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Mai

Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Silberhorn auf der Konferenz ICT4Refugees


BMZ-Veranstaltung zum Thema Informations- und Kommunikationstechnologien im Fluchtkontext am 31.05.2016 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Thema Digitalisierung steht ganz oben auf der Agenda der Bundesregierung. Letzte Woche hat das Bundeskabinett auf der Klausur in Meseberg die großen Auswirkungen von Digitalisierung auf unser Land diskutiert. Auch Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller hat dazu vorgetragen; denn die Digitalisierung wird auch in der Entwicklungszusammenarbeit genutzt.

Entwicklungspolitik arbeitet weltweit für eine bessere Zukunft. Und digitale Technologien sind ein Schlüssel auf dem Weg dahin. Innovation findet längst auch schon in Entwicklungsländern statt.

Die einfache Vorstellung von einer digitalen Kluft zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden stimmt nicht mehr. Im Gegenteil: Nicht nur im Silicon Valley entwickeln Tüftler und Unternehmer neue Lösungen, sondern auch in Kenia, Bangladesch oder Bolivien. Sie heißen M-pesa, Ushahidi, Brick, E-Learning oder E-Agriculture.

Immer öfter werden digitale Technologien dort erstmals erprobt, bevor sie sich in westliche Industrieländer verbreiten. Manche sind hier noch gar nicht angekommen. Mobile Finanzdienstleistungen etwa erleben einen regelrechten Boom in Ländern, in denen nur die wenigsten je Zugang zu einer Bankfiliale hatten.

Und während noch vor 15 Jahren drei Viertel der Internetnutzer in Industrieländern lebten, kommen heute zwei der drei Milliarden Internetnutzer aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Heute gibt es weltweit mehr Menschen mit Mobilfunkanschluss als mit Zugang zur Trinkwasser- und Sanitärversorgung!

Für uns als Entwicklungspolitiker heißt das: Wir wären nicht auf der Höhe der Zeit, wenn wir nicht versuchen würden, diesen stärksten Hebel für Veränderungen zu nutzen und zu gestalten.

Meine Damen und Herren, die Flüchtlingssituation stellt uns vor neuartige und immens große Herausforderungen. Neue Herausforderungen verlangen nach neuen Lösungsansätzen. IKT ist hier so ein neuer Lösungsansatz! Wir nennen das ICT4Refugees. Es freut mich, dass Sie heute hier dabei sind und wir in Ihnen engagierte Mitstreiter gefunden haben.

Durch die heutige Veranstaltung bringen wir Sie, kreative, unkonventionelle und frei denkende Menschen, zusammen. Denn für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sind Sie eine einzigartige Mischung aus Experten und Expertinnen mit verschiedenen Perspektiven: von der Tech-Community und Start-up Szene, zu innovativen Unternehmern und Experten mit Fluchthintergrund, zu Vertretern der Privatwirtschaft, sowie bis zu wichtigen Stimmen aus der Zivilgesellschaft, der Wissenschaft und nicht zuletzt der Entwicklungszusammenarbeit.

Die heutige Veranstaltung ist auch das Ergebnis einer gelungenen Partnerschaft mit betterplace lab und Kiron Open Higher Education. Mit Kiron werden wir in Jordanien Hochschulbildung für Geflüchtete aufbauen; betterplace ist der Urheber der heute hier vorgestellten Studie. Vielen Dank an Sie!

Wir wollen uns heute über konkrete Lösungsvorschläge austauschen, wie Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) die Flüchtlingssituation verbessern können. Dabei konzentrieren wir uns auf drei Schwerpunkte:

Erster Schwerpunkt "Stabilisierung":

Mag es auch manchem in Deutschland anders erscheinen, aber Fakt ist, dass immer noch knapp 90 Prozent der Flüchtlinge auf der Welt in Entwicklungsländern leben. Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Flüchtlingsbewegungen führen diese Länder oft an den Rand der Belastbarkeit. Beschäftigung und der Zugang zum Arbeitsmarkt für Flüchtlinge sind in vielen Transitländern oft nur sehr begrenzt möglich. Der IT-Sektor ist in vielen Ländern – wie zum Beispiel Tunesien, aber auch Marokko – der am schnellsten wachsende Wirtschaftssektor. Hier können tausende Jobs entstehen!

Zweiter Schwerpunkt "Flüchtlingscamps":

Im Durchschnitt leben Flüchtlinge und Binnenvertriebene bis zu zwanzig Jahre – eine ganze Generation – in Camps. Bei der Koordination und Analyse aktueller Bedürfnisse beschleunigen digitale Tools Informationswege: Was wird wirklich gebraucht? Wir wollen Innovation in Refugee Camps fördern. Warum nicht in einem Refugee Camp zum Beispiel einen Innovation Hub gründen? Wir wollen die Rahmenbedingungen schaffen, um digitale Lösungen für akute Probleme vor Ort zu schaffen: Zum Beispiel die Herstellung von medizinischen Instrumenten via 3D-Druck.

