfasste ins­be­sondere den Bau von Wohnungen für Flüchtlinge, Be­ra­tungs­maß­nah­men zur Förderung der Privatwirtschaft und die Verbesserung der Stromversorgung.

Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung

Ein Bäcker bei der Arbeit in Tiflis, Georgien. (c) Photothek.netDie wichtigste Herausforderung für die georgische Wirtschaftspolitik ist die Be­kämp­fung der Armut. Bisher verhindern Kor­rup­tion, ein in­ef­fi­zien­tes Ver­wal­tungs­system, die zö­ger­liche Um­setzung von Ge­set­zen und Re­form­vor­ha­ben sowie ein un­zu­reichen­des Berufsbildungssystem die flächendeckende wirt­schaft­liche Entwicklung und eine nachhaltige Armuts­min­derung.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit unterstützt im Bereich nachhaltige Wirtschaftsförderung die Entwicklungsprogramme der georgischen Regierung in Übereinstimmung mit den Zielen der Europäischen Nachbarschaftspolitik (ENP). Ein zentraler Aspekt ist dabei die regionale Zusammenarbeit mit den Nachbarstaaten der Kaukasusregion. Zur Erleichterung des Waren- und Dienst­leis­tungs­verkehrs werden unter anderem Maßnahmen zur Beseitigung von Handelsbarrieren finanziert. Mit aufeinander abgestimmten Vorhaben werden zudem der Finanzsektor und die Privatwirtschaft gefördert. Im Mittelpunkt dieser Programme steht die Zielgruppe der kleinsten, kleinen und mittleren privaten Unternehmen. Um ihr Potenzial, Arbeitsplätze zu erhalten und neue zu schaffen, zu mobilisieren, müssen die finanziellen, rechtlichen, administrativen und ge­sell­schaft­lichen Rahmen­bedingungen verbessert werden.

Da Frauen erfahrungsgemäß häufiger von Erwerbslosigkeit betroffen sind oder nur unterdurchschnittliche Einkommen erzielen, können sie in besonderem Maß von den Programmen der georgisch-deutschen Entwicklungszusammenarbeit in diesem Bereich profitieren.

Energie und Umweltschutz

Mit deutscher Unterstützung wurde die Leistungsfähigkeit der geor­gischen Energiewirtschaft in den vergangenen Jahren erheblich ge­steigert. Noch vor wenigen Jahren kam es wegen War­tungs­de­fi­zi­ten, unzureichenden Investitionen und einer ungenügenden Betriebs­führung täglich zu weitflächigen Stromabschaltungen. Die "haus­ge­machten" Probleme wie ineffektive Ver­wal­tung der Ener­gie­betriebe, Korruption und Stromdiebstahl wurden in den letzten Jahren ab­ge­mildert oder gelöst. Marktwirtschaftliche Strukturen, ins­be­son­dere kostendeckende Stromtarife, wurden eingeführt. Zugleich wurden systembedingte Schwachstellen soweit reduziert, dass es heute nur noch selten zu Stromabschaltungen kommt. Die Zusammenarbeit konzentriert sich nunmehr auf die Förderung regenerativer Energien und die Steigerung der Energieeffizienz. Über große Potenziale verfügt Georgien in den Bereichen Wasserkraft und Geothermie. Georgien hat eine realistische Perspektive zu einem Netto-Exporteur von erneuerbarer Energie (insbesondere Strom aus Wasserkraft) zu werden. Für dieses "Black Sea Energy"-Projekt hat Deutschland in den Jahren 2008 und 2009 zusammen 107 Millionen Euro an Fördermitteln zur Verfügung gestellt. Die Nutzung er­neu­er­barer Energien trägt zum Klima- und Ressourcenschutz bei.

Hohen Stellenwert nimmt auch die Zusammenarbeit im Naturschutz und bei der Förderung der Biodiversität ein. Deutschland hat Geor­gien in den vergangenen Jahren dabei unterstützt, den Natio­nal­park Bordschomi-Charagauli in seinem Bestand zu wahren und für öko­lo­gischen Tourismus nutzbar zu machen. Mit deutscher Hilfe wird derzeit auch ein grenz­über­schrei­ten­der Bio­sphä­ren­park in Georgien und Armenien eingerichtet und ein regionales Koordinierungsbüro finanziert, von dem auch die Bewohner und Anrainer profitieren.

Kommunalentwicklung und Demokratie

Unterzeichnung eine Abkommens im Rahmen der Rechts- und Justizreform in Georgien. Urheberrecht: Michael WiederholdIn Georgien ist die Ent­wick­lung markt­wirt­schaft­licher und de­mo­kra­tischer Struk­turen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ein deut­liches Stück vor­an­ge­kom­men. Die deutsche Ent­wick­lungs­zu­sam­men­arbeit hilft, die­sen Pro­zess zu be­schleu­nigen und zwar sowohl auf na­tio­na­ler als auch auf lokaler Ebene. Das BMZ und seine Durchführungsorganisationen sowie die politischen Stiftungen engagieren sich besonders in den folgenden Bereichen:

  • Reform des Rechts- und Justizwesens

  • Förderung der Verwaltung

  • Dezentralisierung und Kommunalentwicklung (einschließlich Wasserver- und Abwasserentsorgung)

  • Förderung der Zivilgesellschaft

  • friedliche Konfliktbearbeitung auf lokaler Ebene

Für die Arbeit existieren klar definierte Zielvorgaben. Angestrebt wird, dass die georgischen Entscheidungsträger ent­wick­lungs­orien­tier­ter handeln. Die bestehende Rechtsordnung soll auch umgesetzt und die Verwaltung transparenter und effizienter werden.

Ein weiteres Ziel ist die Stärkung von demokratischen Institutionen auf Gemeinde- und Landkreisebene und die Verbesserung der Bürgernähe der lokalen Verwaltung. So werden in einem Pilotprojekt sieben georgische Gemeinden dabei unterstützt, Bürgerzentren aufzubauen, die alle staatlichen Leistungen gesammelt anbieten. Sie sollen darüber hinaus für mehr aktive Beteiligung der Bevölkerung in kommunalen Angelegenheiten werben.

Auch hier liegt ein besonderes Augenmerk auf der Einbeziehung ethnischer Minderheiten und der Partizipation der Frauen. Die in diesem Schwerpunktbereich angestrebten Verbesserungen gelten als wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung der Demokratie und der Wirtschaft Georgiens.

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