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Januar

Digitaler Wandel – Potenziale und Herausforderungen für die Entwicklungszusammenarbeit


Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Silberhorn bei der Vorstellung des Weltentwicklungsberichtes 2016 der Weltbank zum Thema "Digitale Dividenden" am 27. Januar 2016 im BMZ in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

die einfache Vorstellung einer digitalen Kluft zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden stimmt nicht mehr. Nicht nur im Silicon Valley entwickeln Tüftler und Unternehmer neue Lösungen, sondern auch in Kenia (dem sogenannten Silicon Savannah), Bangladesch oder Bolivien. Sie heißen Telemedizin, E-Bildung oder E-Landwirtschaft. Immer öfter werden digitale Technologien dort erstmals erprobt, bevor sie sich in westliche Industrieländer verbreiten. Manche sind hier noch gar nicht angekommen. Mobile Finanzdienstleistungen etwa erleben einen regelrechten Boom in Ländern, in denen nur die wenigsten je Zugang zu einer Bankfiliale hatten.

Und während noch vor 15 Jahren drei Viertel der Internetnutzer in Industrieländern lebten, kommen heute zwei der drei Milliarden Internetnutzer aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Heute gibt es weltweit mehr Menschen mit Mobilfunkanschluss als mit Zugang zur Trinkwasser- und Sanitärversorgung!

Fest steht: Wenn wir über Digitalisierung sprechen, reden wir nicht nur über einen weltweiten IT-Markt, der im Jahr 4,2 Billionen US-Dollar umsetzt, und in dem IT-Konzerne wie Apple, Google und Microsoft in kürzester Zeit unter den fünf größten Unternehmen weltweit landeten. Wir reden über globale Umwälzungen in allen Lebensbereichen: In der industriellen Produktion, im Gesundheitssektor, in der Bildung, im Verhältnis von Staat und Gesellschaft. Wir reden über technologische Innovationssprünge und neue Zukunftsperspektiven.

Für uns als Entwicklungspolitiker heißt das: Wir wären nicht auf der Höhe der Zeit, wenn wir nicht versuchen würden, diesen stärksten Hebel der Veränderungen zu nutzen und zu gestalten.

Was bedeutet die digitale Revolution für Entwicklung? Wird das Potenzial für Entwicklung optimal genutzt? Wo liegen die Risiken? Wer profitiert und wer verliert den Anschluss buchstäblich? Dankenswerterweise hat der diesjährige Weltentwicklungsbericht solche Fragen gründlich untersucht. Ich freue mich, dass uns die Experten der Weltbank heute die wesentlichen Ergebnisse ihres Berichts vorstellen werden und wir dann gemeinsam darüber diskutieren können.

Unter dem Titel "Digitale Dividenden" nennt der Weltentwicklungsbericht nicht nur Erfolgsgeschichten, sondern auch enttäuschte Erwartungen.

Auf der einen Seite können digitale Technologien "ein Mehr" an Inklusion, Innovation, Transparenz und Effizienz schaffen. Wir erleben das in der Arbeit mit unseren Partnerländern schon täglich dort, wo wir Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) für Entwicklung unterstützen:

  • In Vietnam finanziert Deutschland ein Telemedizin-Netzwerk. Per Videokonferenz können Ärzte aus Hanoi Kollegen in Australien konsultieren.
  • Dank digitaler Stromzähler und mobiler Zahlungssysteme erhalten 21.000 Haushalte in Tansania und Ruanda eine netzunabhängige Stromversorgung durch Solaranlagen. Die Kunden bezahlen mittels Mobile-Banking per SMS in monatlichen Raten – bei den kleinsten Systemen 30 Cent pro Tag.
  • Durch den Zugang zu Informationen über aktuelle Marktpreise erfahren Bauern in Uganda, wo sie am meisten Geld für ihre Produkte bekommen.
  • Die Analyse von Wetterdaten ermöglicht in Indien bedarfsorientierte Klimarisikoversicherungen. Und sie stärkt die Widerstandsfähigkeit von Menschen, die besonders vom Klimawandel betroffen sind.
  • Auch auf unsere Zusammenarbeit hat der digitale Wandel Auswirkungen: Wenn wir zum Beispiel eine Finanzierung zur Verbesserung der Wasserversorgung bewilligen, möchten wir wissen, ob das Wasser bei den Betroffenen auch tatsächlich ankommt. SMS-Befragungen und Auswertungen von Social Media-Kanälen ermöglichen heutzutage direkte Rückmeldungen der Betroffenen und Meinungen der Zivilgesellschaft.

