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Hintergrund

Die Bildungssituation in Entwicklungsländern

Klassenraum in einem neuen Schulgebäude in Faisabad in Afghanistan, das mit Mitteln der deutschen Entwicklungszusammenarbeit finanziert wurde

'Ich bin Analphabetin, ich bin wie eine blinde Person', sagt eine arme Frau aus Pakistan.
aus der Weltbank-Studie "Voices of the Poor" (Stimmen der Armen)

In der frühen Kindheit wird der Grundstein für spätere Lernerfolge gelegt. Doch weltweit leidet jedes vierte Kind unter fünf Jahren unter Mangelernährung. Bei diesen Kindern kommt es häufig zu Entwicklungsstörungen und damit zu verminderten Chancen auf eine gute Bildung. Zudem besucht die Hälfte der Kinder im Vorschulalter keinen Kindergarten oder eine ähnliche Einrichtung; in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara profitiert nicht mal jedes fünfte Kind von frühkindlicher Förderung.

Weltweit besuchen rund 57 Millionen Kinder im Grundschulalter keine Schule. Mehr als die Hälfte dieser Kinder lebt in afrikanischen Ländern südlich der Sahara, mehr als 20 Prozent leben in Süd- und Westasien. 54 Prozent der Kinder, die nicht zur Schule gehen, sind Mädchen.

Viele Mädchen und Jungen werden zwar eingeschult, brechen die Grundschule dann jedoch vorzeitig ab. In Subsahara-Afrika schließen nur 56 Prozent der Kinder die Grundschule erfolgreich ab. Im Jahr 2010 besuchten weltweit 69 Millionen Jugendliche im Sekundarschulalter (10 bis 16 Jahre) keine weiter­führende Schule. Rund 774 Millionen Jugendliche (über 15 Jahre) und Erwachsene können nicht lesen und schreiben, knapp zwei Drittel von ihnen sind Frauen.

Bildungsziele werden nicht erreicht

Im Jahr 2000 hat die in­ter­natio­nale Gemeinschaft auf dem Weltbildungsforum in Dakar den Aktionsplan "Bildung für alle" (Education for All, EFA) ver­ab­schiedet. Als Zieldatum wurde – ebenso wie für die im gleichen Jahr for­mu­lierten Millenniumsentwicklungsziele – das Jahr 2015 gesetzt. Doch trotz erheblicher Fortschritte in einzelnen Ländern fällt die Gesamtprognose des Weltbildungsberichts 2013/14 nicht gut aus: "Weniger als zwei Jahre vor Ablauf der Frist zur Erreichung der EFA-Ziele ist klar, dass trotz signifikanter Fort­schritte im vergangenen Jahrzehnt keines der Ziele bis 2015 global erreicht sein wird."

So wird nach derzeitigem Trend zum Beispiel das Ziel der universellen Grund­bildung verfehlt. Zwar ist die Zahl der Kinder im Grundschulalter, die keine Schule besuchen, zwischen 1999 und 2011 von 108 Millionen auf 57 Millionen gesunken – ein riesiger Fortschritt. In den vergangenen Jahren hat sich die Ent­wick­lung jedoch extrem verlangsamt – zwischen 2008 und 2011 waren kaum noch Fortschritte zu verzeichnen. Der Weltbildungsbericht 2013/14 stellt dazu fest: "Wären die Zahlen weiter so zurückgegangen wie zwischen 1999 bis 2008, hätte das Ziel der universellen Grundbildung bis 2015 fast erreicht werden können."

Immerhin: Die staatlichen Ausgaben für Bildung sind in den Ent­wick­lungs­ländern in den vergangenen Jahren gestiegen. Die Un­ter­stüt­zung aus den Industrieländern ist allerdings zurückgegangen: Erstmals seit 2002 gingen die weltweiten Mittel für Ent­wick­lungs­zusam­men­ar­beit im Bildungsbereich 2011 deutlich zurück. Nach Berechnungen des Weltbildungsberichts fehlen jährlich 26 Milliarden US-Dollar, um das Ziel der Primarbildung für alle zu erreichen.

