Hauptinhalt

Berufliche Bildung

Handlungsansätze

Schüler einer technischen Berufsschule in Ruanda

Deutschland unterstützt in seinen Kooperationsländern die Entwicklung praxisorientierter, am Bedarf des Arbeitsmarktes ausgerichteter Berufsbildungssysteme. Besonders berücksichtigt werden dabei benachteiligte Personengruppen wie Frauen und Jugendliche, Menschen in Armut, Angehörige indigener Völker, religiöse und ethnische Minderheiten, Menschen mit Behinderungen, Beschäftigte in der informellen Wirtschaft und sexuelle Minderheiten. Denn sie können häufig nicht gleichberechtigt an der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung teilhaben.

Die Vielfalt der Ansätze und der in der Zusammenarbeit eingesetzten Instrumente orientiert sich an den erfolgreichen Merkmalen der dualen Berufsausbildung in Deutschland:

  • Enge Kooperation von Staat und Wirtschaft
  • Lernen im Arbeitsprozess
  • Gesellschaftliche Akzeptanz allgemeinverbindlicher Ausbildungs- und Prüfungsstandards
  • Aus- und Weiterbildung der in der Berufsbildung tätigen Lehrkräfte
  • Berufsbildungsforschung

Das deutsche Berufsbildungssystem lässt sich jedoch nicht eins zu eins in die Kooperationsländer übertragen. Der Bedarf des jeweiligen Landes muss analysiert werden, Konzepte und Umsetzung müssen an die vorhandenen Strukturen und Möglichkeiten anknüpfen.

Ansatz auf mehreren Ebenen

Bei der Förderung von Reformen des Berufsbildungssystems verfolgt die deutsche Entwicklungszusammenarbeit seit langer Zeit einen erfolgreichen Ansatz auf mehreren Ebenen:

Auf der Politikebene unterstützen deutsche Expertinnen und Experten die Regierungen der Kooperationsländer dabei, Reformstrategien zu entwickeln sowie entsprechende Gesetze und Verordnungen zu formulieren. Berufsprofile werden überarbeitet und Qualifikations- und Prüfungsstandards entworfen. Modelle der Bildungsfinanzierung sind ebenso Thema der Beratung wie die Entwicklung von Informationssystemen für den Arbeitsmarkt. Die Förderung des intensiven Dialogs zwischen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft ist ein wichtiger Aspekt der Zusammenarbeit.

Auf Institutionenebene fördert Deutschland den Aufbau und die Modernisierung von Bildungseinrichtungen und Technologiekompetenzzentren. Die Kooperation zwischen Berufsschulen, Ausbildungszentren und Betrieben wird unterstützt. Auch werden die Institutionen beim Einsatz neuer Medien beraten, um das Lernen effizienter zu gestalten.

Ein Ziel ist, auch Menschen in der informellen Wirtschaft zu erreichen. Beschäftigte in Kleinst- und Kleinbetrieben haben oft keinen Zugang zu formalen Angeboten der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Das BMZ arbeitet hier eng mit nicht staatlichen Akteuren der Entwicklungszusammenarbeit in Deutschland sowie lokalen Nichtregierungsorganisationen zusammen, die häufig bereits einen guten Zugang zu den Zielgruppen haben.

Auf der Durchführungsebene fördert Deutschland Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen für Lehrkräfte und Verwaltungspersonal. Werkstätten und Schulungsräume werden mit deutscher Hilfe ausgebaut und modernisiert, Lehr- und Lernmaterialien bereitgestellt. Lehrpläne, Unterrichts- und Prüfungsunterlagen werden so überarbeitet, dass sie den auf politischer Ebene erarbeiteten Berufsprofilen und Qualitätsstandards entsprechen.

In manchen Ländern liegt der Fokus der Beratung nicht auf dem gesamten Berufsbildungssystem, sondern auf beruflicher Bildung in einem ausgewählten Sektor. Oft handelt es sich dabei um Wachstumsbranchen, in denen es an qualifizierten Fachkräften mangelt, zum Beispiel im Gesundheits-, Energie- oder Wassersektor oder im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT). Manchmal geht es auch um Wirtschaftsbereiche, in denen besonders viele Benachteiligte arbeiten, etwa in der Landwirtschaft.


Beispiel: Fachkräfte in "grünen" Berufen in Brasilien

Herstellung von Solarmodulen

Die brasilianische Regierung investiert in den Ausbau von erneuerbaren Energien und in die Steigerung der Energieeffizienz. Die Energiewirtschaft benötigt entsprechend qualifiziertes Personal. Bislang gibt es in Brasilien allerdings kaum entsprechende Ausbildungsangebote.

Gemeinsam mit dem brasilianischen Energieministerium, der Energieplanungsbehörde und der Berufsbildungsinstitution SENAI werden in den Bundesstaaten São Paulo, Ceará, Minas Gerais und Distrito Federal bedarfsgerechte Aus- und Weiterbildungsangebote für die neuen Berufsbilder erarbeitet. Bisher wurden Bildungs- und Serviceangebote in den Bereichen Windkraft, Photovoltaik, Solarthermie sowie Energieeffizienz in der Industrie und in Gebäuden entwickelt.


Duale und praxisorientierte Hochschulbildung

Hochschulbildung ist in vielen Partnerländern ein Motor für die sozioökonomische Entwicklung. Arbeitsmarkt- und praxisorientierte Hochschulbildung stellt eine innovative Schnittstelle zwischen beruflicher Bildung und Hochschulbildung dar. Sie verbindet das wissenschaftliche Studium an einer Hochschule mit der praktischen Ausbildung in einem Unternehmen.

