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Oktober

Keynote anlässlich des "3rd German-African Healthcare Symposium"


von Thomas Silberhorn, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Eine Veranstaltung des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft (AV) und der German Healthcare Partnership (GHP) am 12. Oktober 2016 im Ellington Hotel in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Exzellenzen,
​sehr geehrte Damen und Herren,

Afrika und Gesundheit – vor zwei Jahren war das Thema plötzlich in allen Schlagzeilen, als das Ebola-Virus von Afrika aus die globale Gesundheit gefährdet hat. Die WHO hat damals den internationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen. Ebola hat uns gezeigt, dass wir auf eine solche Situation als internationale Gemeinschaft nicht gut genug vorbereitet waren. Es war ein Weckruf!

Wir haben ihn gehört und entsprechend gehandelt. Wir haben neue, umfangreiche Programme als Antwort aufgelegt. Zum Beispiel das Sonderprogramm "Gesundheit in Afrika".

Ebola hat nicht nur Menschenleben gefährdet, es hat auch Entwicklungserfolge zunichte gemacht. Soziale Beziehungen waren kaum noch möglich. Die Wirtschaft in den drei betroffenen Ländern Westafrikas kam größtenteils zum Erliegen. Von den wirtschaftlichen Folgen hat sich die Region noch nicht wieder erholt. Darum brauchen diese Länder Investitionen für eine schnelle soziale und wirtschaftliche Erholung!

Wir diskutieren im Haus zurzeit intensiv einen "Marshallplan für Afrika". Es geht um ein Gesamtkonzept für diesen Kontinent, der massive Investitionen unter anderem in Bildung und Jobs braucht. Auch Gesundheit wird im Marshallplan eine Rolle spielen.

Wir alle kennen die Herausforderungen, zum Beispiel bei der Bekämpfung armutsassoziierter Erkrankungen (wie zum Beispiel die so genannte Flussblindheit). Aber wir sehen auch die Erfolge, zum Beispiel beim Kampf gegen HIV oder gegen Polio: Die Zahl der jährlichen HIV-Neuinfektionen ging zwischen 2000 und 2015 um 35 Prozent zurück, und mehr als neun Millionen Menschen haben heute Zugang zu HIV- Medikamenten. Polio ist heute weltweit fast vollständig zurückgedrängt. Die Mutter-Kind-Sterblichkeit ist deutlich gesunken. Und so viele Menschen wie noch nie haben Zugang zu Gesundheitsdiensten.

Doch es gibt noch viel zu tun. Fast sechs Millionen Kinder unter fünf Jahren sind vergangenes Jahr gestorben. Mehr als die Hälfte von ihnen hätte überleben können – mit einfacher Gesundheitsversorgung. Damit dürfen wir uns nicht abfinden!

Für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit hat Gesundheit daher einen sehr hohen Stellenwert: Deutschland ist drittgrößter öffentlicher Geber für Gesundheit weltweit.
Deutschland nimmt eine Vorreiterrolle bei gesundheitspolitischen Themen ein. Wir haben Gesundheit prominent bei der deutschen G7-Präsidentschaft platziert. Und wir werden unser Engagement im Rahmen von G20 ebenso engagiert fortführen.

Wir haben unsere Zusage für den Globalen Fonds zur Bekämpfung von HIV, Tuberkulose und Malaria um fast ein Drittel erhöht - auf jetzt 800 Millionen Euro für die nächsten drei Jahre. Damit wollen wir dazu beitragen, künftig 300 Millionen Neuinfektionen und acht Millionen Sterbefälle zu verhindern.

Wir unterstützen als fünftgrößter Geber die Globale Impfallianz GAVI. So können in den nächsten Jahren weitere 300 Millionen Kinder geimpft und sechs Millionen Leben gerettet werden.

Damit internationale Hilfe koordiniert, effektiv und messbar geschieht und tatsächlich Gesundheitssysteme stärkt, hat die Bundeskanzlerin Angela Merkel nach der Ebola-Krise mit der WHO die Roadmap "Healthy Systems – Healthy Lives" lanciert. Sie ist ein zentraler Beitrag zum 6-Punkte-Plan der Bundeskanzlerin zu den Lehren der Ebolakrise. Dabei geht es um bessere Prävention ansteckender Krankheiten und um den Aufbau einer internationalen Notfallstruktur.