Erschwerter Zugang zu Bildung

Schülerin in einer Schule in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. Urheberrecht: Thomas Koehler/photothekFür benachteiligte Bevölkerungsgruppen ist der Zugang zu Bildung besonders schwierig. Zu diesen Gruppen zählen ins­be­son­dere Mädchen und Frauen, Menschen in Armut, Angehörige indigener Völker, religiöse, ethnische und sprachliche Minderheiten und Menschen mit Behinderungen. Besonders benachteiligt sind auch Menschen, die in von Konflikten betroffenen Regionen leben.

Die Einschulung von Mädchen scheitert in zahlreichen Ländern an der traditionellen Rollenverteilung – viele Mädchen müssen zu Hause im Haushalt mitarbeiten. Auch eine frühe Heirat oder eine frühe Schwangerschaft können Mädchen vom Schulbesuch abhalten. Dennoch sind mit Blick auf das Millenniumsentwicklungsziel 3 (Gleichstellung der Geschlechter) große Fortschritte zu verzeichnen.

Kinder mit Behinderungen werden in weiten Teilen der Welt oft gar nicht eingeschult. Und selbst wenn sie eine Schule besuchen, erleben sie dort meistens keine Erfolge und müssen die Einrichtung bald wieder verlassen.

Fehlender Unterricht in der Muttersprache kann ebenfalls zu geringeren Bildungschancen führen. Millionen Kinder sprechen zu Hause eine andere Sprache als in der Schule – von den Ureinwohnern Australiens bis hin zu den Bergvölkern Kambodschas. Zahlreiche Kinder werden zudem durch Krisen und Konflikte am Schulbesuch gehindert. Die Mehrzahl der Menschen, die durch bewaffnete Aus­ein­an­der­set­zun­gen zur Flucht gezwungen werden, sind Frauen und Kinder. In vielen Bürgerkriegsländern sind zudem Schulen zerstört.

Kosten für den Schulbesuch

Viele Menschen in Ent­wick­lungs­ländern können die Kosten für Schulgebühren, Bücher und andere Unterrichtsmaterialien, Schuluniformen und für den Trans­port zur Schule nicht aufbringen. Ihre Kinder bleiben daher der Schule fern oder brechen sie vorzeitig ab. Besonders häufig sind Mädchen betroffen.

In Ländern, die die Schulgebühren abgeschafft haben, ist ein deutlicher Anstieg der Einschulungszahlen zu verzeichnen.

Zahlreiche Familien sind zudem darauf angewiesen, dass ihre Kinder zum Einkommen beitragen. Nach Schätzungen der In­ter­na­ti­o­nalen Arbeits­orga­nisa­tion (ILO) müssen etwa 215 Millionen Kinder zwischen 5 und 17 Jahren arbeiten, sodass häufig keine Zeit für den Schulbesuch bleibt.

Unzureichende Budgets

Die Verwirklichung der allgemeinen Schulpflicht scheitert in vielen Ländern am Geld. In den meisten Ent­wick­lungs­ländern sind in den Staatshaushalten die Budgets für Bildung zu gering, um den Bedarf zu decken. Hohe Staatsschulden schränken die Möglichkeiten zusätzlich ein. Nach Angaben des Welt­bildungs­berichts geben die Regierungen weltweit im Schnitt 5,1 Prozent des Brutto­national­ein­kommens (BNE) für Bildung aus. In den USA und Westeuropa liegt der Schnitt bei 6,2 Prozent. Während einige Staaten sogar mehr als acht Prozent des BNE in Bildung investieren, kommen einige Ent­wick­lungs­länder nicht einmal auf drei Prozent (Stand: 2011).

Wenn das Bildungssystem mit dem nach wie vor enormen Zuwachs der Be­völkerung im schulpflichtigen Alter in vielen – wenn auch nicht allen – Ent­wick­lungs­ländern Schritt halten soll, sind erheblich höhere In­ves­ti­tio­nen er­forder­lich. Zumindest die ärmsten Ent­wick­lungs­länder können das Geld dafür nicht selbst aufbringen. Auch schlechte Regie­rungs­führung, häufige Per­so­nal­wechsel, Kor­rup­tion und mangelnde Management- und Or­ga­ni­sa­tions­fähig­keiten behindern die Bereitstellung eines flächendeckenden und hochwertigen Bildungsangebots.

