Im Blickpunkt: Nahrungsmittelkrise 2008
"Das Recht auf angemessene Nahrung ist dann verwirklicht, wenn jeder ... Zugang zu angemessener Nahrung oder Mitteln zu ihrer Beschaffung hat."(Kommentar Nr. 12 des UN-Sozialausschusses)
Laut Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) stieg der Preisindex für Nahrungsmittel zwischen Mai 2007 und Mai 2008 um mehr als 50 Prozent. Die Folgen: wachsender Hunger, Unruhen und Proteste.
Länder, die auf Nahrungsmittelimporte angewiesen sind, gerieten zunehmend in Schwierigkeiten, die Versorgung ihrer Bürger zu sichern.
Es gibt verschiedene Ursachen für den Anstieg der Nahrungsmittelpreise: Durch steigende Rohölpreise haben sich die Kosten für Anbau, Dünger und Transport von Getreide erhöht. Hinzu kommen abnehmende Lagerbestände und wetterbedingte Produktionsausfälle in den für den Getreideanbau bedeutenden Ländern. Langfristig sind aber vor allem strukturelle Gründe für den Preisanstieg der Nahrungsmittel verantwortlich:
Größere Nachfrage nach Lebensmitteln
Wirtschaftswachstum und steigende Einkommen haben in einigen Entwicklungsländern und insbesondere in den Schwellenländern China und Indien die Ernährungsgewohnheiten verändert. In China ist der Konsum von Fleisch pro Kopf zwischen 1990 und 2005 um das Zweieinhalbfache gestiegen. Das führt zu einer erhöhten Nachfrage nach Futter für die Viehwirtschaft: Für die Produktion eines Kilos Rindfleisch benötigt man bis zu 16 Kilo Getreide. Zusätzlich führt das nach wie vor anhaltende globale Bevölkerungswachstum zu einer Steigerung der Lebensmittelnachfrage um zwei Prozent jährlich.
Klimawandel
Viele Landwirte in Entwicklungsländern produzieren nicht mehr so viel wie früher, weil sich durch den Klimawandel die Regenzeiten verschieben und die Niederschlagsmenge verringert. Der Weltklimarat (IPCC) befürchtet, dass bei einem weiteren Anstieg der Durchschnittstemperaturen immer weniger produziert werden kann und die Nahrungsmittel sich weiter verteuern.
Agrartreibstoffe
Die Preise von Pflanzen, aus denen Agrartreibstoffe gewonnen werden können, steigen seit einiger Zeit kontinuierlich. Untersuchungen des Internationalen Forschungsinstituts für Ernährungspolitik (IFPRI) haben gezeigt, dass die erhöhte Nachfrage nach Biokraftstoffen zwischen 2000 und 2007 für 39 Prozent der Preissteigerung bei Mais und für 30 Prozent bei Getreide verantwortlich war.
Rückgang der landwirtschaftlichen Produktivität
Jahrelang haben die Industrieländer ihre landwirtschaftlichen Überschüsse – durch Subventionen verbilligt – in Entwicklungsländer exportiert. Mit diesen Preisen konnten die einheimischen Landwirte nicht konkurrieren. Die Folge: Viele Länder, die vor 20 Jahren noch Agrarprodukte exportiert haben, sind nun Nahrungsmittelimporteure. Sie werden von den Preiserhöhungen besonders hart getroffen.
Spekulationen
Die internationalen Kapitalmärkte sind auf der Suche nach lukrativen und relativ zukunftssicheren Anlagemöglichkeiten wieder auf die Agrarmärkte aufmerksam geworden. Das führt zu großen Preisschwankungen – so stieg der Weizenpreis bis April 2008 stetig an und sackte im Mai in kurzer Zeit wieder auf das Niveau ab, welches er ein halbes Jahr zuvor hatte.
Wege aus der Krise
Zahlreiche Länder haben versucht, die Preissteigerungen abzufedern. Einige haben Höchstgrenzen für Lebensmittelpreise festgesetzt. Andere wie Argentinien, Bolivien, China, Ägypten, Äthiopien, Indien und Pakistan haben Ausfuhrbeschränkungen erlassen. Doch diese Maßnahmen hatten nur wenig Erfolg und haben den Preisdruck sogar teilweise verschärft.
Viele internationale Organisationen und Geberländer haben auf die Krise reagiert. So veröffentlichte die Weltbank einen Zehn-Punkte-Plan zur Lebensmittelkrise, die FAO lud im Juni zu einem Welternährungsgipfel, die G8-Staatschefs verfassten auf ihrem Gipfel eine gesonderte Erklärung zu diesem Thema und die Vereinten Nationen stellten einen umfassenden Maßnahmenkatalog zusammen.
Deutschland unterstützt die internationalen Organisationen bei den Hilfsmaßnahmen für die Betroffenen der Hungerkrise. Die Bundesrepublik hat ihre Unterstützung für die internationale Nahrungsmittelhilfe um 23 Millionen Euro erhöht. Nothilfemaßnahmen, insbesondere zur Stützung bestehender sozialer Sicherungssysteme, stehen an erster Stelle, damit sich arme Bevölkerungsgruppen versorgen können. Ebenso muss der schnelle Zugang von Kleinbauern zu Dünger und Saatgut über die lokalen Märkte verbessert werden. Um die Ursachen der aktuellen Krise zu bekämpfen, steht die Förderung der nachhaltigen landwirtschaftlichen Produktivität von Kleinbauern, die Verbesserung der ländlichen Infrastruktur sowie die Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel im Vordergrund. Auch die Förderung agrarpolitischer Reformen mit dem Ziel, Kleinbauern einen verbesserten Zugang zu Land, Wasser, Krediten, Märkten und Beratung zu verschaffen, ist von zentraler Bedeutung für die Ernährungssicherheit.
Auf internationaler Ebene strebt Deutschland Verbesserungen der Rahmenbedingungen für Ernährungssicherheit an. Um zu verhindern, dass die verstärkte Nachfrage nach Agrartreibstoffen zu einer Verschärfung der Nahrungskrise führt, setzt sich die Bundesrepublik für die Festlegung sozialer und ökologischer Nachhaltigkeitskriterien ein. Zudem soll nach Auffassung der Bundesregierung die europäische Agrar- und internationale Handelspolitik weiterentwickelt werden, um Entwicklungsländern bessere Chancen für den Ausbau der landwirtschaftlichen Produktion und des Agrarhandels zu bieten.


