Hauptinhalt

Wirtschaft, Wachstum und Beschäftigung

Tourismus – eine Chance für nachhaltige Entwicklung

Zelte in der Mutemwa-Lodge in Sambia

In einer Zeit scheinbar grenzenloser Mobilität bereisen immer mehr Menschen die Welt. Allein 2016 wurden weltweit mehr als 1,2 Milliarden internationale touristische Ankünfte verzeichnet. Das sind knapp vier Prozent mehr als noch im Vorjahr. Für 2017 wird erwartet, dass der globale Tourismus erneut um drei bis vier Prozent zunimmt.

Der Tourismussektor ist nicht nur einer der am schnellsten wachsenden, sondern auch einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige der Gegenwart. Im weltweiten Vergleich mit anderen Branchen befindet sich die Tourismusindustrie auf Platz drei, noch vor der Automobilindustrie. Tourismus erzeugte 2015 knapp zehn Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Fast jeder zehnte Mensch auf der Welt ist in einer Anstellung beschäftigt, die im direkten Zusammenhang mit dem Tourismus steht.

Auch immer mehr Entwicklungsländer schöpfen ihr touristisches Potenzial aus – zum Beispiel ein warmes Klima, kulturelle Reichtümer und intakte Naturräume mit hoher Artenvielfalt – und unterziehen es einer ökonomischen Bewertung. Für ein Drittel aller Entwicklungsländer ist Tourismus bereits der bedeutendste Devisenbringer. In der Hälfte der ärmsten Länder (Least Developed Countries, LDC) erwirtschaftet die Reisebranche mehr als 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Nach Schätzungen werden künftig die Besucherzahlen gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern überproportional ansteigen. Allein aus Deutschland reisen jährlich mehr als 11 Millionen Menschen in solche Länder. Sie tragen dort aktuell 19 Milliarden Euro zum BIP bei und sichern so etwa 1,8 Millionen Arbeitsplätze. Zudem steigt die Zahl der Menschen aus Entwicklungs- und Schwellenländern, die selbst auf Reisen gehen. Die Zahl der Flugpassagiere aus diesen Regionen nimmt rapide zu.

Nachhaltigkeit und Verantwortung im Tourismus

Nachhaltigkeit und Verantwortung sind die Leitmotive der deutschen Entwicklungspolitik im Bereich Tourismus. Eine nachhaltige Entwicklung bringt wirtschaftliches Wachstum mit ökologischer Tragfähigkeit in Einklang. Nachhaltiger Tourismus ist langfristig ausgelegt und versteht sich als ethisch, sozial gerecht, kulturell respektvoll und umweltverträglich. Gleichzeitig sollte eine nachhaltige Tourismusentwicklung ökonomisch ergiebig und beschäftigungsintensiv sein, um die lokale Wirtschaft und Entwicklung abzusichern.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) fördert eine inklusive und klimafreundliche Tourismusentwicklung. Dem Leitmotiv von Nachhaltigkeit und Verantwortung im Tourismus folgend hat das BMZ fünf vorrangige Handlungsfelder definiert:

  • Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung und breitenwirksame Beschäftigungsförderung
  • Gemeinde- und Kommunalentwicklung
  • Schutz und Inwertsetzung von Biodiversität
  • Ressourcen- und Energieeffizienz sowie Klimaschutz
  • Good Governance und politische Rahmenbedingungen

Chancen und Risiken der Tourismusentwicklung

Westlicher Flachlandgorilla im Dzanga-Sangha-Schutzgebiet in der Zentralafrikanischen Republik

Tourismus bietet gerade Schwellen- und Entwicklungsländern große Chancen und Perspektiven, Infrastruktur aufzubauen, Arbeitsplätze und somit Einkommen zu schaffen, lokale Wirtschaftskreisläufe zu fördern, Naturschätze zu bewahren und so auch die Armut der Bevölkerung zu reduzieren.

In vielen Entwicklungsländern hat sich der Tourismus von einem Nischen- zu einem Massenprodukt entwickelt. In den vergangenen 25 Jahren konnten die Entwicklungsländer ihren Marktanteil am weltweiten Reiseverkehr mehr als vervierfachen. Als beschäftigungsintensive Branche leistet der Tourismus einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung: Es wird geschätzt, dass in den nächsten zehn Jahren allein in Afrika fünf Millionen neue Arbeitsplätze durch den Tourismus entstehen könnten. In den Schwellenländern, insbesondere den Boom-Regionen Asiens, gehen Experten im gleichen Zeitraum von sogar 40 Millionen neuen Arbeitsplätzen aus.

