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Hintergrund

Katastrophen verhindern nachhaltige Entwicklung

Bewohner des Distrikts Kurigram im Nordosten Bangladeschs begutachten die Flutschäden nach heftigen Regenfällen im September 2010. In der Region waren über 140.000 Menschen von den Überschwemmungen betroffen.

Die Zahl und die Stärke zerstörerischer Naturereignisse haben in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen. Davon besonders betroffen sind die Entwicklungsländer. Das ist nicht nur eine Folge ihrer geografischen Lage, denn armen Menschen fehlen die Mittel, um sich gegen Katastrophen und deren Folgen wirksam zu schützen. Durch die Zerstörung von Wohnhäusern, Straßen, Schulen, Krankenhäusern, Fabriken, Ackerland, Telefon-, Strom- und Wasserleitungen verlieren Millionen Menschen ihre Lebens- und Produktionsgrundlagen.

Während in Industriestaaten die materiellen Schäden durch Versicherungen, staatliche Unterstützung und nationale Spendenbereitschaft größtenteils aufgefangen werden, können Entwicklungsländer akute Notlage in den meisten Fällen nicht allein bewältigen. Extreme Wetterereignisse führen dort zudem oft zu einer Kette von Folgeproblemen: Armut, Unterernährung, Obdachlosigkeit, Seuchenausbrüche, Migration und auch bewaffnete Konflikte können durch sie ausgelöst oder verschärft werden.

Der Einfluss von Katastrophen auf die Entwicklung von Ländern ist ein zentraler Ansatzpunkt der deutschen Entwicklungszusammenarbeit: Katastrophenrisikomanagement hilft, die fatalen Folgen von Naturereignissen zu mildern. Dadurch kann verhindert werden, dass solche Ereignisse die erzielten Fortschritte in den Entwicklungsländern immer wieder ganz oder teilweise zunichtemachen, die Armut verschärfen und eine nachhaltige Entwicklung verhindern.

Katastrophenrisikomanagement

Katastrophenrisikomanagement zielt darauf ab, Katastrophen zu verhindern und die Anfälligkeit von Menschen, Umwelt, Wirtschaft und Infrastruktur gegenüber Naturereignissen zu reduzieren. Es stärkt die Widerstandsfähigkeit ("Resilienz") von Menschen und Institutionen gegenüber Katastrophen und deren Folgen. Katastrophenrisikomanagement umfasst eine große Bandbreite von möglichen Maßnahmen, etwa in den Bereichen Politik und Wirtschaft, Armutsbekämpfung und soziale Sicherung, Raumplanung und Stadtentwicklung, Umwelt, Bildung und Gesundheit.


Extreme Naturereignisse nehmen zu

Eine schwer passierbare Straße nach einer Überschwemmung in Pakistan.

Eine Katastrophe ist laut Definition der Vereinten Nationen "die Unterbrechung der Funktionsfähigkeit einer Gemeinschaft oder Gesellschaft, die hohe menschliche, materielle, ökonomische und ökologische Verluste verursacht und die Fähigkeit der betroffenen Gemeinschaft oder Gesellschaft übersteigt, diese aus eigener Kraft zu bewältigen."

Ob ein extremes Naturereignis, etwa ein Sturm oder ein Erdbeben, zu einer Katastrophe wird, hängt davon ab, wie verwundbar ("vulnerabel") eine Gesellschaft ist. Wichtige Faktoren sind die politische Stabilität, die Wirtschaftskraft, die sozialen Verhältnisse und die Umweltbedingungen.

Laut Jahresbericht 2014 des Instituts für Katastrophenforschung der belgischen Universität Leuven (Centre for Research on the Epidemiology of Disasters, CRED) waren in den 1990er Jahren im Durchschnitt noch weniger als 300 Katastrophen durch Naturgefahren pro Jahr zu verzeichnen. Zwischen 2004 und 2013 wurden durchschnittlich 384 solcher Katastrophen registriert. 2014 beobachteten die Forscher weltweit 324 Ereignisse, die als Katastrophen zu werten waren. Die dadurch verursachten wirtschaftlichen Schäden betrugen 2014 rund 99,2 Milliarden US-Dollar, eine Summe, die deutlich unterhalb des zehnjährigen Durchschnitts von 162,5 Milliarden US-Dollar lag.

Die Auswertung des Forschungszentrums CRED umfasst geophysikalische Ereignisse wie Erdbeben und Vulkanausbrüche, meteorologische wie Stürme, hydrologische wie Überschwemmungen und klimatologische Ereignisse wie extreme Temperaturen und Dürren. Auch extraterrestrische Ereignisse wie Meteoriteneinschläge werden berücksichtigt. Nicht enthalten sind biologische Katastrophen wie Epidemien und technische Katastrophen wie Flugzeugunglücke oder Industrieunfälle.

Laut Jahresbericht 2014 waren zwischen 2004 und 2013 jedes Jahr durchschnittlich 199,2 Millionen Menschen direkt von extremen Naturereignissen betroffen. Fast 100.000 Menschen kamen im gleichen Zeitraum durchschnittlich pro Jahr durch daraus entstandene Katastrophen ums Leben.


