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Juni

Rede des Parla­men­tari­schen Staats­sekre­tärs Thomas Silber­horn bei der Jahres­tagung Welt­kirche und Mission


"Ent­wick­lung in Nord und Süd – Ziele be­stim­men, Zu­kunft gestal­ten"
am 17.06.2014 in Würzburg, Exerzitienhaus Himmelspforten

Es gilt das gesprochene Wort!

Exzellenzen,
sehr geehrte Damen und Herren,

die Kirchen sind ein wichtiger Partner der deutschen Ent­wick­lungs­po­li­tik. Seit über 50 Jahren verbindet uns eine enge, vertrauens­volle Zu­sam­men­ar­beit. Wir fördern die Arbeit der kirchlichen Hilfs­werke mit über 218 Millionen Euro pro Jahr. Denn sie sind besonders nah an unseren Ziel­gruppen, den Ärmsten der Armen. Sie können auch unter schwierigsten Bedingungen Hilfe zur Selbst­hilfe leisten. Und sie bauen viele Brücken zwischen den Menschen bei uns und in den Ent­wick­lungs­ländern.

Die Konferenz Welt­kirche mit ihren vielen Mitglieds­organi­sationen zeigt, wie groß das kirchliche En­gage­ment ist. Und ich weiß aus eigener Erfahrung, wie viele Gläubige sich in den Gemeinden für Menschen in ärmeren Ländern einsetzen – ob als Stern­singer, in Partnerschafts­projekten oder in Welt­läden.

Dafür möchte ich Ihnen zu allererst ganz herzlich danken, auch im Namen von Bun­des­mi­nis­ter Gerd Müller, der zu seinem großen Bedauern heute leider nicht selber kommen konnte. Bei ihrer Tagung befassen sie sich mit Fragen, die auch für uns im BMZ im Mittel­punkt unserer Arbeit stehen: Zu allererst die Post-2015-Agen­da für nach­hal­tige Ent­wick­lung, die nächstes Jahr von den Vereinten Natio­nen be­schlossen werden soll.

2015 wird ein Schick­sals­jahr. Wir alle hier wissen, dass wir nicht so weiter machen können wie bisher:

  • ​Fast eine Milliarde Menschen leidet immer noch Hunger. Eine weitere Milliarde ist mangel­ernährt. Und die Welt­bevöl­kerung wächst weiter. Jeden Tag um mehr als 200.000 Menschen. Bis 2050 werden wir 9 Milliarden Menschen sein.
  • ​Europa, die USA und Japan, ein Fünftel der Welt­bevöl­kerung, bean­spruchen vier Fünftel des Reich­tums. Würden alle Menschen auf der Erde nach den gleichen Konsum­mustern leben wie wir, dann bräuchten wir bereits heute vier Planeten.
  • ​Der Klima­wandel schreitet voran. Wetter­extreme, Un­wetter und Über­flutungen, aber auch Dürren nehmen zu. Arme Menschen sind besonders davon betroffen. Und die welt­weiten Treibhaus­gas-Emissio­nen steigen weiter, statt zu fallen.

Wir müssen deshalb endlich die Grenzen unseres Planeten respek­tieren und den Wohlstand gerechter verteilen. Nach­hal­tig­keit muss das Grund­prinzip allen unseres Handelns werden.

Aber es hat sich noch nicht genug verändert. 2015 ist mit der neuen VN-Agenda und den Klima­verhand­lungen in Paris die große Chance, endlich den Hebel um­zulegen und einen echten Paradigmen­wechsel zu vollziehen. Und das nicht nur in den Worten, sondern in den Taten.

Ganz ent­scheidend wird sein, dass sich alle daran beteiligen: Staaten, Zivil­ge­sell­schaft, Wissen­schaft und Wirt­schaft. Und auch jede und jeder Einzelne. Bei uns in den Industrie­ländern, aber auch in den Ent­wick­lungs­ländern und auf­strebenden Schwellen­ländern.

In Zeiten der Globali­sierung kann die Welt­gemein­schaft nur gemein­sam Lösungen für die Überlebens­fragen der Mensch­heit finden. Jedes Land muss dabei entsprechend seinen Möglichkeiten Ver­ant­wor­tung übernehmen.

Für die Post-2015-Agenda ist uns deshalb der Gedanke einer neuen globalen Partner­schaft besonders wichtig, die alle Kräfte mobilisiert.