Auch benachteiligte Bevölkerungsgruppen sowie Klein- und Kleinstunternehmer können an dieser Entwicklung teilhaben. Für viele Jobs im Tourismus sind weder spezielle Fachkenntnisse noch hohe Investitionen erforderlich. Neben der Hotel- und Gastronomiebranche profitieren auch Bereiche wie Landwirtschaft, Handwerk, Kunsthandwerk und Transport von der zunehmenden Zahl ausländischer Gäste. Tourismus dient so als unmittelbares Instrument zur Armutsbekämpfung.

Neben zahlreichen positiven Effekten birgt ein unkontrolliertes Tourismuswachstum allerdings auch Risiken. So ist Tourismus großen saisonalen Schwankungen unterlegen und von der Sicherheitslage vor Ort abhängig. Einnahmen aus der Hochsaison müssen reichen, um Perioden auszugleichen, in denen nur wenige Touristen kommen. Für die lokale Bevölkerung bedeutet das ein von Unsicherheit geprägtes Beschäftigungsverhältnis.

Zudem ist die lokale Bevölkerung häufig nicht ausreichend an der Wertschöpfung und an den Einnahmen aus dem Tourismus beteiligt. Aber auch wirtschaftspolitische Fehlentwicklungen, beispielsweise die zu einseitige Konzentration der Volkswirtschaft auf den Tourismus, sind mögliche Folgen. Touristische Entwicklung kann außerdem zur Überbeanspruchung natürlicher Ressourcen, zur Belastung und Zerstörung von Ökosystemen, zu soziokulturellen Konflikten und Menschenrechtsverletzungen führen.


Agenda 2030 und Tourismus

Mit der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung verabschiedeten die Vereinten Nationen 2015 ein Programm, um in den folgenden 15 Jahren den Weg für eine gerechtere und nachhaltigere Welt zu ebnen. Die insgesamt 17 Ziele nachhaltiger Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) umfassen alle gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Bereiche, so auch den Tourismus.

In der Agenda 2030 wird die hohe entwicklungspolitische Bedeutung eines nachhaltigen Tourismus unterstrichen. Ausdrücklich erwähnt wird er in den Zielen:

  • ​8.9: Förderung eines nachhaltigen Tourismus, der Arbeitsplätze schafft und die lokale Kultur sowie lokale Produkte fördert
  • ​12.b: Beobachtung der Auswirkungen eines nachhaltigen Tourismus
  • ​14.7: Die wirtschaftlichen Vorteile für die kleinen Inselentwicklungsländer und die am wenigsten entwickelten Länder durch nachhaltiges Management der Fischerei, der Aquakultur und des Tourismus erhöhen

Da Tourismus aus einer Vielzahl von Leistungsbausteinen (etwa Transport, Unterkunft, Verpflegung, Freizeitaktivitäten) besteht, ist er eng mit der Herstellung und dem Angebot unterschiedlichster Güter und Dienstleistungen verbunden. Daher kann er auch zu zahlreichen anderen Zielen der Agenda 2030 beitragen, zum Beispiel zur Stärkung kleiner Nahrungsmittelproduzenten (Ziel 2.3), zur nachhaltigen Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen (Ziel 12.2) und zur Verringerung der Ungleichheit in und zwischen Ländern (Ziel 10).


Deutsches Engagement für nachhaltigen Tourismus

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller auf der ITB 2017

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit zielt darauf ab, die Potenziale des Tourismus für eine nachhaltige Entwicklung zu nutzen und mögliche Risiken wie klimaschädliche Auswirkungen und die Übernutzung von Naturräumen zu minimieren. In den Kooperationsländern fördert die deutsche Entwicklungspolitik eine nachhaltige touristische Entwicklung, setzt sich für die Wahrung der Menschenrechte und die Einführung und Umsetzung von sozialen und ökologischen Mindeststandards ein.

Das BMZ fördert im Tourismusbereich vor allem Vorhaben mit übergreifender Zielsetzung wie nachhaltige Wirtschaftsentwicklung, Management natürlicher Ressourcen und Biodiversität, Klima, Ressourceneffizienz, Berufsbildung sowie Gemeindeförderung und Regionalentwicklung. Insgesamt werden weltweit derzeit drei Vorhaben mit dem Schwerpunkt Tourismus sowie etwa fünfzig Vorhaben mit einer Tourismuskomponente umgesetzt. Neben 16 Fachkräften des Centrums für internationale Migration und Entwicklung (CIM) befindet sich eine Vielzahl von Entwicklungshelfern im Tourismusbereich im Einsatz.

Das BMZ beteiligt sich zudem an der Umsetzung des ressortübergreifenden Aktionsplans der Bundesregierung zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt und Ausbeutung. Das Ministerium unterstützt Organisationen, die sich in diesem Bereich engagieren, und fördert – häufig gemeinsam mit Tourismusunternehmen – geeignete Maßnahmen in den Kooperationsländern.

