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Februar

"Unsere Welt, unsere Würde, unsere Zukunft"


Rede des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Silberhorn zur Auftaktveranstaltung zum Europäischen Jahr für Entwicklung 2015

am 20.02.2015 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

willkommen beim Auftakt ins Europäische Jahr der Entwicklung!

Es gibt gute Nachrichten: Die allermeisten Europäer quer durch alle Altersgruppen halten Entwicklungspolitik für wichtig oder sogar sehr wichtig. Die Europäische Kommission hat Bürgerinnen und Bürger unserer Gemeinschaft befragt – und diese ermutigende Antwort bekommen. Über die Ziele der Entwicklungspolitik ihrer eigenen Länder wussten die Befragten allerdings nur wenig. Und darum bin ich froh, dass Sie heute so zahlreich gekommen sind. Ich will Ihnen berichten darüber, was die Bundesregierung, was das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung tut.

Und ich will Sie ermutigen, die wichtige Botschaft in diesem Jahr 2015 zu verbreiten: Entwicklungspolitik ist im Zeitalter der Globalisierung viel mehr als nur Politik für "die da im Süden". Sie ist globale Zukunftspolitik für den ganzen Planeten. Sie ist eine große Verantwortung für uns Deutsche und Europäer. Ob und wie wir dieser Verantwortung gerecht werden, ist nicht nur für andere entscheidend, sondern auch für uns selbst. Was auf dem Spiel steht, macht das Motto für dieses Europäische Jahr sehr schön deutlich: "Unsere Welt – Unsere Würde – Unsere Zukunft".

"Unsere Welt"

"Unsere Welt" ist im Zuge der Globalisierung immer enger zusammengerückt. Wir leben heute in einem globalen Dorf, in dem nicht nur Märkte verknüpft sind, sondern auch Lebensperspektiven: Unser Einkaufsverhalten bestimmt, unter welchen Bedingungen andere Menschen arbeiten. Der Energieverbrauch jedes Einzelnen hat Auswirkungen auf das weltweite Klima.

Daraus folgt: In der heutigen Welt ist der Nächste unser Nachbar, auch wenn er weit entfernt lebt. Verantwortung für unsere Welt wahrzunehmen heißt nicht, andere aus ihrer Verantwortung zu entlassen. Umweltgesetze und -standards, menschenwürdige und sichere Arbeitsbedingungen, soziale Sicherung – für all das sind in erster Linie die jeweiligen Regierungen verantwortlich.

Sehr wohl heißt es jedoch, Verantwortung für das zu übernehmen, was in unserer Reichweite liegt. Ein Beispiel ist der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch vor bald zwei Jahren. Viele waren empört, unter welchen Bedingungen die Menschen leben und arbeiten, die unsere Kleidung herstellen.

Aber daher dürfen wir nicht stehen bleiben. Deswegen hat Bundesminister Dr. Gerd Müller ein breites Bündnis für nachhaltige Textilien ins Leben gerufen. Mit diesem Textilbündnis wollen wir soziale, ökologische und ökonomische Verbesserungen entlang der gesamten Lieferkette durchzusetzen, vom Baumwollfeld bis zum Bügel. Gleichzeitig unterstützen wir die Konsumenten in Deutschland dabei, nachhaltig produzierte Kleidung zu erkennen. Nächste Woche werden wir eine Handy-App vorstellen, mit der Sie bereits im Geschäft per Scan die verschiedenen Siegel auf ihre Aussagekraft hin überprüfen können. Das schafft Klarheit und Wahrheit.

Dahinter steht ein großes und wichtiges Ziel von Entwicklung: Wir brauchen freien Handel, aber zu fairen und verantwortungsvollen Bedingungen. Unser Ministerium hat sich dafür stark gemacht, dass ökologische und soziale Mindeststandards ein Schwerpunktthema der deutschen G7-Präsidentschaft werden. Denn in einer global vernetzten Welt können wir Verbesserungen nur gemeinsam erreichen. Und gerade die G7-Staaten können und müssen Verantwortung übernehmen. Ich bin der EU-Kommission dankbar, dass sie hier mit uns an einem Strang zieht.

"Unsere Würde"

Faire Arbeitsbedingungen haben auch viel mit dem zweiten Teil des Mottos des  Entwicklungsjahrs zu tun: "Unsere Würde". Menschenwürde ist nicht an einen bestimmten Ort oder an ein Land gebunden, sondern sie gilt weltweit – für alle Menschen. Die Würde des Menschen ist unantastbar – so steht es auch in unserem Grundgesetz. Menschenwürdige Lebensbedingungen, Wohlstand und Lebenschancen dürfen nicht das Privileg einiger weniger Staaten und Gesellschaften sein. Heute besitzen ein Prozent der Menschheit 50 Prozent des Reichtums. Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich gefährdet die soziale Stabilität unserer Gesellschaften.

Am Ende betrifft es auch uns, wenn es Anderen schlecht geht. Weil mehr und mehr Flüchtlinge nach Europa kommen, wenn sie vor Armut, Gewalt und Perspektivlosigkeit aus ihren Ländern fliehen. Weil Pandemien nicht vor Landesgrenzen halt machen. Weil sich über globale Kommunikationswege nicht nur Innovationen verbreiten, sondern auch Fanatismus oder Gewalt. Frieden und Wohlstand kann es bei uns auf Dauer nur geben, wenn es auch dem entfernten Nächsten gut geht.