Dieser Ansatz kann für viele Partnerländer der deutschen Entwicklungszusammenarbeit neue Möglichkeiten eröffnen, um die Beschäftigungsfähigkeit von Jugendlichen und damit ihre Erfolgschancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen sowie das Image der beruflichen Bildung zu verbessern. Er trägt außerdem dazu bei, die Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft zu intensivieren und den Fachkräftebedarf auf höherem Niveau zu decken.


Beispiel: Jobchancen für palästinensische Jugendliche

Studenten in Gaza-Stadt

Das BMZ-Vorhaben "Mehr Jobchancen für palästinensische Jugendliche" unterstützt den Aufbau einer Fakultät für duale Studiengänge an der Al-Quds Universität in Ostjerusalem. Die Fakultät bietet derzeit drei Studiengänge an: Elektrotechnik, Betriebswirtschaftslehre und Informationstechnologie. 138 Studierende sind aktuell eingeschrieben. Damit wurden erstmals in der Region duale Studiengänge eingeführt, die die Lernorte Hochschule und Unternehmen verbinden. Junge Menschen absolvieren eine Ausbildung in einem lokalen Unternehmen und erwerben zeitgleich einen Hochschulabschluss.

Seit dem Start des Vorhabens im Januar 2015 konnten bereits mehr als 80 palästinensische Partnerunternehmen in der Westbank und in Ostjerusalem dafür gewonnen werden, sich an der Einführung der neuen dualen Studiengänge zu beteiligen. Im ersten Studienjahr 2015 stellten die Wirtschaftsunternehmen etwa 120 Ausbildungsplätze für Studierende bereit.


Digitalisierung

Programmierer in Vietnam

Das Internet und der digitale Wandel schaffen Verbindungen – auch über Landesgrenzen hinweg: Weltweit können sich Menschen austauschen und zur Gestaltung der digitalen und der analogen Welt beitragen. Gleichzeitig bringt die globale Digitalisierung auch Herausforderungen mit sich. Automatisierung und Digitalisierung spielen eine immer größere Rolle im Arbeitsalltag. Roboter, Algorithmen und künstliche Intelligenz übernehmen Funktionen, die bislang Menschen ausgefüllt haben. Arbeitnehmer benötigen neue und zusätzliche Kompetenzen oder müssen umschulen. Es entstehen aber auch neue Berufe und Beschäftigungsmöglichkeiten, zum Beispiel in der IT-Branche.

Berufliche Bildung ist ein wichtiges Instrument, um eine Teilhabe am digitalen Wandel zu ermöglichen. Das BMZ nutzt die Digitalisierung, um den Zugang zu und die Qualität von beruflicher Bildung weltweit zu verbessern. Mithilfe von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) können Menschen zu jeder Zeit und an fast jedem Ort lernen. Das eröffnet besonders benachteiligten Gruppen wie Mädchen und Frauen, Menschen mit Behinderungen, Menschen außerhalb des formalen Bildungssystems oder Menschen auf der Flucht oder in der Migration neue Möglichkeiten der beruflichen Bildung.


Beispiel: Ausbildung von Web-Entwicklern in Tunesien

Viele junge Menschen in Tunesien sind arbeitslos. Um ihnen eine wirtschaftliche Perspektive im Heimatland zu bieten, fördert das BMZ seit 2015 die Aus- und Weiterbildung im IT-Sektor im Rahmen der "Initiative für wirtschaftliche Stabilisierung und Jugendbeschäftigung". Es wurden bisher mehr als 8.000 junge Menschen zu Web-Entwicklern ausgebildet, die über 1.000 Smartphone-Anwendungen (Apps) für den nationalen und internationalen Markt entwickelt haben. Microsoft und tunesische Firmen unterstützen das Projekt. Ziel ist, die Digitalwirtschaft zu einem Wachstumssektor auszubauen und so dauerhafte Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen.


Qualifizierung in der und für die informelle Wirtschaft

In Entwicklungsländern mit niedrigen Einkommen arbeiten durchschnittlich 90 Prozent der Jugendlichen in der informellen Wirtschaft. Sie ist für sie meist die einzige Chance, in die Arbeitswelt einzusteigen. In der Regel sind diese Arbeitsverhältnisse nicht menschenwürdig. Aus- und Weiterbildung eröffnen den Jugendlichen neue Perspektiven sowohl innerhalb der informellen Wirtschaft als auch im formalen Bildungswesen und in der formalen Wirtschaft.


Beispiel: Reform der Lehrlingsausbildung in Ghana

Lehrlinge in Ghana

Mehr als 80 Prozent der Erwerbsbevölkerung ist in Ghana informell beschäftigt. Die Mehrzahl der Jugendlichen absolviert ihre Ausbildung in Form der traditionellen Lehrlingsausbildung in Betrieben der informellen Wirtschaft. Diese traditionelle Lehrlingsausbildung findet bisher ausschließlich "on the job", also in Form konkreter Mitarbeit im Betrieb statt.

Im Rahmen der "Ghana Skills Development Initiative" fördert das BMZ die Verbesserung der Lehrlingsausbildung. Langzeit- und Kurzzeittrainings, die die traditionelle Ausbildung durch Fachtheorie und allgemeinbildende Qualifikationen wie Mathematik und Englisch ergänzen und die nationalen Standards der beruflichen Bildung erreichen, führen zur offiziellen Anerkennung der im Rahmen einer traditionellen Ausbildung erworbenen Abschlüsse.


Weitere Informationen

Publikationen

Lexikon der Entwicklungspolitik

Fenster schließen

 

Seite teilen