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März

Klima schützen leicht gemacht? Kohlendioxid-Kompensation als Antwort auf den Klimawandel


Rede von Dr. Maria Flachsbarth, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, bei der Jahrestagung 2019 des Instituts für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM) am 12. März 2019 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Professor Rodi, sehr geehrte Damen und Herren,

während wir in Deutschland noch um ein Klimaschutzgesetz ringen, machen viele Unternehmen und Investoren längst Nägel mit Köpfen. Über 100 große Finanzinstitutionen sind in den letzten Jahren aus der Kohlefinanzierung ausgestiegen – mit einem Finanzvolumen von sechs Billionen US-Dollar!

Fossile Energieträger werden zum Reputationsrisiko, zum Verlustgeschäft. Gleichzeitig gewinnen Innovationen bei erneuerbaren Energien, in der Stromspeicherung, bei Energieeffizienz immer mehr Marktanteile. Das ist gut. Denn die Zeit drängt!

Die Grenzen der Belastbarkeit unseres Planeten sind nahezu erreicht – jedes Zehntelgrad zählt. Das haben der Weltklimarat und der Bericht 'New Climate Economy' uns vor Augen geführt.

Worauf wir jetzt zusteuern, ist eine Erwärmung der Erdatmosphäre um drei Grad. Die Gründe kennen wir. Der weltweite CO2-Ausstoß ist seit 1990 um 60 Prozent gestiegen. Verursacht wurde er vor allem von den Industrieländern: zehn Prozent der Weltbevölkerung verantworten fast 50 Prozent der weltweiten Emissionen.

Aber die Folgen treffen zuerst die Entwicklungsländer – in Form von Dürren, Überschwemmungen, Tropenstürmen. Dort macht Klimawandel bereits erreichten Fortschritt zunichte: weil Ernten zerstört, Häuser und Straßen von Sturmfluten weggerissen werden, Vieh verdurstet, ohne dass es dafür Entschädigung gibt. Und Klimawandel macht künftigen Fortschritt viel schwerer zu erreichen: weil Böden versalzen, Lebensgrundlagen schwinden.

Klima und Entwicklung sind also eng verbunden. Für uns in der Bundesregierung ist deshalb nicht nur das Pariser Klima-Abkommen Richtschnur, sondern auch die Agenda 2030 mit ihren 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung, den SDGs.

Sie geben vor, was passieren muss, damit Entwicklung nicht Klimawandel befeuert und Klimawandel nicht Entwicklung zerstört. Und ich möchte betonen: Das ist letztlich in unser aller Interesse!

Die Weltbank rechnet damit, dass 140 Millionen Menschen bis 2050 ihr Zuhause verlassen müssen – aufgrund von Extremwetterereignissen, die auf den Klimawandel zurückzuführen sind, dass 100 Millionen Menschen verarmen werden. Das werden auch wir zu spüren bekommen!

Saubere Luft, Artenvielfalt, ein stabiles Klima – das sind globale öffentliche Güter. Von ihrem Schutz hängen die Lebensperspektiven aller Menschen ab: in vielen Entwicklungsländern heute schon, hier in Europa vielleicht erst für zukünftige Generationen. Dass junge Menschen sich aber heute schon sorgen, zeigen die Freitagsdemonstrationen – am 15. März soll in hunderten Städten weltweit gestreikt werden.

Jetzt ist das Zeitfenster, um Entwicklung in Afrika, Asien, Lateinamerika von vornherein nachhaltig und klimafreundlich zu gestalten: Dort findet ein Großteil des weltweiten Bevölkerungswachstums statt. Dort wartet rund eine Milliarde Menschen darauf, endlich Zugang zu moderner Stromversorgung zu bekommen. Dort fordert eine immer größer werdende Mittelschicht Mobilität und Konsum ein. Das ist nur legitim!

Was also brauchen wir für effektiven Klimaschutz?

Die Tatsache, dass ein Land wie China heute zu den größten Emittenten zählt, enthebt uns nicht der Verantwortung. – Im Gegenteil! Wir stehen in doppelter Verantwortung!

  1. müssen wir dafür sorgen, dass Klimaschutz in Deutschland, in Europa, in den USA ernst genommen wird. Die Industrieländer müssen beim Klimaschutz vorangehen.

    Und wir müssen

  2. dazu beitragen, dass Entwicklungsländer unsere Fehler überspringen. Dass sie sich klima-verträglich entwickeln und gegen die Folgen des Klimawandels wappnen können.

Die Bundesregierung übernimmt diese Verantwortung. Wir sind in der EU Spitzenreiter bei der internationalen Klimafinanzierung. 2017 haben wir insgesamt 6,7 Milliarden Euro für internationalen Klimaschutz bereitgestellt. Den Großteil davon setzen wir im BMZ um.

Wir fördern Entwicklungssprünge: über klimagerechte Landwirtschaft, nachhaltige Städte zum Beispiel mit einem innovativen Mobilitätskonzept in Ruanda. Wir unterstützen Vorsorge und Absicherung – unter anderem mit Klimarisikoversicherungen.