Wir arbeiten mit vielen starken Partnern daran, die Basis-Gesundheitssysteme zu stärken - von der WHO bis "Save the Children". Diese Partner brauchen wir auch. Schließlich hat sich die Weltgemeinschaft mit der in New York verabschiedeten Agenda 2030 das ambitionierte Ziel gesteckt, HIV/AIDS, Tuberkulose, Malaria und andere ansteckende Krankheiten bis 2030 komplett zu beenden.

Noch stärker als bisher wollen wir die Wirtschaft einbinden. Auch und gerade, wenn wir an die Grundlagen von Gesundheit denken. Denn Medikamente verteilen und Impfungen durchführen ist wichtig. Doch erst einmal braucht es die notwendigen Strukturen. Gute Gesundheitssysteme brauchen Infrastruktur: Geräte, Spritzen, Kühlung, medizinische Labore.

Vor allem braucht es gut ausgebildetes Personal. Weltweit fehlen 17 Millionen Ärzte, Krankenschwestern und Hebammen, vor allem in Entwicklungsländern, vor allem in ländlichen Gebieten. Gebraucht wird mehr Ausbildung, mehr Weiterbildung für die vorhandenen Fachkräfte, mehr Spezialisierung.

Hier setzen die so genannten Klinikpartnerschaften an – eine neue Initiative, die Bundesminister Dr. Gerd Müller am 28. September vorgestellt hat. Damit wollen wir unser medizinisches Wissen in Deutschland noch besser mit anderen teilen, denn dieses Wissen wird gebraucht. In den nächsten Jahren wollen wir bis zu 500 Klinikpartnerschaften auf- und ausbauen – zwischen Krankenhäusern in Deutschland und Gesundheitseinrichtungen in Entwicklungsländern, zwischen Fachleuten aus Deutschland und unseren Partnerländern.

Als Teil der Initiative bauen wir eine Datenbank auf, in der wir Partnerschaften registrieren. Der Verband der Universitätsklinika wird uns dabei unterstützen. Das BMZ stellt in den nächsten drei Jahren 3 Millionen Euro für die Klinikpartnerschaften zur Verfügung und die Else Kröner-Fresenius-Stiftung als erfahrener und renommierter Partner 1,6 Millionen Euro. BMG und WHO beraten die Initiative fachlich.

Dies ist ein Beitrag dazu, Gesundheitssysteme insgesamt zu stärken. Als weiteren Beitrag hat die deutsche Entwicklungszusammenarbeit das Sonderprogramm "Gesundheit in Afrika" aufgelegt: Es richtet sich vor allem an Länder, die mit der Ebola-Krise zu kämpfen hatten, deren Nachbarländer und Länder mit anfälligen Gesundheitssystemen. Bis 2019 werden wir hier 600 Millionen Euro über die Entwicklungszusammenarbeit mit unseren Partnerländern bereitstellen.

Schwerpunkte des Programms sind die Bereiche Ausbildung, Aufklärung und Ausrüstung. Es geht vor allem darum, die regionale Krisenreaktionsfähigkeit zu stärken und Ausbildung für Gesundheitsberufe zu fördern.

Dass auch die deutsche Wirtschaft heute hier vertreten ist, zeigt: Die deutsche Wirtschaft kann und will weiterhin einen Beitrag leisten, die Gesundheitssysteme in sich entwickelnden Ländern zukunftsfähig zu machen.

Wir stellen fest, dass nicht nur die deutsche Entwicklungszusammenarbeit, sondern auch von anderen Staaten getragene Projekte auf deutsche Expertise zurückgreifen. Und langsam, aber sicher setzt sich die Erkenntnis durch: Das kurzfristig günstigste Angebot ist nicht das langfristig wirtschaftlichste. Und wo auf Qualität, Langlebigkeit und Nachhaltigkeit geachtet wird, da sind deutsche Unternehmen klar im Vorteil.

