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Hintergrund

Sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte


Mutter mit Kind in Noenoni, Indonesien.

"Sexuelle und repro­duk­tive Gesundheit und Rechte" – eine etwas sperrige Bezeich­nung, die in der Ent­wick­lungs­po­li­tik aber dennoch verwendet wird, weil sie am besten deutlich macht, worum es geht: Um un­einge­schränk­tes körper­liches und seelisches Wohl­befinden in Bezug auf alle Bereiche der Sexualität und Fort­pflanzung der Menschen.

Die Förderung dieses Aspektes der Gesund­heit und die Durch­setzung der ent­sprechen­den Rechte sind wichtige Ziele der deutschen Ent­wick­lungs­po­li­tik. Darum engagiert sich Deutsch­land in seinen Ko­ope­ra­tions­ländern für eine umfassende Gesund­heits­ver­sor­gung und eine zukunfts­weisende Familien­planung. Auch der Einsatz der Bun­des­re­pu­blik gegen geschlechts­spezifische Gewalt – unter anderem gegen die immer noch weit verbreitete Genital­verstümme­lung von Mädchen und Frauen – und gegen sexuell über­trag­bare Krank­heiten gehört zu diesem Themen­bereich.

Versuch einer Begriffsbestimmung

Das Verständnis der mensch­lichen Sexualität ist eng an die Tradition und Kultur einer Ge­sell­schaft gekoppelt. In den verschiedenen Welt­regionen unter­scheidet es sich sehr stark voneinander. Es ist darum bisher nicht möglich, eine welt­weit akzeptierte Definition von sexueller und repro­duk­tiver Gesund­heit zu formu­lieren. Jeder Versuch einer Begriffs­bestimmung (also auch dieser) muss im Zusammen­hang mit dem gesell­schaft­lichen Hin­ter­grund betrachtet werden, aus dem er stammt.

Zur sexuellen und repro­duk­tiven Gesund­heit gehört die Freiheit, über die indi­vi­duelle Familien­planung entscheiden zu können – zum Beispiel ob und wann man Kinder bekommen möchte und wie groß die Familie werden soll. Nach dem Verständnis der deutschen Bun­des­re­gie­rung bedeutet sexuelle und repro­duk­tive Gesundheit zudem

  • ein befriedigendes, die Persön­lich­keit bereicherndes und die Gesundheit förderndes, ungefährliches Sexual­leben führen zu können,
  • in einer Umgebung zu leben, die Menschen den Genuss ihrer Sexualität ermöglicht,
  • sich vor Gesundheits­problemen im Zusammen­hang mit dem Sexual­leben schützen zu können und Zugang zu medizinischer Behandlung solcher Probleme zu haben sowie
  • das Recht auf umfassende Information über alle Fragen der Sexualität und der Fort­pflanzung und
  • das Recht auf Freiheit von sexuellem Zwang und sexueller Gewalt.

Der Begriff bezieht sich auf alle Phasen des Lebens, auch auf die Kindheit, die Jugend und das Alter.

Sexuelle und reproduktive Gesundheit als Menschenrecht

Ein umfassendes Konzept der sexuellen und repro­duk­tiven Gesund­heit entstand 1994 bei der In­ter­na­tio­nalen Konferenz zu Bevölkerung und Ent­wick­lung in Kairo. Dort entschied sich die Staaten­gemein­schaft für einen entscheidenden Richtungs­wechsel: von einem über­wiegend bevölkerungs­politischen Verständnis hin zu einem Ansatz, der sich am einzelnen Menschen und den allgemeinen Menschen­rechten orientiert.

Von den mehr als 180 beteiligten Staaten wurde anerkannt, wie sehr die Ent­wick­lung eines Landes von der sexuellen und repro­duktiven Gesund­heit abhängt – und damit auch von der Gleich­stellung der Geschlechter. Seitdem stehen bei allen Entwicklungs­bemühungen die Bedürfnisse und Rechte der Menschen im Vordergrund.

