Hauptinhalt

Juni

Rede von Norbert Barthle bei der Konferenz "Business trifft Afrika"


ausgerichtet von der IHK Chemnitz in Zusammenarbeit mit dem Bundestagsabgeordneten Frank Heinrich am 19. Juni 2019 in Chemnitz

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren,

Thomas Festerling von GreenTec Capital, Preisträger des Deutschen Unternehmerpreises für Entwicklung 2017, spricht mir aus dem Herzen, wenn er sagt: "Afrika? Da muss man einfach sein". Denn insbesondere im Nachbar- und Zukunftskontinent Afrika bieten sich beste Chancen! Das haben auch Sie als Veranstalter von "Business trifft Afrika" verstanden: Wir kommen in diesem Format schließlich schon zum sechsten Mal zusammen.

Ich freue mich, heute hier zu sein und bedanke mich für die Einladung!

Schon 2035 wird Afrika das größte Arbeitskräfte-Angebot der Welt haben. Die Wirtschaft wächst in einigen Ländern um fünf Prozent pro Jahr. In Marokko steht das größte Solarkraftwerk, in Äthiopien boomen Textil- und Lederfirmen.

Und so brauchen wir eine neue Dimension der Zusammenarbeit! Eine echte Partnerschaft mit Afrika. Denn Afrika braucht afrikanische Lösungen! Wir orientieren uns an Ihren eigenen Visionen: Vor allem an der Agenda 2063 der Afrikanischen Union. Und an der Agenda 2030, unserem Leitbild für eine nachhaltige Entwicklung: Eine Zukunft, die allen Menschen ein Leben in Frieden, Würde und ohne Armut ermöglicht, ohne einen ökologischen Kollaps zu provozieren.

Afrika braucht verantwortungsvolle und nachhaltige Privatinvestitionen. Und dabei profitiert nicht nur Afrika: Der Kontinent ist auch ein Markt der Zukunft für die deutsche Wirtschaft. Viele Unternehmen hier aus Chemnitz wissen das und sind in Afrika aktiv. Wasser und Abwasser, erneuerbare Energien, Maschinenbau, Rohstoffverarbeitung: zum Beispiel die SMK Ingenieure GmbH für erneuerbare Energien. Auch im Bereich IT und Digitalisierung gibt es Fortschritte: die BEAK Consultants GmbH entwickelt Informationssysteme für den Bergbausektor in Uganda und ist in der Demokratischen Republik Kongo aktiv. Und die IBES AG bringt die digitale Transformation mit einer e-Taxation Plattform voran – in Zambia, Kongo, der Republik Tschad und in Mozambique.

Dabei ist jede Herausforderung zugleich auch Chance für deutsche Unternehmen! Denn die Nachfrage steigt: nach hochwertigen deutschen Produkten und Technologien, nach Standards für eine gute Ausbildung und Arbeit, Umweltschutz und lokales Wachstum. Außerdem wollen viele afrikanische Länder längst eine andere Art der Zusammenarbeit: Lieber hätten sie zehn Investoren mehr im Land als zehn Prozent mehr Entwicklungsgelder. Das ist verständlich, denn neun von zehn Jobs schafft der Privatsektor. Und wo die Wirtschaft nachhaltig wächst, schwindet die Armut und es entstehen Zukunftsperspektiven. Kurzum: In Afrika liegen Zukunftsmärkte! Die Privatwirtschaft muss hier Motor sein!

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Chemnitz bringt alles zusammen: Unternehmen, Netzwerke, Expertise. Mit unserem Scout für Entwicklungszusammenarbeit, EZ-Scout Dr. Kotsas, steht Ihren Mitgliedsunternehmen hervorragende Beratung zur Seite: Denn EZ-Scouts kennen sowohl die Perspektive der privaten Wirtschaft als auch die Angebote der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit an Sie. Hierzu entsendet das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) seit 2011 mit Erfolg EZ-Scouts in die IHK Chemnitz: Zurzeit werden 15 develoPPP-Projekte mit sächsischen Unternehmen durchgeführt. Und über 100 wurden bereits umgesetzt! Erst im Januar 2019 wurde von der IHK Chemnitz und unserem EZ-Scout eine Unternehmerreise nach Äthiopien organisiert. Genau dieses Engagement wollen wir! Dennoch sind wir noch lange nicht da, wo wir sein wollen.

