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Oktober

Rede des Parla­men­tari­schen Staats­sekre­tärs Thomas Silber­horn beim Zukunftsforum Welternährung


Berlin, 09.10.2014

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

herzlichen Glückwunsch erst einmal der K+S Aktiengesellschaft zum 125. Geburtstag. Dazu gehört natürlich ein stolzer Blick auf das Erreichte. Aber Albert Einstein hat einmal gesagt: "Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben." Ganz in diesem Sinn haben Sie zur Feier Ihres Jubiläums ein zentrales Zukunftsthema der Menschheit gewählt: Welternährung.

  • Trotz deutlicher Fortschritte in den vergangenen Jahren leiden immer noch über 800 Millionen Menschen Hunger.
  • Eine weitere Milliarde ist chronisch mangelernährt.

Das ist einer der größten Skandale unserer Zeit. Besonders erschreckend ist die Situation in Afrika. Dort steigt die Zahl der Hungernden – entgegen dem weltweiten Trend – sogar an. Und die Herausforderungen werden noch größer:

  • Die Weltbevölkerung wächst weiter: Je nach Schätzung auf 9 bis 10 Milliarden im Jahr 2050.
  • Der Klimawandel verschärft die Probleme. In vielen Teilen Afrikas wird sich die Bodendegradation beschleunigen. Die Ernteerträge könnten alleine dadurch bis 2030 um ein Drittel zurückgehen. Bei einem Temperaturanstieg von 3 Grad Celsius verlöre Afrika über 90 Prozent der Produktionsfläche für Mais und Hirse.

Solche Zukunftsprognosen sind natürlich immer mit Unsicherheiten behaftet. Aber wir wissen, die Erde kann auch 10 Milliarden Menschen ernähren. Niemand müsste hungern. Und wir wissen auch, was wir heute dafür tun müssen, damit dies in Zukunft Realität wird.

Einfache Antworten gibt es zwar nicht, denn Hunger hat viele Ursachen. Aber wenn wir alle unsere Anstrengungen verstärken und an den verschiedenen Ursachen ansetzen, dann können wir das Ziel einer Welt ohne Hunger erreichen - und zwar bis 2030. Das ist ehrgeizig, aber es ist zu schaffen.

Bundesentwicklungsminister Müller hat deshalb eine Sonderinitiative ins Leben gerufen, die genau so heißt: Eine Welt ohne Hunger. Wir haben in diesem Rahmen die Mittel für ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Ernährungssicherung deutlich erhöht: 1,4 Milliarden Euro sollen es nächstes Jahr werden. Der regionale Schwerpunkt ist dabei Afrika.

Die Herausforderung ist klar: Wir müssen mehr Nahrungsmittel mit deutlich weniger Ressourcenverbrauch produzieren. Das Potential für eine Produktivitätssteigerung ist riesig. In Afrika liegen die durchschnittlichen Erträge in der Landwirtschaft bei nur 0,5 bis 1,5 Tonnen Getreide pro Hektar; in Deutschland werden 5 bis 8 Tonnen pro Hektar geerntet. Die Produktivitätssteigerung muss aber auf nachhaltige Weise erfolgen. Wir müssen die natürlichen Ressourcen im ländlichen Raum schützen, damit auch künftige Generationen einer wachsenden Weltbevölkerung sich ernähren können.

Derzeit wächst die Landwirtschaft weltweit auf Kosten der verbliebenen Naturräume. Sie ist der wesentliche Grund für die Entwaldung und den Verlust der Artenvielfalt. Durch unsachgemäßen und zu intensiven Anbau gehen Wasser und fruchtbarer Boden verloren. Die landwirtschaftliche Bewässerung beansprucht 70 Prozent des gesamten Wasserverbrauchs. In den letzten 25 Jahren ist ein Viertel der landwirtschaftlich genutzten Fläche degradiert; der Verlust an Bodenfruchtbarkeit ist immens und bislang viel zu wenig beachtet.

Für eine nachhaltige Produktivitätssteigerung ist die Verbreitung von Innovationen von zentraler Bedeutung. Die Entwicklung der Landwirtschaft wird heute hauptsächlich durch Innovationen getrieben. Für Entwicklungsländer gilt in gleicher Weise wie für Industriestaaten: Längst ist es nicht mehr der wachsende Einsatz von Dünger, Wasser und Fläche, der den entscheidenden Fortschritt bringt, sondern das Wissen um deren effizienten und effektiven Einsatz. Produktivität steigt dort, wo angewandte Züchtungsforschung betrieben wird, wo Forschungsergebnisse im Feld erprobt und über Aus- und Weiterbildung breit vermittelt werden.

Ein Kernelement unserer Sonderinitiative sind deshalb grüne Innovationszentren in unseren Partnerländern. Sie sollen dazu beitragen, mit nachhaltigen Methoden und angepassten Technologien die lokale Ernährung zu sichern. Ziel ist eine umfassende Entwicklung der gesamten landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette – vom Acker bis zum Teller.

Im Mittelpunkt stehen dabei die Kleinbäuerinnen und -bauern. Sie produzieren zum Beispiel in Afrika den Großteil der Nahrungsmittel, sind aber noch weit unter dem möglichen Produktionsniveau. Hier liegt großes Potenzial für eine nachhaltige Modernisierung und Professionalisierung der Landwirtschaft. Wir bieten Kleinbauern die Perspektive einer marktorientierten Produktion.

