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März

Versteckter Hunger


Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Silberhorn beim 3rd International Congress Hidden Hunger am 20. März 2017 in Stuttgart

Es gilt das gesprochene Wort!

Exzellenzen,
Sehr geehrte Damen und Herren,

Hunger macht Schlagzeilen – so wie aktuell die Hungerkrise in Afrika. 15 Millionen Menschen sind dort von akutem Hunger bedroht. Das lesen wir jeden Tag in der Zeitung.

Aber versteckter Hunger macht keine Schlagzeilen. Versteckter Hunger kommt schleichend. Und er zeigt sich mitunter erst Jahre später. Dabei sind zwei Milliarden Menschen weltweit betroffen. Umso wichtiger ist es, dass Sie in den nächsten Tagen dazu beitragen, Strategien gegen Mangelernährung sichtbar zu machen. Ich freue mich, den 3. Internationalen Kongress zu Verstecktem Hunger hiermit offiziell zu eröffnen.

Mit der Agenda 2030 gibt es nun einen weltweiten Konsens darüber, was geschehen muss, damit alle Menschen auf der Welt ein Leben in Würde führen können. Dazu gehört auch, Hunger und alle Formen von Fehlernährung vollständig zu beseitigen. In unserem Kampf gegen Hunger haben wir schon viel erreicht. Auch wenn die Erfolge noch fragil sind. Jetzt ist es an der Zeit, auch den versteckten Hunger anzugehen! Denn Hunger und Mangelernährung zählen zu den größten Hemmnissen für Entwicklung.

  • In Asien und Afrika gehen jedes Jahr 11 Prozent des BIP infolge von Mangelernährung verloren.
  • Die Weltbank schätzt: 1 Prozent fehlende Körpergröße aufgrund von Nährstoffmangel geht mit 1,4 Prozent verlorener Produktivität im Erwachsenenalter einher.

Das heißt umgekehrt: Investitionen in die Verbesserung der Ernährungssituation sind besonders rentabel! Jeder investierte Dollar generiert einen Nutzen von 16 Dollar Gegenwert.

Aber die Weltbevölkerung wächst: 2050 werden voraussichtlich fast 10 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Um all diese Menschen zu ernähren, brauchen wir 60 Prozent mehr Nahrungsmittel. Um all diese Menschen gesund zu ernähren, braucht es mehr als eine höhere Produktivität. Mangelernährte Menschen brauchen nicht unbedingt mehr Nahrung, sondern mehr Nährstoffe. Sie brauchen bessere Qualität und mehr Ausgewogenheit ihrer Ernährung. Menschen, die chronisch mangelernährt sind, bekommen zwar genug Kalorien – sie werden also "satt". Aber ihre Ernährung besteht fast ausschließlich aus Reis, Mais und Weizen. Ihnen fehlen lebenswichtige Nährstoffe wie Eisen, Jod oder Vitamin A.

Die Folgekosten sind immens – sowohl sozial als auch wirtschaftlich:

  • Fast die Hälfte (45 Prozent) aller Sterbefälle von Kindern unter 5 Jahren gehen auf das Konto von verstecktem Hunger.
  • 160 Millionen Kinder – mehr als ein Viertel aller Kinder weltweit! – sind chronisch mangelernährt und leiden unter Wachstumsverzögerungen.

Mangelernährte Kinder können nicht ihr volles Potenzial entwickeln – weder geistig noch körperlich. Sie wachsen weniger, haben häufig ein schwaches Immunsystem und entwickeln chronische Krankheiten.

Diesen Rückstand können die meisten ein Leben lang nicht wieder aufholen: Sie lernen langsamer als gesund ernährte Altersgenossen. Sie erreichen deshalb ein niedrigeres Bildungsniveau, finden schlechter bezahlte Jobs und damit weniger Wohlstand.

Gleichzeitig sind fast 2 Milliarden Menschen weltweit übergewichtig. Selbst in Entwicklungsländern leben inzwischen mehr Über- als Unterernährte.

  • "Wohlstandskrankheiten" – entstanden nicht aus einem Mangel, sondern aus einseitiger Ernährung – wie Bluthochdruck oder Diabetes Typ II nehmen in Schwellen- und Entwicklungsländern rasant zu. Mexiko ist das Land mit den meisten Diabetes-Fällen weltweit!
  • Für die Gesundheitssysteme vor allem der Entwicklungsländer bedeutet das dreifache Kosten: die Behandlungskosten von Hunger, Mangelernährung und die Folgen von Übergewicht.

Was ist zu tun, damit sich die Menschen überall auf der Welt gesund und ausgewogen ernähren können? Wie können wir die Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern dabei unterstützen, ihr volles Potenzial auszuschöpfen?