Von rund 400.000 deutschen Unternehmen im Ausland sind nur 1.000 in Afrika engagiert! Gegenüber 10.000 chinesischen Firmen! Der Handel mit Afrika macht nur zwei Prozent des deutschen Außenhandels aus. Und von den deutschen Auslandsinvestitionen geht nicht einmal ein Prozent nach Afrika. Wir sind nicht mal unter den Top zehn der Investoren. Ein Weckruf an Europa, an Deutschland: Kommen Sie nach Afrika! Werden Sie präsenter! Und zeigen Sie: Wir bringen einen Mehrwert. Jeder kann zu dieser Zukunft beitragen! Und Ihnen, liebe Gäste, kommt eine ganz besondere Rolle zu, denn ohne den deutschen Mittelstand schaffen wir das bestimmt nicht.

Wir haben Instrumente speziell für den deutschen Mittelstand entwickelt: So finanzieren wir zum Beispiel Machbarkeitsstudien oder stellen Expertise zur Verfügung für Projektentwicklung in den lokalen Märkten. Das spart Zeit und Geld! Und wir fördern Entwicklungspartnerschaften mit der Wirtschaft: In Afrika waren es bereits über 460 Partnerschaften mit einem Gesamtvolumen von 298 Millionen Euro. Aber das reicht noch nicht!

Deshalb haben wir ein ganzes Paket für mehr private Investitionen auf den Weg gebracht und eine ganze Unterabteilung für die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft geschaffen. Die erste große Herausforderung war die Finanzierung. Hierfür haben wir einen Entwicklungsinvestitionsfonds geschaffen, für den wir in den nächsten drei Jahren insgesamt bis zu eine Milliarde Euro bereitstellen werden. Vor rund zwei Wochen wurde er durch Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller in Berlin vorgestellt:

Der erste Teilfonds "AfricaConnect" zielt auf deutsche und europäische Unternehmen und ihre Partner in Afrika: Er schließt eine oft beklagte Förderlücke für Investitionen von 750.000 bis vier Millionen Euro; eine Marge, die für eine Förderung durch die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft mbH (DEG) bislang zu gering war. Jetzt können auch kleine und mittlere Unternehmen (KMU) über "Africa Connect" erste Erfahrungen in Afrika sammeln.

Der zweite Teilfonds "AfricaGrow" richtet sich an KMU in Afrika selbst: Diese haben oft hohes Wachstumspotential, aber kaum Zugang zu Eigenkapital. AfricaGrow hilft afrikanischen Unternehmen zu wachsen, indem KfW Entwicklungsbank und DEG sowie gegebenenfalls weitere Entwicklungsbanken wie die Internationale Finanz-Corporation (IFC) in bestehenden afrikanischen KMU-Fonds zusätzliches Beteiligungskapital mobilisieren. Zudem profitieren afrikanische KMU von der Expertise und dem Beratungsservice von KfW und DEG. So lenken wir mit knappen öffentlichen Mitteln Privatkapital in nachhaltige Entwicklung!

Nicht zuletzt verbessern wir Ansprechstrukturen: Denn afrikanische Märkte sind für viele deutsche Unternehmen noch schlecht überschaubar. Unsere Antwort: Beratung und Vernetzung. Die DEG und Agentur für Wirtschaft und Entwicklung – die AWE – stehen für Beratung bereit. Und gemeinsam mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) wird das "Wirtschaftsnetzwerk Afrika" aufgebaut. Denn wir wollen außenwirtschaftliche und entwicklungspolitische Beratung aus einer Hand, um den Markteintritt deutscher Mittelständler und die Geschäftsausweitung in afrikanischen Wachstumsmärkten zu erleichtern. Noch dieses Jahr wird es hier eine einheitliche Ansprechstruktur für Unternehmen geben!

DEG, AWE und BMZ werden die neuen Angebote im Entwicklungsinvestitionsfonds – inklusive einheitlicher Ansprechstruktur – vor Ort bei den Unternehmen vorstellen. Für Informationen können Sie als Unternehmen, und auch Verbände, die AWE kontaktieren!

Weiterhin haben wir unser develoPPP.de-Programm neu ausgerichtet und es besser an Wirtschaftsbedarfe angepasst: So öffnen wir das Programm nach einer Testphase für lokale Unternehmen und Start-Ups und ermöglichen großen Unternehmen strategische Partnerschaften über mehrere Projekte hinweg. Aktuell fördern wir 100 Projekte in Afrika mit einem Volumen von rund 110 Millionen Euro. Davon sind 42 Millionen Euro BMZ-Beitrag und 68 Millionen Euro privater Beitrag. Zum Beispiel setzt die Symrise AG mit Unilever und "save the children" 2014-2019 ein Projekt zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Vanillebauern in Madagaskar um und erreichen eine um 20 Prozent gesteigerte Produktivität! Symrise und Unilever beziehen so mehr Vanille bei gleicher Qualität. Auch konnten viele Bauern die ertragsarme Saison von fünf auf zwei Monate verringern und dadurch die Lebenssituation ihrer Familien bessern.

