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November

Tech-Entrepreneurship und Start-ups: Motoren für die digitale Transformation in Entwicklungsländern


Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Silberhorn auf der Bitkom hub Conference in Berlin am 22. November 2016

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Vertreter der Digitalwirtschaft sowie der Start-up-Wirtschaft,
Sehr geehrte Damen und Herren,

herzlich willkommen auf der "Blue Stage" der Hub Konferenz. Ich hatte es heute nicht weit: Wir sind hier in direkter Nachbarschaft zu meinem Ministerium.

Hier treffen sich heute die wichtigsten Entscheidungsträger der digitalen Transformation. Deshalb ehrt es mich, hier den Startschuss für das Tagesprogramm zu geben. Und ich freue mich über den Schulterschluss zwischen Ihnen und der Entwicklungszusammenarbeit.

Denn für viele Entwicklungsländer bedeutet der digitale Wandel einen Schritt in eine bessere Zukunft. Er ist der Motor für gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt, für Wachstum und nachhaltige Entwicklung. Der digitale Wandel wälzt viele Branchen und Politikfelder um. Das betrifft alle Bereiche unseres Lebens, ob Gesundheitssektor, Bildungssystem oder das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft. Und das gilt auch für unsere Partnerländer.

Wir Entwicklungspolitiker wären nicht auf der Höhe der Zeit, wenn wir diesen stärksten Hebel für Veränderungen nicht nutzen und gestalten würden. Gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern verändert der Zugang zu Internet und Mobiltelefonie das Leben grundlegend:

Die Zahl der Internetnutzer und -nutzerinnen steigt weltweit stetig: In den letzten 10 Jahren von einer Milliarde auf rund 3,5 Milliarden. Afrika ist dabei der am schnellsten wachsende Markt: Bis 2025 wird es hier 600 Millionen Internetnutzer geben.

Mehr und mehr Menschen besitzen Mobiltelefone und können online und mobil Dienstleistungen in Anspruch nehmen. In Ostafrika zum Beispiel sind mobile Zahlungssysteme weit verbreitet und finden immer mehr Nachahmer. Das Zahlsystem m-pesa ist sogar eine rein afrikanische Erfindung. Hier wird der Entwicklungsschritt, dass Bürger physische Bankkonten besitzen, einfach digital übersprungen. Heute nutzen in 89 Ländern fast 300 Millionen Menschen eines der rund 250 mobilen Bezahlsysteme über ihre Handys.

Hinzu kommt: Mobiltelefone und Internetzugang ermöglichen einen ganz neuen Zugang zu Wissen. Man denke nur an Informationen über Gesundheitsthemen, zu neuen Bildungsmöglichkeiten oder Wettervorhersagen für die Landwirtschaft.

Aber immer noch sind weltweit vier Milliarden Menschen offline, fast alle in Entwicklungsländern. Die Hürden beim Zugang zur Digitalisierung in Entwicklungsländern sind weiterhin hoch: mangelnde Infrastruktur, gerade in ländlichen Gebieten; fehlendes Anwendungswissen; hohe Zugangskosten zum Internet bei niedrigen Einkommen und schlechtere Chancen beim Internetzugang für Frauen und Mädchen.

Damit der digitale Wandel aber Nutzen für alle bringt, muss er nachhaltig und inklusiv sein. Wir haben heute die Chance, die Weichen in diese Richtung zu stellen.

Letztes Jahr hat die Weltgemeinschaft 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung verabschiedet. Diese Ziele in der Agenda 2030 der Vereinten Nationen sind eine solche Weichenstellung. Sie enthalten auch Ziele mit Bezug zu Informations- und Kommunikationstechnologie und für einen erschwinglichen Zugang zum Internet.

Alle Staaten der Welt waren sich einig: Die Digitalisierung kann helfen, Armut, Hunger und Mangelernährung zu bekämpfen und Klima- und Umweltschutz umzusetzen. Und das schneller, effizienter, transparenter und kostengünstiger als bisher.

Informations– und Kommunikationstechnik sind der Schlüssel, damit Entwicklungsländer ganze Entwicklungsschritte überspringen können. Aktuellen Berechnungen der Weltbank zufolge könnte zum Beispiel der potenzielle Beitrag des Internets zum Bruttoinlandsprodukt Afrikas im Jahr 2025 rund 300 Milliarden US-Dollar betragen. Heute sind es lediglich 18 Milliarden US-Dollar.

Gerne möchte ich Ihnen einen Einblick geben, wie wir als BMZ mit unseren Partnern in den Entwicklungsländern den digitalen Wandel ganz konkret als Chance nutzen: In 75 Ländern weltweit arbeiten wir daran, die digitale Kluft zu verringern. Wir setzen das Potenzial digitaler Technologien in 280 Projekten ein. Wir haben zum Beispiel in Tunesien 8.000 Jugendliche zu Softwareentwicklern ausgebildet, stellen Lernmaterial für syrische Flüchtlinge zur Verfügung und entwickeln Apps für Krankenschwestern zur Pandemiebekämpfung.

Wir können und wollen Digitalisierung allerdings nicht alleine umsetzen, sondern mit Ihnen zusammen. Entwicklungszusammenarbeit findet nämlich nicht nur mit Entwicklungshelfern und in Entwicklungsorganisationen statt.

Entwicklung wird erst dann wirkungsvoll, wenn technische Expertise mit dem praktischen Bedarf zusammenkommt, wenn wirtschaftlich gedacht wird und es Teilhabe und Interessen auf beiden Seiten gibt. Deshalb haben wir im letzten Jahr zusammen mit großen deutschen Unternehmen wie SAP, Siemens und Giesecke & Devrient eine Strategische Partnerschaft Digitales Afrika gegründet.