Zwei Ansatzpunkte gibt es: Man kann mangelernährte Bevölkerungsgruppen direkt mit bestimmten Mikronährstoffen versorgen. Das ist effizient und wirkt vor allem in akuten Mangelsituationen schnell und sofort. Aber damit erreichen wir nur ein Fünftel der weltweit Mangelernährten.

Eine langfristige Wirkung lässt sich nur mit nachhaltigen und widerstandsfähigen Ernährungssystemen erreichen. Das Bundesentwicklungsministerium engagiert sich auf beiden Ebenen. Mit der Sonderinitiative EINEWELT ohne Hunger haben wir die Bekämpfung von Hunger und Mangelernährung zu einem unserer Kernanliegen gemacht. 2015 ging jeder fünfte Euro aus unserem Budget in ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Ernährungssicherung, insgesamt 1,5 Milliarden Euro.

Eine nachhaltige Agrar- und Ernährungswirtschaft schafft langfristig Arbeit und Einkommen, sorgt für den Schutz der natürlichen Ressourcen und trägt zu Wachstum bei. Dies wiederum ermöglicht mehr Investitionen in Bildungs- und Gesundheitssysteme.

Und auch eine gesunde Ernährung beginnt auf dem Feld, bei der Landwirtschaft. Uns geht es darum, dass arme Haushalte ihre Armut überwinden und sich auch in Zeiten von Hungerkrisen ausreichend und gesund ernähren können. Aus unserer Sicht brauchen sie dazu vor allem Wissen, Bildung und Austausch.

Deshalb unterstützen wir Kleinbäuerinnen und -bauern sowie Lebensmittelproduzenten vor Ort dabei, mit lokalen Sorten mehr Vielfalt zu produzieren. Zum Beispiel über unsere 14 Grünen Innovationszentren in Afrika und Asien. Dort vermitteln wir Wissen zu nachhaltigen Anbaumethoden oder ertrag- und nährstoffreichen Sorten. Mithilfe von Trainings zur Weiterverarbeitung und Konservierung von Lebensmitteln können Bauern und Produzenten der lokalen Bevölkerung das ganze Jahr über nährstoffhaltige und bezahlbare Lebensmittel anbieten.

In einer der ärmsten Regionen im Westen Kenias leiden viele Kinder unter verstecktem Hunger. In unserem Innovationszentrum vermitteln wir deshalb neues Wissen zu hochwertigen Futtermitteln für Milchvieh. Dadurch stieg die Milchproduktion, so dass nun mehr Milch für die Ernährung von Kindern zu Verfügung steht.

Zusätzlich schulen wir Bäuerinnen und Bauern in Anbau und Weiterverarbeitung einer Betacarotin-haltigen Süßkartoffel. Durch die Weiterverarbeitung zu Mehl und Brot wird die Bevölkerung mit diesem Nährstoff versorgt. Gleichzeitig entstehen Arbeitsplätze und das Haushaltseinkommen der Familien wächst.

Damit die junge Generation von heute ihr volles Potenzial entfalten kann, braucht sie eine ausgewogene Ernährung von Anfang an. Deshalb haben wir in unserer Arbeit vor allem kleine Kinder und Frauen im Blick, vor allem Schwangere und stillende Mütter. Denn sie tragen das größte Risiko von Schädigungen durch Mangelernährung.

Zum Beispiel führen wir in Äthiopien gemeinsam mit den Gemeinden und örtlichen Verbänden Schulungen und Kochdemonstrationen durch. Junge Mütter bekommen Anleitung zum Stillen und zur gesunden Ernährung ihrer Kleinkinder.

Politik zur Beseitigung von Hunger und Mangelernährung muss aber noch breiter ansetzen. Damit gesunde Ernährung wirken kann, braucht es auch sauberes Trinkwasser, verlässliche Sanitärversorgung und regelmäßige Gesundheitsvorsorge. Nötig ist deshalb ein breites Bündnis für Gesundheit!

Unser Ministerium engagiert sich deshalb in einem gezielt sektorübergreifenden Programm gegen Mangelernährung. Zum Beispiel in Malawi, wo fast jedes zweite Kind mangelernährt ist. Dort helfen wir, Wissen zu verbreiten, wie sich der heimische Maisbrei etwa mit dem dort verfügbaren, preiswerten Moringa mit Nährstoffen anreichern lässt. Auch international machen wir uns gegen Hunger und Mangelernährung stark. Deutschland hat dieses Jahr die G20-Präsidentschaft inne. Wir wollen diese Chance nutzen, zwei Drittel der Weltbevölkerung und 80 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung auf nachhaltige Entwicklung einzuschwören.

Unsere Präsidentschaft steht ganz im Zeichen der Jugend und des ländlichen Raumes. Denn dort entscheidet sich die Zukunft der Menschheit! In diesem Sinne wünsche ich Ihnen fruchtbare Diskussionen.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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