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Finanzsystementwicklung

Mikrofinanzierung: ein Beitrag zur Armutsbekämpfung


Handschuhproduzent in El Alto, Bolivien, der als Kleinstunternehmer von der Banco los Andes gefördert wurde.

Die Ko­ope­ra­tions­länder der deutschen Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit zeigen ein wachsendes Interesse an der Bereit­stellung von bedarfs­gerechten Finanz­dienst­leistungen für Einzel­personen, Haus­halte und Unter­nehmen. Mikro­finanz­dienst­leistungen wie Versicherungen, Spar­einlagen und Zahlungs­verkehr sind heute als zentrales Instrument anerkannt, um den ökonomischen und sozialen Handlungs­spiel­raum von armen Bevölkerungs­gruppen auszuweiten.

Grundlage für eine nach­hal­tige Mikro­finanzierung ist die finan­zielle Un­ab­hän­gig­keit der Mikro­finanz­institutionen: Nur wenn sich eine Mikro­finanz­organisation lang­fristig selbst trägt, kann sie effektiv zur Armuts­bekämpfung beitragen.

Hoher Bedarf an Sparkonten und Krediten

Durch die Möglichkeit, Spar­einlagen zu bilden, können arme Menschen ihren Lebens­unter­halt absichern. Auf ein Bank­konto, auf dem kleine Beträge angespart werden, kann in Krisen­zeiten oder für eine In­ves­ti­tion zurück­gegriffen werden. So ein Konto ist für viele Menschen noch keine Selbst­verständ­lich­keit – kann aber die Not­wendig­keit, Kredite aufzunehmen, verringern und Sicher­heit schaffen.

Mikrokredite helfen dabei, zum Beispiel in Saatgut und Umlauf­kapital zu investieren, Bildung und Wohn­raum zu finanzieren oder die Gesund­heits­vor­sorge der Familie zu verbessern. Eine Studie der Nicht­regierungs­organisation Microfinance Information Ex­change (MIX) kommt zu dem Ergebnis, dass rund 100 Millionen Menschen in 117 Ländern von einer der mehr als 10.000 Mikro­finanz­institute einen Kredit erhalten haben (Stand: Dezember 2008). Der Bedarf ist jedoch deutlich höher: 2,7 Milliarden Men­schen haben keinen Zugang zu formellen Finanz­dienstleistungen.

Versicherungen gegen Krankheit, Unfall oder Ernteverlust

Neben der Nachfrage nach Spar­einlagen, Krediten und Zahlungs­verkehr wächst auch die nach Mikro­versicherungen. Denn einkommens­schwache Haushalte sind einem über­proportionalem Alltags­risiko ausgesetzt: Krankheiten, Unfälle oder extreme Wetter­ereignissen treffen sie besonders hart und können eine ganze Familie in existenz­bedrohende Armut stürzen. Kranken-, Lebens- und Agrar­versicherungen sind ein effizientes Instrument der individuellen Risiko­vorsorge. Bisher ist der große Bedarf in Ent­wick­lungs­ländern weitgehend ungedeckt: Lediglich drei Prozent der Bevölkerung in den 100 ärmsten Ländern verfügen über entsprechende Versicherungen.

Neue Möglichkeiten durch Mobilfunk

Noch ist der Zugang zu Mikro­finanz­dienst­leistungen für breite Teile der Bevölkerung in Ent­wick­lungs­ländern nicht sicher­gestellt. Mobil­funk­basierte Angebote bieten die Chance, den Zugang kosten­günstig und effizient auszuweiten: Etwa 2,7 Milliarden Menschen haben kein Bank­konto, fast eine Milliarde von ihnen hat jedoch ein Mobil­telefon.

Das Prinzip: Gemeinsam bieten Banken und Mobil­funk­anbieter einfache Finanz­dienst­leistungen wie Sparen und Zahlungs­verkehr an. Erfolg­versprechend ist dabei auch die Nutzung der vor­han­de­nen Infra­struk­tur: Fast überall, wo Telefon­karten gekauft werden können – also zum Beispiel in Super­märkten – gibt es auch die Möglich­keit, Finanz­dienst­leistungen wie Ein- und Auszahlungen über das Mobil­telefon abzuwickeln. Mobil­funk­basierte Finanz­dienst­leistungen machen Kunden deshalb unabhängig von Bank­filialen. Gerade im länd­lichen Raum, wo es häufig keine kommer­ziellen Banken gibt, bieten sich dadurch neue Möglichkeiten.

Ein Pionier­modell ("M-Pesa") wurde von einer kenia­nischen Mobil­funk­gesell­schaft in Zu­sam­men­ar­beit mit einem großen Telefon­anbieter entwickelt. Darauf basierend haben sich mobil­funk­ba­sier­te Finanz­dienst­leistungen inzwischen welt­weit ausgebreitet.

Deutsches En­gage­ment

Die Förderung eines nach­haltigen Zugangs zu bedarfs­gerechten und transparenten Finanz­dienst­leistungen ist in das deutsche Gesamt­konzept für die Finanz­system­förderung eingebunden. Die Bun­des­re­pu­blik gehört zu den führenden Geber­ländern im Be­reich der Mikro­finanzierung. In­ter­na­ti­o­nal engagiert sich Deutsch­land stark in der Global Partnership for Financial Inclusion der G20. Flagg­schiff­projekte der deutschen Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit sind zum Beispiel die Access to Insurance Initiative, eine von Deutsch­land initiierte Multigeber-Plattform zur Ver­bes­se­rung des Zugangs zu Mikro­versicherungen, und der European Fund for South East Europe, einer der größten Finanzierungs­fonds für kleine und mittlere Unternehmen in Süd­ost­europa und den Nachbar­regionen.

Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für wirt­schaft­liche Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (BMZ) unter­stützt die Arbeit von Mikro­finanz­or­ga­ni­sa­tio­nen, Ver­sicherungen, Banken sowie von politischen Akteuren auf viel­fältige Art. Durch­führungs­organisationen des BMZ wie die KfW Entwicklungs­bank oder die Deutsche Investitions- und Entwicklungs­gesellschaft (DEG), die sich auf Finanzielle Zu­sammen­arbeit spezialisiert haben, vergeben zum Beispiel Kre­dite zur Absicherung von Mikro­finanz­organisationen oder übernehmen Beteiligungen.

Im Auftrag des BMZ unterstützt die GIZ den Aufbau inklusiver und stabiler Finanz­systeme. So werden die Regierungen der Ko­ope­ra­tions­länder bei der Ver­bes­se­rung der rechtlichen Rah­men­be­din­gun­gen und der Banken­aufsicht beraten. Um die Finanz­infrastruktur zu stärken, werden mit deutscher Hilfe Kredit­informations­büros und Mikro­finanz­verbände aufgebaut. Diese können die Mikro­finanz­institutionen dabei unter­stützen, ihr Produkt­port­folio zu er­wei­tern und bedarfs­gerechte Finanz­dienst­leistungen zu entwickeln.

Viel Potenzial bietet die Beteiligung privater Investoren an Mikro­finanz- und Mikroversicherungs­fonds. Das BMZ möchte dieses En­gage­ment zukünftig stärker fördern und damit verantwortungs­volle und nach­hal­tige In­ves­ti­tio­nen in den Finanz­sektor in Ent­wick­lungs­ländern ermöglichen. Dadurch entstehen zugleich zahl­reiche Anknüpfungs­punkte für weitere ent­wick­lungs­po­litisch sinnvolle Projekte.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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