Inhaltlich gilt unser Augen­merk vier strate­gischen Themen­bereichen, die wir in der Agenda verankern wollen:

  1. Extreme Armut und Hunger voll­ständig beseitigen und ein würde­volles Leben ermöglichen.
  2. Natürliche Ressourcen schützen und ihre nach­hal­tige Nutzung sicher­stellen.
  3. Menschen­würdige Beschäftigung und ange­messenes Einkommen durch umwelt­verträgliches Wachs­tum schaffen.
  4. Gute Regie­rungs­führung stärken, Gleichstellung der Geschlechter fördern, Men­schen­rech­te schützen und Frieden sichern.

Die Bun­des­re­gie­rung hat für jeden dieser Themenbereiche konkrete Vorschläge für Indikatoren und Zielgrößen erarbeitet, die wir in die laufende in­ter­natio­nale Diskussion einbringen wollen.

Bun­des­mi­nis­ter Müller hat im April alle Interessierten in Deutsch­land eingeladen, gemeinsam eine Zukunfts­charta zu entwerfen. In einem breiten Dialog wollen wir gemeinsam ent­wick­lungs­po­litische Schwerpunkte setzen. Staat, Zivil­ge­sell­schaft, Kirchen, Stiftungen, Kommunen und Länder, Wissenschaft und Wirtschaft – jeder kann sich dabei einbringen.

Dafür gibt es einen Online-Prozess unter www.zukunftscharta.de. Und eine Reihe von Themen­foren, die am heutigen Tag in Kiel beginnen und bis September in verschiedenen deutschen Städten statt­finden werden. Auch die Abschluss­erklärung ihrer Tagung wird in die Zukunfts­charta einfließen. Am 24. November werden wir das End­produkt dann in Berlin vorstellen. Bundes­kanzlerin Angela Merkel unter­streicht mit ihrer Teil­nahme, wie wichtig auch ihr persönlich dieser Prozess ist.

Mit der Zukunfts­charta wollen wir den deutschen Beitrag zu einer neuen globalen Partner­schaft erarbeiten. Wir wollen die Post-2015-Agenda so gestalten, dass sie tatsächlich einen Paradigmen­wechsel bewirkt.

Dabei orientieren wir uns an den vier Dimen­sionen von Nach­hal­tig­keit. In jeder Dimension geht es darum, was uns wichtig ist und was wir künftig tun wollen.

Die Nachhaltig­keits­experten unter Ihnen werden jetzt vielleicht überrascht sein, dass es bei uns vier Dimensionen gibt. Üblicherweise wird ja immer nur über die wirt­schaft­liche, die soziale und die ökologische Dimension geredet. Wir sind aber überzeugt, dass die vierte Dimension von großer Bedeutung ist: die politisch-kul­turelle. Vielleicht ist sie sogar die wichtigste. Denn dabei geht es um die gemein­samen Werte, die wir Menschen über Kultur- und Religions­grenzen teilen. Solidarität, Ver­ant­wor­tung, Wahrhaftig­keit und Menschen­würde – diese Werte verbinden uns. Ohne diese Werte­grundlage wird uns der Paradigmen­wechsel zur Nach­hal­tig­keit nicht gelingen. Denn sie sind die Motivations­grundlage für die erforderlichen Veränderungen, für ein neues Wohlstands­verständnis, für eine "Ethik des Genugs" statt eines "immer mehr". Zu diesen Fragen wird es übrigens am 3. Juli in Nürnberg ein Themen­forum geben. Ich würde mich freuen, wenn auch viele von Ihnen daran teilnehmen.

Meine Damen und Herren,

Nach­hal­tig­keit ist das Leit­motiv der deutschen Ent­wick­lungs­po­li­tik. Wir wollen ein neues Verständnis von Wohlstand, das allen Menschen auf der Erde gerechte Lebens­chancen bietet und die Schöpfung bewahrt. Um diesen Paradigmen­wechsel zu bewirken, müssen wir die Köpfe und Herzen der Menschen gewinnen. Wir brauchen eine neue globale Partner­schaft. Ich bin mir sicher, dass wir gemein­sam mit Ihnen viel erreichen können. Und nun freue ich mich auf die Diskussion!

Lexikon der Entwicklungspolitik

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