Hauptinhalt

Hintergrund

Wir verlieren an Boden

Bodenerosion durch Wind in einer Agrarlandschaft bei Depoplistskrao, Georgien

Dem Schutz der Böden wird in der breiten Öffentlichkeit deutlich weniger Bedeutung beigemessen als zum Beispiel dem Klimaschutz. Die Folgen des Klimawandels treten durch wiederkehrende Katastrophen – Überschwemmungen, Dürren, tropische Stürme – deutlich in Erscheinung. Boden scheint dagegen unbegrenzt verfügbar zu sein – er ist immer unter unseren Füßen, sei es als Straße, Fußballfeld oder blühende Wiese.

Tatsächlich verlieren wir jedoch weltweit dramatisch an Boden – und damit die Lebensgrundlage für die Menschen und für alle anderen Lebewesen der Erde. Dieser Verlust hat enorme Auswirkungen auf das Klima, die Artenvielfalt und die weltweite Ernährungslage. Die Vereinten Nationen riefen daher das Jahr 2015 zum "Internationalen Jahr des Bodens" aus. Es sollte den Menschen die Bedeutung des Bodenschutzes stärker bewusst machen.

Im September 2015 wurde auf einem UN-Gipfel in New York die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung verabschiedet. Sie hat die Form eines Weltzukunftsvertrags und soll helfen, allen Menschen weltweit ein Leben in Würde zu ermöglichen. Der Schutz der Böden wird eine wichtige Bedingung für die Umsetzung dieser Agenda sein, besonders für die Erreichung der folgenden Ziele:

  • Ziel 1: Armut in jeder Form und überall beenden.
  • Ziel 2: Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern
  • Ziel 13: Umgehend Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen ergreifen
  • Ziel 15: Landökosysteme schützen, wiederherstellen und ihre nachhaltige Nutzung fördern, Wälder nachhaltig bewirtschaften, Wüstenbildung bekämpfen, Bodenverschlechterung stoppen und umkehren und den Biodiversitätsverlust stoppen

Die Ressource Boden geht verloren

Ein Bauer blickt auf ein ausgetrocknetes Flussbett (Region Mekele in Nordäthiopien).

Boden ist eine der wichtigsten natürlichen Ressourcen des Menschen. Ohne guten Boden können keine Nahrungsmittel produziert werden. Die Böden filtern Regenwasser so, dass es als Trinkwasser dienen kann. Und sie sind nach den Ozeanen die größten Kohlenstoffspeicher der Welt. Außerdem beherbergen sie etwa zwei Drittel der weltweiten Artenvielfalt. Ohne intakten Boden wird also nicht nur die Produktion von Nahrung für die wachsende Zahl von Menschen immer schwieriger, auch der Klimawandel und der Verlust der biologischen Vielfalt sind unmittelbar mit der Ressource Boden verbunden.

Doch intakter Boden, der als Acker- und Weideland nutzbar ist, wird immer knapper – besonders in Gebieten mit relativ trockenem Klima. Vor allem durch unangepasste und zu intensive landwirtschaftliche Nutzung werden dort große Flächen "degradiert", also so geschädigt, dass sie ihre ökologischen und ökonomischen Funktionen nur noch vermindert oder gar nicht mehr erfüllen können.

In den vergangenen 25 Jahren wurden so bereits auf rund einem Viertel der weltweiten Landoberfläche Böden geschädigt. Jedes Jahr gehen nach Schätzungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) weitere sechs Millionen Hektar Boden verloren, das entspricht ungefähr zweimal der Fläche von Belgien. Diese Verluste sind – zumindest in menschlichen Zeiträumen – nicht ersetzbar: Es dauert häufig Hunderte oder gar Tausende Jahre, bis sich eine dünne Schicht fruchtbaren Bodens gebildet hat.


