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Oktober

"Versicherungslösungen in der Entwicklungszusammenarbeit"


Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Silberhorn beim Nordbayerischen Versicherungstag am 6. Oktober 2016 in Nürnberg

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

wenn wir über die Zukunft der Versicherungswelt sprechen, dann geht es auch um "Versicherungslösungen in der Entwicklungszusammenarbeit". Denn es sind große Herausforderungen, vor denen die Welt steht: 700 Millionen Menschen weltweit leben in absoluter Armut. Etwa zwei Milliarden Menschen müssen mit weniger als drei US-Dollar pro Tag auskommen. Immer noch hungern über 800 Millionen Menschen und weitere zwei Milliarden sind mangelernährt.

Und die Herausforderungen und Risiken werden weiter zunehmen. Der fortschreitende Klimawandel, anhaltende Kriege und Konfliktherde oder Epidemien betreffen insbesondere arme Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Wenn Felder nicht mehr bestellt und Herden nicht mehr versorgt werden können, dann drohen viele Menschen sehr schnell in Hunger und Armut abzurutschen. Kleinbauern und Pastoralisten führen oft ein Leben in ständiger Unsicherheit. Dieses unsichere Leben wird durch Risiken wie Krankheit, Unfall oder Tod von Familienmitgliedern zusätzlich gefährdet.

Die Ursachen für diese Risiken sind vielfältig. Unser Ministerium arbeitet intensiv daran, an den Ursachen anzusetzen. Doch gerade bei absehbaren Risiken, die sich immer wieder realisieren, müssen wir besser vorbeugen, um Schäden zu minimieren und schneller zu beheben. Versicherungen sind dabei ein wichtiger Baustein. Sie sind zudem ein wichtiger Wirtschaftsfaktor vor Ort: Sie mobilisieren Ersparnisse, stärken lokale Kapitalmärkte, erhöhen das Finanzierungspotential für die Wirtschaft, fördern Beschäftigung und erleichtern den Kapazitätsaufbau von der Datenermittlung bis zur Errichtung vertrauenswürdiger Institutionen.

In den 100 ärmsten Ländern der Welt sind bislang lediglich drei Prozent der Bevölkerung durch Versicherungen abgesichert. In Lateinamerika und der Karibik ist nur jeder zwölfte versichert; in Afrika sowie Asien und Ozeanien sogar nur jeder zwanzigste. Dabei ist es inzwischen möglich, auch für Haushalte mit geringem Einkommen finanzierbare Versicherungen zur Verfügung zu stellen.

Sie sehen, hier besteht großes Potenzial für Versicherungsgesellschaften. Der Versicherungsmarkt in Entwicklungs- und Schwellenländern wächst weiterhin rasant (zum Beispiel in Afrika um 40 Prozent von 2011 bis 2014). Er bleibt daher ein hochrelevanter Bereich – nicht nur für die Entwicklungspolitik, sondern insbesondere auch für die Versicherungswirtschaft.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit verbessert das Angebot an Versicherungen, die vielen zugutekommen. Wir tun dies unter anderem im Rahmen von Partnerschaften und Strategischen Allianzen mit dem Privatsektor.

Unser Ziel ist es, Versicherungsmärkte in Entwicklungs- und Schwellenländern so zu entwickeln, dass sich auch Menschen mit geringem Einkommen absichern können. Dazu haben wir uns letztes Jahr in New York mit der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung verpflichtet. Die Zielsetzung der internationalen Gemeinschaft ist es, allen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen, ohne dabei einen ökologischen Kollaps zu provozieren. Deutschland arbeitet auf Hochtouren daran, dieses Ziel umzusetzen. Dafür braucht es auch die Privatwirtschaft, die Wissenschaft, die Zivilgesellschaft.

Daher unterstützen wir innovative Ansätze, bei denen mit öffentlichen Mitteln privates Kapital für die Absicherung der armen und am meisten gefährdeten Menschen mobilisiert wird. Wir kommen also hier nicht an Ihnen, der Versicherungswirtschaft, vorbei! Denn mit Ihrer Expertise können wir unserem Ziel näherkommen. Daher stelle ich Ihnen unsere Arbeit vor, damit wir Synergieeffekte ausloten können.

Für unsere Arbeit von besonderer Bedeutung sind Versicherungen zur Existenzabsicherung, Agrarversicherungen und Klimarisikoversicherungen.

Mikroversicherungen für von Armut betroffene Haushalte, informell Beschäftige oder Klein- und Kleinstunternehmer bieten den Versicherten eine soziale Absicherung durch private oder gemeindebasierte Kranken, Lebens- oder Rentenversicherungen an. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit hat sich dazu beispielsweise am Leap Frog Microinsurance Fund beteiligt, der sich auf den Aufbau von Mikroversicherungen spezialisiert hat. Dieser Fonds erreicht über 29 Millionen mehrheitlich in Armut lebende Menschen in Afrika und Asien, die bisher von Versicherungsleistungen komplett ausgeschlossen waren. Dafür werden durch den Fond in den Zielländern Risikokapital und Know-how für Joint Ventures mit etablierten kommerziellen privaten Versicherungsgesellschaften und Mikrofinanzierungsinstitutionen bereitgestellt.

Agrarversicherungen sichern Kleinbauern und Agrarunternehmen besser vor Produktionsrisiken ab. So tragen sie zu einer Produktivitätssteigerung und schließlich zu Ernährungssicherung bei. Denn rund drei Viertel der Armen und Hungernden leben auf dem Land. Für sie haben Ernteausfälle oft dramatische Folgen.

