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Bangladesch

Situation und Zusammenarbeit

Menschenmasse in Sagordighi. (c) phalanxIn Bangladesch leben geschätzt mehr als 160 Mil­lio­nen Menschen auf einer Fläche von nur 144.000 Qua­drat­kilo­metern (et­wa 40 Pro­zent der Fläche Deutsch­lands). Mit über 1.100 Menschen pro Quadrat­kilo­meter ist Ban­gla­desch damit der Flächen­staat mit der welt­weit höchsten Be­völ­ke­rungs­dichte. Das Be­völ­ke­rungs­wachs­tum liegt aktuell bei über einem Pro­zent jähr­lich – und ist damit immer noch zu hoch für die be­grenz­ten natür­lichen Res­sour­cen des Landes. Infolge der Über­be­völ­ke­rung müs­sen viele Menschen in Ge­bie­ten leben, die bei Über­schwem­mungen keine Sicher­heit bieten, wie zum Bei­spiel die stark ero­sions­gefähr­deten Fluss­inseln.

Trotz eines beachtlichen Wirtschaftswachstums ist Armut weit ver­brei­tet. Vor allem Kinder und Frauen sind von – überwiegend sai­so­na­ler – Mangel- und Unterernährung betroffen. Zu den Gründen für die schlechte Versor­gungs­lage gehören fehlendes Ackerland und die hohe Arbeitslosigkeit. Nach Berechnungen der Weltbank müssten jährlich mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze neu geschaffen werden, um die stetig wachsende Bevölkerung produktiv einzusetzen. Diese Zahl wird zurzeit bei weitem nicht erreicht.

Reisbauer in Bangladesch bei der Pflanzung von Setzlingen. Urheberrecht: Manoocher Deghati/IRINEin sehr großer Teil der Beschäf­tig­ten arbeitet in der Land­wirt­schaft, dort können jedoch nicht aus­rei­chend neue Stellen geschaffen werden. Der größte industrielle Sektor des Landes ist die Textil­industrie. Insgesamt arbeiten hier mehr als zwei Millionen Menschen, etwa 15 Millionen weitere Arbeits­plätze sind direkt oder indirekt von der Textil­industrie ab­hängig. Das stetige Wachs­tum dieses Industrie­zweiges basierte in den ver­gan­ge­nen Jahren auf den geringen Produktions- und Lohn­kosten. Inzwischen werden jedoch eine höhere Produktivität und eine bessere Qualität der Produkte nach­ge­fragt. Bislang war nur ein kleiner Teil der mehr als 5.000 Textilunternehmen in der Lage, den neuen An­for­de­rungen gerecht zu werden. Diese Zahl wächst jedoch beständig, so dass international operierende Hersteller ihre Produktion zunehmend aus anderen asiatischen Ländern nach Bangladesch verlagern. Als Wirtschaftssektor mit großem Wachstumspotenzial gilt, auch bei ausländischen Investoren, die aufstrebende Werftindustrie im Süden des Landes.

Neben den Exporterlösen sind die Transferleistungen von bangla­deschischen Arbeitnehmern, die im Ausland arbeiten – vor allem in den Golfstaaten – die wichtigste Devisenquelle des Landes. Der Anteil der Rücküberweisungen am Brutto­inlands­produkt liegt bei etwa elf Prozent, das ist eine der höchsten Raten der Welt.

Zu den schwerwiegendsten Problemen Bangladeschs zählen die schwach entwickelte Infra­struktur, Engpässe bei der Energie­ver­sor­gung und das geringe Aus­bil­dungs­niveau. Die UNESCO schätzt, dass 45 Prozent der Bevölkerung über 15 Jahren Analphabeten sind, bei den Frauen liegt der Wert mit 50 Prozent etwas höher. Dem Staat gelingt es bisher nicht, genügend Schulen einzurichten. Zahlreiche private oder von Nichtregierungsorganisationen geleitete Schulen versuchen, dieses Defizit auszugleichen.

Demokratie

Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung von Bangladesch wird durch erhebliche Defizite im Bereich der Regierungsführung (Good Governance) und der Demokratie gehemmt. Im Vorfeld der für Januar 2007 geplanten Parlamentswahlen kam es zu Unruhen und gewaltsamen Auseinandersetzungen. Daraufhin rief der Staats­prä­si­dent den Ausnahmezustand aus und setzte eine parteipolitisch neutrale Übergangsregierung ein.