Aber staatliche Anstrengungen allein reichen nicht. Wir brauchen neue Partner und neue Instrumente. Deshalb haben wir die "Allianz für Entwicklung und Klima" ins Leben gerufen.

Die Idee hinter dem Bündnis ist: wir – vor allem unsere Partner aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Verwaltung – wollen mehr für den Klimaschutz tun und gleichzeitig positive Effekte für Entwicklung erreichen. "Co-Benefits" nennen wir das.

Der wirkungsvollste Weg dorthin nutzt vorhandene Marktmechanismen. CO2-Kompensation ist in Deutschland bisher ein Nischenmarkt. 2018 hat Deutschland etwa 900 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre emittiert. Nur zwei Millionen Tonnen davon wurden durch freiwillige Kompensation ausgeglichen. Mehr Emissionen aus industrieller Produktion, Stromverbrauch oder Flugreisen zu kompensieren, ist also riesiges Potenzial für Klimaschutz!

Durch Kompensation können alle zu Klimaschutz und nachhaltiger Entwicklung beitragen: kleine und große Unternehmen, Institutionen, Privatpersonen. Das Ziel für alle Unterstützer: klimaneutral zu werden.

Allem voran steht das Ziel: den CO2-Ausstoß in Deutschland zu verringern oder Emissionen ganz zu vermeiden. Wir orientieren uns an dem Dreiklang:

  1. Emissionen vermeiden
  2. Emissionen reduzieren und schließlich
  3. verbleibende Emissionen kompensieren.

Das ist auch die Richtschnur für unsere Allianz für Entwicklung und Klima. Ausdrücklich setzen wir darauf, dass CO2-Kompensation zusätzlich zu bestehenden staatlichen Klimaverpflichtungen erfolgt. Sie ist nicht Ersatz, sondern Ergänzung staatlichen Handelns. Und sie ist kein Ablasshandel – wie mancherorts kritisiert wird – sondern zusätzliches, freiwilliges Engagement. Minderungsverpflichtungen etwa aus dem Europäischen Emissionshandelssystem bleiben bestehen.

Wie das funktioniert?

Die Unterstützer investieren in Höhe der Emissionen, die sich in ihren Unternehmen oder Institutionen nicht vermeiden lassen, in Klimaschutzprojekte in Entwicklungs- und Schwellenländern. Bei der Auswahl dieser Projekte gelten hohe anerkannte Standards. Die Wirkung lassen die Allianz-Partner unabhängig überprüfen.

Finanziert werden unter anderem Projekte, die Technologien für erneuerbare Energien und Energieeffizienz zum Beispiel in energiesparenden Kochherden vor Ort nutzbar machen, die Schutz und Aufforstung von Wäldern, besonders Regen- und Mangrovenwälder fördern, oder die Boden-Rehabilitierung und klimafreundliche Landwirtschaft zum Ziel haben. Solche Ansätze schaffen Arbeitsplätze und Einkommen vor Ort und verbessern damit die Lebensqualität der Menschen.

Die Gewinne verteilen sich also beidseitig: die Menschen in Entwicklungsländern profitieren von zusätzlichen Mitteln für nachhaltige Entwicklung, von modernen Technologien, Ressourcenschutz und Arbeitsplätzen. Die Unterstützer der Allianz dürfen einen Reputationsgewinn verbuchen. Aber vor allem wird mehr für den globalen Klimaschutz getan – davon profitieren wir alle.

Mit der Allianz haben wir offensichtlich einen Nerv getroffen. Die Zahl der Partner wächst täglich! Angefangen haben wir mit rund 70 Unterstützern. Heute, nach nur drei Monaten, sind es über 200! Sie kommen aus den verschiedensten Bereichen: viele kleine und mittlere Unternehmen, größere wie Ritter Sport, Bosch, die Commerzbank und auch Dax-Unternehmen wie SAP, Deutsche Bank oder Munich Re.

Außerdem gehören zu den Mitgliedern die Landesverwaltung Hessen, das Umweltministerium in Nordrhein-Westfalen sowie Nichtregierungsorganisationen wie der NABU oder Caritas International und Kompensationsanbieter.

Das BMZ selbst geht übrigens mit gutem Beispiel voran und will sich bis 2020 klimaneutral stellen: über Energieeffizienz, Abfallvermeidung und nachhaltige Beschaffung, zum Beispiel mit einer emissionsarmen Fahrzeugflotte oder nachhaltigen IT-Geräten.

Jetzt wollen wir daran gehen, die Arbeit der Allianz weiter zu konkretisieren. Wie soll die Allianz das Engagement ihrer Partner konkret unterstützen? Welche Standards sollen für die Kompensationsprojekte gelten? Was sind die Erwartungen an die Unterstützer der Allianz? Diese Fragen wollen wir gemeinsam bearbeiten.

Sie sind herzlich eingeladen! Informieren Sie sich, tauschen Sie Erfahrungen aus. Seien Sie dabei, gehören Sie zu den Vorreitern! Ich würde mich freuen, wenn einige von Ihnen beim nächsten Treffen der Allianz am 28. März in Bonn teilnehmen!

Vielen Dank.

Lexikon der Entwicklungspolitik

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