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Agrarpolitik, Handel und Agrarwirtschaftsförderung

Agrarfinanzierung: Bedarfsgerechte Finanzdienstleitungen für die ländliche Bevölkerung

 Am monatlichen Banktag zahlen Mikrofinanzkunden Geld beim Dorfbankenkomitee der Dorfbank in Pung, Laos, ein.

Die Landwirtschaft sowie die ihr vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereiche (Bereitstellung von Betriebsmitteln, Verarbeitung und Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte, Transport und Logistik) bilden das wirtschaftliche Rückgrat der meisten Entwicklungsländer. Die Mehrzahl der ländlichen Betriebe sind jedoch kleine Familienunternehmen, die lediglich zur Eigenversorgung produzieren (Subsistenzwirtschaft) und daher kaum zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des Landes beitragen. Ein Großteil des ökonomischen Potenzials im Agrar- und Ernährungssektor bleibt dabei ungenutzt.

Die meisten kleinbäuerlichen Haushalte verfügen weder über das notwendige Wissen noch über die finanziellen Mittel, um in eine Ausweitung ihrer Produktion und die Modernisierung ihrer Betriebe zu investieren. Sie haben keine Möglichkeit, einen Kredit aufzunehmen, ein Sparkonto zu eröffnen oder eine Versicherung gegen Risiken wie Ernteausfälle oder Preisschwankungen abzuschließen. Die Teilnahme an den dynamisch wachsenden Agrar- und Lebensmittelmärkten bleibt ihnen daher verschlossen.

Trotz erkennbarer Fortschritte in den vergangenen 20 Jahren ist das Finanzsystem noch nicht ausreichend auf die Besonderheiten des Agrarsektors eingestellt. Banken und (Mikro-)Finanzinstitutionen konzentrieren sich in erster Linie auf städtische Räume und große Unternehmen. Sie bieten kaum Finanzdienstleistungen an, die an die Bedürfnisse ländlicher Betriebe angepasst sind, und investieren kaum in ländliche Filialnetze.

In der Folge sind kleinbäuerliche Haushalte auf informelle Finanzierungswege angewiesen, etwa auf Privatkredite oder Geldsendungen von Familienmitgliedern, die beispielsweise im Ausland arbeiten.

Das BMZ unterstützt Strategien für die Entwicklung des ländlichen Finanzsystems als Teil der landwirtschaftlichen Sektorstrategie. Ein leistungsfähiger Agrarsektor mit förderlichen Rahmenbedingungen für die Agrarwirtschaft und im Handel, öffentliche Investitionen in Infrastruktur sowie starke bäuerliche Organisationen sind wichtige Voraussetzungen für die Entwicklung eines formellen Finanzsektors.

Landstraße in Kakamega County, Kenia

Gründe für unzureichende Agrarfinanzierung

Die Gründe für den Mangel an Agrarfinanzierungsangeboten sind vielfältig. Ein wichtiger Faktor sind die schwierigen Rahmenbedingungen im ländlichen Raum: Oftmals sind große räumliche Entfernungen zu überwinden und die Infrastruktur (Verkehrswege, Märkte, Stromversorgung, Internet) ist häufig unzureichend ausgebaut. Dies macht es unter anderem schwierig für Kreditinstitute, verlässliche Informationen über ihre potenziellen Klienten einzuholen, was Zinssätze enorm verteuert und den formalen Bankkredit nicht mehr wirtschaftlich rentabel macht.

Zudem erfordert die oftmals prekäre oder vulnerable Lebensrealität vieler kleinbäuerlicher Haushalte eine große Flexibilität zur Sicherung ihrer Existenz, die über Kreditinstitute nur schlecht bedient werden kann. Außerdem mangelt es in vielen Ländern an politischen Strategien zur Agrarwirtschaftsförderung. Auch die fehlende Rechtssicherheit wirkt sich negativ aus: Viele Kleinbäuerinnen und Kleinbauern können keine gesicherten Besitz- oder Nutzungsrechte an ihren Ackerflächen nachweisen. Darüber hinaus werden die vorhandenen Landtitel von Banken häufig nicht als Sicherheit anerkannt.

Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sowie andere ländliche Kleinunternehmerinnen und -unternehmer werden zudem von der Finanzwirtschaft als eher problematische Kundschaft angesehen: Ihr Einkommen schwankt saisonbedingt stark, vielen fehlen sowohl Kreditsicherheiten als auch unternehmerisches Know-how. Investitionen in landwirtschaftliche Betriebe gehen mit hohen systemischen Risiken einher (Dürren, Überflutungen, Klimawandel, Schädlingsbefall) und machen sich oft erst nach mehreren Jahren bezahlt.