Die Wahlen Ende 2008 verliefen friedlich und brachten Sheikh Hasina von der "Awami League" an die Macht. Hoffnungen auf mehr Demo­kra­tie und die Fortführung der unter der Über­gangs­regierung er­ziel­ten Fortschritte durch demokratische Reformen, Schutz der Men­schen­rechte, Korruptionsbekämpfung (Rang 134 von 178 unter­such­ten Staaten auf dem Korruptions­index 2010 der Nicht­re­gie­rungs­organisation Transparency International) und Verbesserungen bei der öffentlichen Finanzverwaltung haben sich jedoch bisher nicht im wünschenswerten Umfang erfüllt. Allerdings sind diese Defizite von der Regierung grundsätzlich erkannt.

Umwelt

Neben den politischen Konflikten sind auch die zunehmenden Um­welt­schäden ein Problem für Bangladesch. Sie sind die Folge von Naturkatastrophen, Überbevölkerung und Armut. Durch Boden­ero­sion und Abholzung werden Wälder, Feuchtgebiete und land­wirt­schaft­liche Nutzflächen zerstört. Hinzu kommt, dass ein Teil des Trinkwassers durch natürliche Arsenvorkommen verseucht ist. Der Langzeitkonsum des verseuchten Wassers verursacht Krankheiten der Haut und der inneren Organe, die zu Krebs führen können.

Eine Frau in Bangladesch wäscht ihre Kleidung in einem Fluss. Urheberrecht: Manoocher Deghati/IRINBangladesch ist besonders stark von den Folgen des Klima­wan­dels be­trof­fen. Die hohe Zahl und die In­ten­si­tät von Natur­ka­tas­tro­phen in Ver­bin­dung mit der Be­völ­ke­rungs­dichte des Landes machen eine Zu­nah­me so­ge­nan­nter Umwelt­flücht­linge wahr­schein­lich. Dadurch erhöht sich das Konflikt­po­ten­zial in den Groß­städten Dhaka und Chittagong sowie in der gesamten Region. Im August 2008 wurde unter der Übergangsregierung erstmals eine nationale Strategie zum Umgang mit dem Klima­wan­del ("Bangladesh Strategy and Action Plan for Management of Climate Change") formuliert.

Die zunehmende Migration in die Städte führt zu Wohnungsnot, städtischer Armut und hygienischen Missständen. Die un­kon­trol­lierte Zunahme des Verkehrs und der industriellen Produktion belastet die Umwelt zusätzlich. Das Wasser der Flüsse wird insbesondere durch Industrie- und Haushaltsabwässer verschmutzt. Die Durchsetzung bestehender Gesetze zum Schutz der Ressourcen scheitert wesentlich an der ineffizienten Verwaltung und der Korruption.

Potenziale

Trotz seiner vielfältigen Probleme hat Bangladesch große wirt­schaft­liche Ent­wick­lungs­poten­ziale, insbesondere im industriellen Bereich. Die neue Regierung räumt aber auch der länd­lichen Entwicklung große Bedeutung ein und versucht mit weit­rei­chen­den Un­ter­stüt­zungs­maß­nah­men eine an­hal­ten­de Steigerung der Pro­duk­ti­vi­tät zu er­rei­chen. Durch eine ver­bes­ser­te kom­mu­na­le Re­gie­rungs­füh­rung, optimierte Pro­duk­tions­me­tho­den, die Bereit­stellung von Krediten und den Ausbau der Infrastruktur kann die Wirtschaft auch im ländlichen Raum weiter modernisiert werden.

Straßenszene in Dhaka: Rikschas, Fussgänger und Autos. (c) phalanxBesonders wichtig für die über 100 Mil­lio­nen Land­be­woh­ner ist der Aus­bau des Stra­ßen- und Wege­net­zes. Die Ver­kehrs­wege er­mög­lichen den Aus­tausch von Waren und Dienst­leis­tungen, sind je­doch häufig wegen Über­schwem­mun­gen nicht nutz­bar. Da­rum kön­nen die meisten Land­wirte ihre Pro­duk­te wäh­rend der Re­gen­zeit nicht zu den Märk­ten trans­por­tie­ren. Auch die Märk­te selbst sind regel­mäßig über­schwemmt und nicht nutz­bar, ge­la­ger­te Wa­ren ver­der­ben. Die deutsche Ent­wick­lungs­zu­sam­men­arbeit fördert deshalb den Aus­bau lokaler Straßen und Märkte und berät ihre Nutzer und Betreiber.

Entwicklungschancen bietet auch der private Industrie- und Dienstleistungssektor. Entscheidende Wachstumsimpulse können vor allem von den Bereichen Informationstechnik, Leder­ver­ar­bei­tung, Jute, Fein­werktechnik und Fischerei sowie von der chemischen und pharmazeutischen Industrie ausgehen.