Wir entwickeln attraktive Investitionsstandorte: Denn oft fehlen in Afrika Orte, an denen alles passt: qualifizierte Fachkräfte, verlässliche Prüflaboratorien, Zulieferer, Forschung, Rechtssicherheit, verlässliche Verwaltungen. Unsere Antwort: Die Sonderinitiative Ausbildung und Beschäftigung! Sie soll Gewerbe- und Industrieparks schaffen, Investitions-Hemmnisse im Austausch mit Unternehmen überwinden – von A wie Ausbildung bis Z wie Zollabwicklung – und neue Ausbildungs- und Job-Partnerschaften zwischen deutschen und afrikanischen Unternehmen begründen. Unser konkretes Ziel ist unter anderem 100.000 Arbeitsplätze bis 2021 zu schaffen.

Zudem gründen wir derzeit mit deutschen Verbänden und Unternehmen die Allianz für Produktqualität: Wenn Sie in Afrika investieren und mit afrikanischen Produzenten zusammenarbeiten, muss die Qualität der Produkte vor Ort den Anforderungen der hiesigen Märkte entsprechen. Hierbei können wir unterstützen: Durch Qualifizierung und den Aufbau von Prüflaboren und Zertifizierern. Auch hier sind Sie gefragt – wir freuen uns über Ihr Interesse als Kooperationspartner.

Aber auch wir lassen uns helfen und beraten. Hierfür haben wir dieses Jahr zum Beispiel die Kommission Nachhaltiges Wirtschaften, Handeln und Finanzieren gestartet, um den Dialog mit der Wirtschaft noch weiter zu intensivieren! Ziel ist die Beratung des BMZ zu wirtschaftsnahen Programmen. Die konstituierende Sitzung fand im Januar 2019 mit circa 20 Vertretern der deutschen Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft statt: Als Dachverband des Kammernetzwerkes ist dort auch der DIHK vertreten. Das Feedback der Mitglieder war eindeutig: Wir brauchen einen konstruktiven Austausch zwischen Wirtschaft und Entwicklungszusammenarbeit. Um genau das zu leisten, werden drei bis vier Mal im Jahr Sitzungen zu aktuellen, wirtschaftsrelevanten Themen stattfinden.

Aber wir müssen auch vor "unserer eigenen Haustür kehren". Indem wir einen gerechten globalen Ordnungsrahmen schaffen, vor allem in der Handelspolitik. Entwicklungsländer brauchen besseren Zugang zu unseren Märkten. Beispiel Tomaten: 300 Millionen Euro könnten tunesische Bauern in Europa verdienen und damit ihre eigene Binnenwirtschaft ankurbeln! Deutschland und die Europäische Union (EU) müssen den Rahmen dafür schaffen, dass die Menschen vor Ort von ihrer Arbeit auch leben können.

Und wir brauchen nicht nur mehr Handel, sondern vor allem mehr fairen Handel: mit hohen Umwelt-, Sozial- und Menschenrechtsstandards in der Welthandelsorganisation und in bilateralen Handelsabkommen. Standards müssen endlich Standard werden – und zwar weltweit!

Wir stärken auch innerafrikanischen Handel. Noch sind die Handelskosten in Afrika hoch. Die Märkte sind klein, Welthandelsorganisation-Standards oft nicht erfüllt. – Ein Hemmschuh! Darum ist mir Aid for Trade wichtig – am 3. Juli werde ich deshalb beim Global Review der Welthandelsorganisation (WTO) in Genf sein: Aid for Trade hilft, Qualität zu sichern: durch Normen, Akkreditieren, Zertifizieren. So erfüllen Waren aus Afrika die Anforderungen der Zielmärkte. Wir wollen Handel vereinfachen. Zum Beispiel helfen wir Zoll-Systeme effizienter zu machen: Das bringt Unternehmen Sicherheit beim grenzüberschreitenden Handel. Auch das WTO-Abkommen für Handelserleichterungen ist wichtig, denn es macht grenzüberschreitenden Handel einfacher und kostengünstiger. Das alles schafft Voraussetzungen für mehr Wertschöpfung in Afrika!

Denn gute wirtschaftliche Entwicklung für Afrika ist unser aller Ziel. Dafür brauchen wir Partner mit Geschäftssinn und mit Gemeinsinn. So wie Sie – hier an der IHK, die Unternehmen in Chemnitz und der Region! Lassen Sie uns in den Austausch treten. Vielen Dank!

Lexikon der Entwicklungspolitik

Fenster schließen

 

Seite teilen