Wechselwirkung von Katastrophen und Armut

Überlebende des Tsunamis in der zerstörten Stadt Meulaboh, West Aceh, 2004

Große Katastrophen wie der Tsunami im Indischen Ozean 2004 (mehr als 230.000 Tote), der Zyklon Nargis in Myanmar 2008 (rund 140.000 Tote) oder das verheerende Erdbeben auf Haiti 2010 (mehr als 200.000 Tote) treffen arme Länder besonders hart. Die geografische Lage ist dabei nur einer der Risikofaktoren. Entscheidender ist der Entwicklungsstand einer Gesellschaft. Armut gilt als eine der Hauptursachen für Todesfälle in Folge von extremen Naturereignissen. Je ärmer Menschen sind, desto schutzloser sind sie Naturgefahren ausgeliefert.

Sehr deutlich zeigt dies der Weltkatastrophenbericht 2015 der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFCR). Aus den Daten dieses Berichts, der auch technische Katastrophen berücksichtigt, ergibt sich für die Jahre 2005 bis 2014 folgendes Bild:

  • Knapp zwei Milliarden Menschen waren von mehr als 6.300 Katastrophen betroffen.
  • Etwa 839.000 Menschen starben.
  • Es entstand ein Schaden von rund 1,6 Billionen US-Dollar.
  • Rund 25 Prozent der erfassten Katastrophen betrafen Länder mit niedrigem Entwicklungsstand – diese hatten jedoch fast 60 Prozent der Todesopfer zu beklagen.
  • 18 Prozent der Katastrophen ereigneten sich in sehr hoch entwickelten Ländern. Auf sie entfielen 64 Prozent der materiellen Schäden – aber nur fünf Prozent der Todesopfer.

Einfluss des Klimawandels

Einwohner von Soroti, Uganda, helfen einer alten Frau, eine überschwemmte Brücke zu überqueren.

Zwar sind nicht alle zerstörerischen Naturereignisse vom Klimawandel und seinen Folgen beeinflusst. Doch der Anstieg und die zunehmende Intensität der wetterbedingten Extremereignisse sind ohne den globalen Klimawandel nicht zu erklären.

Seit 1980 hat sich die Zahl der registrierten Extremwetterereignisse etwa verdreifacht. Die Berichtsserie der Weltbank "Turn Down the Heat" (2012–2014) zu den Auswirkungen des Klimawandels bestätigt, dass vor allem die Entwicklungsländer von diesen Veränderungen betroffen sein werden und fordert daher mehr Engagement von der internationalen Gemeinschaft.

Auch der 2014 veröffentlichte fünfte Bericht des Weltklimarats (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) warnt vor den Folgen des Klimawandels, etwa auf die wirtschaftliche Entwicklung und die Ernährungssicherung. Außerdem beschäftigt sich der Bericht mit der Frage, welche Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel verhindern können, dass künftige Naturereignisse katastrophale Ausmaße annehmen.

Dass schon jetzt vor allem arme Länder unter den Folgen des Klimawandels leiden, zeigt zum Beispiel der Klima-Risiko-Index 2015 der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch: Unter den zehn Ländern, die zwischen 1994 und 2013 besonders stark von Wetterextremen betroffen waren, sind neun Entwicklungsländer.


Katastrophenanfälligkeit von Städten

Verkehr in den Straßen von Dhaka, Bangladesch.

Die Bevölkerungsverteilung auf der Erde verändert sich schnell: Schon heute lebt rund die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, bis zum Jahr 2050 werden es schätzungsweise rund zwei Drittel sein. Vor allem die stark wachsenden "Megastädte" mit mehr als zehn Millionen Einwohnern sind nach Einschätzung der Vereinten Nationen zunehmend von Naturgefahren wie Überschwemmungen, Stürmen oder Erdrutschen bedroht.

Besonders groß ist das Risiko für die Bewohner informeller Siedlungen. Laut Schätzungen lebt etwa jeder siebte Mensch auf der Welt in ungeklärten Grundbesitzverhältnissen. Die Unterkünfte befinden sich oft in Gebieten, in denen ein hohes Risiko von Hochwasser oder Hangrutschungen besteht. In der Regel sind die Gebäude nicht an städtische Notfallsysteme angeschlossen. Viele sind zudem nicht nach den erforderlichen Baustandards (zum Beispiel in Bezug auf Erdbebensicherheit) gebaut.

Laut entsprechenden Hochrechnungen werden 2050 mindestens zwei Drittel aller Menschen in der Nähe von Küsten leben. Weil der Meeresspiegel aufgrund der Klimaerwärmung stetig ansteigt, werden zahlreiche Küstenstädte in Zukunft vor existenziellen Herausforderungen stehen.


Fragile Staatlichkeit und bewaffnete Konflikte

Zu den Faktoren, die die Schutzlosigkeit von Menschen gegenüber Katastrophen verschlimmern können, zählen auch fragile Staatlichkeit und bewaffnete Konflikte. Nach Schätzungen lebten zum Beispiel mehr als 50 Prozent der Menschen, die zwischen 2005 und 2009 von Katastrophen betroffen waren, in Ländern, die von Gewalt, Konflikten und unsicheren politischen Verhältnissen geprägt waren. Die Möglichkeiten, sich unter diesen Bedingungen vorbeugend gegen extreme Naturereignisse zu schützen und die Folgen solcher Ereignisse ohne Unterstützung von außen zu bewältigen, sind äußerst begrenzt.


Lexikon der Entwicklungspolitik

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