Schwerpunkte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit

2010 hat Deutschland Bangladesch insgesamt 46,8 Millionen Euro für die Jahre 2010 und 2011 zugesagt. Die Kooperation der beiden Staaten konzentriert sich gegenwärtig auf die folgenden drei Schwerpunktbereiche:

  • Gesundheitswesen

  • Energieeffizienz und erneuerbare Energien

  • Gute Regierungsführung und Kommunalentwicklung

Die für die Zusammenarbeit in diesen drei Bereichen maßgeblichen Strategien wurden in enger Abstimmung mit Regierung und Zivilgesellschaft erarbeitet. Zusätzlich zu den ge­nan­nten Schwer­punkt­be­rei­chen för­dert die Bun­des­re­pu­blik im Rah­men der Technischen Zusammenarbeit seit Ende 2008 ver­schie­de­ne Maß­nah­men, die Ban­gla­desch bei der An­pas­sung an die Folgen des Klima­wan­dels unter­stüt­zen. Dazu zählen unter anderem Pro­jek­te zur Wie­der­auf­fors­tung, zum Schutz der biologischen Vielfalt und zur Katastrophenvorsorge in Küstenregionen. Darüber hinaus hält die Bundesregierung für die jährlich auftretenden Hochwasser und deren immense Folgeschäden Nothilfemittel bereit.

Oberstes Ziel der Zusammenarbeit Deutschlands und anderer internationaler Partner mit Bangladesch ist die Bekämpfung der Armut. Die Zusammenarbeit zwischen der Regierung und der internationalen Gebergemeinschaft orientiert sich an der zweiten nationalen Armutsbekämpfungsstrategie ("National Strategy for Accelerated Poverty Reduction II, 2009–2011", NSAPR II). Um eine effiziente und koordinierte Arbeitsteilung zu gewährleisten, wurde im Juni 2010 eine gemeinsame Umsetzungsstrategie ("Joint Cooperation Strategy", JCS) zwischen der Regierung von Bangladesch und 18 Entwicklungspartnern unterzeichnet.

Reform des Gesundheitswesens, Familienplanung und HIV/AIDS

Eine Mutter mit Kind bei der Arbeit in einem Steinbruch. Urheberrecht: Manoocher Deghati/IRINDie medizinische Versorgung in Bangla­desch ist un­zu­rei­chend. Dieses Pro­blem be­las­tet vor allem arme Be­völ­ke­rungs­grup­pen, die sich keine pri­va­ten Ge­sund­heits­an­ge­bo­te leisten kön­nen. Zur Ver­bes­se­rung der Si­tua­tion be­tei­ligt sich Deutsch­land am um­fas­sen­den Sek­tor­pro­gramm "Gesund­heit, Er­näh­rung, Be­völ­ke­rung" ("Health, Nutrition, and Population Sector Program", HNPSP) unter Feder­füh­rung der Re­gie­rung Ban­gla­deschs und der Welt­bank. Schwer­punkte des deutschen Bei­trags sind die Fi­nan­zie­rung von Pro­jek­ten im Bereich der Fa­mi­lien­pla­nung sowie die Unter­stützung bei der Wir­kungs­kon­trol­le und Steu­e­rung des Programms und in Zukunft Mechanismen der Gesund­heits­finan­zie­rung. Die Bun­des­republik engagiert sich zudem für die Prä­ven­tion und Behand­lung von HIV/AIDS und sexuell über­trag­baren Krank­hei­ten in den größeren Städten des Landes und die Ent­wick­lung eines na­tio­na­len Kon­zepts zur Be­kämp­fung von HIV/AIDS.

Die Mittelzusagen sind an einen Reformplan für das Gesund­heits­system und an konkrete Ver­bes­se­run­gen bei wichtigen Ge­sund­heits­indi­ka­toren ge­knüpft. Schwer­punkte der Re­for­men sind die De­zen­tra­li­sierung der Gesund­heits­be­hör­den, mehr Au­to­no­mie für die Kran­ken­häuser, die Ver­bes­serung der Ge­sund­heits­ver­sorgung für die Armen, eine Strategie zur Bereitstellung lebens­wichtiger Medi­ka­mente und der Aufbau eines Kran­ken­kassen­systems. Hierbei sind nur ver­ein­zelt Fort­schritte er­kenn­bar – ein Grund dafür war die politische Krise der vergangenen Jahre.

Bei wichtigen Gesundheitsindikatoren lassen sich hingegen positive Trends feststellen. Verbesserungen gab es bei den Millenniumsentwicklungszielen wie der Bekämpfung übertragbarer Krankheiten und der Senkung der Kinder­sterb­lich­keit. Zusätz­liche Anstrengungen müssen hin­gegen zur Senkung der Müt­ter­sterb­lich­keit und der Ver­bes­se­rung der Er­näh­rungs­situa­tion unternommen werden.