In Kairo wurden konkrete Ziele formuliert: Allen Menschen Bildung er­mög­lichen, die Sterb­lich­keitsraten von Müttern, Säug­lingen und Klein­kindern reduzieren, HIV-Infektionen vorbeugen und – bis 2015 – allen Menschen Zugang zu einer entsprechenden umfassenden Gesundheits­versorgung ermöglichen.

Zu einer solchen Versorgung gehören die fach­liche Betreuung von Müttern und Kindern, ins­be­son­dere während der Schwanger­schaft und rund um die Geburt, sowie Familien­planung und Verhütung von sexuell über­trag­baren Krankheiten.

Die Prinzipien und Definitionen des Aktionsprogramms von Kairo haben an Relevanz nichts eingebüßt und stellen bis heute die Grund­lage des inter­na­tio­nalen ent­wick­lungs­po­litischen Engage­ments in diesem Bereich dar.

Heute gilt das Recht auf einen „best­möglichen Standard sexueller und repro­duk­tiver Gesund­heit“ als Menschen­recht. Bestand­teile dieses Rechts sind das Recht auf Entscheidung über die eigene Fort­pflanzung und das Recht von Frauen, über ihre Sexualität selbst­bestimmt und in Eigen­verant­wortung zu entscheiden – frei von Diskriminierung, Zwang oder Gewalt.

Bevölkerungsdynamik und nach­hal­tige Ent­wick­lung

Mangelhafte Möglich­keiten der Familien­planung führen in vielen Ent­wick­lungs­ländern noch heute zu einer hohen Kinder- und Mütter­sterb­lich­keit sowie zu ungewollt hohen Geburten­raten. Hoch­rechnungen zufolge wird sich in einigen Ländern Afrikas und Süd­asiens die Bevölkerungs­zahl innerhalb der nächsten Jahr­zehnte verdoppeln.

Das Bevölkerungs­wachstum und der hohe Anteil junger Menschen an der Gesamt­bevölkerung stellen die betroffenen Regionen vor große He­raus­for­de­run­gen.

Für die nachhaltige Entwicklung dieser Länder ist es wichtig, das Be­völ­ke­rungs­wachstum abzuschwächen und demo­grafischen Ver­ände­run­gen Rechnung zu tragen. Die Verwirklichung sexueller und repro­duk­tiver Gesund­heit und Rechte ist eine der Voraus­setzungen dafür, dass das gelingen kann.

Ausführliche Informationen über das Thema Bevölkerungsdynamik finden Sie hier.

Millenniums­entwicklungs­ziele

Viele Ziele des bei der Bevölkerungs­konferenz 1994 in Kairo erarbeiteten Aktions­programms flossen im Jahr 2000 in die Millenniums­erklärung ein. Vier der acht Millenniums­ziele stehen im direkten Zusammen­hang mit sexueller und repro­duktiver Gesundheit.

  • Ziel 3: Die Gleichstellung der Geschlechter fördern und die Rechte von Frauen stärken
  • Ziel 4: Die Kindersterblichkeit verringern
  • Ziel 5: Die Gesundheit von Müttern verbessern
  • Ziel 6: HIV/Aids, Malaria und andere übertragbare Krankheiten bekämpfen

Neben den Zielen 4, 5 und 6, bei denen es vorrangig um die Ver­bes­se­rung der medizinischen Versorgung geht, hat auch die Förderung der Gleich­stellung der Geschlechter (Ziel 3) und die Stärkung der Rolle und Rechte der Frauen einen wesentlichen Einfluss auf die sexuelle und repro­duktive Gesundheit. Die deutsche Ent­wick­lungs­po­li­tik stärkt darum mit ihren Programmen den Status von Frauen und Mädchen innerhalb der Ge­sell­schaft und fördert ihre Ent­schei­dungs­befugnisse einschließlich ihrer sexuellen Selbst­bestimmung.

Weitere Informationen

Lexikon der Entwicklungspolitik

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