Die Vorbehalte auf Seiten der Banken und Finanzinstitutionen sind daher groß. Sie scheuen die Risiken und die Kosten, die durch die geringe Besiedlungsdichte, die schlechte Infrastruktur und die erforderliche Ausbildung von Agrarberatungsdienstleisterinnen und -dienstleistern entstehen können. Insbesondere bei der Produktion von Grundnahrungsmitteln sind die Renditeerwartungen der Finanzunternehmen geringer als bei Investitionen in städtische Betriebe. Außerdem mangelt es häufig an verlässlichen Daten aus dem ländlichen Raum, um angepasste Finanz- und Versicherungsprodukte entwickeln zu können. Und schließlich fehlen den Banken oft selbst die Refinanzierungsmittel, um die in der Landwirtschaft notwendigen langfristigen Kredite vergeben zu können.

Bauern zeigen die Stelle am Flussufer, an der Wasser aus einem Fluss auf die Felder der Bauernkooperative Mitooini in Kenia abgeleitet wird.

Handlungsansätze: Zehn-Punkte-Programm

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat die besondere Problematik der Agrarfinanzierung erkannt und sein Engagement in diesem Bereich ausgebaut. Ziel ist es, sowohl die Rahmenbedingungen zu verbessern als auch die Angebots- und die Nachfrageseite zu stärken. Dafür hat das BMZ ein Zehn-Punkte-Programm für die finanzielle und technische Zusammenarbeit entwickelt:

1. Bessere Koordination zwischen Agrar- und Finanzpolitik:
Erarbeitung einer transparenten gemeinsamen Förderpolitik im Bereich Agrarfinanzierung

2. Verbesserung der Sicherheit von Landrechten:
Fairen und sicheren Zugang zu Land und Wasser schaffen (mehr dazu lesen Sie hier)

3. Stärkung ländlicher Finanzinstitutionen:
Beratung beim organisatorischen und personellen Aufbau von Banken, Spar- und Kreditgenossenschaften sowie Mikrofinanzinstitutionen, langfristige Finanzierung dieser Unternehmen durch Bereitstellung von Krediten und Eigenkapital, Förderung digitaler Technologien, etwa zur Entwicklung mobiler Finanzdienstleistungen

4. Erschließung lokaler Ressourcen:
Entwicklung und Bereitstellung bedarfsgerechter Sparprodukte für Kleinst- und Kleinunternehmen in der Land- und Ernährungswirtschaft

5. Entwicklung und Bereitstellung innovativer Finanzierungsmodelle:
Ein Beispiel dafür sind Lagerhausbescheinigungen, die kleinbäuerliche Betriebe für eingelagerte Erntebestände erhalten. Sie können diese Bescheinigungen als Kreditsicherheit einsetzen. Zugleich bewahrt die Lagerung davor, die Produkte direkt nach der Ernte zu niedrigen Preisen verkaufen zu müssen.

6. Stärkung der Agrarinformationsbasis:
Aufbau von Kreditauskunfteien, regionalen landwirtschaftlichen Datenbanken und flächendeckenden Wetterstationen, um angepasste und zielgruppengerechte Finanzdienstleistungen und Agrarversicherungen anbieten zu können.

7. Smarte Subventionen im ländlichen Finanzwesen:
Entwicklung zielgenauer, zeitlich begrenzter und wettbewerbsneutraler Förderprogramme und Investitionsbeihilfen, Aufbau leistungsfähiger Finanzinstitutionen

8. Förderung von bäuerlichen Organisationen:
Unterstützung bäuerlicher Organisationsformen wie zum Beispiel Erzeugergemeinschaften, Genossenschaften und Berufsverbänden, die den Zugang zu Märkten, Technologien und Finanzdienstleistungen erleichtern (mehr dazu hier)

9. Förderung und Finanzierung von landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten (WSK):
WSK-Finanzierung durch Banken und Mikrofinanzinstitutionen, informelle Lösungen durch WSK-interne Finanzierungsmodelle (mehr zum Thema Wertschöpfungsketten finden Sie hier)

10. Förderung eines integrierten Risikomanagements:
Verringerung des Risikos von Ernteausfällen durch Naturgefahren durch Präventions- und Anpassungsmaßnahmen (etwa Anbau robusterer Pflanzensorten), Aufbau maßgeschneiderter Agrarversicherungen, etwa im Rahmen der  G7-Initiative zu Klimarisikoversicherungen (InsuResilience)

Sonderinitiative "EINEWELT ohne Hunger"

Agrarfinanzierung ist auch ein wichtiger Aspekt der BMZ-Sonderinitiative "EINEWELT ohne Hunger". Im Rahmen dieser Initiative wurden in 15 Partnerländern der deutschen Entwicklungszusammenarbeit ​Grüne Innovationszentren ins Leben gerufen. Sie vermitteln Kleinbäuerinnen und Kleinbauern innovative Methoden und Techniken in den Bereichen Produktion, Weiterverarbeitung und Vermarktung. Damit das neu erworbene Wissen im Alltag erfolgreich genutzt werden kann, werden Kleinbäuerinnen und Kleinbauern gezielt durch Maßnahmen der Agrarfinanzierung unterstützt.

Mehr zur Sonderinitiative EINEWELT ohne Hunger lesen Sie hier.

Ausführliche Informationen zu den Grünen Innovationszentren finden Sie hier.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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