Energieeffizienz und erneuerbare Energien

Bangladesch befindet sich in einer ernsten Energiekrise. Ver­sor­gungs­eng­pässe führen zu häufigen Strom­aus­fällen. Die über­lastete und ver­alte­te Infra­struk­tur im Energie­sektor hemmt die wirt­schaft­liche Pro­duk­ti­vi­tät des Landes.

Die Regierung Bangladeschs will daher in Zukunft verstärkt in er­neu­er­bare Energien und effiziente Techniken in­ves­tie­ren, unter anderem durch den "Clean Development Mechanism" (CDM) des Kyoto-Protokolls. Dabei wird die deutsche Expertise stark nach­ge­fragt, ins­be­son­dere in Bezug auf er­neu­er­bare Energien, aber auch bei der Nutzung moderner Tech­no­lo­gien zur Stei­ge­rung der Energieeffizienz.

Deutschland unterstützt Bangladesch daher intensiv bei der Reform des Energiesektors. Ein wichtiges Anliegen ist dabei die bessere Versorgung in ländlichen Gebieten ohne Anschluss an das Stromnetz. Hier spielen Energieformen wie Solar­energie und Biogas eine wichtige Rolle. Einen weiteren Schwer­punkt bilden In­ves­ti­tio­nen zur Ver­bes­se­rung des Strom­netzes und zur Ver­mei­dung von Über­tra­gungs­ver­lusten. Ge­mein­same An­stren­gun­gen von Regierung und Gebern er­reich­ten in den letzten zehn Jahren eine er­heb­liche Senkung der Sys­tem­ver­luste im Strom­netz von 35 Prozent auf unter 20 Prozent.

Die Maßnahmen umfassen außerdem die Energie­beratung von kleinen und mittleren Unternehmen. Zugleich wird ihre Nachfrage nach effizienteren Energiequellen gefördert. Die Bemühungen der deutschen Ent­wick­lungs­zu­sam­men­arbeit im Energie­sektor werden in Bangla­desch positiv bewertet: Vor dem Hinter­grund des Klima­wan­dels tragen sie zu einem Be­wus­stseins­wandel in allen gesell­schaft­lichen Bereichen bei.

Gute Regierungsführung und Kommunalentwicklung

Ein Junge in Dhaka in Bangladesch bei der Herstellung von Backsteinen. Urheberrecht: Manoocher Deghati/IRINPremierministerin Sheikh Hasina erklärte bei ihrem Amtsantritt im Januar 2009 Good Governance, Korruptionsbekämpfung und die Förderung der Menschenrechte zu Grundprinzipien des Regierungs­han­delns.

Die gesetzlichen Grundlagen und entsprechende Institutionen sind weitestgehend vorhanden: Bangla­desch hat alle inter­natio­nalen Men­schen­rechts­ab­kom­men rati­fi­ziert sowie eine natio­nale Men­schen­rechts­kom­mis­sion und einen natio­nalen Rat für die Entwick­lung von Frauen und Kindern ein­ge­richtet. Aller­dings fehlt es bei vielen Funk­tions­trä­gern bislang an Fähig­keiten und am Willen zur Durch­setzung dieser Prinzi­pien. 2009 starben rund 100 Menschen in Polizei­gewahr­sam oder Unter­suchungs­haft. Auch der Schutz von Frauen und Mädchen wird von der Justiz und den Sicher­heits­behörden nur unzureichend wahrgenommen.

Deutschland konzentriert sich darum im Bereich gute Regie­rungs­führung (Good Governance) be­son­ders auf die Ver­bes­se­rung der Men­schen­rechts­lage, die Stärkung der recht­lichen Stel­lung von Frauen und Mädchen (Empowerment) und die Ver­bes­se­rung der Re­gie­rungs­führung, ins­be­son­dere auf lokaler Ebene.

Zu den Maßnahmen gehören unter anderem die Mit­arbeit an einer um­fas­sen­den Gefäng­nis­reform, die Be­ra­tung bei der Um­set­zung inter­natio­naler Arbeits- und Sozial­stan­dards, Pro­gram­me zur Mit­wir­kung der Zi­vil­ge­sell­schaft und die Unterstützung örtlicher Regierungsbehörden.

In allen geförderten Programmen und Pro­jek­ten fin­den die An­lie­gen von sozial be­nach­tei­lig­ten Be­völ­ke­rungs­grup­pen, von ethnischen und reli­giö­sen Minder­hei­ten so­wie von Flücht­lin­gen be­son­dere Auf­merk­sam­keit.

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