Genug zu essen zu haben, ist dafür essentiell. Es ist eine Schande, dass noch immer 800 Millionen Menschen hungern und mehr als eine weitere Milliarde Menschen chronisch mangelernährt sind. Deshalb haben wir den Kampf gegen Hunger und Mangelernährung zu einem Schwerpunkt der deutschen Entwicklungspolitik gemacht. Denn eine Welt ohne Hunger ist keine Utopie, sie ist erreichbar.

Zu einem Leben in Würde gehört aber noch mehr. Es geht auch darum, die Chance zu haben, ein eigenverantwortliches Leben zu führen. Deshalb fördert Deutschland die berufliche Ausbildung und die Beschäftigungschancen junger Menschen weltweit. Allein letztes Jahr haben wir dafür 150 Millionen Euro bereitgestellt. Damit sind wir der größte bilaterale Geber für diese wichtige Aufgabe. Deutsche Entwicklungspolitik achtet bei der Berufsbildung besonders auf die Förderung von Frauen. Das wird auch ein weiterer Schwerpunkt des deutschen G7-Vorsitzes sein.

"Unsere Zukunft"

"Unsere Zukunft" – das ist der dritte Teil des Mottos in diesem Europäischen Entwicklungsjahr. Es klingt etwas pathetisch, aber es ist wahr: Ohne nachhaltige Entwicklung ist die Zukunft der Menschheit auf dem Planeten gefährdet. Wir in den sogenannten entwickelten Ländern haben einen Lebensstil, der weit über das hinausreicht, was unser Planet verkraften kann. Wir strapazieren Ökosysteme, von denen wir abhängen. Wir verbrauchen zu viele Ressourcen und produzieren zu viel Abfall – etwa in Form von Kohlendioxid. Jeder von uns hier verbraucht drei Mal so viel, wie unsere Erde jedem Menschen zu Verfügung stellen kann.

Wir brauchen daher bessere Zukunftschancen für alle Menschen. Das heißt aber, dass wir unser eigenes Verhalten ändern müssen. Die große Zukunftsaufgabe lautet also, Entwicklung und Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen. Bundeskanzlerin Merkel hat dies in einer Regierungserklärung auf den Punkt gebracht: "Alle Menschen auf der Welt sollen ein Leben in Würde führen können. Gleichzeitig müssen wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen schützen."

Die Weltgemeinschaft hat in diesem Jahr wichtige Gelegenheiten, Weichen zu stellen. Entwicklung für alle Menschen in den Grenzen unseres Planeten – das braucht enorme Investitionen – in Addis Abeba wird darüber im Juli entschieden. Das braucht klare Verabredungen: Im September will sich die Weltgemeinschaft bei den Vereinten Nationen in New York nachhaltige Entwicklungsziele setzen. Und im Dezember muss in Paris ein neues Klimaabkommen auf den Weg gebracht werden.

Klar ist: Bei den Zielen für die zukünftige weltweite Entwicklung muss Nachhaltigkeit gleichberechtigt neben Armutsbekämpfung stehen. Und diese Ziele müssen für alle Staaten dieser Welt verbindlich sein – für Entwicklungsländer, Schwellenländer und genauso für uns. Wir Deutsche werden uns dafür im Entwicklungsjahr 2015 stark machen, auch und gerade im Kreis der G7.

"Unsere Verantwortung"

"Unsere Welt – Unsere Würde – Unsere Zukunft" – den Dreiklang dieses europäischen Mottos will ich um einen Begriff erweitern: "Unsere Verantwortung."

Kein Mensch, kein Unternehmen, kein Staat kann diese großen Zukunftsaufgaben alleine stemmen. Wir brauchen eine umfassende Partnerschaft, und zwar sowohl zwischen den Staaten, als auch innerhalb der Staaten – also zwischen Regierung, Wirtschaft, Zivilgesellschaft bis hin zu jedem einzelnen Bürger.

"Eine Welt – Unsere Verantwortung", so lautet deshalb auch der Titel unserer Zukunftscharta. Viele von Ihnen haben sich ja an dem umfassenden Dialogprozess beteiligt: Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft, Stiftungen, Kirchen und Politik in Bund, Ländern und Kommunen. Gemeinsam haben wir uns über die zentralen Handlungsfelder für eine nachhaltige Entwicklung verständigt.

Ich wünsche uns allen, dass dies im Europäischen Jahr der Entwicklung auch europaweit gelingt. Dafür ist das aktive Engagement aller Akteure in der Entwicklungspolitik wichtig. Deshalb hat das BMZ bei Engagement Global, unserer Servicestelle für private Entwicklungsinitiativen, die Geschäftsstelle Europäisches Jahr für Entwicklung eingerichtet. Diese zentrale Anlaufstelle informiert Sie und unterstützt bei der Koordinierung von Veranstaltungen.

Außerdem betreut sie das Förderprogramm zum Europäischen Jahr für Entwicklung. Viele Initiativen und Organisationen haben schon bei Engagement Global Mittel beantragt. Dieses Interesse freut mich sehr. Später werden ja auch einige Projekte vorgestellt, die deutlich machen, welch ausgezeichnete Arbeit viele von Ihnen schon leisten. Und ich werde nachher mit Herrn Dr. Cornaro den Startknopf drücken für den Mitmachwettbewerb "Entwicklungsjahr 2015: Zeig Dein Engagement!". Er soll deutlich machen, was jede und jeder zur Verwirklichung der Entwicklungsziele beitragen kann.

In diesem Sinne bitte sich Sie alle: Bleiben Sie aktiv oder werden Sie aktiv. Setzen Sie sich dafür ein, dass Entwicklungspolitik den Stellenwert bekommt, den sie verdient: Als globale Politik für unsere Welt, für unsere Würde, für unsere Zukunft – als Ausdruck unserer Verantwortung für unsere Eine Welt.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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