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Hintergrund

Chancen für die Entwicklung


GIZ-Mitarbeiter mit einheimischen Kollegen am Computer in Jima, Äthiopien.

Früher wurden in der Ent­wick­lungs­poli­tik vor allem die Prob­leme von Migra­tion dis­ku­tiert. Migra­tion galt als Ein­bahn­straße: Die Menschen ver­lassen ihr Land und neh­men ihr Wis­sen und ihre Arbeits­kraft mit – zum Nach­teil der Ent­wick­lungs­länder. Doch diese Sicht­weise hat sich mittler­weile ge­än­dert. Heute wer­den auch die Chancen be­tont, die die Wan­der­be­we­gungen bieten.

Das Bun­des­minis­terium für wirt­schaft­liche Zu­sam­men­arbeit und Ent­wick­lung (BMZ) will dazu bei­tragen, dass Migra­tion zu einem Ge­winn für alle Be­tei­ligten wird ("Triple Win"): für die Migranten selbst, für ihre Her­kunfts­länder und für die Län­der, die sie aufnehmen.

Der Migrant als Entwicklungshelfer

Menschen, die ihr Glück in einem anderen Land suchen, ver­ges­sen ihre alte Hei­mat nicht. Im Gegen­teil: So­bald sie sich im Ziel­land ein­ge­rich­tet und eine Be­schäf­ti­gung ge­fun­den haben, schicken viele von ihnen regel­mäßig Geld an ihre Fami­lien in den Her­kunfts­ländern. Diese kön­nen dann die Kin­der zur Schule schicken, medi­zi­nische Be­hand­lungen und Medi­ka­mente be­zah­len und viel­leicht sogar ein kleines Geschäft eröffnen.

406 Milliarden US-Dollar wurden nach Schätzungen der Weltbank im Jahr 2012 von Migranten in Entwicklungsländer überwiesen – und hierbei sind nur die offiziell erfassten Transfers berücksichtigt. Das ist weit mehr als dreimal so viel wie die Staatengemeinschaft in die Entwicklungszusammenarbeit investiert hat.

Friseur-Auszubildende im Berufsbildungszentrum in Bahar Dar, Äthiopien. Urheberrecht: Ralf Bäcker/version-foto.deMigration ist zu­dem im­mer sel­tener auf Dauer aus­ge­legt: Stu­die­rende blei­ben häu­fig nur für die Zeit des Stu­diums oder für erste Ar­beits­er­fah­rungen im Aus­land. Viele Berufs­tätige keh­ren zu­rück, wenn sie aus­rei­chend Geld ge­spart und Wis­sen er­wor­ben ha­ben, um sich in der alten Hei­mat eine Exis­tenz auf­zu­bauen. Auch wenn sich die poli­tischen Ver­hält­nisse im Her­kunfts­land ändern und dort wie­der Zukunfts­perspek­tiven ent­stehen, ist das für einige Migranten ein Grund zur Rück­kehr. Die Rück­kehrer brin­gen nicht nur Kapi­tal, son­dern oft auch tech­nisches Know-how, Kon­takte und neue Er­fah­rungen mit.

Migranten, die länger im Aus­land bleiben, gründen häufig mit Lands­leuten Vereine und Netz­werke. Ihre gemein­nüt­zigen und kom­mer­ziellen Initia­tiven kommen ebenso dem Her­kunfts­land zugute.

Chancen für die Aufnahmeländer

In vielen Auf­nahme­ländern haben Migranten einen schlechten Ruf. Teile der ein­hei­mischen Be­völ­ke­rung sehen in ihnen eine Bil­lig­kon­kur­renz auf dem Arbeits­markt und eine Be­las­tung für die Sozial­systeme. Diese Be­fürch­tungen sind in der Regel über­trie­ben, stellt das Ent­wick­lungs­programm der Vereinten Nationen (UNDP) fest. Im UNDP-Bericht zur mensch­lichen Ent­wick­lung von 2009, der sich dem Schwer­punkt­thema Migra­tion widmet, wird betont, dass Gesell­schaften in viel­fältiger Weise von den Zu­wan­derern pro­fi­tieren können.

Inzwischen setzt sich ver­mehrt die Er­kennt­nis durch, dass ge­regelte Migra­tion keine Be­drohung dar­stellt, son­dern posi­tive Effekte mit sich bringt. Gerade die über­alternden und zum Teil bereits schrump­fenden Ge­sell­schaften der Industrie­nationen sind darauf an­ge­wie­sen, Arbeits­kräfte aus dem Aus­land auf­zu­neh­men, um ihre Pro­duk­ti­vi­tät zu erhalten.

Vor allem gut aus­ge­bildete Männer und Frauen sind ge­fragt, denn viele euro­päische Unter­nehmen haben Probleme, Fach­kräfte zu fin­den. Ge­braucht werden aber auch Arbeits­kräfte für Stel­len, die nur schwie­rig mit Ein­hei­mischem besetzt wer­den kön­nen, zum Bei­spiel Pflege­kräfte, Haus­halts­hilfen, An­ge­stellte der Gastro­nomie oder Saisonarbeiter.

Die Schattenseiten

Arzt bei einer Untersuchung im "Therapeutic Feeding Center" in Herat, Afghanistan. Urheberrecht: Sebastian Bolesch/version-foto.deDie Mi­gra­tion hat auch ihre ne­ga­tiven Sei­ten: Die Mehr­zahl der Mi­gran­ten sind über­durch­schnitt­lich aus­ge­bildete junge Menschen. Ihr Wis­sen wird in den Her­kunfts­ländern drin­gend be­nötigt. Wan­dern sie aus, ist das ein großer Ver­lust für die Ent­wick­lung des Landes ("brain drain"). Das gilt vor allem für den Ge­sund­heits- und Bil­dungs­be­reich: Viele Ent­wick­lungs­länder lei­den unter einem ex­tremen Man­gel an Ärzten, Pflege­per­sonal und Lehr­kräf­ten. Häu­fig können diese Länder Rück­kehrern keine an­ge­messen be­zahlten Stellen bieten.

Für die Familien der Migranten ent­steht eine große Be­lastung. Die Kin­der müs­sen ohne Vater oder Mut­ter, in vielen Fällen ganz ohne Eltern auf­wachsen. In einigen Regionen haben Dorf­gemein­schaften durch Migra­tion ihre gesamte aktive Be­völ­ke­rung verloren.

Und auch die Migranten selbst gehen ein hohes Risiko ein. Viele las­sen sich von Schleusern auf il­le­galen Wegen ins Ziel­land bringen. Nie­mand garan­tiert ihnen, dass sie dort wirk­lich Arbeit fin­den. Oft sind sie weitest­gehend recht­los und ihre Bildungs- und Berufs­ab­schlüsse werden nicht an­er­kannt, so dass sie, an­statt ihre Kennt­nisse aus­zu­weiten, schlecht be­zahlte Aus­hilfs­jobs an­neh­men müs­sen. Viele Migranten sind auch in ihrem neuen Leben mit Armut, Aus­beu­tung und Diskri­mi­nierung konfrontiert.

Durch professionelles Migrations-Management kann die Ent­wick­lungs­politik dazu bei­tragen, dass die Chancen von Migra­tion die Risiken über­steigen. Das BMZ unter­stützt seine Partner­länder dabei, die posi­tiven Effekte von Migra­tion zu nutzen und mit Hilfe von Migranten und Rück­kehrern die Millenniumsziele zu erreichen.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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