Dritter Schwerpunkt "Bildung":

Bildungssysteme in Aufnahmeländern sind meist sehr überlastet. Es mangelt an Chancen und Perspektiven für Flüchtlinge. Denn Wasser, Brot und eine Zeltplane reichen auf Dauer nicht. Bildung eröffnet ein unabhängiges und besseres Leben. Wir können dabei unterstützen, dass keine verlorene Generation entsteht. Auf IKT übertragen bedeutet das – vielleicht ein wenig vereinfacht: YouTube kann eine Schule sein für diejenigen, die keinen Zugang zu einer Schule haben! Wie schaffen wir es also Bildung dahin zu bringen, wo es keine Lehrer, keine Schulen und keine Tafeln gibt?

Wir als BMZ sind also davon überzeugt, dass IKT Lösungen für die aktuelle Flüchtlingssituation bereithalten. IKT spielen in den Partnerländern der deutschen Entwicklungszusammenarbeit eine immer wichtigere Rolle. Sie sind ein unverzichtbarer Motor für die Wirtschaft und für neue Arbeitsplätze und schaffen so Bleibeperspektiven vor Ort.

  • IKT im Allgemeinen schaffen 140 Millionen neue Jobs und tragen zu einem jährlichen Anstieg des globalen BIPs um 370 Milliarden Euro beim Ausbau des mobilen Breitbandnetzes in Entwicklungsländern bei.
  • Unternehmen mit Zugang zum Internet sind knapp vier Mal produktiver als Unternehmen ohne Internetzugang.
  • Der Beitrag des Internets zum BIP Afrikas wird sich von heute rund 18 Milliarden auf rund 300 Milliarden US Dollar bis zum Jahr 2020 erhöhen.

Bereits heute fördert das BMZ rund 280 Projekte mit IKT-Bezug. Viele davon sind in Ländern, die unmittelbar von Flucht und Migration betroffen sind und wo digitale Lösungen eine immer wichtigere Rolle spielen.

Um genau diese digitalen Ansätze in der Entwicklungspolitik weiter zu verankern und kreative Ideen für die Digitalisierung zusammenzubringen, haben wir ein Toolkit veröffentlicht. Es enthält inspirierende Projektbeispiele. Ein Beispiel: Mit dem Pilotprojekt "E-Governance in Stadtverwaltungen" unterstützte die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GmbH (GIZ) im Auftrag des BMZ von 2010–2013 zwei Städte in Bangladesch dabei, ihre kommunalen Dienstleistungen zu verbessern. Die beiden Städte führten digitale Datenmanagementsysteme und zentral zugängliche Bürgerbüros ein. Heute erhalten die Bürger Geburtsurkunden bereits innerhalb einer halben Stunde. Ein paar Toolkits liegen heute am Eingang aus.

Unsere Erfahrung ist zudem, Flüchtlinge sind selbst wichtige Innovatoren und Unternehmer. Das veraltete Bild des passiven "aid recipients" ist überholt. Das haben wir zuletzt auf einem der BMZ-initiierten Panel auf der diesjährigen re:publica, unter anderem vom hier anwesenden humanitären Experten Kilian Kleinschmidt gehört.

Das beherzigt das BMZ auch bei den aktuellen Planungen zu den drei Schwerpunkten der Konferenz:

Erster Schwerpunkt "Stabilisierung"

In Transitländern wollen wir digitale Infrastrukturen aufbauen und damit neue Lösungen in allen Bereichen ermöglichen.

Zweiter Schwerpunkt "Flüchtlingscamps":

Im Besonderen sollen Flüchtlingscamps Breitbandinternet (WiFi) erhalten, um eLearning, Zugang zu Finanzdienstleistungen und eHealth Lösungen zu ermöglichen.

Dritter Schwerpunkt "Bildung":

In der beruflichen Bildung haben wir in Tunesien gerade ein Projekt gestartet, in dessen Rahmen 3.000 App-Entwickler ausgebildet werden. Einige werden gezielt bei der Unternehmungsgründung gefördert, um Beschäftigung anzukurbeln.

Onlinearbeit, die fast von jedem Ort mit einer Internetverbindung und ohne große Qualifikationen erledigt werden kann (Virtual Assistance), ist bei globalen Internetunternehmen besonders gefragt. Wir qualifizieren Arbeiter in der MENA-Region und Flüchtlinge in Transitländern, die virtuelle Assistenzarbeit leisten können. Dadurch entsteht zusätzliche Beschäftigung.

Auch die Tech-Community macht vor, wie es gehen kann, zum Beispiel Mike Butcher, Gründer des internationalen Techfugees Netzwerks und einer unserer heutigen Redner: Sein Netzwerk bündelt den Einsatz der internationalen Tech-Community in der Flüchtlingshilfe und stößt Projekte an.

Eins ist klar: Gerade beim Thema Digitalisierung müssen und wollen wir neue Wege beschreiten und neue Partnerschaften eingehen. Wir starten mit ersten Kooperationen unter anderem mit Kiron Open Higher Education. Auch CapGemini berät uns und wir werden zusammen weitere innovative Lösungen vorantreiben.

Sie sehen, an guten Ideen mangelt es nicht. Überlegen wir heute, wie wir sie am besten bündeln. Dabei wünsche ich uns in erster Linie viel Inspiration. Die können wir in Anbetracht der mehr als 60 Millionen Flüchtlingen weltweit gut gebrauchen!

Lexikon der Entwicklungspolitik

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