Und das ist zugleich der wirksamste Beitrag zur Armutsbekämpfung. Denn rund drei Viertel der Armen und Hungernden leben auf dem Land. Die Weltbank sagt sehr deutlich, dass Investitionen in die Landwirtschaft die Armut weitaus stärker reduzieren als Investitionen in allen anderen Wirtschaftsbereichen.

Wichtig ist dabei auch ein gesicherter Zugang zu Land und Wasser. In vielen Ländern mangelt es derzeit noch an fairen und sicheren Landnutzungsrechten ​– gerade für Kleinbauern. Wir arbeiten deshalb intensiv an der Verbesserung der Landrechtssituation weltweit.

Außerdem benötigt eine produktivere Landwirtschaft eine leistungsfähige Infrastruktur, zum Beispiel eine stabile Energieversorgung oder eine Verkehrsanbindung an städtische Zentren. Die Nachernteverluste durch schlechte Lagerung betragen in Entwicklungsländern bis zu 40 Prozent. Besonderes Augenmerk schenken wir auch den Frauen. Sie spielen eine herausragende Rolle für die Ernährungssicherung und die Landwirtschaft. Deshalb stärken wir ganz gezielt die Stellung der Frauen in allen Maßnahmen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit.

Meine Damen und Herren,

es ist von zentraler Bedeutung, die landwirtschaftliche Produktivität zu steigern und die natürlichen Ressourcen nachhaltig zu nutzen. Die Zukunft der Welternährung erfordert aber nicht nur Veränderungsprozesse in den Entwicklungsländern. Die Art und Weise, wie wir in den Industrieländern uns ernähren und leben, hat auch erhebliche Auswirkungen auf die Entwicklungsländer und den gesamten Planeten. Ich denke hier zum Beispiel an die vielen Millionen Tonnen Lebensmittel, die jedes Jahr allein in Deutschland auf dem Müll landen. 20 Prozent der gekauften Lebensmittel werden nicht gegessen, sondern weggeworfen.

Nachhaltigkeit bedeutet deshalb immer auch, unsere eigenen Konsumgewohnheiten auf den Prüfstand zu stellen. Wir brauchen ein neues Wohlstandsverständnis, eine "Ethik des Genugs" statt eines "immer mehr". Nehmen wir das Beispiel Fleisch. Mit zunehmendem Wohlstand ist die Nachfrage nach Fleisch in den Schwellenländern stark angestiegen. Das ist natürlich völlig in Ordnung. So wie es in Ordnung ist, dass wir Fleisch essen. Aber es ist auch völlig klar, dass nicht alle Menschen auf der Welt so viel Fleisch essen können wie wir derzeit - denn so viel kann die Erde nicht produzieren.

Nachhaltigkeit bei uns zuhause und weltweit – das ist das große Leitmotiv der deutschen Entwicklungspolitik. Der neue "Living Planet"-Bericht des WWF stellt fest: Schon heute verbraucht die Menschheit 1,5 Mal mehr, als die Erde dauerhaft vertragen kann. Und der globale Trend geht weiter in Richtung noch mehr Ressourcenverbrauch.

Wir müssen die Grenzen unseres Planeten respektieren und den Wohlstand gerechter verteilen. Nachhaltigkeit muss das Grundprinzip allen unseres Handelns werden. Diese Forderung ist natürlich nicht neu. Aber es hat sich noch nicht genug verändert. Wir müssen jetzt den Hebel umlegen und einen echten Paradigmenwechsel vollziehen. Und das nicht nur in den Worten, sondern in den Taten. Ganz entscheidend wird sein, dass sich alle daran beteiligen: Staaten, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. Und auch jede und jeder Einzelne.

Bundesminister Gerd Müller hat deshalb alle Interessierten in Deutschland eingeladen, an einer Zukunftscharta mitzuarbeiten. Mit ihr wollen wir Schwerpunkte für die zukünftige Entwicklungspolitik setzen. Sie soll die Grundlage sein für gemeinsame Aktivitäten, Partnerschaften und Projekte. Und dazu wird mit Sicherheit auch das Thema Welternährung gehören. Ich möchte Sie alle herzlich einladen zu unserem EINEWELT-Kongress am 24. November hier in Berlin. Dann wird Minister Müller die Zukunftscharta in Anwesenheit der Bundeskanzlerin der Öffentlichkeit vorstellen.

Meine Damen und Herren,

ein afrikanisches Sprichwort sagt: "Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern." Ein neues Wohlstandsmodell, das Perspektiven für alle Menschen weltweit bietet, das ist unser großes Ziel. Und dazu gehört an erster Stelle eine Welt ohne Hunger!

Dafür braucht es viele kleine Schritte. Von engagierten Bürgerinnen und Bürgern, von Unternehmerinnen und Unternehmern und natürlich auch vom Staat, der die Rahmenbedingungen verbessern und konkrete Initiativen fördern kann. Wenn wir alle zusammen arbeiten, dann können wir unser großes Ziel erreichen. Das heutige Zukunftsforum ist ein Schritt in diese Richtung. Ich wünsche uns anregende Diskussionen, denen dann viele Taten folgen werden.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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