Im Rahmen seiner entwicklungspolitischen Bildungsarbeit stellt das BMZ umfassende Informationen über Entwicklungsländer zur Verfügung und sensibilisiert deutsche Touristen für sozialverantwortliches und umweltgerechtes Reisen.


Zusammenarbeit mit der Wirtschaft

Eines der Kernthemen des BMZ ist die Zusammenarbeit mit der touristischen Privatwirtschaft. Dabei geht es nicht nur darum, dass sich der Tourismus selbst sozial und umweltgerecht entwickelt, sondern auch darum, dass er als Motor für eine branchenübergreifende nachhaltige Entwicklung genutzt werden kann. Dafür müssen alle Akteure gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und privatwirtschaftliche Kooperationspartner in die deutsche Entwicklungszusammenarbeit einbezogen werden.

Aufgrund des großen Potenzials fördert das BMZ nicht nur die Zusammenarbeit mit Unternehmen in den Partnerländern, sondern auch mit der deutschen und europäischen Privatwirtschaft. Reiseunternehmen sind aufgefordert, Fachwissen, Kreativität, Kapital und Innovationskraft in ihren Zieldestinationen einzusetzen, um einen Beitrag zur Armutsbekämpfung zu leisten. Das BMZ unterstützt die Privatwirtschaft, indem es zum einen bessere Voraussetzungen in den Partnerländern schafft. Es fördert zum Beispiel Rechtssicherheit und gute Regierungsführung, unterstützt Investitionen und die Erschließung neuer Märkte und fördert Aus- und Fortbildungen für Fachkräfte. Zum anderen werden deutsche und europäische Touristikunternehmen finanziell und fachlich dabei unterstützt, ihr Engagement in Entwicklungs- und Schwellenländern nachhaltig, breitenwirksam sowie sozialen Kriterien entsprechend zu gestalten.

Hierzu hält das BMZ ein vielfältiges Instrumentarium bereit, zum Beispiel das ​develoPPP.de-Programm, integrierte Entwicklungspartnerschaften oder das lab of tomorrow.

Im März 2016 haben das BMZ und der Bundesverband der deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) einen Branchendialog "Tourismus für nachhaltige Entwicklung" ins Leben gerufen, um sich über aktuelle Herausforderungen des Tourismus auszutauschen.


Die Besonderheiten der touristischen Wertschöpfung

Einheimische Touristenführer begleiten die Besucher des Dzanga-Sangha-Nationalparks in der Zentralafrikanischen Republik

Im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen ist der Tourismus relativ arbeits- und weniger kapitalintensiv. Daher bietet er besonders in Entwicklungsländern vielversprechende Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten für gering- bis mittelqualifizierte Arbeitskräfte und für arme und benachteiligte Bevölkerungsteile – vor allem für Frauen, Jugendliche und indigene Bevölkerungsgruppen. Dafür muss jedoch gewährleistet sein, dass diese auch tatsächlich an der touristischen Wertschöpfung teilhaben können.

Mit Wertschöpfung wird im weitesten Sinne alles bezeichnet, was Einkommen schafft. Die Herstellung touristischer Produkte und Dienstleistungen, etwa durch Reisebüros, Reiseveranstalter, Fluggesellschaften, Gastronomie- und Beherbergungsbetriebe, erzeugt direkte ökonomische Effekte. Aber auch Unternehmen, die nur indirekt einen Beitrag zum Tourismusprodukt leisten, beispielsweise Zulieferer von Lebensmitteln für Hotelbetriebe oder Handwerker, leisten einen Beitrag zur Wertschöpfung.

Das Besondere am Tourismussektor ist, dass das Produkt einerseits vor Ort konsumiert wird und somit standortgebunden Arbeitsplätze schafft. Andererseits ist die Branche mit anderen Bereichen der inländischen Wirtschaft eng verflochten und kann dadurch zum Beispiel auch in der Landwirtschaft, im Handwerk und im Transportwesen breitenwirksame Entwicklungsimpulse auslösen.

Einen wirksamen Beitrag zur Armutsminderung kann Tourismus dann leisten, wenn die lokalen Produzenten (meist Klein- und Kleinstbetriebe) in die touristische Wertschöpfungskette eingebunden und somit Verdienstmöglichkeiten für die lokale Bevölkerung geschaffen werden. Besonders wichtig ist die Beteiligung landwirtschaftlicher Betriebe, da im ländlichen Raum vergleichsweise viele Haushalte in Armut leben.


Links zu den Projektbeispielen


Weitere Informationen

Video

Loading the player...

Allein in Afrika wurden 2016 über 1.000 Nashörner und 20.000 Elefanten durch Wilderer getötet. Deutschland engagiert sich im Kampf gegen die Wilderei, zum Beispiel in Tansania.

Lexikon der Entwicklungspolitik

Fenster schließen

 

Seite teilen