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Hintergrund

Behinderung und Armut – ein Teufelskreis


Alter Mann im Rollstuhl verkauft Zigaretten in Blida, Algerien.

Nach Schätzungen leben welt­weit über eine Milliarde Menschen mit Behin­de­run­gen, 80 Prozent von ihnen in Ent­wick­lungs­ländern. Zählt man ihre Familien­angehörigen hinzu, sind noch deutlich mehr Menschen direkt oder indirekt von Behinderung betroffen.

In Entwicklungsländern werden Menschen mit Behinderungen häufig dis­kri­mi­niert und ausgegrenzt. Sie sind vom politischen, wirt­schaft­lichen und sozialen Leben ausgeschlossen – ein Verstoß gegen ihre grund­legenden Men­schen­rech­te. Nur etwa ein bis zwei Prozent haben Zugang zu medi­zinischen Reha­bi­li­ta­tions­maßnahmen. 90 Prozent der Kinder mit Behinderungen in Ent­wick­lungs­ländern gehen nicht zur Schule. Mädchen und Frauen sind besonders be­nach­teiligt. Die Weltbank schätzt, dass bis zu ein Fünftel der absolut Armen auf der Welt Menschen mit Behinderungen sind.

Ursachen für Behinderungen

Ursachen für Behinderungen sind unter anderem Krank­heiten, Ernährungs­mängel, falsche oder fehlende Behandlung, physische und psychische Gewalt, Krieg, Umwelt­belastungen, Unfälle aufgrund un­zurei­chen­der Schutz­bestimmungen am Arbeits­platz und im Straßen­verkehr und zunehmend auch alters­bedingte Erkrankungen. Experten gehen davon aus, dass die Hälfte aller Behinderungen vermieden werden könnte und als direkte Folge von Armut anzusehen ist. So gelten etwa 75 Prozent der weltweiten Fälle von Blind­heit als vermeidbar, weil sie beispiels­weise durch behandel­bare Augen­infektionen oder Vitamin-A-Mangel verursacht werden.

Armut und Behinderung bilden einen Teufels­kreis, der aufgrund gesell­schaft­licher Barrieren nur schwer zu durch­brechen ist: Arme Men­schen können sich und ihre Familien oft nicht ausreichend ernähren, in Krank­heits­fällen können sie sich keine medi­zi­nische Behand­lung leisten. Wer in Armut lebt, ist dadurch einem höheren gesund­heit­lichen Risiko ausgesetzt, dadurch steigt auch das Risiko einer Be­hin­de­rung.

Und: Behinderungen erhöhen das Armuts­risiko. Menschen mit Behinderungen haben oft keinen Zugang zu Gesundheits- und Bildungs­systemen, sie finden keine Arbeit und sind nicht sozial abgesichert. Werden sie durch Angehörige gepflegt, haben diese – meist handelt es sich hierbei um Frauen und Mädchen – weniger Zeit zur Schule zu gehen oder Einkommen für die Familie zu er­wirt­schaf­ten. Zugleich steigen jedoch die Lebens­haltungs­kosten, da Menschen mit Behinderungen spezielle Hilfs­mittel benötigen.

Definition von Behinderung

Ein Junge mit Krücken in Windhuk, Namibia. Urheberrecht: T. Köhler/photothek.netEs gibt keine allgemein­gültige, rechts­ver­bind­liche Definition von Behinderung. Soziale und kulturelle Normen haben einen erheblichen Einfluss darauf, was in einer Ge­sell­schaft als Behinderung gilt. In offiziellen Statistiken von Ent­wick­lungs­ländern wird die Zahl der Menschen mit Behinderungen häufig zu niedrig angesetzt. Einerseits, weil oft die Mittel für wissen­schaft­lich korrekte Erhebungen fehlen, anderseits aber auch, weil Menschen mit Behinderungen aufgrund von Stigma­ti­sie­rung und Aus­gren­zung in ihren Gesell­schaften quasi unsichtbar bleiben.

In der in­ter­na­tio­nalen Politik – und damit auch in der Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit – setzt sich zunehmend eine „soziale“ Definition von Behinderung durch. Demnach zeichnet sich Behinderung weniger durch individuelle Eigen­schaften wie zum Beispiel körper­liche Be­ein­träch­ti­gun­gen aus, sondern vielmehr durch Barrieren in der Umwelt und durch negative Ein­stellungen bei den Mit­menschen. Diese verhindern, dass Menschen mit Be­ein­träch­ti­gun­gen gleich­berech­tigt am gesell­schaft­lichen Leben teil­haben können. Kurz: Man ist nicht behindert, man wird behindert.

Aus diesem Modell ergibt sich ein menschen­rechts­basierter Ansatz: Menschen mit Behinderungen haben die gleichen Rechte wie alle anderen und darum müssen Barrieren, die behinderte Menschen von einer voll­ständigen Teil­habe an der Ge­sell­schaft hindern, abgebaut werden.

Die deutsche Ent­wick­lungs­po­li­tik orientiert sich an diesem Menschen­rechts­ansatz. Die inklusive deutsche Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit (lateinisch includere = einschließen, einbeziehen) fördert Gleich­berech­ti­gung und Teil­habe von Menschen mit Behinderung und betrachtet sie als aktive Partner bei der Umsetzung ihrer Rechte. In der Kon­se­quenz bedeutet das, dass nicht nur spezifische Pro­gramme für Menschen mit Behinderungen gefördert werden. Vielmehr strebt Deutsch­land an, dass alle Ent­wick­lungs­vorhaben auch Men­schen mit Behinderungen zugänglich sein müssen.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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