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Deutsches Engagement

Bildung in Krisenregionen

Mathematik-Unterricht an einer Oberschule in Kabul, Afghanistan

Bewaffnete Konflikte beeinträchtigen die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen deutlich. 75 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen drei und 18 Jahren haben aufgrund von Notsituationen und langanhaltenden Krisen in 35 Ländern schlechtere Bildungschancen. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) sind mehr als die Hälfte aller Menschen auf der Flucht jünger als 18 Jahre. In Flüchtlingslagern erhalten Kinder und Jugendliche oft keine angemessenen Bildungsangebote. In vielen Aufnahmeländern sind sie vom Besuch öffentlicher Schulen ausgeschlossen.

Um diese Mädchen und Jungen zu erreichen, sind besondere Maßnahmen notwendig: Bildungseinrichtungen in Not- und Flüchtlingslagern sowie in Gemeinden, die viele Geflüchtete aufgenommen haben, Trauma- und Versöhnungsarbeit sowie Friedenspädagogik. Die Kinder sollen dabei ein friedliches und konstruktives Miteinander erlernen. Vor allem in Krisenzeiten kann Bildung auch Stabilität und Schutz bieten.

Bisher werden jedoch weltweit nur circa zwei bis vier Prozent der humanitären Hilfe für Bildung aufgewendet. Die Finanzierungslücke für Bildung in Notsituationen wird aktuell auf 8,5 Milliarden US-Dollar jährlich beziffert. Gleichzeitig mangelt es an effektiver Koordination zwischen der humanitären Hilfe und der anschließenden langfristigen Entwicklungszusammenarbeit. Mit Bildungsmaßnahmen in fragilen und von Gewalt geprägten Ländern trägt das BMZ dazu bei, Ursachen und Auswirkungen von Konflikten zu bearbeiten, sie gewaltfrei zu beenden und neuen Konflikten vorzubeugen. So haben zum Beispiel über die Sonderinitiative "Fluchtursachen bekämpfen – Flüchtlinge reintegrieren" bisher über eine Million Kinder von einem verbesserten Zugang zu Schulbildung und einem verbesserten Lernumfeld profitiert.

​Allein 2018 hat die Finanzierung von Lehrergehältern über die Beschäftigungsoffensive Nahost 365.000 syrischen Flüchtlingskindern den Schulbesuch ermöglicht. Zugleich werden Stipendien an Studierende aus Konfliktregionen vergeben. In Jordanien nehmen syrische Geflüchtete und Einheimische gemeinsam an Bildungsprogrammen teil, die sie in die Lage versetzen, sich mit eigenen Kräften eine Existenz aufzubauen. UNICEF ist ein wichtiger Partner des BMZ für die Förderung von Bildung in Notsituationen. Im Libanon beteiligt sich das BMZ am UNICEF-Programm "Reaching all Children with Education" und ermöglicht damit syrischen, palästinensischen und libanesischen Kindern den Besuch einer Grundschule.

Im Nordosten Nigerias gibt es seit 2010 gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen der terroristischen Organisation Boko Haram und nigerianischen Sicherheitskräften. Die nigerianische Bevölkerung sieht sich dort mit einer humanitären Krise konfrontiert. Nur 38 Prozent der Kinder und Jugendlichen besuchen eine Schule.

Das BMZ unterstützt im Rahmen der Übergangshilfe über die KfW gemeinsam mit UNICEF die (Re-)Integration von einer Million geflüchteten Kindern sowie von Kindern aus den aufnehmenden Gemeinden ins Schulsystem und fördert den Wiederaufbau der Institution Schule.

Das Projekt orientiert sich an dem bereits in Ostafrika erprobten Ansatz von UNICEF "Leave No Child Behind". Im Fokus stehen dabei Kinder in Krisengebieten, die von fünf Ansprüchen profitieren sollen: Chancengleichheit, Zugang zu Bildung, faire Überlebenschancen in einem fragilen Umfeld, Leben in einer sicheren und sauberen Umwelt und Schutz vor Ausbeutung und Gewalt.

Auf dem World Humanitarian Summit 2016 in Istanbul wurde "Education Cannot Wait", ein globaler Fonds für Bildung in Notsituationen, ins Leben gerufen, um die internationale Hilfsarchitektur für Bildung in Krisen- und Konfliktsituationen zu verbessern und mehr finanzielle Unterstützung zu akquirieren. Ziel ist es bis 2021 mindestens 8,9 Millionen Kinder und Jugendliche, davon mindestens 50 Prozent Mädchen, in 25 Krisenländern zu erreichen. Das BMZ ist seit 2017 im Steuerungsgremium (Executive Committee) von "Education Cannot Wait" vertreten und hat seitdem finanzielle Beiträge in Höhe von 31 Millionen Euro geleistet, um Maßnahmen zur Verzahnung von humanitärer Hilfe und langfristiger Entwicklungszusammenarbeit im Bildungssektor zu unterstützen.

Zusammenarbeit mit nicht staatlichen Organisationen

Bildung ist nach Auffassung der Bundesregierung – und gemäß menschenrechtlicher Normen – eine öffentliche Aufgabe, für die der Staat zuständig ist. Er hat die Pflicht, für eine hochwertige Grundbildung zu sorgen, die für alle Menschen gleichermaßen zugänglich, verpflichtend und kostenlos ist.

In fragilen Ländern ist die Regierung jedoch oft nicht in der Lage, die soziale Grundversorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Eine Entwicklungszusammenarbeit mit staatlichen Stellen ist hier häufig nicht möglich. Um das Bildungsangebot trotzdem zu verbessern, arbeitet das BMZ in solchen Fällen zum Beispiel mit kirchlichen Trägern und Nichtregierungsorganisationen zusammen, die eine wichtige Rolle bei der Versorgung der Bevölkerung spielen. Sie können oft auch da noch arbeiten, wo die bilaterale staatliche Zusammenarbeit wegen der politischen Rahmenbedingungen nicht mehr ansetzen kann. Mittel- bis langfristig bleibt aber immer das Ziel, dass der Staat – in Kooperation mit der Zivilgesellschaft – die Bildungsangebote bereitstellt.


Lexikon der Entwicklungspolitik

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