Was mich besonders freut: Unsere Zusammenarbeit ist mittlerweile auch eine Erfolgsgeschichte. Seit nunmehr 17 Jahren fördert die deutsche Bundesregierung Entwicklungspartnerschaften mit der Wirtschaft. Im Rahmen unseres so genannten develoPPP.de-Programms unterstützen wir wirtschaftliches Engagement ganz konkret dort, wo unternehmerische Chancen und entwicklungspolitischer Handlungsbedarf zusammentreffen.

Dafür gab es vom BMZ bisher über 325 Millionen Euro. Und von den Unternehmen kamen mehr als 560 Millionen Euro dazu. Das heißt: Aus jedem Euro, den wir als BMZ in diese Partnerschaften investieren, machen wir gemeinsam 2 Euro 70 – eine stolze Hebelleistung!

Es geht hierbei aber natürlich nicht in erster Linie ums Geld, sondern um die Hebung gemeinsamer Chancen. Für die Menschen vor Ort, für uns als Entwicklungsministerium, und für die Wirtschaft.

Unsere Entwicklungspartnerschaften eröffnen ganz neue Chancen auf neuen Märkten. Das haben auch viele Unternehmen erkannt: Seit 1999 wurden durch das develoPPP.de-Programm über 120 Projekte mit einem Gesamtvolumen von über 80 Millionen Euro (öffentlicher plus privater Beitrag) im Bereich Gesundheit durchgeführt.

Lösungen im Gesundheitsbereich in Entwicklungs- und Schwellenländern erfordern das Zusammenspiel zwischen politischem Willen, hochwertigen Produkten, innovativen Geschäftsmodellen und gut durchdachten Finanzierungsmechanismen. Viele Win-Win-Situationen haben das BMZ und engagierte Unternehmen schon erzeugt. Die Bandbreite unserer gemeinsamen Projekte ist groß und zeigt die Vielfalt von Innovationen "Made in Germany" überall auf der Welt, auch in Afrika.

Zwei Beispiele:

  • Die Firma B. Braun Melsungen AG entwickelt mit dem "Kenya Bureau of Standards" und dem "Nursing Council of Kenya" Standards für die Anwendung von mehr als 30 medizinischen Produkten in Krankenhäusern und Versorgungseinrichtungen.
  • Moderne Datenverwaltung sorgt in Malawi dafür, dass diejenigen Hilfe bekommen, die sie am dringendsten brauchen. Mehr als 100.000 Menschen, die zu den Ärmsten der Armen zählen, erhalten dank digitalisierter Verwaltung (Stichwort E-Health) soziale Unterstützung.

E-Health und Telemedizin-Lösungen bieten zahlreiche Möglichkeiten, um die medizinische Versorgung zu verbessern – auch in ländlichen Gebieten. Beispiele sind Experten, die aus der Distanz Know-how einbringen und Analysen durchführen. Allerdings gilt bei Gesundheit noch mehr als in anderen Bereichen: Notwendige E-Skills müssen vorhanden sein. Nur so können neue Lösungen angenommen und korrekt verwendet werden.

Weil wir wollen, dass noch mehr Unternehmen mitmachen, haben wir an viele Kammern und Verbände Entwicklungsexperten entsandt, so genannte EZ-Scouts. In Berlin finden Sie unsere Scouts bei zahlreichen Kammern, Verbänden und Spitzenverbänden. Als Afrikainteressierte kennen Sie sicherlich unsere Kollegin Frau Helfmann-Hundack, die Ihnen als EZ-Scout im Afrika-Verein mit Rat und Tat zur Seite steht.

Aber auch unsere Agentur für Wirtschaft und Entwicklung lege ich Ihnen ans Herz. Mit mehr Personal sind wir in Berlin und Bonn für Sie da, um Sie bei einem Engagement in Entwicklungs- und Schwellenländern zu beraten und die passenden Ansprechpartner vor Ort zu vermitteln.

Unsere klare Erwartungshaltung ist, dass das Engagement der deutschen Wirtschaft in Entwicklungs- und Schwellenländern signifikant ausgebaut wird und weit über den Export von Waren und Dienstleistungen hinausreicht. Entscheidend sind Investitionen vor Ort, die Beschäftigung schaffen und Wertschöpfung generieren und so zu einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung beitragen. In diesem Sinne freue ich mich auf die weitere Zusammenarbeit.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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