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Gewalt

Überwindung der weiblichen Genitalverstümmelung

Mädchen in einer Schule in Bangui, Zentralafrikanische Republik

Weibliche Genitalverstümmelung, international meist mit dem Begriff "Female Genital Mutilation" (FGM) bezeichnet, ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche Praktiken, bei denen die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane ohne medizinische Notwendigkeit teilweise oder vollständig entfernt werden. Der Eingriff wird meist bei Mädchen im Alter zwischen vier und 14 Jahren vorgenommen, manchmal aber auch schon im Alter von wenigen Tagen, kurz vor der Eheschließung oder vor der Geburt des ersten Kindes. Meist wird die Verstümmelung von traditionellen Beschneiderinnen durchgeführt, häufig ohne Narkose und mit unsauberen, stumpfen Instrumenten.

Bei dieser schädlichen traditionellen Praktik handelt es sich um eine schwere Verletzung der Menschenrechte, etwa des Rechts auf Gesundheit und des Rechts auf körperliche Unversehrtheit. Sie verletzt die Würde der Betroffenen und stellt ein Entwicklungshemmnis sowohl für Mädchen und Frauen als auch die gesamten Gesellschaften darf.

Schwerwiegende Folgen

Nach Schätzungen des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) sind weltweit etwa 200 Millionen Frauen und Mädchen von Genitalverstümmelung betroffen. Jedes Jahr werden drei Millionen weitere Mädchen Opfer der Verstümmelung. FGM wird in 30 Ländern praktiziert, zumeist in Afrika, aber auch in einigen arabischen und asiatischen Ländern, außerdem innerhalb von Migrantengemeinden auf der ganzen Welt – auch in Deutschland. Insgesamt nimmt der Anteil der von FGM betroffenen Frauen und Mädchen seit einiger Zeit ab, je nach Land liegt dieser aber noch immer bei bis zu 98 Prozent. Die weibliche Genitalverstümmelung ist eine gesellschaftlich tief verankerte schädliche Praktik, die vielfach als soziale Norm oder gar fälschlicherweise als religiöses Gebot angesehen wird.

Eine Genitalverstümmelung kann nicht rückgängig gemacht werden. Alle Formen dieser Praktik können schwere psychische, physische und soziale Folgen haben und sogar zum Tod führen. Zu den akuten, teilweise lebensbedrohenden Risiken gehören starke Schmerzen, Blutungen, Urinstau und Entzündungen. Langfristig können Frauen unter Problemen bei der Sexualität und dem Austragen von Kindern, erhöhter HIV-Ansteckungsgefahr sowie psychischen Traumata leiden.

Bei besonders weitgehenden Formen der Verstümmelung kann die Geburt eines Kindes aufgrund von verhinderten Wehen oder auftretenden Geweberissen für Mutter und Kind lebensgefährlich werden. Seit einigen Jahren gibt es einen Trend, den Eingriff durch medizinisches Personal vornehmen zu lassen. Dies ändert allerdings nichts daran, dass FGM eine gesundheitliche Schädigung und schwere Menschenrechtsverletzung darstellt. Afrikanische Aktivistinnen und Aktivisten, Nichtregierungsorganisationen sowie internationale Organisationen kämpfen seit Jahren für die weltweite Überwindung der Praktik.


Deutsches Engagement

Auch die deutsche Entwicklungspolitik setzt sich entschieden gegen Genitalverstümmelung ein. Aufklärung, Sensibilisierung und Dialog auf lokaler Ebene werden mit der Kompetenzstärkung von Institutionen und Organisationen sowie der Politikberatung auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene kombiniert. Mit diesem Mehrebenenansatz sollen die Rahmenbedingungen geschaffen werden, die schädliche traditionelle Praktik zu überwinden.

Im Februar 2015 verabschiedete das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) das Positionspapier "Weibliche Genitalverstümmelung – der Beitrag der deutschen Entwicklungspolitik zur Überwindung dieser Menschenrechtsverletzung an Mädchen und Frauen". Auch in den zweiten Entwicklungspolitischen Aktionsplan zur Gleichberechtigung der Geschlechter 2016-2020 (GAP II) wurde die Überwindung der weiblichen Genitalverstümmelung (FGM) als strategisches Ziel aufgenommen, ebenso die Beseitigung anderer schädlicher traditioneller Praktiken wie zum Beispiel die Kinder-, Früh- und Zwangsverheiratung. Im Fünf-Punkte-Plan "Keine Gewalt gegen Frauen" von Bundesminister Gerd Müller (November 2017) ist die Prävention von FGM als ein Ziel benannt.

Ferner fordert der Marshallplan mit Afrika (Januar 2017) dazu auf, in allen Bereichen auf eine deutlich stärkere Unterstützung von Frauen und Mädchen zu setzen – sowohl als übergreifendes Schwerpunktthema als auch in Form eigener, separater Förderschwerpunkte.


Beispiele für die erfolgreiche Arbeit

  • Dialogräume bieten den Mitgliedern einer Gemeinschaft einen geschützten Rahmen, um sich über bislang tabuisierte Themen wie die weibliche Genitalverstümmelung auszutauschen und sich an der Entscheidungsfindung gegen die Fortführung der Praktik zu beteiligen. So wurde 2001 in Guinea gemeinsam mit Partnerorganisationen die Methode des Generationendialogs entwickelt, bei dem Frauen und Männer unterschiedlichen Alters miteinander diskutieren. Die Dialogforen werden von einer breiten Medienberichterstattung begleitet und führen zu politischen Debatten über das Thema. Unter anderem hat sich der Hauptimam von Labé öffentlich gegen FGM positioniert. Die Methode des Generationendialogs wird seither erfolgreich in mehreren Kooperationsländern umgesetzt.
  • Religiöse und traditionelle Autoritäten, Lehrkräfte und medizinisches Personal können durch ihre besondere Stellung in der Gesellschaft einen positiven Wandel begünstigen. In Mauretanien wurde der Dialog mit religiösen Führern gefördert, die daraufhin 2010 eine erste nationale Fatwa (religiöses Rechtsgutachten) erlassen haben, die Genitalverstümmelung eindeutig als schädliche Praktik definiert und sie nach islamischer Rechtsauffassung verbietet. Diese Fatwa wurde 2011 auf einer Konferenz mit 18 islamischen Rechtsgelehrten aus Westafrika, dem Sudan und Ägypten bestätigt und so über die Grenzen Mauretaniens hinausgetragen.
  • Das deutsche Engagement unterstützt auch einen Bildungsansatz, der die Aufklärung und den Dialog über FGM im Schulunterricht vorsieht. In Burkina Faso beispielsweise werden seit 2000 FGM-Module in Schullehrpläne aufgenommen. Eine landesweit verbindliche Verankerung wird angestrebt.
  • Ebenfalls in Burkina Faso werden seit 2016 sogenannte Familiendialoge angeboten. Mehr als 200 Familien werden in diesen moderierten Gesprächen für Themen wie geschlechtsspezifische Gewalt an Mädchen, darunter FGM, sensibilisiert. In den Dialogansatz werden auch traditionelle Autoritäten und Hebammen sowie kommunale Würdenträger und Würdenträgerinnen eingebunden.

Weitere Informationen

Lexikon der Entwicklungspolitik

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