Um Kleinbauern in einem wachsenden Versicherungsmarkt vor unseriösen Versicherungsanbietern, Verschleppung von Schadensbearbeitung oder Veruntreuung von Prämien zu schützen, unterstützt die Entwicklungszusammenarbeit zudem einen verlässlichen Verbraucherschutz. Gerade wenn es um ein in den Entwicklungsländern relativ unbekanntes Instrument wie Versicherungen geht, muss der Markt sich konsequent an den Interessen der Zielgruppe ausrichten.

Unser Ministerium fördert Agrarversicherungen zum Beispiel in Asien gemeinsam mit weiteren privaten und öffentlichen Partnern, unter anderem mit der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit. Das Projekt namens RIICE (Remote sensing-based Information and Insurance for Crops in Emerging Economies) sammelt mithilfe von Radarsatelliten Reiswachstumsdaten, um verlässliche Ernteertragsdaten zu generieren. Diese können wiederum die Basis für Versicherungszahlungen sein. Im Schadensfall kann dadurch eine schnellere Auszahlung an betroffene Landwirte erfolgen, als das bisher der Fall war.

In den letzten Jahren konnte durch solche Partnerschaften, unter anderem mit der Münchner Rück, der Schweizer Rück sowie der Allianz, die Entwicklung fairer, nachfrageorientierter Versicherungsprodukte vorangetrieben werden. Gleichzeitig wurde die Bevölkerung besser über den Versicherungsbereich informiert.

Klimarisikoversicherungen sind eine Lösung, um gegen die Folgen des Klimawandels rechtzeitig Vorsorge zu treffen. Das Ziel ist, den Menschen helfen zu können, wenn Dürren oder Überschwemmungen ihre Existenzgrundlage gefährden. Staatliche Dienste in den betroffenen Ländern und die internationale Entwicklungszusammenarbeit können zwar durch Präventivmaßnahmen Katastrophen vermeiden. Einen vollständigen Schutz anzubieten, übersteigt jedoch auch ihre Möglichkeiten. Eine Einbindung von Akteuren des Privatsektors sowie die Entwicklung innovativer Versicherungslösungen sind daher nötig und sinnvoll.

Um dies voranzutreiben, wurde 2015 durch das Engagement Deutschlands gemeinsam mit den G7-Partnerländern die G7-Klimarisikoinitiative "InsuResilience" ins Leben gerufen. Das Ziel von InsuResilience ist es, weitere 400 Millionen arme und gefährdete Menschen in Entwicklungsländern bis 2020 gegen Klimarisiken abzusichern. Das entspricht fünfmal so vielen Versicherten wie heute. Mit der auf der Weltklimakonferenz 2015 in Paris zugesagten Erstfinanzierung von 420 Millionen US-Dollar seitens der G7-Länder können schätzungsweise bereits 180 Millionen Menschen abgesichert werden.

Wie funktioniert die Klimarisikoversicherung? Besonders rasch und gezielt können Auszahlungen bei Eintreten des Schadensfalls (zum Beispiel Dürren, Überflutungen oder starken Wirbelstürmen) eingesetzt werden, und zwar an Regierungen oder individuelle Versicherungsnehmer wie Bauern und Unternehmen, für Katastrophenhilfe und den Wiederaufbau.

Zum Beispiel können Ernteausfälle durch Lebensmittelkäufe kompensiert werden. Eltern können das Schulgeld für ihre Kinder weiter bezahlen. Regierungen andererseits werden durch Versicherungsauszahlungen in die Lage versetzt, ihrer Bevölkerung schnelle Hilfe wie Lebensmittellieferungen oder den Wiederaufbau wichtiger Infrastruktur zügig zukommen zu lassen.

Ein Beispiel für Klimarisikoversicherungen ist die afrikanische Dürreversicherung African Risk Capacity. Gemeinsam mit Großbritannien haben wir sie ins Leben gerufen, mit 100 Millionen US-Dollar. Diese Dürreversicherung ist eine indirekte Versicherung: Hier sichern sich ganze Staaten ab und bilden einen Risikopool gegen Dürren. Um Dürrefolgen zu bewältigen, müssen die so versicherten afrikanischen Staaten nicht auf andere Haushaltsmittel zurückgreifen, die dann für die wirtschaftliche Entwicklung fehlen würden. Zugleich sind sie weniger abhängig von internationaler Hilfe, die oft erst zeitversetzt eintrifft.

Diese Dürreversicherung bauen wir nun weiter aus. Bereits während der Dürre in der Sahelzone im Frühjahr 2015 konnte sie zeigen, was sie taugt. Im Frühjahr wurden erstmals Gelder ausgezahlt: 26 Millionen US-Dollar in Niger, im Senegal und in Mauretanien. 1,3 Millionen Menschen bekamen Hilfe, 500.000 Nutztiere wurden gerettet.

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Blick auf die großen Herausforderungen und Risiken in der Welt, in der wir leben, wird das (Über-)Leben von hunderten Millionen Menschen davon abhängen, welche innovativen Lösungen wir alle entwickeln. Sie, als Versicherungsgesellschaften sind dabei ein wichtiger Partner. Daher lade ich Sie gern dazu ein, Versicherungslösungen in weltweiten Partnerschaften zusammen mit uns weiterzuentwickeln. Machen wir so Versicherungen zu einem Baustein für nachhaltige Entwicklung!

Ich freue mich auf einen produktiven Austausch mit Ihnen und wünsche Ihnen einen erfolgreichen Versicherungstag!

Lexikon der Entwicklungspolitik

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