Schlechte Qualität des Unterrichts

Die Qualität des Unterrichts ist in vielen Ent­wick­lungs­ländern schlecht. Selbst nach Abschluss der Grundschule fehlen vielen Kindern Basiskenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen. In vielen Lehrplänen fehlen klare Ziele. Sie sind fachlich überladen und entsprechen nicht den Lern­bedürfnissen der Grund­schülerinnen und Grund­schüler. Kulturelle und regionale Eigenheiten werden oft nicht genügend berücksichtigt. Viele Lehrpläne vermitteln außerdem verzerrte oder stereotype Rollenbilder von Frauen und Männern.

Ein häufig auftretendes Problem ist auch, dass die Unterrichtszeiten und -inhalte sich zu wenig an der Lebenssituation der Kinder und Jugendlichen orientieren und die Lehrmethoden veraltet sind. Gruppenarbeit, selbstständiges Lernen, kritisches und problemlösendes Denken, der Umgang mit neuen Techniken und die Vermittlung von Alltagsfähigkeiten ("life skills") werden nicht ausreichend gefördert. Den Jugendlichen fehlen damit entscheidende Kenntnisse und Fähigkeiten, um sich später im Arbeitsmarkt orientieren und behaupten zu können.

Schul- und Lehrermangel

Leerer Klassenraum in der Schule der Gemeinde Tienfala in Mali. Urheberrecht: Thomas Trutschel/photothekVor allem im ländlichen Raum, aber auch in städtischen Armutsgebieten ist das Netz der Grundschulen nicht dicht genug. Kinder in ländlichen Regionen müssen oft extrem weite Schulwege zurücklegen. Häufig dürfen Mädchen weiter entfernte Schulen nicht besuchen, da die Eltern Sorge um ihre Sicherheit haben.

Die Arbeitsbedingungen für die Lehrkräfte sind in Ent­wick­lungs­ländern häufig unzumutbar: Viele von ihnen müssen in zwei oder drei Schichten am Tag unterrichten – und das in Klassen mit hohen Schülerzahlen und bei geringer Bezahlung. Die Ausstattung vieler Schulen ist schlecht. Lehrbücher und Unterrichtsmaterialien fehlen oder sind ebenso veraltet wie das Mobiliar. Oft fehlt das Geld für die laufenden Kosten für Wasser, Elektrizität oder den Transport der Schulkinder.

Viele Lehrkräfte werden zudem schlecht ausgebildet und nicht genügend auf ihre Aufgaben vorbereitet. Das geringe Ansehen des Lehrerberufes und die oftmals abgelegenen ländlichen Standorte machen den Beruf wenig attraktiv.

Um das Ziel der weltweiten Grundschulbildung für alle erreichen zu können, müssten bis 2015 mehrere Millionen Grundschullehrer eingestellt werden: 1,6 Millionen Stellen müssten neu geschaffen werden, 3,7 Millionen Stellen müssten neu besetzt werden, weil Lehrer aus dem Beruf ausscheiden.

Mangel an weiterführenden Bildungsangeboten

Durch die steigenden Einschulungsraten und Absolventenquoten in der Primarschule wird es in den Ent­wick­lungs­ländern erforderlich, weiterführende Bildungs- und Ausbildungsangebote zu entwickeln. Die bestehenden Angebote sind noch zu gering und zudem häufig weder am gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Bedarf noch an den Bedürfnissen der Jugendlichen ausgerichtet.

Ein System der beruflichen Bildung ist in vielen Staaten nur in Ansätzen vorhanden. Die Unterrichtsangebote sind meist zu theoretisch und orientieren sich zu wenig an den Anforderungen des Arbeitsmarktes. Hochschulen und Universitäten sind in Ent­wick­lungs­ländern materiell und finanziell schlecht ausgestattet. Nur wenige sind in der Lage, ihre Forschungs- und Lehraufgaben ausreichend wahrzunehmen. Hochschulen sind jedoch wichtig für das gesamte Bildungssystem, für die Ausbildung von Fach- und Führungskräften und für die Lösung entwicklungsrelevanter Aufgaben in Wirtschaft, Staat und Ge­sell­schaft.

Weitere Informationen

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Siehe auch

Externe Links

Lexikon der Entwicklungspolitik

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