Bodendegradierung und Desertifikation

Ausgetrockneter Boden in Beira (Mosambik)

Wenn sich die Leistungsfähigkeit von Böden in relativ trockenen Gebieten verschlechtert (Bodendegradierung), nennt man das auch Desertifikation: Ursache dafür ist oft, dass fruchtbare Böden falsch bewässert oder zu intensiv genutzt werden ("Übernutzung"). Als Folge geht die Vegetation zurück, der Boden kann nicht mehr genügend Wasser aufnehmen und speichern, wird vom Wind abgetragen, versalzt oder versandet. Nach und nach wird durch solche Desertifikationsprozesse aus ehemaligen Acker- und Weideflächen unfruchtbares Land – der Klimawandel beschleunigt diese Vorgänge. Anders als der Name vermuten lässt, hat Desertifikation nur wenig mit natürlich vorkommenden Wüsten in extrem trockenen Erdteilen zu tun – denn diese wurden noch nie oder nur vor sehr langer Zeit landwirtschaftlich genutzt.


Flächenversiegelung

Landdegradierung ist nicht nur ein Problem in Trockengebieten: Auch in anderen Regionen der Erde nimmt die Verfügbarkeit fruchtbarer Böden ab – zum Beispiel durch zunehmende Versiegelung und Erosion. Allein in Deutschland wird alle 20 Minuten ein Hektar Boden in Siedlungs- und Verkehrsfläche umgewandelt. Solche Flächen verlieren ihre Potenziale für den Nahrungsmittelanbau. Außerdem steigt das Risiko für Überschwemmungen, weil der Boden kein Wasser mehr aufnehmen kann, und für eine übermäßige Aufheizung im Sommer. Zudem importiert Deutschland große Mengen an landwirtschaftlichen Erzeugnissen aus anderen Ländern – darunter viele Länder in Trockenzonen – und ist dadurch auch für die Nutzungsart der dortigen Böden mitverantwortlich.


Bodenerosion in einer Teeplantage in Sri Lanka

Unangepasste Landnutzung

Inzwischen wird immer deutlicher, wie begrenzt die Ressource Boden ist. Die Konkurrenz um die weltweit noch vorhandenen Flächen wächst in dem Maß, wie die globale Nachfrage nach Nahrung, Futtermitteln und Agrartreibstoffen steigt. Gleichzeitig schrumpfen die verfügbaren Flächen – Wiesen und Felder müssen zum Beispiel wachsenden Städten weichen. Während diese heute "nur" ein bis zwei Prozent der Erdoberfläche in Anspruch nehmen, werden sie 2050 etwa vier bis fünf Prozent ausmachen. Häufig wird dem Mangel an Agrarfläche dadurch begegnet, dass Wälder gerodet und Böden bewirtschaftet werden, die sich für eine intensive landwirtschaftliche Nutzung nicht eignen und schnell ausgelaugt sind.


Getreideernte mit Mähdreschern

Hinzu kommt, dass in vielen Regionen der Erde riesige Monokulturen angelegt werden, um die Bedürfnisse des Weltmarkts, etwa nach Soja und Mais, zu befriedigen. Der einseitige Anbau und der nicht angepasste Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden stören das ökologische Gleichgewicht erheblich.

Als Folge der Übernutzung und der Erosion der fruchtbaren Humusschicht geht die Vegetation zurück oder verschwindet sogar ganz. Der Boden trocknet aus und verkrustet, Wasser kann nicht mehr eindringen. Der Grundwasserspiegel sinkt, Brunnen versiegen und die Saat der Bauern geht nicht mehr auf.

Die Menschen in den ärmsten Ländern haben meistens keine Einkommensalternativen und versuchen daher weiter, dem Boden Nahrung abzuringen. Es entsteht ein Kreislauf ohne Ausweg, in dem immer mehr Boden als Lebensgrundlage für die Menschen verloren geht und gleichzeitig immer neue Flächen erschlossen werden, die dann nicht mehr als Kohlenstoffspeicher oder Lebensraum für Menschen, Tiere und Pflanzen dienen können. Nach einem Bericht der UN-Entwicklungsorganisation UNDP wird bei unverändert zunehmender Landnutzung schon 2020 die Grenze einer ökologisch tragfähigen Beanspruchung der Erde erreicht sein.