Und so legt der Bericht beispielhaft dar, wie digitale Technologien in Landwirtschaft, Bildung, Gesundheit, Stadtentwicklung, Energie und Umweltmanagement zu mehr Wachstum, mehr Arbeitsplätzen und besseren Dienstleistungen beitragen können. Auf der anderen Seite erscheinen die negativen Folgen der Digitalisierung: So sind die positiven Wirkungen digitaler Technologien noch unzureichend und ungleich verteilt. Nicht alle Unternehmen, Personen und Regierungen profitieren gleichermaßen. Viele bleiben vom digitalen Wandel ausgeschlossen. Bei allen positiven Zuwachs-Zahlen: Immerhin hat über die Hälfte der Weltbevölkerung (fast 60 Prozent) weltweit noch keinen Zugang zum Internet. Der Bericht bezeichnet dies als "digitale Kluft".

Und manche Potenziale verwandeln sich in Risiken:

  • Statt zu mehr Innovation führen digitale Technologien bei fehlender Regulierung des Marktes zu mehr wirtschaftlicher Konzentration. Anders gesagt: Ein paar mächtige Marktakteure teilen den Markt untereinander auf – durch digitale Monopole und hohe Eintrittsbarrieren.
  • Statt zu mehr Effizienz führen digitale Technologien bei fehlenden Qualifikationen von Arbeitnehmern zu mehr Ungleichheit in der Bevölkerung. Denn wer heutzutage keine IT-Kenntnisse besitzt, hat schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
  • Statt zu mehr Inklusion können digitale Technologien von autoritären Regimes auch zu mehr Kontrolle über ihre Bürger missbraucht werden.

Wir nehmen aus diesem Bericht mit: Isolierte, rein technische Lösungen aus der digitalen Welt alleine schaffen keine Entwicklung. Sie müssen eingebettet werden in eine kohärente Entwicklungsstrategie. Plastisch gesagt: Es reicht nicht aus, Funkmasten aufzustellen, Glasfaserkabel zu legen, günstige Laptops an Schulen zu verteilen oder den Zugang zum Internet billiger zu machen. Vielmehr geht es darum, die Voraussetzungen zu schaffen, digitale Technologien auch wirklich nutzen zu können. Ansonsten profitieren am Ende doch nur die ohnehin Privilegierten.

Laut Weltentwicklungsbericht muss die Entwicklungszusammenarbeit in folgende Verbesserungen investieren:

  • bezahlbarer Zugang zum Internet für alle;
  • bessere Regulierung und Steuerung durch die Politik;
  • Aufbau digitaler Fähigkeiten oder IT-Kenntnisse für den Arbeitsmarkt, und
  • wirksame und rechenschaftsfähige Institutionen, die "good governance"-Kriterien beherzigen.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit beherzigt das seit langem. Wir zählen zu den größten Gebern in diesem Sektor! Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit ist weltweit mit insgesamt 258 IKT-Projekten vertreten.

Deutschland ist eines der ersten Länder mit einer eigenen Digitalstrategie in der Entwicklungszusammenarbeit. Diese ist eingebettet in die digitale Strategie der Bundesregierung. Und unsere Mittel sind rasant gestiegen: In 2016 wollen wir 53 Millionen Euro allein für IKT-Vorhaben in Afrika investieren – im vergangenen Jahr waren es gerade einmal zwei Millionen!

Ich freue mich, mit der Weltbank, Co-Direktor Dr. Uwe Deichmann, und Ihnen allen starke Partner mit an Bord zu haben. Unser Anspruch ist klar: Digitale Entwicklung muss allen Menschen zugutekommen. Oder, wie es Nelson Mandela vor zehn Jahren schon gesagt hat: "In the twenty-first century, the capacity to communicate will almost certainly be a key human right. Eliminating the distinction between the information-rich and information-poor is also critical to eliminating economic and other inequalities between North and South, and to improve the life of all humanity."

Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass sich die digitale Kluft nicht noch vergrößert, sondern im Gegenteil IKT weltweit zum Motor für Entwicklung wird!

Lexikon der Entwicklungspolitik

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