Die Lösungen sind da. Zusammen mit der Privatwirtschaft lassen sich die Hürden überwinden und das digitale Potenzial Afrikas erschließen. In der Innovationskraft von Start-ups und Innovation Hubs liegt ein besonderer Schlüssel dafür. Häufig finden sie bedarfsgerechte Lösungen, die mehr Jobs schaffen, den Hunger bekämpfen und Städte weltweit lebenswert gestalten.

Das möchten wir unterstützen! Dazu gründen wir heute die Make-IT-Allianz und fördern damit Entrepreneure und Start-ups in Entwicklungsländern.

Bereits heute leisten Start-ups weltweit einen beachtlichen Beitrag zur wirtschaftlichen, technischen und sozialen Innovation: Sie entwickeln Lösungen, die den örtlichen Gegebenheiten angepasst sind und erschließen neue Marktnischen. Technologische Entwicklungen wie Big Data, 3D-Drucker, das Internet der Dinge oder Drohnen sind längst auch in Entwicklungs- und Schwellenländern angekommen.

Gerade die zahlreichen "Innovation Hubs" in Nairobi haben dafür gesorgt, dass Kenia sich inzwischen zum digitalen Hub in Afrika entwickelt. So stellt zum Beispiel das Start-up "African Born 3D Printer" 3D-Drucker aus recyceltem Material her, um dann Ersatzteile vor Ort zu drucken. Und Ruanda hat vor einigen Wochen den ersten "Drone port" der Welt eröffnet, um Blutkonserven in entlegene Gebiete zu transportieren. Die Entwicklung digitaler Technologien geht in Entwicklungsländern oft schneller und mutiger voran als bei uns.

Oder nehmen wir das spannende Start-up "BRCK". Mit seinen Gründern konnte ich dieses Jahr auf der CeBIT sprechen. Dieses Unternehmen aus Kenia stellt Tablets und Mini-Server her, die Wissen in entlegene Schulen in Kenia bringen. Mit solchen Lösungen bekommt die Jugend Afrikas die Chance, die Technologie-Kompetenzen zu erwerben, die der Kontinent so dringend benötigt.

Mit 15 solcher Start-ups aus Afrika und Asien hatten wir dieses Jahr einen gemeinsamen Stand auf der CeBIT. Die Unternehmen konnten ihre Tech-Innovationen "Made in Africa or Asia" präsentieren und sich mit deutschen Unternehmen vernetzen. So tragen wir dazu bei, dass innovative Lösungen auch in anderen Teilen der Welt nutzbar werden.

Zum Beispiel in Städten. Der "Umzug in die Städte" ist eine der größten Revolutionen in der Geschichte der Menschheit. Anfang des 20. Jahrhunderts waren gerade einmal 10 Prozent Stadtbewohner, heute sind es 55 Prozent. Und bis 2050 könnten mehr als drei Viertel der Weltbevölkerung in Städten leben. Die Welt von morgen wird eine Stadt-Welt sein.

Auch hier bieten Starts-ups und neue Organisationsformen neuartige Lösungen: Schon seit sechs Jahren werden mit Hilfe von GPS und kleinen Kameras Slumgegenden in Nairobi, Kenia kartiert. Jeder kann bei dem Projekt "Map Kibera" mitmachen. Besonders wertvoll sind hier Informationen zur Infrastruktur. Vorher war hier ein "weißer Fleck" auf der Karte der Stadtplaner. Jetzt sind Standorte von Sanitätseinrichtungen, Wasser- oder Recyclingstellen bekannt. Zusätzlich lieferte dieses Projekt exaktere Einwohnerzahlen der kartographierten Stadtviertel.

Das erleichtert nicht nur den Zugang zu Informationen für die Bevölkerung selbst. Es erhöht auch die Planungsfähigkeit örtlicher Behörden. Sie können so gerade ärmere Bevölkerungsschichten besser versorgen. Wir sehen: Nairobi verdrängt seine armen Bewohner nicht, sondern holt sie "auf den Schirm". Damit ist die Hauptstadt Kenias auf dem Weg zu einer "Inclusive Smart City". Wir brauchen mehr solche Lösungen, und wir brauchen sie flächendeckend.

Start-ups und Entrepreneure helfen schon heute der "Old-Economy" dabei, Trends zu verstehen und für sich zu nutzen. Mit der "Tech-Entrepreneurship-Initiative Make-IT" fördern wir Start-ups und bringen Sie mit großen Digitalunternehmen zusammen. 2017 werden wir ein neues Vier-Millionen-Euro-Programm "Make-IT in Africa" starten. Wir fördern Unternehmer aus der digitalen Wirtschaft in Afrika. Wir unterstützen sie dabei, Zugang zu Trainings, Mentoren, Finanzierung und Kontakten in all ihren Entwicklungsphasen zu finden. Unser Ziel ist, dass sich Innovatoren auf ihre Produkte konzentrieren können und für Investoren attraktiv werden.

Dafür suchen wir starke Partner aus der digitalen Wirtschaft, die Entwicklungs- und Schwellenländern als Chance sehen. Wir werden heute in der BMZ-Lounge eine Absichtserklärung mit den Gründungspartnern unterzeichnen. Wir freuen uns, dass SAP, DHL, IBM Deutschland, Orange, Autodesk sowie der DIHK, Bitkom, Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft, Ashoka, Betterplace und das globale Impact Hub Netzwerk schon mit an Bord sind. Aber die Make-IT-Allianz ist weiterhin für interessierte Partner offen.

Meine Damen und Herren, machen Sie mit! Begeben Sie sich mit uns auf neue Wege! Klinken Sie sich in die Netzwerke für neue Märkte, neue Partnerschaften und neue Lösungen ein – für mehr nachhaltige Entwicklung weltweit.

Ich danke Ihnen.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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