In vielen Ländern wird die ländliche Entwicklung zudem vom Staat vernachlässigt. Es gibt keine Planung für eine nachhaltige Landnutzung, und das Management der Wasserressourcen ist mangelhaft. Den Kleinbauern fehlt Geld und Know-how, um ihre Flächen nachhaltig zu bewirtschaften. Häufig gibt ihnen das Bodenrecht auch nicht die nötige Sicherheit, die sie für mittel- und langfristige Investitionen brauchen.


Trockengebiete besonders bedroht

Feldarbeit in Nordkenia

Trockengebiete bedecken rund 40 Prozent der Landfläche der Erde. Zu ihnen gehören Savannenwälder, Steppen, Wüsten und Hochgebirge, in denen heißes, trockenes Klima herrscht und nur selten Regen fällt. Die meisten Trockengebiete sind Weideland, auf dem hauptsächlich Gras und Gestrüpp wächst. Trotzdem zeichnen sie sich durch eine enorme biologische Vielfalt aus. Ein Viertel aller Wirbeltierarten der Erde lebt in Trockengebieten. Sie sind außerdem Lebensraum und Existenzgrundlage für rund ein Drittel der Weltbevölkerung: Mehr als zwei Milliarden Menschen leben hier, 90 Prozent von ihnen in Entwicklungsländern. Die meisten sind direkt oder indirekt von der Landwirtschaft abhängig. Inzwischen sind jedoch rund 70 Prozent der Flächen, die diese Menschen für ihr Überleben benötigen, durch Desertifikation gefährdet.

Besonders von diesen Problemen betroffen sind die 50 am wenigsten entwickelten Länder der Welt, denn rund zwei Drittel ihrer Landesfläche bestehen aus Trockengebieten. In Afrika und Asien leben etwa 40 Prozent, in Südamerika etwa 30 Prozent der Bevölkerung in Gegenden, die von Desertifikation bedroht sind.

Der Klimawandel verschärft das Problem: Trockenzonen gehören zu den verwundbarsten Lebensräumen und die Klimaveränderungen wirken sich besonders drastisch auf sie aus. Klimaexperten sagen voraus, dass Häufigkeit und Ausmaß von Extremwetterereignissen wie Dürren, Sandstürmen und Starkniederschlägen zunehmen werden.


Folgen: Ernährungsunsicherheit, Armut und Konflikte

Der Verlust des Bodens ist nicht nur ein ökologisches Problem, er verschärft auch die sozialen Probleme weltweit und verhindert eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung. Die ökonomischen Verluste sind enorm; die indirekten Kosten, zum Beispiel durch Abwanderung, Krankheiten und Flüchtlingselend, sind sogar noch größer.

Hinzu kommt, dass kaum eine Ressource weltweit so ungleich verteilt ist wie Land: Fast überall sind die Unterschiede beim Landbesitz noch größer als beim Einkommen. Dabei ist die Verfügbarkeit von Land ein entscheidender Faktor, der helfen kann, Hunger und Armut zu überwinden. Studien zeigen, dass Staaten, die ihr Land gerechter verteilt haben, ein deutlich höheres Wirtschaftswachstum erreichen.

Die Konkurrenz um produktive Land- und Wasserressourcen und daraus entstehende Migrationsbewegungen sind auch immer wieder Ursache für politische Krisen und Konflikte. Der Schutz des Bodens ist daher nicht nur ein Beitrag zum Klimaschutz und zur Armutsbekämpfung, sondern auch zur Konfliktprävention.


Lexikon der Entwicklungspolitik

Fenster schließen

 

Seite teilen